Fridays For Future: Endlich haben wir eine Klimadebatte. Und jetzt?

Fridays for Future Protest in Berlin. Ein Schild mit der Aufschrift 'Die Uhr tickt' wird hochgehalten.
Autor: Carel Carlowitz Mohn 20.08.2019
Seit einem Jahr gehen Jugendliche auf der ganzen Welt auf die Straße. Sie üben Druck aus – auf Politik, Medien, Gesellschaft: Endlich haben wir eine Klimadebatte. Und wie geht es jetzt weiter? Carel Mohn von klimafakten.de zieht Bilanz.

Noch haben sie nichts Greifbares erreicht: Das Klimakabinett der Bundesregierung hat noch nicht beschlossen, wie es die Schädigung des Klimas mit einem Preis versehen will. Die deutschen Braunkohlekraftwerke zählen weiterhin zu den größten C02-Emittenten in ganz Europa. Und mal eben von Stuttgart nach Amsterdam oder von Berlin nach Breslau zu fliegen, ist im Schnitt immer noch deutlich günstiger und schneller, als die gleiche Strecke mit der Bahn zu fahren.

Und doch hat #FridaysForFuture bereits enorm viel erreicht: Klimaschutz ist dank der streikenden Jugend wieder zu einem zentralen politischen Thema geworden. Auch bei Familienfeiern, an der Kaffeemaschine im Betrieb, bei Elternabenden, beim Abendessen mit Freunden wird über die Erdüberhitzung gesprochen. Überhaupt, dieses „reden wir mal darüber“: Sozialforscher sind überzeugt, dass sich das allgemeine Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit der Klimakrise steigern lässt, wenn mehr darüber gesprochen wird, und zwar vor allem im Freundes- und Familienkreis. Dies ist vor allem deshalb von politischer Bedeutung, weil Menschen sich ernsthafter mit Informationen auseinandersetzen, die von Nahestehenden kommen. Was wiederum dazu führen kann, auch mit anderen über das Thema zu sprechen und so fort – eine positive Rückkopplungsschleife.

Wissen ohne Motivation bleibt ebenso folgenlos, wie Motivation ohne Wissen ins Leere geht.

Genau einen solchen sich selbst verstärkenden Effekt scheinen die Schülerinnen und Schüler in Gang gesetzt zu haben. Mit greifbaren Folgen: Seit Jahren und Jahrzehnten von Umwelt-NGOs vorgetragene politische Forderungen (ÖPNV ausbauen, Subventionen für Kohle, Öl und Gas abbauen, Kohlekraftwerke abschalten) sind in den politischen Mainstream gerückt. In Bayern versucht Ministerpräsident Söder, seine CSU als neue Klimaschutzpartei zu profilieren. Und die Ergebnisse der Europawahlen veranlassten sogar einige Jungpolitiker der AfD, die anti-wissenschaftliche Positionierung ihrer Partei beim Klimathema öffentlich in Frage zu stellen.

Die Auswirkungen dieser überfälligen Diskursverschiebung – hinaus aus der Öko-Ecke, hinein in die gesellschaftliche Mitte – stellen wir auch bei klimafakten.de fest. So haben sich die Zugriffszahlen auf unsere Website innerhalb eines Jahres glatt verzehnfacht. Ein Wert, der mich ebenso mit Demut erfüllt wie er einen Hinweis darauf gibt, dass viele Menschen es in Sachen Klimawandel jetzt wirklich wissen wollen. Auch die Anzahl der Mails mit Fragen und Kommentaren ist sprunghaft gestiegen – was uns veranlasst hat, den Austausch mit Usern und Leserinnen in einer neuen Rubrik sichtbar zu machen.

Sicher, wenn es um Klima-Wissen geht, muss eines klar sein: Wissen und Fakten allein motivieren niemanden, sich gegen die drohende Erdüberhitzung zu engagieren. Die lange von Umwelt-NGOs wie Klimaforschern angewandte Informations-Defizit-These – „wir schließen die Wissenslücken in Sachen Klimawandel, dann engagieren sich die Menschen für Klimaschutz“ – gilt als von Kognitionsforschern und Sozialpsychologen inzwischen eindrucksvoll widerlegt.

Und doch ist Wissen, sind Klima-Fakten unabdingbar, wenn wir wirksamen Klimaschutz voranbringen wollen – denn Wissen ohne Motivation bleibt ebenso folgenlos, wie Motivation ohne Wissen ins Leere geht. Wenn es #FridaysForFuture also gelungen ist, die Debatte auf eine andere Ebene zu heben, dann rücken jetzt drei Aufgaben in den Vordergrund:

  • Klimaschutzrelevanz. Egal ob in Verkehrs-, Bau- oder Energiepolitik – oft bleibt unklar, inwieweit die diskutierten Maßnahmen tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten, oder ob sie eher davon ablenken, den Blick auf wirksamere Hebel zu richten. Die Debatte über die gravierende Plastikvermüllung der Ozeane ist hierfür nur ein Beispiel.
  • Systemwissen. Klimawissen ist Systemwissen. Wer sich hier orientieren will, muss ziemlich viele Dinge gleichzeitig im Blick behalten. In der tagespolitischen Debatte kommt es demgegenüber aber immer wieder zu groben Vereinfachungen – etwa wenn in der Debatte über Elektromobilität darauf verwiesen wird, dass „die Batteriefertigung ja auch nicht so umweltfreundlich ist“.
  • Faktenchecks zur Klimapolitik. Noch immer beschäftigen viele Menschen relativierende Aussagen wie „Die Klimaforscher sind sich ja noch gar nicht einig … “ – und führen zu Verunsicherung und Passivität. Den tatsächlichen Stand der Wissenschaft darzulegen und Aussagen wie diese einzuordnen, ist daher gerade für Menschen in der Mitte der Gesellschaft außerordentlich wichtig. Doch jenseits dieser vergleichsweise einfachen, weil auf gesicherten (natur-)wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Fakten-Checks (wie wir sie auf klimafakten.de dutzendfach anbieten) gewinnt die Auseinandersetzung auf anderen Ebenen an Bedeutung. Immer öfter geht es nicht um Naturwissenschaft, sondern um politische Werturteile und Interessen. Aussagen wie „die Energiewende ist zu teuer“ oder „was Deutschland im Klimaschutz leistet, ist global betrachtet irrelevant“ lassen sich nicht überzeugend mit Verweisen auf Atmosphärenphysik oder Biogeochemie widerlegen. Dennoch handelt es sich auch hier um Aussagen, zu denen Logik oder Wissenschaft etwas zu sagen hätten – und bei denen (Klima-)Fakten durchaus einen Unterschied machen können.

Blickt man auf diese Aufgaben, wird eines klar: #FridaysForFuture hat das Klima-Thema enorm vorangebracht. Endlich haben wir eine Klimadebatte. Jetzt müssen wir sie führen: Lösungsorientiert. Motiviert. Und gut informiert.