Wie grün kann Geld sein?

Autorin: Julien Wilkens Illustrationen: Sebastian König 17.09.2020

Welche Rolle spielt die Finanz­industrie für den Klima­schutz? Eine erstaunlich große, erklärt John E. Morton. Er war Klima- und Finanz­experte unter Barack Obama und weiß, welche Chancen „Sustainable Finance“, zum Beispiel in Form von nach­haltigen Investitionen, bietet.

John E. Morton war Senior-Direktor für Energie und Klima­wandel im Weißen Haus unter Barack Obama und somit auch für die Koordination der politischen Maßnahmen und der Strategien in Sachen nach­haltige Finanz­investitionen verantwortlich. Im Rahmen des Mercator Fellowship-Programms forschte er 2017/18 an der Handels­hoch­schule Leipzig (HHL) zur Mobilisierung privaten Kapitals für den globalen Klima­schutz.

Herr Morton, wenn es um die Bekämpfung des Klima­wandels geht, denkt man an Kohle, denkt man an produzierendes Gewerbe. Nicht automatisch jedoch an den Finanz­sektor. Welche Rolle kann er im Erreichen der Klima­schutz­ziele spielen?

John E. Morton: Der Finanz­sektor spielt die wohl zentralste Rolle darin, den Klima­wandel zu bekämpfen. Das Finanz­system steckt hinter allem: was finanziert werden soll, was nicht finanziert werden soll – und wie schnell das alles passiert. Mein Interesse als jemand, der der sich seit 25 Jahren mit dem Thema Klima­wandel befasst, ist: Wie kann das Finanz­system im Kampf gegen den Klima­wandel helfen? Nehmen wir als Beispiel den Kohle­sektor. Wir müssen den Wandel weg von der Kohle­energie so schnell wie möglich bewältigen. Wie schnell das passiert, ist Sache der Finanz­industrie. Wer wird den nächsten Kohle­berg­bau finanzieren? Wer wird den Solar­park finanzieren, der den Kohle­berg­bau ersetzt? Es ist als Bank oder Investment­firma für die Reputation immer schwieriger geworden, ein Kohle­vor­haben zu finanzieren. Die Kapital­beschaffungs­möglichkeiten für CO2-intensive Industrien werden kleiner und kleiner. Daher spielt der Finanz­sektor eine zentrale Rolle in der Bekämpfung des Klima­wandels.

John E. Morton
© Peter Gwiazda

John E. Morton

Der US-Amerikaner John E. Morton lebt in Washington, D.C. und ist Senior Fellow beim Global Energy Center des Atlantic Council.

ETFs (Exchange Traded Funds), die einen bestimmten Index wider­spiegeln, spielen in der Finanz­industrie eine sehr große Rolle. Welche Auswirkung haben diese Produkte auf die Bekämpfung des Klima­wandels?

Morton: Viele Bereiche unseres Lebens sind wie auf Tempomat gestellt. Unser Finanz­system verhält sich da ähnlich. ETFs laufen auf Auto­pilot, investieren automatisch in die erfolg­reichsten Unter­nehmen einer Region oder Branche. Diese aber sind in der Summe sehr klima­schädlich. Wenn wir nichts ändern, führt dies zu einem Temperatur­anstieg von vier oder fünf Grad. Das durch­schnittliche Investment-Port­folio ist somit nicht im Einklang mit dem Pariser Abkommen (Temperatur­anstieg deutlich unter zwei Grad, Anm. d. R.), sondern unter­stützt aktuell eine viel, viel wärmere Zukunft. Wenn wir als Gesellschaft unser Geld auf Tempomat in diesen Markt stecken, ist das Teil des Problems.

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Was kann man dagegen tun?

Morton: Es gab viel Share­holder- und Stake­holder-Aktivismus, der sich diesem Thema zugewandt hat. Etliche große Banken und Vermögens­verwalter*innen haben hart daran gearbeitet, ihren Kund*innen einen emissions­freundlichen Markt­index zu bieten.

Welche Auswirkungen hat das auf den einzelnen Privat­anleger oder die Anlegerin?

Morton: Vor sechs Jahren bin ich zu meiner Bank gegangen und habe gesagt, dass ich alle Industrien mit fossilen Brenn­stoffen aus meinem Portfolio haben wolle. Die haben mir gesagt, dass sie das nicht machen können, ich müsse mein Geld woanders hin­bringen. Und so haben meine Frau und ich das gemacht. Wir sind zu einem kleinen Finanz­partner gegangen, der in nach­haltige Produkte investiert. Das war wie gesagt vor sechs Jahren. Vor sechs Monaten waren wir wieder bei unserer ehemaligen Bank. Sie hatte Dutzende nach­haltige und fossil­freie Produkte anzubieten. Wir sehen also eine schnelle, wenn­gleich noch zu langsame Antwort der Finanz­industrie, die weiß, dass ihre Kund*innen emissions­arme oder emissions­lose Investment­optionen wollen. Auf institutioneller Ebene beobachten wir, dass sich die großen Indizes, MSCI, der Dow Jones Industrials, der S&P 500 und Co., noch zu sehr auf klima­schädliche Unternehmen fokussieren. Ich glaube aber fest daran, dass diese Indizes in den nächsten zwei oder drei Jahren viel umwelt­freundlicher werden. Im Januar hat BlackRock, der größte Vermögens­verwalter der Welt (sechs Billionen Dollar, Anm. d. R.), angekündigt, klima­neutrale Investments in den Fokus zu stellen. Das heißt, dass das Standard­investment­produkt Schritt für Schritt ein nach­haltiges werden wird. Man investiert nicht in den Markt, wie er ist, sondern in den Markt, wie er sein sollte.

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Was ist die systemische Konsequenz daraus?

Morton: Es ist das genaue Gegenstück zu dem, was wir heute haben. Ein Markt, der auf Auto­pilot läuft, führt dazu, dass Vermögens­werte, die keine Zukunft haben, über­bewertet sind. Die Menge an Kapital, die über Indizes in umwelt­schädliche Unter­nehmen fließt, bleibt hoch. Dabei ist es keine Frage, ob wir uns von hoch­gradig CO2-lastigen Unter­nehmen verabschieden müssen, sondern wann – und wie schnell. Und ich glaube, die Antwort wird sein: sehr schnell. Weil das Standard­investment für Kund*innen ein klima­neutrales oder zumindest ein im Einklang mit dem Pariser Abkommen stehendes Portfolio sein wird.

Sind damit nicht neue Risiken verbunden?

Morton: Wir müssen das jetzige Risiko in unseren aktuellen Portfolios erkennen. Die Menschen konzentrieren sich auf das Risiko des Über­gangs zu einer emissions­armen Wirtschaft. Das Risiko, diesen Schritt nicht zu tun, ist jedoch viel höher. In unseren aktuellen Portfolios sind emissions­reiche Unternehmen deutlich über­bewertet, da sich das finanzielle Risiko von Kohlen­dioxid noch nicht in den Aktien­kursen wider­spiegelt. Früher oder später, und ich glaube früher, werden diese Risiken erkannt, und die Aktien­kurse werden sich schnell anpassen. Die Frage ist daher: Wie und wann werden wir diesen Schritt gehen? Denn es wird große Anpassungen geben!

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Welches politische Umfeld muss es für eine klima­freundliche Finanz­industrie geben?

Morton: Niemals zuvor hatten wir eine Konvergenz der Signale von Regierungen und subnationalen Verwaltungs­ebenen einer­seits und Markt­akteuren und -akteurinnen anderer­seits. Wir sind inmitten einer Transition zu einer emissions­armen Wirtschaft. Daraus resultiert: Wer in einer emissions­reichen Wirtschaft agiert, wird unter wachsendem, finanziellem Druck stehen. Wir sehen aktuell in den USA unter der Trump-Administration ein Zurück­rudern bei umwelt­politischen Fragen. Trotzdem gab es in den vergangenen drei Jahren eindeutig ein Erstarken von klima­neutralen Unter­nehmen und ein Abschwächen von kohlen­dioxid-intensiven Industrien, schneller noch als unter Obama. Der Markt über­nimmt hier schnell und, wie ich finde, in die richtige Richtung.

Sind Märkte im Kampf gegen den Klima­wandel also wichtiger als Regierungen?

Morton: Die Märkte haben auf Signale reagiert, die von Regierungen rund um den Globus gesendet wurden. Wenn Sie zum Beispiel ein deutscher Auto­mobil­bauer sind, wollen Sie dann wirklich Ihren Etat für Forschung und Entwicklung dafür verschwenden, die nächste Generation von Verbrennungs­motoren zu entwerfen? Auf keinen Fall! Es ist klar, dass die politische Richtung ist: CO2 wird bepreist – und wird teurer werden. Die Auto­bauer*innen müssen also nach vorne schauen, nicht nach hinten. Das machen Märkte auch, sie schauen nach vorne. Aber sie funktionieren am besten mit klaren Signalen und Regulierungen vonseiten der Politik.

Glauben Sie also, dass es zu einer inter­nationalen Besteuerung von CO2-Emissionen kommen wird?

Morton: Ich glaube, wenn, dann wird es lange dauern, bis es einen inter­nationalen Preis für CO2-Ausstoß geben wird. Ich weiß noch nicht einmal, ob es jemals einen welt­weiten Preis für CO2 geben wird. Ich glaube aber auch nicht, dass das nötig ist. Was wir jetzt schon sehen: Länder und Regionen führen erfolg­reich einen CO2-Handel ein. Solche regionalen Maßnahmen sind sehr wirksam. Sie beeinflussen das Konsumenten­verhalten und die Investment­entscheidungen in Märkten. In Teilen der USA zum Beispiel haben wir einen sehr aktiven Emissions­handel seit nunmehr fast 20 Jahren. Wir sehen also, dass schon heute Regionen den CO2-Ausstoß bepreisen. Diese Anstrengungen sind wirklich erfolgreich, weil sie das Investment­verhalten verändert haben.

Als Mercator-Fellow 2017/18 gingen Sie an der Handels­hoch­schule Leipzig der Frage nach, wie Welt­wirtschaft und Klima­schutz vereinbart werden können. Sie kennen also die Bundes­republik. Welche Rolle spielt Deutschland im Kampf gegen den Klima­wandel?

Morton: Zuallererst: Die Welt muss der Bundes­republik dankbar sein für die Rolle, die sie darin gespielt hat, schnell und dramatisch die Kosten für Solar­energie zu senken. Es waren deutsche Gesetze, die die inner­staatliche Nach­frage nach Solar­technologie angekurbelt haben und somit dafür gesorgt haben, dass die Preise für Solar­panels welt­weit gesunken sind. Zweitens: Es ist sehr schwer, eine kohle­intensive Wirtschaft klima­neutral umzugestalten, wenn man gleich­zeitig die Nuklear­werke vom Netz nimmt. Das ist keine Kritik, nur eine Feststellung. Ich hoffe aber, dass Deutschland die Ziele der Kohle­kommission viel schneller umsetzen wird als vor­gesehen. Der Rest Europas braucht Deutschland, um eine weitaus wichtigere Rolle im Kampf gegen den Klimawandel zu spielen.

Mercator Fellowship-Programm

Das Mercator Fellowship-Programm bietet seinen Stipendiat*innen den Freiraum, sich explorativ und ideen­reich einem Forschungs- oder Praxis­vorhaben zu widmen.

www.stiftung-mercator.de