Wie gelingt der Einstieg in die Kommunal­politik, Ilay Izmir?

Wie gelingt der Einstieg in die Kommunal­politik, Ilay Izmir?
Autorin: Bettina Brakelmann Fotos: Mika Volkmann 16.12.2025

Nur wenige Abgeordnete in deutschen Parlamenten haben eine Migrations­geschichte: Im Bundes­tag machen sie rund 12 Prozent aus – bei einem Anteil von 30 Prozent an der Gesamt­bevölkerung. In den Land­tagen ist ihr Anteil mit rund 7 Prozent sogar noch niedriger. Seit den Kommunal­wahlen im vergangenen Herbst in Nordrhein-Westfalen ist es eine Person mehr: Ilay Izmir sitzt ab sofort im Düsseldorfer Stadt­rat. Wie hat sie es geschafft, als Kind einer Arbeiter­familie mit türkischen Wurzeln in der Politik durch­zu­starten? AufRuhr hat sie zu ihrer ersten Ausschuss­sitzung begleitet und nach­gefragt.

Düsseldorf. Ilay Izmir sitzt im Café eines Bekannten, lässt den Blick über die winterliche Rhein­ufer­promenade schweifen und nippt an einem Cappuccino. Die 32-Jährige hat es bei den Kommunal­wahlen in NRW am 14. September 2025 für die Grünen in den Düssel­dorfer Stadt­rat geschafft. Jetzt, Ende November, wird es ernst: An diesem Nach­mittag steht für die Juristin die erste Sitzung des Ausschusses für Wirtschafts­förderung, inter­nationale und regionale Zusammen­arbeit in der Stadt an. Aufgeregt? Ja, klar. Andererseits: „Wir müssen entspannt bleiben, schließlich müssen die Probleme gelöst werden“, sagt Izmir.

Vom Café sind es zu Fuß nur ein paar Minuten bis zum nordrhein-westfälischen Landtag, zu ihrem Arbeits­platz. Dort ist sie seit gut andert­halb Jahren bei der Landes­fraktion der Grünen als Referentin für Rechts­politik und im Justiziariat angestellt, ihr Amt als Stadträtin übt sie ehrenamtlich aus. Doch wie begann ihre Karriere, die sie hierhin geführt hat?

© Mika Volkmann

Ilay Izmir ist Juristin und arbeitet als Referentin für Rechts­politik im Landtag NRW. Die gebürtige Düssel­dorferin studierte Jura in Münster mit Völker und Europa­recht als Schwerpunkt. Im Herbst 2025 kandidierte sie erfolg­reich für den Düssel­dorfer Stadt­rat und vertritt dort seitdem das Bündnis 90/Die Grünen. Sie setzt sich unter anderem für eine nach­haltige Wirtschafts­förderung und eine soziale Stadt­planung ein.

Von Düsseldorf in die weite Welt und wieder zurück

Ilay Izmir wurde in Düsseldorf als Tochter einer Arbeiter­familie mit türkischen Wurzeln geboren. Ihre Großeltern mütterlicher­seits kamen in den 1970er-Jahren als Gast­arbeiter*innen in die Landes­haupt­stadt und bauten sich dort ein neues Leben auf. „Meine Familien­geschichte hat mich geprägt, auch politisch. Außerdem habe ich einen starken Sinn für Gerechtigkeit – daher auch mein früher Wunsch, Jura zu studieren“, sagt sie. Im Gegensatz zu ihren Groß­eltern und Eltern sei sie recht privilegiert aufgewachsen: „Ich musste keine Opfer bringen, was ich sehr zu schätzen weiß.“ Seit dem Teenager­alter beschäftigen sie gesellschafts­politische Themen wie Menschen­rechte und soziale Gerechtigkeit.

Meine Familien­geschichte hat mich geprägt, auch politisch. Außerdem habe ich einen starken Sinn für Gerechtigkeit.

Ilay Izmir, Referentin für Rechts­politik im Landtag NRW

In der Schule war Ilay Izmir über­durch­schnittlich gut. Sie hat sogar eine Klasse über­sprungen und bereits mit 17 Jahren Abi gemacht. Nach einem Auslands­jahr in Australien zog sie für das Jura-Studium nach Münster. Ihr Schwerpunkt: Völker­recht, inter­nationales und europäisches Recht – ein Studium, das viel Disziplin erfordert und wenig Zeit für Freund*innen und Vergnügen lässt. „Viel zu viel reine Büffelei“, sagt die junge Frau rückblickend. „Das Studium ist seit rund 150 Jahren unverändert, wirklich antiquiert. Deshalb gehen wahrscheinlich auch die Absolvent*innen­zahlen runter.“ Umso mehr freut sie sich darüber, dass sie in ihrem jetzigen Job im Landtag zur Modernisierung des Studien­gangs beitragen kann.

Am Rheinufer in Richtung Zukunft: AufRuhr hat Ilay Izmir einen Tag lang begleitet. © Mika Volkmann

Diversify: Mach einfach!

Beim Stöbern in einem Business-Netzwerk stieß sie gegen Ende ihres Studiums auf das Diversify-Programm der Deutschland­stiftung Integration. Ilay Izmir bewarb sich und wurde angenommen. Ihr persönlicher Mentor für ein Jahr war Kassem Taher Saleh, der für die Dresdner Grünen im Bundestag und dort im Bau­aus­schuss sitzt. „Seine Geschichte hat mich beeindruckt. Er kommt aus einer kurdischen Familie, die aus dem Irak fliehen musste, und ist in Sachsen groß geworden. Irgend­wann hat er die deutsche Staats­bürger­schaft angenommen und ist kurz darauf in den Bundes­tag eingezogen.“

Mit Saleh hatte Ilay Izmir einen Gleich­altrigen an ihrer Seite – und eine Person mit Migrations­biografie, mit der sie ähnliche Perspektiven teilt. Von Saleh lernte sie zum Beispiel, welche Schritte bis zu einer Kandidatur zu gehen sind, dass es dabei vielerlei Absprachen zu treffen gilt und auch parteiintern Leute überzeugt werden müssen. Außerdem stellte Saleh ihr immer wieder zwei Fragen: „Was willst du eigentlich? Und warum?“ Gerade in politisch schwierigen Zeiten wie heute sei das gar nicht so einfach zu beantworten, sagt Izmir. Doch ihr ist klar: „Ich will Menschen helfen – dafür bin ich in der Politik.“

Der Austausch mit Saleh trug Früchte: Ohne das Diversify-Programm hätte sie sich nicht für die Kommunal­wahl aufstellen lassen, erklärt Ilay Izmir. Noch fällt es der frisch­gebackenen Rats­frau schwer, den Wechsel von der privaten zur öffentlichen Person zu bewältigen – aber sie wird es lernen, da ist sie sich sicher. Schließlich hatte ihr Mentor auch dazu einen wichtigen Tipp auf Lager: „Mach einfach!“

Bevor der Wirtschaftsausschuss Entscheidungen treffen kann, stehen verschiedene Formalien für seine neuen Mitglieder an. © Mika Volkmann

„Diesen krassen Unterschied aus­zu­halten, musste ich erst lernen“

Der direkte Austausch mit den Menschen vor Ort ist ihr wichtig. In Oberbilk-Ost, einem Stadt­teil direkt hinter dem Düssel­dorfer Haupt­bahnhof, leben viele Menschen mit Migrations­geschichte. Einige Straßen sind für ihre hohe Dichte an arabischen und türkischen Geschäften bekannt. Heute ist das Viertel auch studentisch geprägt und hier und da ein wenig gentrifiziert. „Ich komme dort gut mit den Leuten ins Gespräch“, erzählt sie. Heraus­gefordert hat sie etwas ganz anderes. „Es war anfangs ungewohnt, tags­über mit Minister*innen in einem Raum zu sitzen und abends bei den Nachbar*innen meiner Oma, die von einer kleinen Rente leben müssen. Sie führen in derselben Stadt ein völlig anderes Leben und haben ganz andere Sorgen. Diesen krassen Unterschied auszuhalten, musste ich erst lernen. Viele meiner Freund*innen, die wie ich als Erste in ihrer Familie einen akademischen Beruf haben, leben in einem ähnlichen Spagat.“

Auch bei diesem Thema hat sie der Austausch mit Kassem Taher Saleh bestärkt und ermutigt. „Er konnte einige meiner Probleme verstehen, ohne dass ich sie groß erklären musste“, sagt Ilay Izmir. Eines Tages möchte sie ihre Erfahrungen gerne selbst als Mentorin weiter­geben. „Als Mentorin lerne ich ja auch etwas von den Stipendiat*innen. So ein Programm wie Diversify ist ein Geben und Nehmen.“

Entschlossen fährt Ilay Izmir sich durch die dunklen Locken und steht auf. Während sie ihre Jacke anzieht, trinkt sie rasch den kalt gewordenen Cappuccino aus und verlässt das Café in Richtung Rathaus. Dort wird sich gleich der Ausschuss für Wirtschafts­förderung in neuer Besetzung konstituieren. Im holz­vertäfelten Rathaus warten eine Menge Formalia wie die Fest­stellung der Beschluss­fähigkeit oder die Bestellung der Schrift­führung auf Izmir – auch das gehört zu ihrer ehren­amtlichen Arbeit als neu gekürte Rats­frau dazu. Am nächsten Tag berichtet sie mit Erleichterung in der Stimme, dass alles gut gelaufen sei: „Es war, wie ich es mir vorgestellt habe – anders als im Landtag oder Bundestag.“ In Zukunft wolle sie sich noch mehr gegen­über den anderen Fraktionen positionieren. Sie bleibt zuversichtlich: „Ich werde mein Standing finden – damit die anderen Rats­leute wissen, wer ich bin und wofür ich stehe.“


Diversify

Diversify ist ein Programm der Deutschland­stiftung Integration, das von der Stiftung Mercator gefördert wird. Es soll die Repräsentations­lücke gesellschaftlich benachteiligter junger Menschen in der deutschen Politik schließen. Neben einem Mentoring­programm bietet Diversify finanzielle Unterstützung für Hospitationen bei politischen Amts­träger*innen. Über die Diversify-Academy können junge Menschen an Workshops und Trainings teilnehmen, die ihre berufliche und persönliche Entwicklung fördern. Darüber hinaus organisiert Diversify verschiedene Dialog­formate rund um politische Repräsentation und Teilhabe.
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