Millionen­deals im Kinder­zimmer

Autorin: Manuel Meyer Fotos: Montse Velando / Contacto / Agentur Focus 06.10.2020

Investieren gern, aber nachhaltig: Das hat sich Maya Hennerkes zur Lebens­aufgabe gemacht. Für ihren Traumjob bei der Europäischen Bank für Wieder­auf­bau und Entwicklung braucht sie viel Durch­setzungs­kraft, Geduld – und manchmal eine Lauf­runde zwischen Oliven­bäumen und Schafen.

Maya Hennerkes sitzt im ehemaligen Kinderzimmer ihres Mannes – und entscheidet über Millionen­beträge. In den Regalen stehen noch Spiel­sachen und Kinder­bücher. Normaler­weise arbeitet die 42-jährige Kölnerin in einem Groß­raum­büro am Exchange Square im Finanz­bezirk der Londoner Innen­stadt. Jetzt schaut sie durch das Fenster auf das Fußball­stadion des FC Granada, dahinter erheben sich die Ausläufer der süd­spanischen Sierra Nevada. Das Mittel­meer ist nur knapp eine Auto­stunde entfernt. Für den Ausblick hat Hennerkes allerdings kaum Zeit. Sie leitet bei der Europäischen Bank für Wieder­auf­bau und Entwicklung (EBWE) die Umwelt- und Sozial­verträglichkeits­prüfung von Groß­investitionen über Finanz­intermediäre, sprich Fonds und Banken.

Coronabedingt ist ihr Arbeitsplatz ein schmaler Holz­schreib­tisch, den ihre spanische Schwieger­mutter frei­geräumt hat. Zwei Handys, ein paar lose Blätter für Notizen, ein Laptop und Taschen­tücher liegen darauf. Wenn sie mehr Platz braucht, wechselt sie an den großen Esstisch im Wohn­zimmer. Die Wohnung befindet sich in Zaidín, einem traditionellen Arbeiter­viertel im Süden der andalusischen Provinz­haupt­stadt Granada.

Zwischen Homeoffice und Home­schooling

Kurz vor dem Corona-Lockdown „flüchtete“ sie mit ihren drei Söhnen zu den Schwieger­eltern in die alte Mauren­stadt. „Covid-19-bedingtes Homeoffice als Mutter von zwei schul­pflichtigen Jungs und einem Kinder­garten­kind ist definitiv besser zu ertragen, wenn die Kleinen tags­über von den Groß­eltern beschäftigt werden“, sagt sie und lacht. Die Schule in London geht erst im September los. Bis dahin bleibt die Familie hier.

Die Schwiegereltern haben eine Wohnung in der Stadt sowie ein Landhaus mit Pool vor den Toren Granadas, wo sie die heißen Sommer­monate verbringen. Während die Kinder bei Oma und Opa im Dorf bleiben, fährt Hennerkes jeden Morgen in die Stadt­wohnung und arbeitet von 9 bis 17 Uhr. „Ich habe hier mehr Ruhe und vor allem ein besseres WLAN“, sagt sie.

Maya Hennerkes in ihrem persönlichen Corona-Exil in Andalusien. © Montse Velando / Contacto / Agentur Focus

Unten auf der Straße füllen sich die Terrassen der Tapasbars. Hennerkes hat noch eine wichtige Video­konferenz mit ihrem Team vor sich. Sie wollen zusätzliche Darlehen und Kapital­investitionen für Finanz­kunden besprechen, die hart von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise betroffen sind. Parallel treibt sie ein neues Digitalisierungs­projekt voran. Es geht um eine App, mit der Banken die ESG-Daten für ihre Investments erheben und verwalten können. ESG ist die englische Abkürzung für Umwelt, Soziales und gute Unternehmens­führung – Hennerkes‘ Spezial­gebiet. Sie schaut konzentriert auf den Bildschirm ihres Laptops. Das Headset nimmt sie selten ab: Eine Video­konferenz jagt die nächste.

Feier­abend­bier unter Orangen­bäumen

In Granada fühlt sich Hennerkes zu Hause. Während eines Auslands­semesters lernte sie hier ihren spanischen Ehemann kennen; ihr ältester Sohn kam hier zur Welt. Ihr fröhlicher Charakter passt gut zu den lebens­lustigen Andalusier*innen. Abends trifft sie sich gerne mit Freund*innen auf ein Feier­abend­bier unter den Orangen­bäumen der Terrassen in den Alt­stadt­gassen von Albaicín – auch zum Fußball­gucken. „Ich liebe Fußball! Und natürlich den 1. FC Köln!“ Eine ihrer Lieblings­terrassen ist El Huerto de Juan Ranas. „Von dort hat man einen tollen Ausblick auf die Alhambra, den alten Kalifen­palast“, schwärmt sie.

Das Schöne an Granada: immer eine Tapasbar in der Nähe. © Montse Velando / Contacto / Agentur Focus

Leider hat die Terrasse heute zu. „Nicht schlimm. Wenn es in Granada an einem nicht mangelt, sind das Tapasbars“, sagt Hennerkes und nimmt auf der Terrasse El Mirador hinter der Kirche San Nicolás Platz. Ein Gitarren­spieler stimmt Flamenco-Klänge an. „Nett, aber nicht so mein Ding. Ich höre lieber Indie-Musik“, kommentiert sie.

Hennerkes hat viele Freund*innen – nicht nur in Granada. Sie wirkt offen und authentisch, eine Welt­bürgerin, die überall zu Hause ist. Sie hat in Deutschland, Latein­amerika, Spanien, Groß­britannien und den USA gelebt, spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch. Das hilft ihr auch im Job weiter, denn sie hat es mit Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen zu tun.

„Kunden müssen unsere Umwelt- und Sozial­standards über­nehmen“

Die Europäische Bank für Wieder­aufbau und Entwicklung wurde 1991 gegründet, um den Aufbau der Markt­wirtschaft in Mittel- und Ost­europa zu unter­stützen. Heute ist die EBRD unter anderem in Zentral­asien, Süd­ost­europa, Nord­afrika und den östlichen Mittel­meer­anrainer­staaten aktiv. Ihre Banken­kund*innen sitzen in verschiedensten Ländern – von der Mongolei und Ägypten über Kasachstan, Estland und Marokko bis hin zur Westbank und im Gaza­streifen.

„Ich muss ständig den Konsens suchen und zwischen sehr unter­schiedlichen Interessen jonglieren. Das erfordert viel Geduld, Ausdauer, diplomatisches Geschick und manchmal auch Humor oder die Geschmeidigkeit einer Teflon­pfanne“, erzählt Hennerkes.

Chance, das Finanz­system zu verändern

Sie kann aber auch hart verhandeln, wenn es sein muss. „Ich bin sehr selbst­bewusst und lasse mich nicht leicht einschüchtern.“ Sie weiß, wie sie Gesprächs­partner*innen Grenzen aufzeigen kann. Ihre Stellung gibt ihr zudem die Macht dazu – immerhin wacht sie über ein jährliches Portfolio von 3,3 Milliarden Euro für Neuzusagen. „Eine große Verantwortung, aber gleich­zeitig eine große Chance, Klima­schutz, Umwelt- und Nachhaltig­keits­strategien fest in unserem Finanz­system zu verankern. Und zwar nicht als Neben­event, sondern als System­grund­lage“, stellt Hennerkes klar.

Mit ihrem achtköpfigen Team kümmert sie sich um die indirekten Investitions­geschäfte. „Wir finanzieren Finanz­institute, private Fonds und Versicherer, um damit die Wirtschaft in den jeweiligen Regionen und Ländern anzukurbeln. Dafür müssen die Finanz­institute aber unsere Umwelt- und Sozial­standards über­nehmen und diese auch auf ihre eigenen Kunden über­tragen, denen sie Kredite geben oder in die sie investieren“, erklärt Hennerkes.

Es geht unter anderem um Themen wie Ökologie, Chancen­gleichheit für Frauen und Diversität, Arbeits­schutz und Arbeit­nehmer­rechte, gesellschaftliches Engagement von Kunden und Korruptions­bekämpfung. Hennerkes und ihr Team holen Informationen darüber bei potenziellen Finanz­kund*innen mit Frage­bögen und Telefon­konferenzen ein. Zweimal pro Monat fliegt sie zu ihnen, um Angaben zu über­prüfen oder Verbesserungs­maßnahmen aus­zu­handeln.

Wissenschaftlich belegte Argumente

Bei den Verhandlungen helfen ihr die Erfahrungen aus dem Mercator Science-Policy Fellowship-Programm. Im Rahmen dieser Fortbildung konnte sie mit verschiedenen Wissen­schaftler*innen über ihr Themen­feld sprechen und so neue Perspektiven gewinnen. Bei einem so intensiv getakteten Leben wie ihrem bleibe häufig kaum Zeit für Reflexion, sagt Hennerkes. „Doch bei den Präsenz­tagen an den Rhein-Main-Universitäten hatte ich die Gelegenheit, auch mal über den Teller­rand zu schauen“ – ein Realitäts-Check in ihrer „Bubble“, ohne haus­interne Skeptiker*innen.

Die wissenschaftlichen Informationen über nach­haltige Finanzen gaben mir dabei eine ganz neue Sicht auf meinen Job.

Maya Hennerkes

„Es ist wahnsinnig inspirierend, mal ganz frei auf sein eigenes Themen­gebiet zu schauen. Die wissenschaftlichen Informationen über nach­haltige Finanzen gaben mir dabei teilweise eine ganz neue Sicht auf meinen Job“, sagt Hennerkes. Sie lieferten ihr vor allem Fakten und Daten, mit denen sie ihren Banken­kund*innen beweisen kann, dass nach­haltiges Finanzieren auch ökonomisch sinnvoll ist.

Gute, wissenschaftlich belegte Argumente helfen zudem, Banken mit wirtschaftlichen Interessen davon zu überzeugen, in Umwelt und Soziales zu investieren. Ein Beispiel: „Eine Bank gibt einem privaten Wind­park­betreiber ein Darlehen. Windparks will niemand im Hinter­hof haben. Doch wenn der Betreiber von uns über die Bank verpflichtet wird, die umliegenden Gemeinden ins Projekt ein­zu­beziehen, es also zu einem Benefit-Sharing kommt, minimiert man Risiken und Probleme“, erklärt Hennerkes.

Ihr Büro im ehemaligen Kinderzimmer ihres Ehemanns. © Montse Velando / Contacto / Agentur Focus
Zwei Handys begleiten Maya Hennerkes durch ihren Arbeitstag. © Montse Velando / Contacto / Agentur Focus

Anspruch und Wirklichkeit lägen zwar noch weit auseinander, doch Nach­haltigkeit und Klima­verträglichkeit rückten zunehmend bei Entscheidungen über Investitionen und Kredit­vergaben in den Fokus. „Banken und Regierungen stehen immer fester hinter dem Richtungs­wechsel zu einem nachhaltigeren und klima­freundlicheren Finanz­system“, sagt Hennerkes. Ein Beispiel sei der Green Deal der Europäischen Union, mit dem Europa durch nach­haltige Wirtschafts­modelle bis 2050 der erste klima­neutrale Kontinent werden soll.

Berufsziel: Nachhaltiger Mehrwert

Nachhaltigkeit ist Maya Hennerkes‘ Herzens­thema – ökologisch wie sozial. Das war ihr endgültig nach der Lehman-Brothers-Insolvenz klar, die 2008 eine weltweite Finanz­krise auslöste. Damals arbeitete sie bei der Finanz­nachrichten­agentur Bloomberg in London. Ihr erster Kontakt mit der Finanz­welt, nachdem sie in Köln Regional­wissenschaften Latein­amerika, VWL, Politik­wissenschaften und Geschichte studiert hatte. Sie wurde Mitglied im Club of Rome, einem Think­tank von Expert*innen verschiedenster Disziplinen, die sich für eine nach­haltige Zukunft einsetzen.

Schnell stand fest, dass sie bei einer Bank mit nach­haltigem Mehr­wert arbeiten wollte. So landete sie 2010 bei der Inter-Amerikanischen Entwicklungs­bank IDB in Washington, zunächst als Beraterin des IDB-Vize­präsidenten für Entwicklungs­projekte im privaten Sektor. „Von ihm habe ich gelernt, wie man Personal mit Empathie und Unter­stützung positiv führt“, erzählt Hennerkes. Danach kümmerte sie sich um Klima­schutz, Klima­risiken, Chancen­gleich­zeit für Frauen sowie die Umwelt- und Sozial­verträglichkeits­analysen der IDB-Investitions­projekte von Jamaika bis nach Patagonien.

Traumjob als Lebens­aufgabe

Im Januar 2019 zog sie mit ihrer Familie zurück nach London, um bei der EBRD an­zu­fangen. „Das ist mein Traum­job, der perfekte Arbeits­platz. Denn bei diesen Geld­mengen und am Knoten­punkt zwischen privatem und öffentlichem Sektor kann ich am meisten bewirken, um unser Finanzsystem umwelt­freundlicher, sozial gerechter und nach­haltiger zu machen“, sagt Hennerkes.

Eine Lebensaufgabe, die kaum Zeit für Freizeit und Hobbys lässt. Trotzdem geht sie abends regelmäßig joggen, wenn sie zurück im Dorf bei ihren Schwieger­eltern und Kindern ist – am liebsten mit Kopf­hörern und laut auf­gedrehter Indie-Rock­musik. „Dabei kann ich am besten abschalten. Du siehst die Sierra Nevada, Schafe und Oliven­bäume. Das war‘s. Hier kann ich meine Batterien aufladen. In meinem intensiv getakteten Leben ist Granada mein Rückzugsraum.“

Mercator Science-Policy Fellowship-Programm

Das von der Allianz der Rhein-Main-Universitäten angebotene Fortbildungs­programm ermöglicht den persönlichen Austausch zwischen Führungs­kräften aus Wissenschaft, Politik, öffentlichem Sektor, Medien und Zivil­gesellschaft. Fellows durchlaufen dabei ein Gesprächs­programm, das von ihren Interessen und Fragen ausgeht.

www.uni-frankfurt.de/65037914/Das_Programm