Wie Corona die Wissenschafts-
kommunikation verändert

Autor: Matthias Klein 16.11.2020

In der Coronakrise steht die Wissenschaft im Zentrum des Interesses. Der Versuch, Wissenschaftler*innen wegen unliebsamer Entscheidungen zu diskreditieren, sei gescheitert, sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Die Virologie könne nun etwas von der Klimaforschung lernen.

In der Coronakrise stehen wissenschaftliche Erkenntnisse ganz besonders im Fokus der Berichterstattung. Was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation generell, Herr Edenhofer?

Ottmar Edenhofer: Politik ist ohne wissenschaftliche Erkenntnisse nicht handlungsfähig. Erst durch die Wissenschaft werden für die Entscheidungsträger die Optionen deutlich. Dabei informiert die Wissenschaft nicht nur über die „Fakten“, denn bereits in der Darstellung von Handlungsoptionen wird über deren Kosten, Nutzen und Risiken diskutiert, es geht hier also um „Werte“.

Insofern sind Fakten und Werte miteinander verwoben. Und dies war in der Coronakrise Ansatzpunkt für Kritik an der Wissenschaft: Jene, die mit den politischen Entscheidungen nicht einverstanden waren, versuchten Wissenschaftler*innen zu diskreditieren. Das ist jedoch aus meiner Sicht bisher nicht gelungen. Denn Wissenschaft und Politik haben das Entscheidungsproblem der Politik transparent gemacht und öffentlich sachlich diskutiert. Eine Regierung kann Maßnahmen nur umsetzen, wenn sie sich dafür auch die Mehrheiten beschaffen kann. Und Fachleute sollen eben Optionen ausleuchten, aber sich nicht zu Ersatzpolitiker*innen aufschwingen. Dieser Verantwortung sind nicht nur viele Einzelpersonen gerecht geworden, sondern mit öffentlichen Stellungnahmen auch die Akademien und Wissenschaftsgesellschaften.

© MCC

Auch der Prozess wissenschaftlichen Arbeitens ist Thema in den Medien. Was glauben Sie, wird das die Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse dauerhaft verändern?

Edenhofer: Ja, ich denke, das ist tatsächlich der Fall. Die Öffentlichkeit erlebt in dieser dramatischen Zeit, dass zu Wissenschaft auch die permanente konstruktive Kritik gehört, der strukturierte Zweifel an Forschungsergebnissen – dass Wissenschaft eben genau durch diesen Prozess funktioniert und ohne ihn gar nicht möglich ist. Wissenschaftliche Erkenntnis ist prinzipiell vorläufig, korrigierbar. Die Politik muss handeln, Mehrheiten beschaffen, Entscheidungen fällen trotz großen Risikos und beträchtlicher Unsicherheiten. Wenn sie auf wissenschaftlicher Evidenz basiert, was ja nicht nur in der Coronakrise wichtig ist, dann muss auch die Politik prinzipiell offen sein für Lernen und für das Revidieren von Entscheidungen.

Wie können Politik und Medien damit umgehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse unsicher sind und immer wieder revidiert werden?

Edenhofer: Der bedeutende Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch hat in seinem Werk „The Nerves of Government“ geschrieben, nur der Mächtige müsse nicht lernen, weil er die Irritationen von Erkenntnis ausblenden könne. Donald Trump war ja genau darauf stolz, dass er vermeintlich diese Irritationen ignorieren konnte, das verlieh ihm scheinbare Macht. Aber Demokratien sind gerade deshalb so leistungsfähig, weil sie die verändernde Wirkung von Erkenntnis und Wirklichkeit nicht verdrängen können, sondern zulassen müssen und wollen. Das gilt auf der ökonomischen Ebene übrigens auch für Marktwirtschaften. Diesen Vorteil müssen wir sehr viel besser nutzen. Wir sollten uns die Frage stellen: Wie können wir unsere Systeme noch lernfähiger machen?

Politik kann immer nur unter Unsicherheit und Risiko entscheiden. Sie darf von der Wissenschaft verlangen, dass sie das anerkennt.

Sie haben langjährige Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation. Was ist in der Coronakrise zentral für gute Kommunikation?

Edenhofer: Eine rationale Arbeitsteilung zwischen Politik und Wissenschaft. Wissenschaftler*innen sollten nicht Wissen vortäuschen, über das sie nicht verfügen – auch dann nicht, wenn die Politik sie dazu drängt. Sie sollten Unsicherheiten und Risiken klar darstellen; vor allem sollten sie zugeben, dass sie weniger wissen, als für eine zweifelsfreie Entscheidung notwendig wäre. Politik kann immer nur unter Unsicherheit und Risiko entscheiden. Sie darf von der Wissenschaft verlangen, dass sie das anerkennt und sich bemüht, auf ihre noch offenen Fragen zu antworten. Und sowohl die Wissenschaft als auch die Politik können diese Zusammenhänge einer breiten Öffentlichkeit zumuten. Es ist doch erstaunlich, wie stark das Interesse der Öffentlichkeit an der Rolle der Wissenschaft zugenommen hat.

Sie kommunizieren Erkenntnisse der Klimawandel-Forschung. Was kann dieses Themenfeld aus der Kommunikation rund um die Coronakrise lernen?

Edenhofer: Ähnlich wie die Virologie berät auch die Klimaforschung Politik. Sie macht das schon sehr lange und hat da auch Innovationen hervorgebracht, wie etwa den Weltklimarat IPCC: Hier stellt die internationale Wissenschaftsgemeinschaft den Sachstand zur Klimaforschung zusammen und zeigt Optionen auf, wie man die gefährliche Erderwärmung begrenzt. Erst vor kurzem hat der Weltbiodiversitätsrat vorgeschlagen, dass man ein ähnliches Panel auch dazu einrichten sollte, um einerseits das Risiko des Ausbruchs von Pandemien zu verhindern und andererseits effektiver darauf zu reagieren. Das finde ich eine ausgezeichnete Idee. Sie sehen, ich bin hier etwas unbescheiden. Ich glaube, dass die Virologie von der Klimaforschung lernen kann.

© Getty Images

In Ihrem Bereich ist eine Besonderheit zu beobachten: Die Aktivist*innen von fridaysforfuture berufen sich bei ihren Forderungen ausdrücklich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Was bedeutet das für die Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse?

Edenhofer: Wenn sich soziale Bewegungen, NGOs oder auch politische Entscheidungsträger auf die Wissenschaft berufen, können sie damit zwei sehr unterschiedliche Motive verfolgen: Entweder legen sie Wert darauf, dass ihre Forderungen mit dem wissenschaftlichen Sachstand vereinbar sind – oder aber sie verlangen von der Wissenschaft eindeutige Aussagen, um damit ihre Schlagkraft in der politischen Debatte zu erhöhen. Das erste Motiv ist rational, das zweite Motiv ist gefährlich. Wenn fridaysforfuture beispielsweise die Klimaneutralität von Deutschland bis 2035 fordert und sagt, laut der Wissenschaft folge das zwingend aus dem Weltklimaabkommen von Paris, dann ist das so nicht richtig.

Denn man muss hier eine relativ komplexe Kette von Schlussfolgerungen aufbauen, in die gleichermaßen wissenschaftliche Erkenntnisse und Wertentscheidungen einfließen. So kann die Wissenschaft zwar ein globales Kohlenstoffbudget formulieren, um die 1,5-Grad-Grenze mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einzuhalten. Aber mit dem Abkommen von Paris wären auch 1,8 Grad vereinbar; damit würde sich das globale Kohlenstoffbudget um mehrere hundert Gigatonnen erhöhen. Und um davon wiederum ein Kohlenstoffbudget für Deutschland abzuleiten, muss man eine zusätzliche Annahme zur Verteilung treffen – sie lautet in diesem Fall, dass jedem Erdenbürger ein gleiches Kohlenstoffbudget zusteht. Das ist eine Wertentscheidung, zu der die Naturwissenschaft nichts beizutragen hat. Es zeigt sich eben, dass die Wissenschaft hier nicht zu eindeutigen Urteilen kommen und Politik nicht ersetzen kann. Wenn Deutschland erst bis 2050 klimaneutral werden würde, wäre das immer noch mit dem Paris-Abkommen vereinbar.

Viele Politiker und NGOs wollen eine Autorität der Wissenschaft für ihre Entscheidungen in Anspruch nehmen, die man der der Physik des 19. Jahrhunderts noch zugestanden hätte, als ihr der erkenntnistheoretische Schock der Relativitäts- und Quantentheorie noch bevorstand. Entscheidungen und Handlungen lassen sich aber nicht auf Physik reduzieren und sind mit dem Instrumentarium der Physik allein nicht zu verstehen. Hierzu sind die Sozial- und Verhaltenswissenschaften notwendig. Diese interdisziplinäre Perspektive stärkt die Autorität der Wissenschaft, weil sie Wissenschaft vor einer trügerischen Sicherheit bewahrt.

In der Coronakrise sind die Konsequenzen politischen Handelns für jeden unmittelbar zu spüren. Wie sehen Sie das, wird sich das auf die Aktionen gegen die Klimakrise auswirken?

Edenhofer: Das ist schwer zu sagen. Die Coronakrise hat Regierungen einem Stresstest ausgesetzt, und vor den Augen der Weltöffentlichkeit wird die Performance der Regierungen nun bewertet. Damit sind der Systemvergleich und der Systemwettbewerb in eine neue Phase eingetreten. Man wird in Zukunft fragen: Welche Regierungssysteme sind in der Lage, mit der Klimakrise, den Pandemien und anderen existentiellen Risiken umzugehen? Die nächste Dekade wird von dieser Debatte geprägt sein.

Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)

Die Partnergesellschaft der Stiftung Mercator befasst sich mit den großen Heraus­forderungen des Klima­wandels und der Nutzung globaler Gemein­schafts­güter. Ihre Forschung ist vor allem in den Wirtschafts- und Sozial­wissenschaften beheimatet. Das MCC bietet wissenschaftliche Beratung und möchte relevante Problem­lösungen für die Politik identifizieren.
www.mcc-berlin.net


 

Logo Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change
Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change