Ein Stadtteil wird nachhaltig

Blick in ein Gewächshaus
Autor: Luca Pot d‘Or Fotos: Jörg Schüler 14.10.2019

Ein Stadtteilverein aus Wuppertal möchte Vor­reiter in Sachen Klima­neutralität und Nach­haltig­keit werden. Die ersten Projekte zeigen bereits Erfolg. Nun schauen auch andere auf den Arrenberg in Wuppertal. Wie hat der Verein das geschafft – ohne große finanzielle Mittel und personelle Ressourcen?

Die Sonne scheint. Die Stromampel steht auf Grün. Um Punkt 16 Uhr gehen in den Haus­halten am Arrenberg, einem Stadt­teil im Südwesten Wuppertals, die Wasch­maschinen und Trockner an – und sparen dadurch CO2. So könnte Nach­haltig­keit schon bald funktionieren, wenn es nach dem Verein „Aufbruch am Arrenberg“ geht. Am Arrenberg selbst ist die Zukunft nämlich gar nicht mehr so fern.

In dem Pilotprojekt „WSW: Wuppertal spart Watt“ der Stadtwerke Wuppertal in Zusammen­arbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal und dem Arrenberger Verein soll durch einen gezielteren Strom­verbrauch CO2 eingespart werden. Denn Strom aus der Steck­dose ist mal mehr, mal weniger nach­haltig. Zum Teil kommt er aus dem Wind­rad oder der Solar­anlage, dann wieder aus dem Kohle- oder Gas­kraft­werk. Das Ziel ist, den Strom in dem Moment zu verbrauchen, wenn er gerade aus regenerativen Energien gewonnen wird. „Ein Haushalt könnte mit diesem Modell bis zu 60 Kilogramm CO2 im Jahr einsparen. Für den Arrenberg wäre dadurch eine CO2-Reduktion von bis zu 150 Tonnen möglich, für Wuppertal sogar eine Verringerung von bis zu 9.000 Tonnen“, erklärt Pascal Biesenbach, Vorstands­mitglied und Geschäfts­stellen­leiter von „Aufbruch am Arrenberg“. Das erscheint angesichts der gut zweieinhalb Millionen Tonnen jährlich, die in Wuppertal in die Atmosphäre wandern, auf den ersten Blick nicht viel – doch irgendwo muss man anfangen.

Klima-Workshop am Arrenberg. © Jörg Schüler
Geschäfts­stellen­leiter Pascal Biesenbach ist einer von acht Angestellten des Vereins, der rund 200 Mitglieder zählt. © Jörg Schüler

Pascal Biesenbach gegenüber sitzen heute Wissen­schaftler*innen vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie – dem wissen­schaftlichen Partner des Vereins bei seinen Nach­haltig­keits­projekten – und vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozial­wissen­schaften. Sie sind hier in die Geschäfts­stelle des Vereins gekommen und hören aufmerksam zu, wenn Biesenbach von dem Potenzial des Projekts und seinen ersten Erfolgen berichtet.

Aktuell liegt der Arrenberg bei der CO2-Einsparung in Wuppertal vorne – auch aufgrund der vielen Teilnehmer*innen bei der gezielten Strom­nutzung. Die Zeit­punkte, wann der Strom gerade nach­haltig ist, zeigt eine Ampel auf der dazu­gehörigen Website an, den Verbrauch messen spezielle Strom­zähler. „Wir zeigen ganz anschaulich, wie Klima­politik im kleinen Rahmen funktioniert: nicht über Verbote, sondern über Anreize und Innovation“, so Biesenbach. Die hohe Teilnehmer*innenzahl sei ein Verdienst der Vereins­mitglieder, die mit den Strom­mess­geräten von Tür zu Tür gelaufen sind und das Projekt vor­gestellt haben. „Auch wenn sich nicht alle über unseren Besuch gefreut und uns die Tür vor der Nase zugeknallt haben: Mit Flyern lässt sich keine Energie­wende einleiten.“

Ausgelacht und abgetan

Biesenbach erzählt ganz ungeniert, wie der Verein anfangs für seine Ideen und sein Vorhaben in Sachen Nach­haltig­keit von den „Großen“ ausgelacht und abgetan wurde, etwa bei der Suche nach Förder­mitteln. Inzwischen sitzen die „Großen“ immer öfter mit Biesenbach an einem Tisch und sprechen mit­einander über das „grüne Engagement“ des Vereins. Auch die beiden Institute, die heute zu Gast sind, scheinen angetan: Einen Stadt­teil nach­haltig zu entwickeln, da gehört schon viel dazu.

Der Verein „Aufbruch am Arrenberg“ hat Projekte zu den Themen Ernährung, Energie und Mobilität – eines davon ist die Farmbox. © Jörg Schüler

Volle Terminpläne, diverse Anliegen der Nachbar*innen und der anderen Vereins­mitglieder, dazu Anfragen von Projekt­partnern und Presse – für „Aufbruch am Arrenberg e. V.“ ist das Alltag. Das wird in den letzten Minuten im vormittäglichen Meeting deutlich. Bis 2030 will der Arrenberg klima­neutral sein; diese Absicht hat in den letzten Jahren für viel Aufsehen und mediale Beachtung gesorgt. Was die Kapazitäten betrifft, stoßen der Verein und viele seiner rund 200 ehren­amtlichen Mitglieder da immer wieder an ihre Grenzen – trotz mittler­weile acht haupt­amtlichen Mit­arbeiter*innen. Zahlreiche Projekte zu den Themen Ernährung, Energie und Mobilität laufen parallel und sollen Grund­steine für die nach­haltige Entwicklung des Stadt­teils sein. „Wir müssen darauf achten, dass wir auch in Zukunft beides hinkriegen: unsere Nach­haltig­keits­projekte und die Stadt­teil­arbeit“, sagt Pascal Biesenbach.

Pflanzen in einem Gewächshaus.
Im oberen Stock­werk der Farmbox wird Gemüse angebaut. © Jörg Schüler
Die Erfahrungen aus dem Farmbox-Projekt sollen demnächst in eine eigene Stadt­teil­farm einfließen. © Jörg Schüler

Biesenbach ist nach außen hin das Gesicht und Sprachrohr des Vereins – dabei ist er mit 35 Jahren sehr jung für ein Mitglied in einem Stadt­teil­verein. „Wir sind da etwas anders. Unsere Leute sind in der Regel jünger, so zwischen 30 und 50 Jahre, und stehen mit beiden Beinen voll im Beruf“, so Biesenbach. „Aber alle hier sind Macher, die wollen was tun und freuen sich über die Gestaltungs­räume, die wir haben. Das liegt auch an der Geschichte.“

Stadtteil­arbeit als Quartiers­auf­wertung

Diese Geschichte führt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende. Miss­wirtschaft habe den Stadt­teil heftig getroffen, erklärt Biesenbach. „Der Arrenberg wurde zu einer richtigen No-go-Area.“ Viele Wohnungen waren in einem desolaten Zustand, viele standen leer. Wer konnte, zog weg.

Die, die blieben, wollten nicht länger zusehen. Die Gründung des Vereins im Jahr 2008 war die Reaktion einiger Bewohner*innen. Sie wollten sich engagieren und das Quartier aufwerten. Inner­halb von rund zehn Jahren ist das gelungen: „Mittler­weile ist der Stadt­teil einer der beliebtesten in Wuppertal und damit auch ein Vorzeige­projekt.“

Probleme selbst anzugehen und eigene Lösungen zu finden, das steckt in der DNA des Vereins und seiner Mitglieder. Aus einem kleinen Kreis von engagierten Leuten ist über die Jahre eine starke Gemeinschaft geworden. „Durch die vielen kleinen und großen Projekte merken die Menschen, dass bei uns viel passiert und netten Worten auch Taten folgen. Jeder, der sich engagieren will, findet in dem Verein Strukturen, die genau das ermöglichen“, so Biesenbach.

Die Farmbox: Ein Zukunfts­modell?

Nicht weit entfernt vom Arrenberg steht die Farmbox – wieder ein Vorzeige­projekt. Die Farmbox ist für den Verein ein Test­objekt. Mit ihr wird erprobt, wie Selbst­versorgung effektiv gestaltet werden kann. Konkret handelt es sich bei der Box um einen alten Schiffs­container, in dem ein Mikro­kreis­lauf eingebaut ist: Unten im Container ist in Wasser­tanks eine Fisch­zucht unter­gebracht, das Ober­geschoss beherbergt ein Gewächs­haus, beides zusammen ergibt einen geschlossenen Nähr­stoff- und Wasser­kreis­lauf. Darüber hinaus versorgt sich die gesamte Farmbox selbst mit Energie und liefert mit ihrer Photo­voltaik- und Schwach­wind­anlage außer­dem noch genug Strom für eine Pedelec-Lade­station. „Wir haben ein Modell einer Kreis­lauf­wirtschaft geschaffen, mit dem wir Alternativen zu den ganzen Ein­bahn­straßen in der Wirtschaft aufzeigen wollen“, berichtet Biesenbach, der durch die Farmbox führt. „Leider sind uns nach der letzten Hitze­welle einige der Pflanzen eingegangen, aber auch das war uns eine Lehre: Die Arbeit hier kostet Zeit – mehr, als wir selber haben. Jetzt unter­stützt uns ein Gärtner ehren­amtlich.“

Fischzucht in der Farmbox
Der Container der Farmbox beherbergt auch eine Fisch­zucht. © Jörg Schüler
Wenn die Ernte reif ist, kommen auch Besucher*innen der Farm­box auf den Geschmack des Gemüses. © Jörg Schüler
Mehrere Personen aus dem Verein kümmern sich gemeinsam um die Farmbox. © Jörg Schüler

Die Themen Klima und Nachhaltigkeit liegen dem Verein und seinen Mitgliedern schon lange am Herzen. Biesenbach: „Wir haben in unserem Verein die Luxus­situation, dass wir im Hinblick auf die Umwelt und Nach­haltig­keit alle ähnlich denken. Bereits vor fünf Jahren, als ich hier anfing, haben wir gesagt: Wenn wir schon den Stadt­teil weiter­entwickeln, dann unbedingt nach­haltig. Da gab es gar keinen ausschlag­gebenden Moment.“ Über das Konzept der Farmbox ist ein Vereins­mitglied durch Zufall gestolpert. Nun soll sie ein Schritt von vielen auf dem Weg zur Klima­neutralität sein.

Dabei geht es auch darum, große ökologische und ökonomische Fragen so weit herunter­zubrechen, dass der Verein selbst­ständig Lösungen direkt vor der Haus­tür entwickeln kann – die sich nachher wieder auf das große Ganze über­tragen lassen. Mit den Erfahrungen des Farmbox-Projekts soll auf diese Weise demnächst eine Stadt­teil­farm entstehen.

Pascal Biesenbach vom „Aufbruch am Arrenberg“ wohnt selbst auch in dem Stadt­teil und freut sich über die positive Entwicklung, die dieser nimmt. © Jörg Schüler

Ab Oktober fließen immerhin EU-Fördermittel für das Projekt. Auch ein Grund für das steigende Interesse an dem, was in diesem Wuppertaler Mikro­kosmos passiert. Die Dynamik in dem Stadt­teil macht hier möglich, was andernorts jahre­lang auf der Strecke bleibt. „Um die Farmbox zu finanzieren, haben wir zuerst nach Förder­möglichkeiten gesucht und bei der Stadt und größeren Projekt­partnern angefragt. Keine Chance. Wer investiert schon mal eben 45.000 Euro in so eine Anlage?“, erinnert sich Biesenbach. „Schließlich haben wir eine Crowd­funding-Kampagne gestartet – und innerhalb von zehn Tagen hatten wir über 60.000 Euro zusammen. Not­falls kriegen wir so etwas also auch alleine hin.“

Serie: Mercator Klima Forum

Wie integrieren Vereine und Institutionen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in ihre Arbeit? Darüber berichten wir in unserer Serie zu unserem Mercator Forum „Engagement fürs Klima“

Alleingänge hält niemand auf Dauer durch

Dennoch geschieht ein großer Teil der Vereinsarbeit in Kooperation mit anderen Partnern. Viele wissenschaftliche Institute, öffentliche Behörden und Unternehmen unter­stützen die Projekte von „Aufbruch am Arrenberg“: Schul­klassen züchten Insekten als Fisch­futter für die Kreis­lauf­wirtschaft heran, kleine und große Unternehmen aus der Nachbar­schaft treten mitunter als Sponsoren auf. „Allein­gänge hält niemand auf Dauer durch“, sagt Pascal Biesenbach auf dem Weg durch das Quartier zurück zum Verein. Hier ein Hände­schütteln, da ein kurzes Gespräch mit dem Versprechen, sich später zu treffen. Seine Zeit ist knapp, der nächste Termin wartet bereits auf ihn. Nach­haltig­keits­arbeit ist für Biesenbach und seine Kolleg*innen aus der Geschäfts­stelle ein Fulltime-Job – meistens sogar mehr als das: „Mit vierzig Stunden komme ich in der Woche selten hin. Aber das Schöne ist, die Klima-Arbeit fühlt sich trotzdem nicht an wie Arbeit.“

Mercator Forum „Engagement fürs Klima“

Der Klimawandel schien lange Zeit ein Thema nur für Umwelt­verbände zu sein. Heute appellieren auch Kirchen, Gewerk­schaften und Unter­nehmen an die Politik, ambitionierter zu handeln. Wie es gelingen kann, einen größeren Teil der Gesellschaft in einen Aus­tausch zu integrieren und mehr Menschen Möglichkeiten für bürger­schaftliches Engagement auf­zu­zeigen, diskutieren wir beim Mercator Forum Klima.

https://stiftung-mercator-preevent.plazz.net/