Kein Abschluss, trotzdem Ausbildung: Dieses Projekt macht Jugendliche zu Fachkräften
Über 60.000 Jugendliche haben bundesweit im Jahr 2025 die Schule ohne Abschluss verlassen. Gleichzeitig suchen Ausbildungsbetriebe händeringend nach Nachwuchs. Wie kommt also zusammen, was zusammengehört? Das Programm „Jump’n Run“ von JOBLINGE im Ruhrgebiet macht Jugendliche fit für Ausbildungsberufe – ohne Umwege über weitere schulische Maßnahmen.
Schmucklose Amtsflure und trostlose Schulungsräume? Die gibt es im „basecamp“ der Initiative JOBLINGE, schräg gegenüber vom Essener Hauptbahnhof, nicht. Stattdessen finden sich im Souterrain des Altbaus weitläufige Räume, unverputzte Wände und Sofaecken für Gespräche zu zweit oder in kleinen Gruppen. Der Seminarraum, ebenfalls im Industrial Style eingerichtet, ist durch eine moderne Glaswand vom Rest getrennt.
Raphael Karrasch leitet seit 13 Jahren die Ruhrgebietsstandorte der bundesweit aktiven Initiative JOBLINGE. Ähnlich wie die Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit will JOBLINGE jungen Menschen ohne Ausbildung eine Perspektive geben. Ihre Vermittlungsquote spricht für sich: Die Maßnahmen „Kompass“ und „Klassik“, die sich an Menschen mit Fluchtgeschichte richten, sowie das Angebot „family“ für Eltern, die eine Ausbildung in Teilzeit anstreben, erreichen Vermittlungsquoten von rund 80 Prozent. „Wir machen offenbar einiges richtig“, sagt Karrasch und lacht.
Raphael Karrasch ist Managing Director der JOBLINGE gAG Ruhr und leitet die Standorte Essen, Gelsenkirchen und Dortmund. Seit der Gründung vor 13 Jahren hat er das Netzwerk aus Unternehmenspartnern und Kooperationsbehörden im Ruhrgebiet kontinuierlich ausgebaut.
Raus aus der Warteschleife, rein in die Praxis
Viele der Jugendlichen ohne Abschluss sind schul- und maßnahmenmüde, kaum zu erreichen. JOBLINGE spricht sie deshalb dort an, wo sie ohnehin unterwegs sind: über Reels auf TikTok und Instagram. Wer sich bei JOBLINGE registriert, wird von ihnen innerhalb von 48 Stunden kontaktiert, und zwar nicht über Formulare, sondern mit zwei einfachen Fragen: Wo drückt der Schuh? Und was können wir für dich tun? „Das ist der erste Schritt, den die Jugendlichen selbst gehen müssen: hierherzukommen. Wenn sie das schaffen, wissen wir, dass sie intrinsisch motiviert sind“, sagt Karrasch.
In den Sitzecken des basecamps finden die ersten Kennenlerngespräche statt. Der Ansatz geht auf: In diesem Jahr haben die JOBLINGE im Ruhrgebiet bereits über 400 Jugendliche über soziale Netzwerke kontaktiert und 62 von ihnen in Ausbildung gebracht.
Personalverantwortliche legen das Zeugnis beiseite und schauen sich den Menschen an.
Im Rahmen des neuen Modellprojektes „Jump’n Run“ können sich Jugendliche ohne Schulabschluss auf Praktikumsplätze bei Partnerunternehmen von JOBLINGE bewerben. In kleinen Handwerksbetrieben oder großen Konzernen beweisen sie, was sie können. Überzeugen sie im Praktikum, folgt ein Ausbildungsvertrag. Karrasch: „Was viele nicht wissen: Sie brauchen keinen Abschluss, um eine Ausbildung machen zu können. Selbst Banken stellen Azubis ohne Abschluss ein, wenn sie von der Person überzeugt sind.“
Über Jahre hat Karrasch ein Netzwerk von Unternehmen aufgebaut, die bereit sind, auf den Charakter der Jugendlichen statt auf Zeugnisse zu schauen. „Wir müssen persönliche Begegnungen schaffen, in denen Personalverantwortliche das Zeugnis beiseitelegen und sich den Menschen anschauen.“ Dreimal im Jahr veranstaltet Karrasch mit ihnen dafür eine exklusive Ausbildungsmesse im basecamp in Essen. Während sich Jugendliche über mögliche Jobs informieren können, berät das JOBLINGE-Team Ausbilder*innen dazu, was die junge Generation motiviert. „Durch unsere Matches erleben einige Jugendliche zum ersten Mal positives Feedback. Wenn der Meister abends sagt: ‚Danke, guten Job gemacht‘, kommen sie am nächsten Tag gerne wieder.“
Omars Geschichte
Auch für Omar Kabeh wurde das Praktikum zum Türöffner. Der 20-Jährige hat im August eine Ausbildung zum Kanalbauer bei Eiffage, einem großen Straßenbauunternehmen, begonnen. Seine Biografie ist alles andere als geradlinig. Geboren in Syrien als jüngstes von fünf Geschwistern, endete seine Kindheit abrupt nach dem ersten Schuljahr: Die politische Lage in der Heimat zwang die Familie, von Stadt zu Stadt zu ziehen und schließlich in die Türkei zu fliehen. Schon als Neunjähriger arbeitete Omar in Restaurants, Wäschereien und Werkstätten. Nach vier Jahren kam die Familie nach Deutschland, zunächst nach Sachsen. Dort ging Omar drei Jahre zur Schule, lernte Deutsch – und verpasste wegen einer einzigen Note knapp den Abschluss. Anfang des Jahres zog er mit seinen Eltern nach Gelsenkirchen. Arbeit fand er dort nicht.
Es war sein großer Bruder, der ihn auf ein Reel von JOBLINGE aufmerksam machte. Omar meldete sich sofort, und der Gelsenkirchener Mitarbeiter Nico Hommel nahm ihn in das „Jump’n Run“-Programm auf. Gemeinsam arbeiteten sie an seinem Lebenslauf und schrieben Bewerbungen. Eiffage, vertreten auf einer der Ausbildungsmessen im basecamp, zeigte schließlich Interesse.
Omar Kabeh wurde in Syrien geboren und kam als Jugendlicher mit seiner Familie nach Deutschland. Über ein Reel der JOBLINGE auf Instagram fand er den Weg zu „Jump’n Run“. Seit August 2026 absolviert er eine Ausbildung zum Kanalbauer beim Straßenbauunternehmen Eiffage.
Warum soll ein Zettel mit ein paar Zahlen über mein gesamtes weiteres Leben entscheiden?
„Ich hatte mit 14 Jahren mehr Berufs- als Schulerfahrung“, erzählt Omar Kabeh. „Und ich verstehe nicht, warum ein Zettel mit ein paar Zahlen drauf über mein ganzes weiteres Leben entscheiden soll.“ Hommel sieht es genauso: „Die jungen Leute müssen vor allem eine Chance bekommen. Omar war von Anfang an sehr motiviert. Er hat einen Praktikumsplatz bekommen und das Unternehmen von sich überzeugt.“
Blaupause für die Zukunft
Dass „Jump’n Run“ funktioniert, ist das eine. Das Programm aber dauerhaft zu verankern, das andere. Im angedockten Konzeptinkubator – einem strategischen Steuerkreis aus Vertreter*innen von der IHK, der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.), der Handwerkskammer, vom Jobcenter und der Bundesanstalt für Arbeit – wird daran gearbeitet, „Jump’n Run“ weiterzuentwickeln. Auch Finanzierungs- und Vergabemodelle setzt der Konzeptinkubator auf, um das Programm bundesweit umsetzbar zu machen.
Nico Hommel ist pädagogischer Mitarbeiter und arbeitet am JOBLINGE-Standort in Gelsenkirchen. Er begleitet Jugendliche im Programm „Jump’n Run“ – von der Kontaktaufnahme über die ersten Bewerbungen bis in die Ausbildung.
G.I.B.-Geschäftsführer Torsten Withake sieht großes Potenzial: „Die Jugendlichen erkennen, dass sie endlich eine richtige Chance bekommen, und werden direkt in die betriebliche Praxis eingebunden. Das gibt ihnen Motivation und Perspektive zugleich.“ Durch ein persönliches Kennenlernen sei das Risiko, Stellen fehlzubesetzen, geringer. Und die Jugendlichen würden wegen der individuellen Begleitung durch JOBLINGE seltener ihre Ausbildung abbrechen. „‘Jump’n Run‘ eröffnet einen neuen Zugang zur Fachkräftegewinnung: Junge Menschen und Unternehmen finden so frühzeitig und vor allem begleitet zueinander“, so Withake. Raphael Karrasch denkt bereits über die Pilotphase hinaus: „Wir wollen unseren Ansatz langfristig bundesweit etablieren. Dafür müssen wir den Wert sozialer Arbeit, die darin steckt, messbar machen – und das tun wir in diesem Modellprojekt.“
Aufgeben ist keine Option
Dank seiner Ausbildung führt Omar Kabeh heute ein Leben wie die meisten in seinem Alter, trifft Freunde und spielt Fußball, seit Kurzem als Außenverteidiger in einem Verein. Auch seine Eltern, die anfangs skeptisch waren, konnte er davon überzeugen, dass sich eine Ausbildung lohnt, anstatt sich von Minijob zu Minijob zu hangeln. Was rät er Jugendlichen in einer ähnlichen Situation? „Gebt nicht auf und macht weiter, denn vielleicht bekommt ihr schon morgen eine Chance!“
Jump’n Run – direkter Weg in die Ausbildung
Das knapp dreijährige Programm „Jump’n Run“ der Initiative JOBLINGE ist 2025 im Ruhrgebiet gestartet und kombiniert Berufsorientierung, Praktika und individuelle Begleitung während der Ausbildung. Ziel ist es, Jugendliche schrittweise an Unternehmen heranzuführen und den Ausbildungserfolg langfristig zu sichern. Für Betriebe ist „Jump’n Run“ ein Beitrag zur Fachkräftegewinnung. Angestrebt wird eine Vermittlungsquote von mindestens 50 Prozent; gemessen werden außerdem die Stabilität der Ausbildungsverhältnisse und ob die Abschlüsse erfolgreich sind.