Glaube, Klima, Hoffnung

Seit 2002 produziert die Friedenskirche Herten-Disteln Strom.
Autorin: Saskia Weneit Fotos: Jens Sundheim 23.10.2019

Von Altarkerzen bis Strom­verbrauch: Auch die Kirche denkt darüber nach, wie sie nach­haltiger werden kann. Das Institut für Kirche und Gesellschaft in Westfalen stößt diese Themen in den Gemeinden an.

Die 36 Solarmodule schimmern dunkel an der südlichen Fassade der evangelischen Friedens­kirche Herten-Disteln. Eine Fläche ist frei geblieben – in Form eines Kreuzes. Sogar aus der Luft ist es zu sehen, das nach­haltige Kruzifix der klein­städtischen Gemeinde im Kreis Reckling­hausen. Seit 2002 wandelt die Photo­voltaik­anlage inzwischen Sonnenen­ergie in Strom um und speist ihn in das öffentliche Netz. In dem Ort setzte die neue Technologie außer­dem die Energie frei, noch mehr für den Klima­schutz tun zu wollen. Hier kam das westfälische Institut für Kirche und Gesellschaft (IKG) ins Spiel, genauer: Instituts­leiter Klaus Breyer und Projekt­leiter Hans-Jürgen Hörner. Letzterer zeichnet verantwortlich für das Umwelt­management­system „Der Grüne Hahn“, das vom IKG in Herten ein­geführt wurde.

Die Schöpfung bewahren

Seit mittlerweile zehn Jahren steuert Pfarrer Breyer auch die nach­haltige Entwicklung des Instituts, das sich in einem Gut von 1819 mit herrlichem Park befindet – im sogenannten Haus Villigst in Schwerte. Die Einrichtung stellt das Kompetenz­zentrum für gesell­schaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) dar. Hier werden Strategien entwickelt, um auf unter­schiedlichen Feldern mit Projekten und Initiativen den Klima­schutz in Nordrhein-Westfalen inner­halb und außer­halb der Kirche voran­zu­bringen. „Für uns ist die Klima­krise eine der größten Heraus­forderungen unserer Zeit. Wir haben noch zehn Jahre für einen Struktur­wandel“, erklärt Klaus Breyer, der sich mit Leib und Seele für nach­haltige Veränderungen einsetzt. Bei der Klima­krise gehe es nicht nur um die Zukunft, betont der Instituts­leiter. Schon heute treffe der Klima­wandel viele besonders verletzliche Menschen im globalen Süden und mache jene, die am wenigsten zu seinem Entstehen beigetragen haben, zu Flüchtlingen, raube ihnen Entwicklungs­möglich­keiten, schüre Konflikte und verschärfe Armut.

Institutsleiter Klaus Breyer treibt Nachhaltigkeit in der Kirche voran.
Instituts­leiter Klaus Breyer treibt Nach­haltig­keit in der Kirche voran. © Jens Sundheim
Seit 2002 produziert die Friedenskirche Herten-Disteln Strom.
Seit 2002 produziert die Friedens­kirche Herten-Disteln Strom. © Torsten Janfeld

Seit den 1990er-Jahren steht der Einsatz für Umwelt und Klima auf der kirchlichen Agenda. Ein umwelt­politisches Engagement in der evangelischen Kirche zu verankern erwies sich anfangs als schwierig. „Wir hatten viele heftige Aus­einander­setzungen“, erinnert sich Klaus Breyer. Grund dafür waren ein weit­verbreiteter Fort­schritts­glaube und die Über­zeugung, mit moderner Technik die Ressourcen­knapp­heit in den Griff zu bekommen. Es kam zu hitzigen Diskussionen über die Themen Ökologie und Ökonomie, über bedrohte Arbeits­plätze durch klima­freundliche wirtschaftliche Umstrukturierungen und die soziale Verantwortung der Kirche. Heute herrscht bei grund­sätzlichen Fragen weitest­gehend Konsens. „Nach­haltig­keit ist ein Leit­prinzip unserer christlichen Ethik. Es entspricht unserem Glauben, die Erde zu gestalten und zu bewahren“, sagt der 61-jährige Pfarrer. So gehört es zum Verständnis der Evangelischen Kirche, sich für den Erhalt der Schöpfung und damit auch für eine gerechte Teilhabe an den Lebens­grund­lagen für alle Menschen stark­zu­machen.

Klimamanagement in der Kirche

„Daher mischen wir uns politisch ein und versuchen vehement, im eigenen Bereich den Natur- und Klima­schutz voran­zu­bringen“, erläutert Breyer, der 1990 als Umwelt­referent in der EKvW seine Lauf­bahn in diesem Bereich startete. Er weiß genau, wo der Schuh drückt: Konkret entspricht die CO2-Emissions­summe der westfälischen Kirche dem Verbrauch einer kleineren Mittel­stadt. Deshalb setzte das westfälische Institut für Kirche und Gesellschaft vor zehn Jahren eine Klima­schutz­strategie für den kirchlichen Bereich auf. Ihr Kern ist die Beratung. Das Ziel: bis zum Jahr 2020 40 Prozent weniger CO2-Emissionen zu erreichen. „Das wird uns wohl auch gelingen“, fügt der Instituts­leiter stolz hinzu.

Ein schöner Ort, um sich um Nachhaltigkeit zu kümmern: das Institut für Kirche und Gesellschaft in Schwerte.
Ein schöner Ort, um sich um Nachhaltigkeit zu kümmern: das Institut für Kirche und Gesellschaft in Schwerte. © Jens Sundheim

Ein entscheidender Grund für diese positive Bilanz ist eben auch „Der Grüne Hahn“. Will eine Gemeinde das System einführen, gibt es einen konkreten Fahr­plan: Zunächst ernennt die Kirchen­gemeinde­leitung eine Person zum Umwelt­beauftragen. Anschließend gründet dieser Beauftragte mit interessierten Gemeinde­mit­gliedern ein Umwelt­team. In Herten startete eine solche Arbeits­gruppe Anfang der 2000er-Jahre mit der akribischen Bestands­auf­nahme der eigenen Umwelt­aus­wirkungen: Wie viel Strom, Heizung und Wasser verbraucht die Gemeinde? Wie hoch ist der Papier­verbrauch, ist der Kaffee fair gehandelt, und sind die Kirchen­rück­lagen in nach­haltigen Fonds angelegt?

Nachhaltiger Konsum

Alle Bereiche werden unter den Aspekten Umwelt und Klima­schutz geprüft, um Verbesserungs­potenziale zu identifizieren. „Als Kirche haben wir eine besondere Verantwortung für nach­haltigen Konsum“, betont Martina Faseler, die Expertin für ökofaires Einkaufen am IKG. Als Verantwortliche für das Programm „Zukunft einkaufen“, das seit 2008 besteht, unterstützt sie kirchliche Organisationen dabei, nachhaltige Alternativen in der Beschaffung zu finden. Mit einem Leit­faden und Info­veranstaltungen begleitet das IKG diesen Prozess.

Als Kirche haben wir eine besondere Verantwortung für nach­haltigen Konsum.

Martina Faseler, Expertin für ökofaires Einkaufen am IKG

„Es geht darum, Strukturen sichtbar zu machen. Meistens werden bestimmte Produkte in bestimmten Mengen eingekauft, weil es immer so gemacht wurde“, berichtet Faseler. Natürlich sei die Hemm­schwelle hoch, das eigene Einkaufs­verhalten kritisch zu hinter­fragen. Immer wieder stößt sie auch auf Bedenken – zum Beispiel, dass Recycling­papier den Drucker verstopfe oder Fair­trade-Kaffee nicht schmecke. Nur in puncto Altar­kerzen kann sie die Skepsis nicht nehmen. „Wirklich nach­haltige Alternativen für den kirchlichen Verbrauch zu finden ist ein großes Problem: Bienen­wachs ist unglaublich teuer, Kerzen ohne Paraffin werden aus umwelt­kritischem Palmöl hergestellt“, erklärt sie.

Ob Energie, Strom oder Anschaffungen: In einer extra entwickelten Software, dem sogenannten „Grünen Daten­konto“, tragen die Umwelt­beauftragten alle Fortschritte, Verbrauchs­mengen und Potenziale ein. So erhalten die Gemeinden einen umfassenden Überblick, was im eigenen Bereich passiert. „Eben wegen dieser Systematik ist der ,Grüne Hahn‘ so ein großer Erfolg“, sagt Breyer. Das System verdeutlicht schwarz auf weiß, wo die Gemeinde steht, welche Maßnahmen anstehen und wie sie priorisiert werden müssen.

Serie: Mercator Klima Forum

Wie integrieren Vereine und Institutionen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in ihre Arbeit? Darüber berichten wir in unserer Serie zu unserem Mercator Forum „Engagement fürs Klima“

Viel Aufwand, wenige Ehren­amtliche

Das Erfassen und Umstellen ist ein kontinuierlicher Prozess. In einem Jahres­kurs begleiten die Referenten des IKG die Kirchen­gemeinden, um das Umwelt­management­system zu verankern. Von den rund 500 evangelischen Gemeinden der westfälischen Landes­kirche beteiligen sich bisher etwa 20 Prozent daran, ihren Energie­verbrauch zu erfassen. „Auf den ersten Blick klingt das nach wenig. Für den kirchlichen Bereich ist das aber viel“, stellt Hans-Jürgen Hörner fest.

Einen Fuß in die Tür bekommt Hörner meistens mit dem Argument, dass sich mit dem „Grünen Hahn“ Energie und Geld sparen lassen. Aber eben nicht immer. Denn natürlich zeigen sich einige Gemeinde­vor­steher erst mal skeptisch. Sagen, für den Umwelt­schutz gebe es doch ein Bundes­ministerium. Finden, Management sei keine kirchliche Aufgabe. Zudem bedeutet es viel Aufwand, die eigenen Umwelt­aus­wirkungen zu analysieren und systematische Schritte fest­zu­legen. „Die größte Hürde ist die Ressourcen­knapp­heit in den Gemeinden. In der Regel über­nehmen das Ehren­amtliche, die aber auch noch einen Beruf und eine Familie haben“, meint Hans-Jürgen Hörner.

Auch in Herten waren es Ehrenamtliche, die das Umwelt­thema voran­brachten. „Es gab dort eine große Gruppe engagierter Mitglieder“, erinnert sich Breyer. Mit Info­veranstaltungen und sichtbaren Zeichen wie den Solar­panels an der Außen­fassade wurde das Thema in der Gemeinde im Ruhr­gebiet, die vom Bergbau geprägt ist, immer mehr angenommen. Danach sorgte die Arbeits­gruppe dafür, dass mit dem Umwelt­management­system klima­freundliche Maßnahmen fest­geschrieben und umgesetzt wurden. „Der ,Grüne Hahn‘ war hier auch so wirkungsvoll, weil er das Umwelt­thema aus dem Hobby­bereich Einzelner in die Gemeinde­leitung geholt hat“, berichtet Klaus Breyer. Im Jahr 2006 wurde die evangelische Friedens­kirche Herten-Disteln für ihr Umwelt­management aus­gezeichnet. Und das zeigt: Klima­schutz ist so viel mehr als reine Fassade.

Mercator Forum „Engagement fürs Klima“

Der Klimawandel schien lange Zeit nur ein Thema für Umwelt­verbände zu sein. Heute appellieren auch Kirchen, Gewerk­schaften und Unter­nehmen an die Politik, ambitionierter zu handeln. Wie es gelingen kann, einen größeren Teil der Gesellschaft in einen Aus­tausch zu integrieren und mehr Menschen Möglichkeiten für bürger­schaftliches Engagement auf­zu­zeigen, diskutieren wir beim Mercator Forum Klima.


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