Jobwechsel ab 40: Immer noch im Rennen
Zwanzig Jahre arbeitete Janine Konc als Sozialarbeiterin. Während einer beruflichen Auszeit bildete sie sich zur Fachwirtin im Gesundheits- und Sozialwesen weiter. Nun sucht die 44-Jährige eine Stelle mit Verantwortung, stößt auf dem Arbeitsmarkt jedoch schnell an Grenzen. Im Karriereprogramm „Aufstieg 40+“ erhält sie Coachings, um den Berufsaufstieg im mittleren Alter zu schaffen. Worauf es dabei ankommt? AufRuhr hat Janine Konc in Dresden besucht und nachgefragt.
Die Vollzeitstelle mit Verantwortung, die sie sich wünscht, hat sie noch nicht gefunden. „Alle schreien nach Fachkräften. Warum gibt mir dann niemand eine Chance?“, fragt Janine Konc. Mehr als fünfzig Bewerbungen hat sie in den vergangenen Monaten geschrieben – für Stellen in der Organisationsentwicklung im Gesundheitsbereich, in Kliniken, für Koordinationsaufgaben und Traineeprogramme. Ihre Devise: Wenn sie mindestens achtzig Prozent der Anforderungen erfüllt, bewirbt sie sich. Trotzdem bekam sie bisher nur Absagen.
Wer über 40 Jahre alt ist und die Branche wechselt oder nach einer Pause in den Beruf zurückkehrt, stößt oft auf unsichtbare Hürden. Altersdiskriminierung ist zwar gesetzlich verboten, lässt sich in der Praxis aber nur schwer nachweisen. Für Menschen aus nicht akademischen Haushalten kommen weitere Hindernisse hinzu: Wer keinen geradlinigen Karriereweg mit Studium vorweisen kann, hat insbesondere bei Führungspositionen oft schlechtere Chancen.
Janine Konc arbeitete mehr als fünfzehn Jahre in der sozialen Arbeit. Während einer beruflichen Auszeit absolvierte sie eine Weiterbildung zur IHK-Fachwirtin im Gesundheits- und Sozialwesen. Sie lebt in Dresden und sucht derzeit eine Stelle mit Führungsverantwortung im Gesundheits- oder Sozialbereich.
Meine Berufs- und Lebenserfahrung scheint nicht zu zählen.
So erlebt es auch Janine Konc. „Junge Personalverantwortliche verstehen oft nicht, was sie an mir haben könnten“, sagt sie. „Meine Berufs- und Lebenserfahrung scheint nicht zu zählen. Es ist, als sähen sie nur, dass ich erst vor Kurzem meinen Abschluss gemacht habe.“
Noch vor wenigen Wochen war sie verzweifelt. Doch eine Auszeit auf einem rumänischen Bauernhof mit Hunden, Hühnern und ohne Internet habe ihr neue Motivation gegeben. „Ich will mich als selbstwirksam erleben“, sagt sie. Im Gespräch wirkt sie energiegeladen und entschlossen. Seit ihrer Rückkehr verschickt sie weiter Bewerbung um Bewerbung.
Unterstützung bei der Jobsuche
Auf dem Weg zum neuen Traumjob begleitet sie das Programm „Aufstieg 40+“ des gemeinnützigen Unternehmens Netzwerk Chancen. Das kostenlose Karriereprogramm unterstützt seit dem Frühjahr 2025 Menschen im Alter ab 40 Jahren dabei, sich beruflich neu zu orientieren. Es richtet sich an Personen aus finanzschwachen und nicht akademischen Verhältnissen und zählt mittlerweile über 700 Teilnehmer*innen. Seit gut eineinhalb Jahren tauscht sich Janine Konc dort mit anderen aus, die ähnliche Hürden beim beruflichen Auf- oder Wiedereinstieg erleben. Sie besucht Workshops und arbeitet mit Mentor*innen zusammen. „Ich musste lernen, dass ich Hilfe brauche und dass ich danach fragen darf“, sagt Konc. Mit ihrer ersten persönlichen Mentorin entwickelte sie unter anderem ihr neues berufliches Profil.
Neuanfang abseits der Pädagogik
Janine Konc wuchs in einer Arbeiterfamilie nahe Dresden auf. Nach der Wende verloren ihre Eltern ihre Jobs. Sie selbst verdiente früh eigenes Geld, weil sie ihrer Familie nicht auf der Tasche liegen wollte. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin und arbeitete mehr als fünfzehn Jahre in Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, erst im Rheinland, später in Bayern. Parallel engagierte sie sich mit Leidenschaft im Motorsport am Nürburgring. „Ich habe an Weihnachten, Silvester und an Ostern gearbeitet, damit ich die Rennwochenenden freihatte.“ An der Rennstrecke koordinierte sie Teams mit bis zu vierzig Leuten und entdeckte so ihre Führungsstärke.
Ich bekam schwarz auf weiß, dass ich es wert bin, einen akademischen Abschluss zu machen.
Irgendwann wollte sie die pädagogische Basisarbeit hinter sich lassen, für höhere Positionen im Sozialbereich fehlte ihr jedoch der akademische Abschluss. Ein Studienversuch scheiterte an der Präsenzpflicht, die sich mit ihrer Vollzeitstelle nicht vereinbaren ließ. Nach einem Trauerfall in der Familie und dem Umzug zurück nach Sachsen entschied sie sich schließlich für die Weiterbildung zur Fachwirtin im Gesundheits- und Sozialwesen an der IHK Dresden. Doch auch dieser Weg war steinig: Die Rentenversicherung, die ihre berufliche Neuorientierung fördern sollte, lehnte den Antrag zunächst ab. Konc zog vor Gericht und bekam Recht. „Niemand in meiner Familie hat studiert. Doch ich bekam schwarz auf weiß, dass ich es wert bin, einen akademischen Abschluss zu machen“, sagt sie. Den Lernstoff erarbeitete sie sich innerhalb eines Jahres im Selbststudium, oft sieben Stunden täglich. Die mündliche Prüfung bestand sie im zweiten Anlauf. Seit Januar 2026 habe sie nun den Abschluss als Fachwirtin in der Tasche, erzählt Konc stolz.
Karrierecoaching auf Augenhöhe
Inzwischen begleitet sie bei „Aufstieg 40+“ ein Mentor, der Personalleiter ist und selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt. Die Hürden bei der Jobsuche muss sie ihm also nicht erklären. Stattdessen bekommt sie von ihm Tipps und fühlt sich verstanden. Eine solche Unterstützung würde sie auch anderen empfehlen, die sich beruflich umorientieren möchten: „Sucht euch Netzwerke und Menschen, die für euch eintreten. Und habt Mut, die Spur zu verlassen, die euch euer familiärer Hintergrund vorgibt.“
Denn: Wer nicht aufgegeben hat, als das erste Studium scheiterte, die Rentenversicherung die Förderung ablehnte und die erste mündliche Prüfung misslang, der gibt auch jetzt nicht auf. „Ich glaube daran: Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit“, so die Mittvierzigerin. „Dafür braucht es Eigeninitiative und viele kleine Schritte.“ Seit Kurzem hat Janine Konc einen Minijob in einem Gartencenter. Es ist zwar noch nicht die angestrebte Führungsposition. Aber die Arbeit gibt ihr Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden. „Auch wenn die Jobsuche im Moment schwierig ist und ich oft niedergeschlagen bin, weiß ich, dass meine Berufs- und Lebenserfahrung wertvoll ist. Ich entscheide mich jeden Tag bewusst dafür, weiterzumachen.“
Aufstieg 40+
„Aufstieg 40+“ ist im Frühjahr 2025 gestartet und Deutschlands erstes Karriereprogramm speziell für Menschen ab 40 Jahren aus finanzschwachen und nicht akademischen Verhältnissen. Zum kostenlosen Angebot des gemeinnützigen Unternehmens Netzwerk Chancen gehören individuelle Coachings, Mentoring, praxisnahe Workshops und ein Karrierenetzwerk.
www.netzwerk-chancen.de/aufstieg40plus