Bildung in Deutschland: Wer das System nicht kennt, verliert
Gute Bildung öffnet Türen – doch nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen darauf. Wenn Eltern das Schulsystem kaum kennen und sprachliche Hürden dazukommen, beginnt die Schullaufbahn oft mit einem Nachteil. Songül Kavut und Florian Kutscher vom Projekt CHANCENfamily berichten, wie sie Eltern in Sachen Bildung empowern und warum kleine Aha-Momente Großes anstoßen können.
Herr Kutscher, wie ungerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Florian Kutscher: Es gibt eine große Ungleichheit zwischen Kindern aus akademischen und nicht akademischen Familien in unserem Bildungssystem. Der sogenannte Bildungstrichter zeigt, dass mit jeder Bildungsstufe weniger Kinder aus nicht akademischen Familien weiterkommen, während Kinder aus Akademikerhaushalten überproportional häufig höhere Abschlüsse erreichen. Auch wenn das Bildungsniveau in Deutschland in den vergangenen Jahren insgesamt angestiegen ist, bleibt diese Ungleichheit weiterhin bestehen.
(Quellen: „Trotz Akademisierungsschub immer noch ungleicher Zugang zur Hochschule“ des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW); „Fokus 2022“ der Technischen Universität Braunschweig.) © Pia Bublies
Frau Kavut, woran liegt das?
Songül Kavut: Ein Teil des Problems ist, dass es in unserem Bildungssystem die Erwartungshaltung gibt, dass sich Erziehungsberechtigte aktiv einbringen. Diese Erwartung ist jedoch nicht allen Erziehungsberechtigten klar. Hinzu kommen Sprachbarrieren und fehlendes Wissen über die vielen verschiedenen Schulformen oder Abschluss- und Wahlmöglichkeiten im deutschen Schulsystem, sodass sie den Bildungsweg ihrer Kinder nicht so einfach mitgestalten können.
Wo ist die Ungleichheit besonders stark zu spüren?
Songül Kavut: Besonders sensibel ist der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule, je nach Bundesland nach der vierten oder sechsten Klasse. Dort wird ein erster Scheideweg durchlaufen, bei dem die Schulformempfehlung eine Rolle spielt und die Schullaufbahn für die nächsten Jahre – zumindest vermeintlich – festgeschrieben wird. Einigen Erziehungsberechtigten fehlt das Bewusstsein für die möglichen Bildungswege. Sie wissen nicht immer, welche Schulform zu welchen Abschlüssen führt, welche Leistungen dafür erforderlich sind und dass eine Empfehlung nicht unbedingt bindend ist. Ohne dieses Wissen wird es schwierig, positiv auf die Entwicklung seines Kindes einzuwirken und es zu fördern.
Wie unterstützen Sie Eltern dabei, die Bildungschancen ihrer Kinder zu verbessern?
Songül Kavut: Damit Erziehungsberechtigte mit der Schule ihres Kindes in Kontakt treten können, brauchen sie Informationen, die sie verstehen. CHANCENfamily ist deshalb mehrsprachig unterwegs: Wir bieten Infomaterial in verschiedenen Sprachen an und haben mehrsprachige Mitarbeitende, die sich mit den Bildungssystemen anderer Länder auskennen. Neben der direkten Arbeit mit und in Schulen gehen wir auch an Orte, an denen Erziehungsberechtigte häufig anzutreffen sind, wie Familienzentren, Integrationskurse oder Eltern-Cafés. Wir bieten unsere Unterstützung niedrigschwellig an, beantworten Fragen und vermitteln Informationen zum deutschen Bildungssystem, bis wir das Gefühl bekommen, dass die Menschen das Wichtigste verstanden haben. Das sind dann die wunderbaren Aha-Momente, die wir suchen. Im weiteren Verlauf beobachten wir, dass sich die Erziehungsberechtigten tatsächlich stärker einbringen und unsere Folgeveranstaltungen besuchen.
Songül Kavut ist Erziehungswissenschaftlerin und seit 2012 für den Verein Chancenwerk tätig. Seit 2019 ist sie auch Mitglied der Geschäftsleitung. Neben der Personalführung leitet sie verschiedene Bildungsprojekte und unterstützt bei der Beschaffung von Fördermitteln. In den vergangenen Jahren war sie außerdem maßgeblich daran beteiligt, den Bereich der Geschäftsfeldentwicklung aufzubauen.
Welche Angebote bringen den größten Mehrwert für Familien?
Florian Kutscher: Mit unseren „Fahrplan“-Veranstaltungen – zum Beispiel „Fahrplan Schulsystem Klasse 5–7: Wie funktioniert die Sekundarschule?“ – leisten wir viel Aufklärungsarbeit zu den einzelnen Schulzeitabschnitten. In unserem Workshop „Mit Kindern über die Schule reden“ geben wir Erziehungsberechtigten Tipps und Tricks für offene und konstruktive Gespräche mit ihren Kindern. Außerdem versuchen wir zu vermitteln, dass es in unserem Bildungssystem wichtig ist, dass das Thema Schule im Elternhaus eine Rolle spielt und Erziehungsberechtigte sich zum Beispiel bei Elternsprechtagen einbringen.
Ein weiterer großer Mehrwert für die Familien ist das Netzwerk, das durch unsere Veranstaltungen entsteht. Wir sehen, dass es eine große Bereitschaft gibt, untereinander Informationen zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Kaum eine Veranstaltung vergeht, ohne dass Erziehungsberechtigte von ihrem Erfahrungsaustausch untereinander profitieren.
Florian Kutscher koordiniert seit 2024 das Projekt CHANCENfamily bei Chancenwerk. Es hat das Ziel, Diskriminierungsstrukturen im deutschen Bildungssystem abzubauen und Erziehungsberechtigte in ihrer Handlungskompetenz zu stärken. In seiner Tätigkeit verantwortet der Medienwissenschaftler die Konzeption sowie den strategischen Netzwerkausbau im Bereich der Elternarbeit im Ruhrgebiet und im Rheinland.
Was müsste sich im deutschen Bildungssystem ändern, um die Ungleichheit zu verringern?
Florian Kutscher: Unser Bildungssystem ist sehr komplex und unübersichtlich. Es gibt viele verschiedene Schulformen, Abschluss- und Wahlmöglichkeiten. Hinzu kommen Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Ein Elternabend reicht meist nicht aus, um die nächsten drei Jahre eines Bildungsweges zu erklären. Um das System zugänglicher zu machen, wäre es sinnvoll, die Zahl der aktuellen Schulformen zu reduzieren und diese zu vereinheitlichen. So würden auch Hierarchien, etwa zwischen Gymnasium und Gesamtschule, und Stigmatisierungen abgebaut. Helfen würde es auch, die Entscheidung über die weiterführende Schule weiter nach hinten zu verschieben und den Ausbau von offenen Schulformen voranzutreiben.
Wie möchten Sie das Angebot von CHANCENfamily künftig weiterentwickeln?
Songül Kavut: Bisher sind wir mit CHANCENfamily vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland unterwegs. Unseren Ansatz möchten wir gerne auch auf andere Regionen übertragen, aus denen bereits etliche Nachfragen kommen.
Florian Kutscher: Außerdem greifen wir neue Themen auf, wenn uns Eltern hier von Herausforderungen erzählen. Dazu gehören zum Beispiel Medienkompetenz, Cybermobbing und Diskriminierung im digitalen Raum oder Fake News. Eltern sind dankbar und bringen sich gut ein, wenn die Sachverhalte verständlich erklärt werden, die für das eigene Kind so wichtig sind. Manchmal reicht genau dieses eine Gespräch – und plötzlich wird aus Unsicherheit Handlungssicherheit.
Chancenwerk e. V.
Der gemeinnützige Verein Chancenwerk setzt sich mit verschiedenen Angeboten für faire Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen ein. Gegründet wurde der mittlerweile bundesweit agierende Verein 2004 von den Geschwistern Şerife Vural-Banik und Murat Vural, nachdem sie selbst negative Erfahrungen im deutschen Bildungssystem gemacht hatten. CHANCENfamily ist ein Angebot des Vereins, das sich an alle Erziehungsberechtigte richtet und sie mit mehrsprachigen Informationen und Veranstaltungen unterstützt. So können sie aktiv am Bildungsweg ihrer Kinder teilnehmen.
chancenwerk.de