Wie gelingt der Einstieg in die Kommunalpolitik, Ilay Izmir?
Nur wenige Abgeordnete in deutschen Parlamenten haben eine Migrationsgeschichte: Im Bundestag machen sie rund 12 Prozent aus – bei einem Anteil von 30 Prozent an der Gesamtbevölkerung. In den Landtagen ist ihr Anteil mit rund 7 Prozent sogar noch niedriger. Seit den Kommunalwahlen im vergangenen Herbst in Nordrhein-Westfalen ist es eine Person mehr: Ilay Izmir sitzt ab sofort im Düsseldorfer Stadtrat. Wie hat sie es geschafft, als Kind einer Arbeiterfamilie mit türkischen Wurzeln in der Politik durchzustarten? AufRuhr hat sie zu ihrer ersten Ausschusssitzung begleitet und nachgefragt.
Düsseldorf. Ilay Izmir sitzt im Café eines Bekannten, lässt den Blick über die winterliche Rheinuferpromenade schweifen und nippt an einem Cappuccino. Die 32-Jährige hat es bei den Kommunalwahlen in NRW am 14. September 2025 für die Grünen in den Düsseldorfer Stadtrat geschafft. Jetzt, Ende November, wird es ernst: An diesem Nachmittag steht für die Juristin die erste Sitzung des Ausschusses für Wirtschaftsförderung, internationale und regionale Zusammenarbeit in der Stadt an. Aufgeregt? Ja, klar. Andererseits: „Wir müssen entspannt bleiben, schließlich müssen die Probleme gelöst werden“, sagt Izmir.
Vom Café sind es zu Fuß nur ein paar Minuten bis zum nordrhein-westfälischen Landtag, zu ihrem Arbeitsplatz. Dort ist sie seit gut anderthalb Jahren bei der Landesfraktion der Grünen als Referentin für Rechtspolitik und im Justiziariat angestellt, ihr Amt als Stadträtin übt sie ehrenamtlich aus. Doch wie begann ihre Karriere, die sie hierhin geführt hat?
Ilay Izmir ist Juristin und arbeitet als Referentin für Rechtspolitik im Landtag NRW. Die gebürtige Düsseldorferin studierte Jura in Münster mit Völker und Europarecht als Schwerpunkt. Im Herbst 2025 kandidierte sie erfolgreich für den Düsseldorfer Stadtrat und vertritt dort seitdem das Bündnis 90/Die Grünen. Sie setzt sich unter anderem für eine nachhaltige Wirtschaftsförderung und eine soziale Stadtplanung ein.
Von Düsseldorf in die weite Welt und wieder zurück
Ilay Izmir wurde in Düsseldorf als Tochter einer Arbeiterfamilie mit türkischen Wurzeln geboren. Ihre Großeltern mütterlicherseits kamen in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter*innen in die Landeshauptstadt und bauten sich dort ein neues Leben auf. „Meine Familiengeschichte hat mich geprägt, auch politisch. Außerdem habe ich einen starken Sinn für Gerechtigkeit – daher auch mein früher Wunsch, Jura zu studieren“, sagt sie. Im Gegensatz zu ihren Großeltern und Eltern sei sie recht privilegiert aufgewachsen: „Ich musste keine Opfer bringen, was ich sehr zu schätzen weiß.“ Seit dem Teenageralter beschäftigen sie gesellschaftspolitische Themen wie Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.
Meine Familiengeschichte hat mich geprägt, auch politisch. Außerdem habe ich einen starken Sinn für Gerechtigkeit.
In der Schule war Ilay Izmir überdurchschnittlich gut. Sie hat sogar eine Klasse übersprungen und bereits mit 17 Jahren Abi gemacht. Nach einem Auslandsjahr in Australien zog sie für das Jura-Studium nach Münster. Ihr Schwerpunkt: Völkerrecht, internationales und europäisches Recht – ein Studium, das viel Disziplin erfordert und wenig Zeit für Freund*innen und Vergnügen lässt. „Viel zu viel reine Büffelei“, sagt die junge Frau rückblickend. „Das Studium ist seit rund 150 Jahren unverändert, wirklich antiquiert. Deshalb gehen wahrscheinlich auch die Absolvent*innenzahlen runter.“ Umso mehr freut sie sich darüber, dass sie in ihrem jetzigen Job im Landtag zur Modernisierung des Studiengangs beitragen kann.
Diversify: Mach einfach!
Beim Stöbern in einem Business-Netzwerk stieß sie gegen Ende ihres Studiums auf das Diversify-Programm der Deutschlandstiftung Integration. Ilay Izmir bewarb sich und wurde angenommen. Ihr persönlicher Mentor für ein Jahr war Kassem Taher Saleh, der für die Dresdner Grünen im Bundestag und dort im Bauausschuss sitzt. „Seine Geschichte hat mich beeindruckt. Er kommt aus einer kurdischen Familie, die aus dem Irak fliehen musste, und ist in Sachsen groß geworden. Irgendwann hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und ist kurz darauf in den Bundestag eingezogen.“
Mit Saleh hatte Ilay Izmir einen Gleichaltrigen an ihrer Seite – und eine Person mit Migrationsbiografie, mit der sie ähnliche Perspektiven teilt. Von Saleh lernte sie zum Beispiel, welche Schritte bis zu einer Kandidatur zu gehen sind, dass es dabei vielerlei Absprachen zu treffen gilt und auch parteiintern Leute überzeugt werden müssen. Außerdem stellte Saleh ihr immer wieder zwei Fragen: „Was willst du eigentlich? Und warum?“ Gerade in politisch schwierigen Zeiten wie heute sei das gar nicht so einfach zu beantworten, sagt Izmir. Doch ihr ist klar: „Ich will Menschen helfen – dafür bin ich in der Politik.“
Der Austausch mit Saleh trug Früchte: Ohne das Diversify-Programm hätte sie sich nicht für die Kommunalwahl aufstellen lassen, erklärt Ilay Izmir. Noch fällt es der frischgebackenen Ratsfrau schwer, den Wechsel von der privaten zur öffentlichen Person zu bewältigen – aber sie wird es lernen, da ist sie sich sicher. Schließlich hatte ihr Mentor auch dazu einen wichtigen Tipp auf Lager: „Mach einfach!“
„Diesen krassen Unterschied auszuhalten, musste ich erst lernen“
Der direkte Austausch mit den Menschen vor Ort ist ihr wichtig. In Oberbilk-Ost, einem Stadtteil direkt hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, leben viele Menschen mit Migrationsgeschichte. Einige Straßen sind für ihre hohe Dichte an arabischen und türkischen Geschäften bekannt. Heute ist das Viertel auch studentisch geprägt und hier und da ein wenig gentrifiziert. „Ich komme dort gut mit den Leuten ins Gespräch“, erzählt sie. Herausgefordert hat sie etwas ganz anderes. „Es war anfangs ungewohnt, tagsüber mit Minister*innen in einem Raum zu sitzen und abends bei den Nachbar*innen meiner Oma, die von einer kleinen Rente leben müssen. Sie führen in derselben Stadt ein völlig anderes Leben und haben ganz andere Sorgen. Diesen krassen Unterschied auszuhalten, musste ich erst lernen. Viele meiner Freund*innen, die wie ich als Erste in ihrer Familie einen akademischen Beruf haben, leben in einem ähnlichen Spagat.“
Auch bei diesem Thema hat sie der Austausch mit Kassem Taher Saleh bestärkt und ermutigt. „Er konnte einige meiner Probleme verstehen, ohne dass ich sie groß erklären musste“, sagt Ilay Izmir. Eines Tages möchte sie ihre Erfahrungen gerne selbst als Mentorin weitergeben. „Als Mentorin lerne ich ja auch etwas von den Stipendiat*innen. So ein Programm wie Diversify ist ein Geben und Nehmen.“
Entschlossen fährt Ilay Izmir sich durch die dunklen Locken und steht auf. Während sie ihre Jacke anzieht, trinkt sie rasch den kalt gewordenen Cappuccino aus und verlässt das Café in Richtung Rathaus. Dort wird sich gleich der Ausschuss für Wirtschaftsförderung in neuer Besetzung konstituieren. Im holzvertäfelten Rathaus warten eine Menge Formalia wie die Feststellung der Beschlussfähigkeit oder die Bestellung der Schriftführung auf Izmir – auch das gehört zu ihrer ehrenamtlichen Arbeit als neu gekürte Ratsfrau dazu. Am nächsten Tag berichtet sie mit Erleichterung in der Stimme, dass alles gut gelaufen sei: „Es war, wie ich es mir vorgestellt habe – anders als im Landtag oder Bundestag.“ In Zukunft wolle sie sich noch mehr gegenüber den anderen Fraktionen positionieren. Sie bleibt zuversichtlich: „Ich werde mein Standing finden – damit die anderen Ratsleute wissen, wer ich bin und wofür ich stehe.“
Diversify
Diversify ist ein Programm der Deutschlandstiftung Integration, das von der Stiftung Mercator gefördert wird. Es soll die Repräsentationslücke gesellschaftlich benachteiligter junger Menschen in der deutschen Politik schließen. Neben einem Mentoringprogramm bietet Diversify finanzielle Unterstützung für Hospitationen bei politischen Amtsträger*innen. Über die Diversify-Academy können junge Menschen an Workshops und Trainings teilnehmen, die ihre berufliche und persönliche Entwicklung fördern. Darüber hinaus organisiert Diversify verschiedene Dialogformate rund um politische Repräsentation und Teilhabe.
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