„Sachsen-Anhalt ist ein Testfall für die Bundes­tags­wahl 2029“

Zwei Silhouetten zweier Menschen steigen eine Treppe herab
„Sachsen-Anhalt ist ein Testfall für die Bundes­tags­wahl 2029“
Autor: Philipp Nagels 25.08.2026

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Nach aktuellen Umfragen ist eine absolute Mehrheit für die AfD möglich. Die Amadeu Antonio Stiftung hat in einem Krisenszenario analysiert, welche Folgen eine AfD-Allein­regie­rung für Institu­tionen und die Zivil­gesell­schaft haben könnte. Der geschäfts­führende Vorstand Timo Reinfrank erläutert die Überlegungen des Papers – und warum die Wahl über das Bundesland hinausweist.

AufRuhr: Herr Reinfrank, wie realistisch ist eine AfD-Alleinregierung in Sachsen-Anhalt?
Timo Reinfrank: Die Kernannahme unseres Krisenszenarios ist, dass in Sachsen-Anhalt – anders als etwa in Thüringen – erstmals eine AfD-Alleinregierung möglich ist. Angesichts der Umfragen und der politischen Dynamik halte ich das im Moment für sehr wahrscheinlich. Wenn die AfD 41 Prozent erreicht und mehrere Parteien an der Fünfprozenthürde scheitern, kann das reichen. Denkbar ist auch, dass das Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit (BSW) eine AfD-Minderheitsregierung im Landtag duldet oder Abgeordnete anderer Parteien nach der Wahl zur AfD-Fraktion übertreten.

Alles, was jetzt in Sachsen-Anhalt an Wahlstrategien ausprobiert wird, kann uns auch auf Bundesebene begegnen.

Ein Portraitbild von Timo Reinfrank
© Peter van Heesen

Timo Reinfrank ist geschäftsführender Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung. Er studierte Politik- und Sozial­wissen­schaften in Berlin und Bonn und ist seit 2001 für die Stiftung tätig. Darüber hinaus engagiert sich Reinfrank in verschiedenen zivil­gesell­schaft­lichen Netz­werken und Organi­sationen für Demo­kratie­ent­wicklung, Menschen­rechte und demokra­tische Kultur. Er ist unter anderem Vorsitzender des Vereins für Demo­kratische Kultur in Berlin und einer der Sprecher der Bundes­arbeits­gemein­schaft Demo­kratie­entwicklung (BAGD).

Warum hat die Amadeu Antonio Stiftung ein solches Paper veröffentlicht?
Wir wollen mit unserem Szenario keine Angst schüren, sondern Zeit zur Vorbereitung geben und eine öffentliche Debatte auslösen. Sachsen-Anhalt ist für uns ein Testfall für die Bundestagswahl 2029: Alles, was jetzt in Sachsen-Anhalt an Wahlstrategien ausprobiert wird, kann uns auch auf Bundesebene begegnen.

Szenario: Sachsen-Anhalt in den Händen der AfD

Was passiert, wenn die AfD nicht mehr in der Opposition ist, sondern mit programmatischer Gestaltungsmacht tatsächlich ein Bundesland regiert?

Die Amadeu Antonio Stiftung hat dazu ein ausführliches Krisenszenario veröffentlicht.

Warum wird in dem Szenario nur die AfD untersucht – und nicht auch das BSW oder die Linke?
Der AfD-Landesverband wird nicht nur von uns, sondern auch vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Auf Bundesebene wird ein Verbotsverfahren diskutiert. Das gilt für keine andere Partei. Das BSW ist schwer einzuschätzen und in Sachsen-Anhalt noch eine Blackbox. Aber wir sehen beim BSW weder eine vergleichbare Machtoption noch eine ähnlich enge Verbindung zu extremistischen Szenen. Die Linke sehe ich nicht in der Nähe verfassungsfeindlicher Bestrebungen.

Ein Wahlkampfstand der AfD auf einem öffentlichen Platz
Welche Folgen eine solche Regierung für Institutionen, Zivilgesellschaft und gesellschaftliche Vielfalt haben könnte, untersucht die Amadeu Antonio Stiftung in einem Krisenszenario. © Getty Images

Welche Handlungsoptionen einer AfD-Landesregierung machen Ihnen Sorgen, und wo setzen Recht und Verfassung Grenzen?
Viele Wahlkampfversprechen kann die AfD rechtlich nicht umsetzen, etwa das der „Remigration“. Das liegt unter anderem daran, dass Abschiebungen vom Bund und nicht von den Ländern umgesetzt werden. Ernst nehmen sollten wir jedoch Vorhaben in den Bereichen Bildung, Kultur und vor allem innere Sicherheit. Die AfD möchte zum Beispiel den kleinen Waffenschein abschaffen, der nötig ist, um Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen verdeckt führen zu können. Das kann sie als Landesregierung nicht, aber sie könnte entsprechende Kontrollen weniger konsequent durchführen. Wenn zugleich über eine Bürgerpolizei oder Milizen gesprochen wird, sehe ich die Gefahr, dass rechtsextreme Szenen ermutigt werden, das Recht künftig selbst in die Hand zu nehmen.

Was würde sich für Geflüchtete und Menschen mit Einwanderungsgeschichte ändern?
Ich glaube, die AfD würde diesen Menschen das Leben so schwer machen, dass sie am Ende freiwillig gehen: durch Inhaftierung, Arbeitszwang, verzögerte Zahlungen oder eine generell schlechtere Versorgung. Ich habe aus den USA Bilder von brutalen Festnahmen durch Beamt*innen der Einwanderungsbehörde ICE vor Augen, die auch bei groben Verstößen von der Trump-Regierung gedeckt werden. Die AfD schaut auf ICE und sagt: Das ist unser Vorbild.

Welche Folgen könnte eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt für Schulen und Hochschulen haben?
Sie könnte Lehrpläne verändern und verbindlich vorgeben, welche historischen Themen wie behandelt werden. Lehrkräfte hätten dann auch bei einer klar demokratischen Haltung nur begrenzte Spielräume. Der Nationalsozialismus könnte weniger negativ dargestellt oder dessen Gräueltaten relativiert werden, auch wenn der Paragraph gegen Volksverhetzung aus dem Strafgesetzbuch dem Grenzen setzt. Das würde ganze Generationen prägen. Einzelne AfD-Abgeordnete sprechen sich zudem für einen Flaggenappell oder für das Singen der Nationalhymne in der Schule aus. An Hochschulen sehe ich schon heute eine vorauseilende Anpassung: Aus Sorge vor Konflikten mit einer möglichen AfD-Landesregierung wird für Bereiche wie Frauenförderung teils weniger Geld beantragt.

Die Politikerin Sarah Wagenknecht spricht auf einer Bühne
In Sachsen-Anhalt könnte das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) nach der Wahl eine wichtige Rolle bei der Regierungsbildung spielen. © Getty Images

Wie steht es um Zivilgesellschaft, Vereine und Kultur?
Dieser Bereich wird unterschätzt. Hier könnten Förderungen gestrichen und Einrichtungen umstrukturiert werden. Demokratische Organisationen ließen sich durch fortgesetzte Prüfungen und Kontrollen unter Druck setzen, bis die Verantwortlichen aufgeben. In Österreich hat die FPÖ bereits versucht, die pluralistische Träger­land­schaft zurückzu­drängen und mit staatlichen Mitteln eine eigene rechtsextreme Zivil­gesellschaft aufzubauen.

Die Zivilgesellschaft kann auf Konsequenzen hinweisen, aber sie kann Parteien den Wahlkampf nicht abnehmen.

Welche Handlungs­möglich­keiten hätten Bund und Länder im Falle einer AfD-Alleinregierung?
Die Bundesregierung könnte über Programme wie „Demokratie leben!“ zivilgesellschaftliche Strukturen stärker unterstützen als bisher. Derzeit hängt das Programm vielerorts von Kommunen und Landes­regierungen ab. Sie könnte zudem über Kräfte der Bundes­polizei Schutzräume für Personen und Organisationen schaffen, die unter Druck geraten sind. Wichtig wäre es, die Abstimmungs­regeln in den Fach­minister­konferenzen der Bundesländer zu überprüfen. Gerade bei Fragen wie der Verteilung von EU-Agrar­mitteln können einzelne Länder Entscheidungen erheblich verzögern. Ich glaube, es würde der AfD dort vor allem um Destruktion und darum gehen, demokratische Institutionen und Akteure vorzuführen. Die Wissen­schafts­minister­konferenz ist bereits mit gutem Beispiel vorangegangen: In besonderen Fällen reicht nun eine Mehrheit von 13 Ländern aus, um Entscheidungen zu treffen.

Banner und Plakate mit Botschaften gegen AfD und Rechtsruck hängen an einem Bauzaun
Für Demokratie und Vielfalt auf der Straße: Menschen und Organisationen in Sachsen-Anhalt und bundesweit setzen mit ihren Protesten ein Zeichen gegen den Rechtsruck. © Getty Images

Wie sollten sich demokratische Parteien und die Zivilgesellschaft vor der Wahl aufstellen?
Die AfD wird immer noch unterschätzt. Sie ist kein normaler Wettbewerber mehr und spielt nicht mehr nach den Regeln der Demokratie. Während andere Parteien sechs Wochen vor einer Wahl mobilisieren, macht sie längst Dauerwahlkampf – auf Marktplätzen, Wochenmärkten und im digitalen Raum. Die Zivilgesellschaft kann auf Konsequenzen hinweisen, aber sie kann Parteien den Wahlkampf nicht abnehmen. Parteien müssen langfristiger denken, stärkere Kampagnen fahren und Menschen besser schützen, die für sie kandidieren wollen.

Wäre ein AfD-Verbotsverfahren noch möglich, wenn die Partei Sachsen-Anhalt allein regiert?
Ein Verbot wäre dann natürlich schwieriger, aber nicht unmöglich. Das Hauptproblem ist der politische Wille: Viele Politiker*innen, gerade in Teilen der Union, zögern, auch weil sie fürchten, damit noch mehr Wähler*innen an die AfD zu verlieren. Ein Verbotsverfahren ist legitim und möglich, aber es dauert Jahre. Deshalb kann es keine kurzfristige Antwort sein. Für die nächsten Jahre brauchen wir eine breitangelegte Strategie, um der AfD etwas entgegenzusetzen.

Was gibt Ihnen trotz allem Zuversicht?
Es gibt ein falsches Bild: Da steht nicht der Faschismus 2.0 vor der Tür. Aber die AfD wird unserem Land eine sehr viel autoritärere und durchaus völkisch-nationalistischere Prägung geben. Gleichzeitig gibt es in Sachsen-Anhalt und bundesweit viele engagierte Menschen und Organisationen, die unsere Demokratie stärken wollen. Auch wenn uns langsam die Zeit davonläuft, glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.


„Krisenszenario Sachsen-Anhalt“

Das „Krisen­szenario Sachsen-Anhalt“ hat die Amadeu Antonio Stiftung auf eigene Initiative erarbeitet und veröffentlicht. Die Analyse stützt sich auf AfD-Programme, parla­menta­rische Anträge und öffentliche Aussagen von AfD-Vertre­ter*innen sowie auf interna­tionale Beispiele autoritärer Regierungs­praxis. Die Stiftung Mercator hat das Krisen­szenario nicht gefördert.

www.amadeu-antonio-stiftung.de/szenario-sachsen-anhalt/