Kann digitale Bürgerbeteiligung die Demokratie retten?

Können digitale Abstimmungstools das Vertrauen in die Demokratie zurückbringen?
Kann digitale Bürgerbeteiligung die Demokratie retten?
Autorin: Bettina Brakelmann 12.02.2026

Die deutsche Demokratie steckt in der Krise: Laut Umfragen der Körber-Stiftung im letzten Jahr haben lediglich 45 Prozent der Befragten ein sehr großes bis großes Vertrauen in unsere Staats­form. Ganze 93 Prozent finden, dass sie bei kommunalen Entscheidungen nicht genug einbezogen werden. Digitale Abstimmungs­tools sind eine Möglichkeit, um Menschen ins politische Geschehen ein­zu­binden und Vorbehalte abzubauen. Doch wie schaffen es Kommunen, dass Menschen sie wirklich nutzen? AufRuhr hat bei Marianne Kneuer nach­gefragt. Sie ist Expertin für E-Democracy an der TU Dresden und Leiterin des inter­disziplinären Verbund­projektes „Erfolgs­faktoren lokaler E-Partizipation“ der Universitäten Dresden, Düsseldorf, Leipzig und Koblenz.

1: Bei der Kommune ansetzen – dort entsteht das demokratische „Wir“

Damit digitale Bürgerbeteiligung mehr ist als ein Zusatzangebot im Netz, sollte sie in der Kommune ansetzen. Denn auf kommunaler Ebene sind Entscheidungen unmittelbar spürbar. Hier treffen besonders viele Akteur*innen aufeinander – Bürgermeister*innen, Gemeinderäte, Verwaltungs­mitarbeiter*innen sowie Vertreter*innen aus Wirtschaft und Zivil­gesellschaft. Wer demokratische Prozesse stärken will, sollte Beteiligung also hier verankern: nah dran an den Themen der Bürger*innen, sichtbar im Alltag und mit klarer Rück­kopplung in politische Entscheidungen. „In Kommunen kann ein Wir entstehen – auch gegen anti­demokratische Kräfte. Gelingt Beteiligung vor Ort, strahlt sie auf alle anderen Ebenen aus“, sagt Marianne Kneuer.

Was ist E-Partizipation?

Unter lokaler E-Partizipation versteht man die digitale Beteiligung von Bürger*innen an kommunalen Entscheidungs­prozessen. Über Online­platt­formen, Beteiligungs­portale oder digitale Bürger­dialoge können sie sich bei Themen wie Stadt­entwicklung, Verkehr oder Umwelt einbringen. Solche Angebote ermöglichen es Kommunen, Meinungen früh­zeitig ein­zu­beziehen und Entscheidungen transparenter zu gestalten.

Ob und welche Möglichkeiten der E-Partizipation Ihre Kommune anbietet, erfahren Sie hier.

Das Dashboard zeigt, in welchen deutschen Kommunen digitale Bürgerbeteiligung bereits möglich ist. © ERLE

2. Den demokratischen Mehrwert nach vorne stellen

Warum bietet meine Kommune E-Partizipation an? Diese Frage müssten Kommunen klar beantworten und als Bekenntnis zur Demokratie kommunizieren, sagt Marianne Kneuer. Denn eine digitale Beteiligung der Bürger*innen soll nicht nur Rück­meldungen sammeln. Sie soll Menschen zum Mitmachen mobilisieren, marginalisierte Gruppen einbinden, Transparenz politischer Prozesse erhöhen und Entscheidungen legitimieren. Daran sollte sich auch der Erfolg der E-Partizipation messen lassen: nicht nur an Nutzungs­zahlen, sondern vor allem an Vertrauen, Nach­voll­zieh­barkeit und Akzeptanz politischer Prozesse.

Good Practice in Wuppertal

Die Großstadt Wuppertal in Nordrhein-Westfalen mit 358.000 Einwohner*innen bündelt konsequent alle Beteiligungs­prozesse auf dem Portal „Tal­beteiligung“. Dafür hat die Stadt ein spezialisiertes Team, das die Qualität der Verfahren sicher­stellt und verbindliche Regeln für Transparenz, Adressaten­gerechtigkeit und den digitalen Dialog festlegt. Mit fast 18.000 registrierten Nutzer*innen sowie innovativen digitalen Ansätzen macht Wuppertal digitale Mitwirkung zu einem lebendigen Bestandteil der Stadt­politik.

3. Verlässliche Ressourcen aufbauen

Professionelle E-Partizipation braucht personelle und fachliche Kapazitäten. Doch es gibt ein Stadt-Land-Gefälle: Während Großstädte teils eigene Abteilungen mit Fachleuten und klaren Strategien haben, fehlt es in kleineren Gemeinden häufig an spezialisierten Ressourcen. Dort werde E-Partizipation oft „nebenbei mit­gemacht“, erklärt Marianne Kneuer.

Good Practice in Remseck

Die Mittelstadt Remseck in Baden-Württemberg mit rund 26.600 Einwohner*innen punktet mit digitaler Teilhabe über die Remseck-App, das BürgerGIS zum Einsehen der Bebauungs­pläne der Stadt und den Schadens­melder. Allen drei Angeboten liegt ein Leit­faden mit verbindlichen Regeln für informelle Beteiligungs­prozesse zugrunde. Durch diese strukturelle Verankerung wird die digitale Mitgestaltung zu einem verlässlichen Standard.

Prof. Dr. Marianne Kneuer
© Bastian Stock

Prof. Dr. Marianne Kneuer leitet das Verbund­projekt „Erfolgs­faktoren lokaler E-Partizipation“. Sie ist seit Oktober 2021 Professorin für Politische Systeme und System­vergleich an der TU Dresden. Von 2011 bis 2021 arbeitete sie als Professorin für Vergleichende Politik­wissenschaft und Inter­nationale Beziehungen an der Universität Hildesheim.

4. Beteiligungs­formate den Bedürfnissen vor Ort anpassen

Deutschland zählt rund 10.700 Kommunen – von Großstädten und Ballungsräumen über Mittel- und Klein­städte bis hin zu Land­gemeinden mit unter 5.000 Einwohner*innen. In kleinen Gemeinden ersetzt der persönliche Austausch mit den Bürger*innen oft noch digitale Formate, in Groß­städten sind diese hingegen kaum weg­zu­denken. Marianne Kneuer betont: Die Ansprache gelingt, wenn sie die Diversität der lokalen Bevölkerung berücksichtigt, digitale und analoge Angebote kombiniert und an konkrete Anlässe anknüpft.

Good Practice in Brieselang

In Brandenburg sticht die Kleinstadt Brieselang mit 13.200 Einwohner*innen hervor: Sie hat die Bürger­beteiligung fest im Smart-City-Management verankert. Mit dem Format „ZukunftsBRIESE“ holt sie gezielt ein breites Stimmungs­bild der Bürger*innen ein. So will sie den Gemeinschafts­sinn stärken und Einwohner*innen die Möglichkeit geben, ihre Stadt mit­zu­gestalten.

5. Der demokratischen Routine Zeit geben

E-Partizipation ist kein Schnellrezept, sondern ein mittel- bis lang­fristiges Instrument. Kompetenz und Vertrauen wachsen mit der positiven Erfahrung: wenn Beteiligung regelmäßig stattfindet, verlässlich ist und Wirkung zeigt. Gerade auf kommunaler Ebene gelingt das oft besser, da politische Entscheidungen hier konkret erfahrbar sind. „Die großen Themen Klima­wandel, Migration, Verkehr oder Energie werden zwar national entschieden, aber vor Ort umgesetzt“, so Marianne Kneuer. Digitale Beteiligung kann helfen, diese Aushandlungs­prozesse demokratisch zu gestalten – voraus­gesetzt, sie ist ernst gemeint, mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet und richtig zugeschnitten.

Good Practice in Weisendorf

Die kleine Gemeinde Weisendorf in Bayern mit 6.870 Einwohner*innen überzeugt mit einem besonderen Beteiligungs­format: Die Kommune nutzt drei getrennte digitale Zwillinge – einen für ihre Bürger*innen, einen für den Rat und einen für die Verwaltung. So kann sie Informationen für verschiedene Ziel­gruppen passend aufbereiten, die Transparenz von politischen Prozessen erhöhen, Entscheidungen datenbasiert absichern und sensible Infrastruktur­daten geschützt verwalten.

6. Kommunen voneinander lernen lassen

Nicht jede Kommune muss E-Partizipation neu erfinden. Stattdessen sollten sie Erkenntnisse und Erfahrungen miteinander teilen – positive wie negative. Das Projekt „Erfolgs­faktoren lokaler E-Partizipation“ hat deshalb Kommunen aus ganz Deutschland befragt: Wie setzen sie digitale Tools zur Bürger­beteiligung ein, auf welche Heraus­forderungen treffen sie dabei und welche Maßnahmen führen zum Erfolg? Die Ergebnisse der Befragung sind auf einer Deutschland­karte in einem interaktiven Dashboard visualisiert. Auf diese Weise können Gemeinden über­blicken, wie vergleichbare Orte E-Partizipation umsetzen, Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen. Marianne Kneuer: „Wenn Kommunen die demokratische Beteiligung verlässlich organisieren und ihre Bürger*innen sichtbar ernst nehmen, können sie Vertrauen zurückgewinnen – Schritt für Schritt.“


Erfolgsfaktoren lokaler E-Partizipation

Das Forschungsprojekt „Erfolgs­faktoren lokaler E-Partizipation“ ist die erste deutsch­land­weite Erhebung und Analyse digitaler Partizipations­verfahren auf kommunaler Ebene. Die Universitäten Dresden, Düsseldorf, Leipzig und Koblenz untersuchen im Rahmen dieses Projektes systematisch verschiedene digitale Beteiligungs­modelle, um deren Einsatz­möglichkeiten, Heraus­forderungen und Erfolgs­faktoren zu identifizieren.
lokale-partizipation.de