Was ist Sustainable Finance?

Illustration "Sustainable Finance"
Autor: Julien Wilkens 25.08.2020

Ein Finanzsystem erscheint auf den ersten Blick weder besonders klima­freundlich noch klima­feindlich. Doch wohin Investitions­ströme fließen, wirkt sich auf das Klima aus – etwa wenn emissions­reiche Industrien finanziert werden. Mit „Sustainable Finance“ hat sich ein neuer Ansatz gebildet, um das Finanz­system als Ganzes nach­haltiger zu gestalten. Was es damit auf sich hat, erklären wir hier.

Was genau ist „Sustainable Finance“?

Der Begriff „Sustainable Finance“ heißt so viel wie „nach­haltiges Finanz­system“. Damit ist gemeint, dass sich Akteure und Akteurinnen am Markt mit ihren Investitionen gleich­zeitig für den Klima­schutz einsetzen. Aber auch soziale Aspekte wie faire Arbeits- und Produktions­bedingungen stehen im Fokus von Anbieter*innen nach­haltiger Finanz­produkte. Unter­schiedliche Länder und Finanz­institutionen haben eine ganze Reihe an Definitionen und Labels für Nach­haltig­keit entworfen, was für Verwirrung am Markt sorgen kann.

Welche Rolle spielt die EU?

Bislang ist selbst auf EU-Ebene noch nicht eindeutig definiert, was als nach­haltig bezeichnet werden kann. Die EU-Kommission will feste Kriterien für eine Klassifizierung erarbeiten. Spätestens Ende 2021 soll dies passiert sein. Hinter­grund: Die Europäische Investitions­bank (EIB) will ab Ende dieses Jahres alle Finanzierungen an die Ziele der Pariser Vereinbarung anpassen und bis 2030 eine Billion Euro für Klima­schutz­maßnahmen und umwelt­freundliche, nach­haltige Investitionen bereit­stellen. Ende 2019 verständigten sich die Mitglied­staaten auf eine vor­läufige Definition von Nach­haltigkeit. Kohle­kraft fällt immer raus, bei Gas­kraft­werken hängt es von der CO2-Bilanz im Einzel­fall ab, zum Beispiel durch Beimischung von Biogas zum Erdgas. Die „No-Harm-Prinzipien“ der EU besagen: Ein nach­haltiges Investment darf die Umwelt auch abseits der Treib­haus­gase nicht gefährden.

Wie wichtig sind nach­haltige Finanz­produkte am Markt aktuell?

Nachhaltiges Investieren ist keine Mode­erscheinung mehr. Rund 150 nach­haltige Index­fonds und ETFs sind in Deutschland zugelassen, ständig kommen neue Produkte hinzu. Allerdings bewegt sich laut dem Verbraucher-Ratgeber Finanztip der Anteil an nach­haltigen Anlagen gemessen am Gesamt­investitions­vermögen bislang erst im einstelligen Prozent­bereich. ETFs folgen einem bestimmten Index, zum Beispiel der Welt­wirtschaft (MSCI World) oder Schwellen­ländern (MSCI Emerging Markets). Diese gibt es in mehr oder weniger Grün. Dabei analysieren Expert*innen die Firmen nach ESG-Kriterien (ESG steht für „Environmental, Social, Governance“, auf Deutsch „Umwelt, Soziales, Unternehmens­führung“). Oftmals werden gewisse Industrien von vorn­herein ausgeschlossen, etwa Tabak, Alkohol, Rüstung, Kohle- und Kern­energie oder Glücks­spiel.

illustrierte Sonne
© Sebastian König

Sind deutsche Investoren grün?

Eine Studie im Auftrag der Unternehmens­beratung BearingPoint kam Anfang des Jahres 2020 zu dem Ergebnis, dass bei Finanz­produkten das ökologische Gewissen der Deutschen aufhört. Wichtiger seien beim Kauf von Aktien und Anleihen die Aspekte Sicherheit, Rendite und Höhe der Dividende. Lediglich für vier Prozent der Befragten sei die ökologische Nach­haltig­keit das wichtigste Kriterium bei der Investitions­entscheidung, so die Studie. Aber: Je jünger die Befragten, desto eher waren sie bereit, zu einer Bank zu wechseln, die verstärkt in nach­haltige Produkte investiert.

Wie sicher sind grüne Finanz­produkte?

Grundsätzlich gilt: Ökologische Geldanlagen bergen die gleichen Chancen und Risiken wie konventionelle Investments. Wie hoch die Ertrags­chancen, aber auch die Risiken sind, hängt dabei in erster Linie von der Anlage­form ab. Wie bei jeder Investment­option gilt: Eine höhere Rendite­erwartung birgt in der Regel auch ein höheres Risiko. Der Finanz­experte John E. Morton argumentiert, dass nicht-ökologische Anlagen riskanter sind, weil sie nicht zukunfts­fähig sind – und somit grüne Portfolios sicherer sind.

Wie sieht die Zukunft der Sustainable Finance aus?

Ab nächstem Jahr müssen Bankangestellte und Vermögens­verwalter*innen Kund*innen zu ihren Vorstellungen zu nach­haltigen Investments befragen und passende Produkte vorschlagen. Ab März 2021 haben große Versicherungen und Fonds­gesellschaften umfassende Transparenz­pflichten. Sie müssen dann die ESG-Risiken ihrer Port­folios offen­legen. Besonders institutionelle Investoren sehen inzwischen klare Vorteile in der Nach­haltigkeits­thematik: Es geht nicht mehr um Green­washing oder Wohl­tätigkeit, sondern um eine interessante Investment­chance in einem sich wandelnden politischen Umfeld. Der „European Green Deal“ der Europäischen Kommission etwa sieht vor, dass die Mitglieds­taaten der Union bis 2050 klima­neutral wirtschaften, also netto kein Treib­haus­gas mehr ausstoßen. Dieses politische Umfeld bietet daher sehr gute ökologische Investitions­chancen.

Wissenschafts­platt­form Sustainable Finance

Die von der Stiftung Mercator geförderte Wissen­schafts­platt­form Sustainable Finance ist ein Kooperations­netz­werk aus fünf deutschen Forschungs­einrichtungen. Ihr Ziel ist es, gesellschaftliche, politische und privat­wirtschaftliche Frage­stellungen zu Sustainable Finance mit Forschungs­wissen zu unter­stützen sowie im politisch-öffentlichen Diskurs beratend tätig zu sein.

https://www.diw.de/