Mehr Zusammen­halt in Deutschland: Wie erreichen wir das unsicht­bare Drittel?

Mehr Zusammen­halt in Deutschland: Wie erreichen wir das unsicht­bare Drittel?
Autorin: Alexandra Wolters 11.11.2025

Ob im Bus, morgens bei der Bäckerei oder in der Schlange im Super­markt: Ständig begegnen wir im Alltag anderen Menschen – oft jedoch, ohne mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dabei böten die alltäglichen Begegnungen eine Chance, Menschen in Kontakt zu bringen und den gesellschaftlichen Zusammen­halt zu stärken. Immerhin fühlt sich ein Drittel der deutschen Bevölkerung außen vor und bringt sich politisch wenig bis gar nicht ein – es handelt sich hier um das sogenannte „unsichtbare Drittel“. Der Förder­fonds „Begegnung und Zusammen­halt“ unter­stützt bundesweit 15 Praxis­projekte, die Orte des Alltags für den Austausch nutzen. Wie das funktioniert, erklären Björn Götz-Lappe vom Programm­büro des Förderfonds und Sebastian Cunitz vom hannoverschen Cameo Kollektiv im Interview.

AufRuhr: Menschen haben in der Regel das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Wieso kommt es dennoch zu immer weniger Begegnungen im Alltag?

Björn Götz-Lappe: Viele Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien haben früher Menschen unter­schiedlicher Milieus und sozialer Herkünfte zusammen­gebracht und in die Gesellschaft eingebunden. Heute tun sie das nicht mehr. Auch die Orte und Räume, die sie mitgestaltet haben, verlieren an Bedeutung oder verschwinden.

Sebastian Cunitz: Hinzu kommt, dass sich Menschen immer mehr in digitale Räume zurückziehen, dadurch geht der analoge Austausch im Alltag zunehmend verloren. Früher haben beispiels­weise Passagier*innen im Zug öfter mit­einander gesprochen. Heute bleiben sie eher für sich.

Wie beeinflussen Begegnungen und Gespräche das Zusammen­leben in einer Demokratie?

Björn Götz-Lappe: Gesellschaftlicher Zusammen­halt lässt sich nicht verordnen. Eine funktionierende Demokratie ist auf gegen­seitiges Vertrauen in der Bevölkerung angewiesen, und das entsteht, wenn Menschen miteinander sprechen. Heute ist die deutsche Gesellschaft sehr viel­fältig. Das bietet einer­seits Chancen, kann aber auch zu Differenzen führen und den Austausch erschweren. Es mangelt zum Teil an Verständnis füreinander, an einer gemeinsamen Sprache und am Mut, sich aufeinander einzulassen. Mit dem Förder­fonds „Begegnung und Zusammen­halt“ suchen wir nach praktischen Möglichkeiten, Menschen in ihrem Alltag in den Austausch zu bringen, um Vorurteile abzubauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Björn Götz-Lappe
© Stiftung Mitarbeit

Björn Götz-Lappe ist Politologe und arbeitet bei der Stiftung Mitarbeit an den Themen Bürger­beteiligung und bürger­schaftliches Engagement. Er gehört zum Programm­büro des Förder­fonds „Begegnung und Zusammenhalt“, das bundes­weit an 15 Standorten zivil­gesellschaftliche Projekt­träger bei der Umsetzung ungewöhnlicher und kreativer Begegnungs­formate begleitet.

Welche Gruppen hat der Fonds dabei besonders im Blick?

Björn Götz-Lappe: Wir versuchen, alle Menschen zu erreichen, auch diejenigen, die dem sogenannten „unsichtbaren Drittel“ zugeordnet werden. Das sind Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen beispielsweise nicht an politischen Prozessen beteiligen und eher schlecht in die Gesellschaft integriert sind. Dazu gehören zum einen die Enttäuschten, die sich nicht gehört oder verstanden fühlen. Zum anderen sind es Menschen, die vor allem das eigene Fortkommen im Blick haben, sehr nutzen­orientiert sind und sich fragen: Was habe ich denn davon, wenn ich mich einbringe?

Was ist das „unsichtbare Drittel?

Eine Studie der Organisation „More in Common“ hat die deutsche Gesellschaft in sechs Persönlichkeits­typen eingeteilt, um Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen besser zu verstehen. Zu diesen Typen gehören zum Beispiel die „Involvierten“ oder die „Wütenden“.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung, so zeigt die Studie, fühlt sich jedoch weder von Politik noch Medien vertreten und bleibt in öffentlichen Diskussionen meist ungehört. Dieses „unsichtbare Drittel“ besteht aus den „Enttäuschten“ und „Pragmatischen“. Zusammen machen sie etwa 30 Prozent der deutschen Gesellschaft aus.

© More in Common

Wie gehen die vom Fonds unter­stützten Praxis­projekte vor, um diese Menschen zu erreichen?

Björn Götz-Lappe: Die Angebote ermöglichen spontane Begegnungen an verschiedenen All­tags­orten. Dabei geht es nicht darum, Orte neu zu erschaffen, sondern dort, wo Menschen in ihrem Alltag ohnehin aufeinander­treffen, niedrig­schwellige Angebote für Begegnung und Austausch zu machen. So bespielen die Projekte unter anderem Straßen­bahnen und Busse, Bäckereien, Möbel­häuser, Kioske und Drogerien, nutzen Markt­plätze, Fußgänger­zonen und öffentliche Grünflächen. Passant*innen werden zum Beispiel dazu eingeladen, gemeinsam kreativ zu werden, Spiele zu spielen oder Gegen­stände und Erfahrungen aus­zu­tauschen. Ins Gespräch kommen sie dabei ganz nebenbei. Indem die Praxis­projekte eine einladende Atmosphäre für einen niedrig­schwelligen Austausch schaffen, hoffen wir, auch das sogenannte „unsichtbare Drittel“ mit den Angeboten zu erreichen.

Mercator Talk Demokratie: Starke Allianzen für Begegnung am 4. Dezember 2025

Parks, Innenstädte oder Möbelhäuser sind Orte, an denen Menschen zusammen­kommen. Doch wie kann dieses alltägliche Miteinander so gestaltet werden, dass es den Zusammenhalt fördert und unsere Demokratie stärkt? Die Stiftung Mercator hat von 2021 bis 2025 mit einem Förder­programm genau diese Frage untersucht. In 15 Projekten wurden unter­schiedliche Ideen mit unter­schiedlichen Partnern umgesetzt. So kooperierte IKEA mit Sanitäter*innen, der Kultur­verein mit der Stadt und Lokal­held*innen mit der Deutschen Bahn.

Die wichtigsten Ergebnisse präsentiert das sozialpsychologische Forschungs­team der Fern­universität Hagen. Die Gäste diskutieren, wie aus diesen Erfahrungen Partnerschaften und Projekte entstehen können.

Mercator Talk Demokratie: Starke Allianzen für Begegnung
4. Dezember 2025 | 15:30–18:00 Uhr
ProjektZentrum Berlin

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Apropos unterhalten: Herr Cunitz, Ihr Projekt „Schweigen ist …“ ist eine ungewöhnliche Maßnahme, um Menschen in den Austausch zu bringen. Wie ist das Cameo Kollektiv auf diese Idee gekommen?

Sebastian Cunitz: Wir haben gesehen, dass viele Menschen im öffentlichen Raum nicht – oder nicht mehr – miteinander reden, und haben nach­gefragt, warum. Zum einen liegt es an Sprach­barrieren, zum anderen fehlt vielen der Mut, auf andere zuzugehen, weil sie sich angesichts möglicher Erwartungs­haltungen unsicher fühlen. Also haben wir beschlossen, zunächst gemeinsam zu schweigen. Auch dazu müssen sie sich vielleicht überwinden. Doch durch das Schweigen entsteht ein Raum mit wenigen Barrieren, in dem alle wissen: Hier können wir miteinander in Kontakt kommen, einfach so.

Wie bringen Sie Menschen dazu, gemeinsam zu schweigen?

Sebastian Cunitz: Wir haben mitten in Hannover, im Kultur­dreieck an der Oper, einen Ort geschaffen, an dem Menschen sich begegnen, ohne sofort zu reden. Acht Sitzinseln in der Fußgänger­zone laden zu Formaten wie „After Work Schweigen“, „Silent Walk“ oder „Silent Reading“ ein, die wir gemeinsam mit Menschen aus Hannover entwickelt haben. Auf verschiedenen Plattformen werden die Veranstaltungen vorab beworben, Passant*innen können aber natürlich spontan mitmachen. Das gemeinsame Schweigen sorgt dafür, dass persönliche Meinungen und gesellschaftliche Rollen in den Hinter­grund treten. Wir beobachten, dass die anschließenden Gespräche so offener, achtsamer und empathischer werden.

Sebastian Cunitz
© Julius Matuschik

Sebastian Cunitz ist Mitglied des Cameo Kollektivs und Projekt­leiter von „Schweigen ist …“. Er entwickelt kokreative Formate, die Resonanz­räume für Begegnung und Zusammen­arbeit schaffen. Neben seiner Tätigkeit im Kollektiv begleitet er Organisationen in Veränderungs­prozessen und unter­stützt sie dabei, Wandel partizipativ und nachhaltig zu gestalten.

Vereintes Schweigen klingt nach einer Idee, die sich – auch in anderen Kommunen – einfach umsetzen lässt. Was sind die Herausforderungen dabei?

Sebastian Cunitz: Wie bei allen Projekten im öffentlichen Raum müssen Absprachen mit der zuständigen Verwaltung stattfinden, in unserem Fall mit der Stadt Hannover. Das kann zäh sein. Aber wenn es funktioniert, sind solche Projekte ein Gewinn für alle Seiten.

Was kann aus Ihrer Sicht jede*r Einzelne tun, um im Alltag mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen?

Sebastian Cunitz: Der Wunsch nach Begegnung ist auf jeden Fall da – wie auch der Wunsch, dass das Gegen­über dafür die Initiative ergreift. Mit etwas Mut können wir alle zu solchen Menschen werden und andere einfach ansprechen. Vor allem in alltäglichen Situationen, in denen gerade keine anderen Aktivitäten möglich sind, zum Beispiel in Warteschlangen. Da entstehen temporäre Gemeinschaften, die man gut nutzen kann, um anderen Menschen offen zu begegnen.

Björn Götz-Lappe: Beim Zusammen­leben in einer Demokratie sind wir einfach aufeinander angewiesen und müssen immer wieder aufs Neue lernen, miteinander auszukommen. Deshalb sind die Projekte des Förderfonds so wichtig: weil sie Verständigung auf Augen­höhe ermöglichen, insbesondere mit Menschen außerhalb des eigenen sozialen Umfeldes, mit denen der Austausch oft schwerer fällt. Denn eine Demokratie wird stärker, je mehr Menschen sich einbringen.


Förderfonds „Begegnung und Zusammenhalt“

Ziel des Förderfonds „Begegnung und Zusammen­halt“ ist es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt mithilfe von fantasievollen Begegnungs­formaten zu stärken. Im Mittel­punkt stehen öffentliche Orte, an denen sich Menschen im Alltag unkompliziert begegnen können. Gesucht wurden bundes­weit zivil­gesellschaftliche Organisationen, die Alltagsorte mit klugen und innovativen Ideen in ungewohnte Orte für Begegnungen verwandeln und dabei mit den jeweiligen Orte-Betreibern zusammen­arbeiten.
www.begegnungsfonds.de