Bildung in Deutsch­land: Wer das System nicht kennt, verliert

Beim Bildungsabschluss spielt die soziale Herkunft in Deutschland noch immer eine große Rolle.
Bildung in Deutsch­land: Wer das System nicht kennt, verliert
Autorin: Alexandra Wolters 03.03.2026

Gute Bildung öffnet Türen – doch nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen darauf. Wenn Eltern das Schul­system kaum kennen und sprachliche Hürden dazukommen, beginnt die Schul­lauf­bahn oft mit einem Nachteil. Songül Kavut und Florian Kutscher vom Projekt CHANCENfamily berichten, wie sie Eltern in Sachen Bildung empowern und warum kleine Aha-Momente Großes anstoßen können.

Herr Kutscher, wie ungerecht ist das deutsche Bildungs­system?

Florian Kutscher: Es gibt eine große Ungleichheit zwischen Kindern aus akademischen und nicht akademischen Familien in unserem Bildungs­system. Der sogenannte Bildungs­trichter zeigt, dass mit jeder Bildungs­stufe weniger Kinder aus nicht akademischen Familien weiter­kommen, während Kinder aus Akademiker­haushalten über­proportional häufig höhere Abschlüsse erreichen. Auch wenn das Bildungs­niveau in Deutschland in den vergangenen Jahren insgesamt angestiegen ist, bleibt diese Ungleichheit weiterhin bestehen.

Bildungstrichter Deutschland
Der Bildungstrichter zeigt, dass es Schüler*innen aus akademischen Haushalten wesentlich häufiger zu höheren Bildungsabschlüssen schaffen.
(Quellen: „Trotz Akademisierungsschub immer noch ungleicher Zugang zur Hochschule“ des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW); „Fokus 2022“ der Technischen Universität Braunschweig.)
© Pia Bublies

Frau Kavut, woran liegt das?

Songül Kavut: Ein Teil des Problems ist, dass es in unserem Bildungs­system die Erwartungs­haltung gibt, dass sich Erziehungs­berechtigte aktiv einbringen. Diese Erwartung ist jedoch nicht allen Erziehungs­berechtigten klar. Hinzu kommen Sprach­barrieren und fehlendes Wissen über die vielen verschiedenen Schul­formen oder Abschluss- und Wahl­möglichkeiten im deutschen Schul­system, sodass sie den Bildungsweg ihrer Kinder nicht so einfach mitgestalten können.

Wo ist die Ungleichheit besonders stark zu spüren?

Songül Kavut: Besonders sensibel ist der Übergang von der Grund­schule in die weiter­führende Schule, je nach Bundesland nach der vierten oder sechsten Klasse. Dort wird ein erster Scheide­weg durch­laufen, bei dem die Schul­form­empfehlung eine Rolle spielt und die Schul­lauf­bahn für die nächsten Jahre – zumindest vermeintlich – fest­geschrieben wird. Einigen Erziehungs­berechtigten fehlt das Bewusst­sein für die möglichen Bildungs­wege. Sie wissen nicht immer, welche Schulform zu welchen Abschlüssen führt, welche Leistungen dafür erforderlich sind und dass eine Empfehlung nicht unbedingt bindend ist. Ohne dieses Wissen wird es schwierig, positiv auf die Entwicklung seines Kindes einzuwirken und es zu fördern.

Wie unterstützen Sie Eltern dabei, die Bildungs­chancen ihrer Kinder zu verbessern?

Songül Kavut: Damit Erziehungs­berechtigte mit der Schule ihres Kindes in Kontakt treten können, brauchen sie Informationen, die sie verstehen. CHANCENfamily ist deshalb mehr­sprachig unterwegs: Wir bieten Infomaterial in verschiedenen Sprachen an und haben mehr­sprachige Mitarbeitende, die sich mit den Bildungs­systemen anderer Länder auskennen. Neben der direkten Arbeit mit und in Schulen gehen wir auch an Orte, an denen Erziehungs­berechtigte häufig an­zu­treffen sind, wie Familien­zentren, Integrations­kurse oder Eltern-Cafés. Wir bieten unsere Unter­stützung niedrig­schwellig an, beantworten Fragen und vermitteln Informationen zum deutschen Bildungs­system, bis wir das Gefühl bekommen, dass die Menschen das Wichtigste verstanden haben. Das sind dann die wunder­baren Aha-Momente, die wir suchen. Im weiteren Verlauf beobachten wir, dass sich die Erziehungs­berechtigten tatsächlich stärker einbringen und unsere Folge­veranstaltungen besuchen.

Songül Kavut
© Chancenwerk

Songül Kavut ist Erziehungs­wissen­schaftlerin und seit 2012 für den Verein Chancenwerk tätig. Seit 2019 ist sie auch Mitglied der Geschäfts­leitung. Neben der Personal­führung leitet sie verschiedene Bildungs­projekte und unter­stützt bei der Beschaffung von Förder­mitteln. In den vergangenen Jahren war sie außer­dem maßgeblich daran beteiligt, den Bereich der Geschäfts­feld­entwicklung aufzubauen.

Welche Angebote bringen den größten Mehrwert für Familien?

Florian Kutscher: Mit unseren „Fahrplan“-Veranstaltungen – zum Beispiel „Fahrplan Schul­system Klasse 5–7: Wie funktioniert die Sekundar­schule?“ – leisten wir viel Aufklärungs­arbeit zu den einzelnen Schul­zeit­abschnitten. In unserem Workshop „Mit Kindern über die Schule reden“ geben wir Erziehungs­berechtigten Tipps und Tricks für offene und konstruktive Gespräche mit ihren Kindern. Außerdem versuchen wir zu vermitteln, dass es in unserem Bildungs­system wichtig ist, dass das Thema Schule im Eltern­haus eine Rolle spielt und Erziehungs­berechtigte sich zum Beispiel bei Eltern­sprech­tagen einbringen.

Ein weiterer großer Mehrwert für die Familien ist das Netzwerk, das durch unsere Veranstaltungen entsteht. Wir sehen, dass es eine große Bereitschaft gibt, untereinander Informationen zu teilen und sich gegen­seitig zu unter­stützen. Kaum eine Veranstaltung vergeht, ohne dass Erziehungs­berechtigte von ihrem Erfahrungs­austausch unter­einander profitieren.

Florian Kutscher
© Chancenwerk

Florian Kutscher koordiniert seit 2024 das Projekt CHANCENfamily bei Chancenwerk. Es hat das Ziel, Diskriminierungs­strukturen im deutschen Bildungs­system abzubauen und Erziehungs­berechtigte in ihrer Handlungs­kompetenz zu stärken. In seiner Tätigkeit verantwortet der Medien­wissen­schaftler die Konzeption sowie den strategischen Netz­werk­aus­bau im Bereich der Eltern­arbeit im Ruhr­gebiet und im Rheinland.

Was müsste sich im deutschen Bildungs­system ändern, um die Ungleichheit zu verringern?

Florian Kutscher: Unser Bildungs­system ist sehr komplex und unübersichtlich. Es gibt viele verschiedene Schulformen, Abschluss- und Wahl­möglichkeiten. Hinzu kommen Unterschiede in den einzelnen Bundes­ländern. Ein Eltern­abend reicht meist nicht aus, um die nächsten drei Jahre eines Bildungs­weges zu erklären. Um das System zugänglicher zu machen, wäre es sinnvoll, die Zahl der aktuellen Schul­formen zu reduzieren und diese zu vereinheitlichen. So würden auch Hierarchien, etwa zwischen Gymnasium und Gesamt­schule, und Stigmatisierungen abgebaut. Helfen würde es auch, die Entscheidung über die weiter­führende Schule weiter nach hinten zu verschieben und den Ausbau von offenen Schul­formen voran­zu­treiben.

Wie möchten Sie das Angebot von CHANCENfamily künftig weiter­entwickeln?

Songül Kavut: Bisher sind wir mit CHANCENfamily vor allem im Ruhr­gebiet und im Rheinland unterwegs. Unseren Ansatz möchten wir gerne auch auf andere Regionen über­tragen, aus denen bereits etliche Nach­fragen kommen.

Florian Kutscher: Außerdem greifen wir neue Themen auf, wenn uns Eltern hier von Heraus­forderungen erzählen. Dazu gehören zum Beispiel Medien­kompetenz, Cyber­mobbing und Diskriminierung im digitalen Raum oder Fake News. Eltern sind dankbar und bringen sich gut ein, wenn die Sach­verhalte verständlich erklärt werden, die für das eigene Kind so wichtig sind. Manchmal reicht genau dieses eine Gespräch – und plötzlich wird aus Unsicherheit Handlungs­sicherheit.


Chancenwerk e. V.

Der gemeinnützige Verein Chancenwerk setzt sich mit verschiedenen Angeboten für faire Bildungs­chancen von Kindern und Jugendlichen ein. Gegründet wurde der mittler­weile bundes­weit agierende Verein 2004 von den Geschwistern Şerife Vural-Banik und Murat Vural, nachdem sie selbst negative Erfahrungen im deutschen Bildungs­system gemacht hatten. CHANCENfamily ist ein Angebot des Vereins, das sich an alle Erziehungs­berechtigte richtet und sie mit mehrsprachigen Informationen und Veranstaltungen unter­stützt. So können sie aktiv am Bildungs­weg ihrer Kinder teilnehmen.
chancenwerk.de