Mr. Anti-Klischee

Autorin: Kristin Helberg 30.11.2020

House Musik, Kulturfeste und politische Debatten – wie der Student und DJ Wisam Hero gegen Stereotype von Deutschen und Syrer*innen kämpft. Mercator Fellow Kristin Helberg stellt ihn vor.

Wisam Hero hasst arabische Volksmusik. Er ist Syrer, Araber und DJ – aber als ein linkes Kulturzentrum in Düsseldorf ihn für eine Geflüchteten-Party engagieren will, kann er ihnen nicht helfen. „Der Organisator wollte traditionelle arabische Musik – Debke und so was – aber ich lege keine Volksmusik auf, sondern House und Techno“, erzählt der junge Mann mit dem sorgfältig frisierten Vollbart per Videoschalte. Als Mitglied des Duos Finiq produziert er „Orientech House“ – orientalisch inspirierte House Musik. Der Veranstalter habe sich nie mehr gemeldet, fügt der DJ hinzu, „in seinem Kopf ist Techno westliche Musik und ich als Syrer kann nur arabische Volkslieder auflegen“.

Ungewöhnliches Format

Vorurteile wie diese treiben Wisam Hero an. Hero ist nicht sein echter, sondern ein Künstlername, der seine Familie in Syrien vor Problemen mit den Geheimdiensten schützen soll. Seit 2017 organisiert der Aktivist Veranstaltungen in seiner Wahl-Heimat Düsseldorf – Literaturabende, Konzerte, Diskussionen. „Mir ist wichtig, syrische Künstler und Künstlerinnen in einem modernen oder unerwarteten Format zu präsentieren“, sagt Hero. Und er hat Glück, denn unter den 800.000 in Deutschland lebenden Syrer*innen – der zweitgrößten Migrantengemeinde des Landes – finden sich Rapper*innen, Comedians, Rockbands, Autor*innen und Lyriker*innen.

Wir sind ein Teil der Bevölkerung, fühlen uns aber auf den Bühnen der Stadt nicht richtig repräsentiert.

Wie viele seiner Landsleute kam Hero vor fünf Jahren über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland. Seine Mutter hatte ihren Schmuck verkauft, um ihrem Sohn die Flucht zu finanzieren, denn als 16-Jähriger war dieser wegen kritischer Bemerkungen in der Schule ins Visier der Geheimdienste geraten und eine Woche verhaftet und gefoltert worden.

Nach vier Monaten in Rostock – „coole Stadt, ich habe viele Freunde da“ – vermisste der aus Damaskus stammende Hero das Großstadtleben. Er wollte weiter als DJ arbeiten und zog durch Deutschland – München, Berlin, Bremen, Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Köln. Als es mit der Wohnungssuche nirgendwo klappte, ging Hero zu einem Bekannten nach Düsseldorf, wo er endlich eine Wohngemeinschaft fand – ein neues Zuhause, wenn auch nicht in einer Weltstadt.

Jeder ist willkommen

2018 gründete Hero mit einem Freund die Initiative Schu Fi Ma Fi – zu deutsch „was geht“ –, um ein alternatives Kulturprogramm für Düsseldorf zu entwickeln. „Die kulturellen Angebote der Stadt ziehen uns nicht so an“, sagt der 25-Jährige, außerdem gehe es um mehr Gerechtigkeit in der Kulturszene. „Wir sind ein Teil der Bevölkerung, fühlen uns aber auf den Bühnen der Stadt nicht richtig repräsentiert.“ Seitdem liefert Schu Fi Ma Fi syrische Kultur  für alle Düsseldorfer*innen, etwa beim Festival Yalla – wir schaffen was, das dieses Jahr trotz Corona zum vierten Mal im Kulturzentrum zakk stattfand. Auf dem Programm stehen Live-Musik, stand-up-comedians, Hiphop und Lesungen, aufgetreten sind schon die Autoren Firas Alshater („Ich komme auf Deutschland zu“) und Feisal Hamdo („Fern von Aleppo“) sowie die YouTuber Omar Meslmani und Abdul Rahman Al-Ajati. Mit bis zu 500 überwiegend deutschen Besuchern ein großer Erfolg, findet Veranstalter Hero.

© Schu Fi Ma Fi
© Schu Fi Ma Fi

Daneben organisiert Schu Fi Ma Fi auch regelmäßig Partys, Fida – „Raum“ heißt die Reihe. In der Düsseldorfer Club-Szene werde man oft wegen seiner Haut- oder Haarfarbe diskriminiert, sagt der DJ. „Deshalb veranstalten wir unsere eigene Partyreihe, bei der jede und jeder willkommen ist, egal wie die Person aussieht und woher sie kommt“.

Zehn Syrer und Syrerinnen engagieren sich bei der Initiative Schu Fi Ma Fi – alle ehrenamtlich. Die Finanzierung von kulturellen Veranstaltungen oder politischen Podiumsdiskussionen auf Deutsch sei nicht das Problem, sagt Hero. Aber die organisatorische Arbeit könnten er und sein Team auf Dauer nicht nebenbei erledigen – Studium, Arbeit, Deutschkurse, Familie und andere Verpflichtungen lassen wenig Energie für zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Außerdem gebe es zwar Geld für alles, was auf Integration abzielt, meint der Student. Aber wenn es um den innersyrischen Dialog geht, findet Hero kaum Unterstützer.

„Alle reden mit“

Vor zwei Jahren startete er das Projekt Iwan – ein Salon, bei dem Syrer*innen diskutieren. „Die Teilnehmenden sollen erleben, wie es ist, sich an einer demokratischen Debatte zu beteiligen“, erklärt Hero. „Wir sitzen zusammen – ohne Bühne, ohne Hierarchie, keiner bestimmt, alle reden mit.“ Mal geht es um Identität im Exil, mal um soziale Beziehungen in Deutschland, Korruption oder den Einfluss sozialer Netzwerke. Auch aktuelle Themen wie die Krawalle in Stuttgart und Frankfurt und die damit verbundene Diskussion über „Stammbaumforschung“ bei der Polizei werden thematisiert.

Für viele Syrer*innen ist das neu, denn 50 Jahre Diktatur haben die syrische Gesellschaft zum Schweigen gebracht, Angst gesät und Hass geschürt. „Wir hatten in Syrien nicht den Luxus, frei unsere Meinung zu sagen und offen über wichtige Themen zu reden – deshalb holen wir das jetzt nach“, sagt Hero, der seit diesem Semester an der Ruhr-Universität Bochum Politikwissenschaft studiert. Nebenbei bauen die Iwan-Besucher*innen Vorurteile ab, denn durch die Gespräche lernen sie sich kennen ohne zu wissen, wer Alawit, Kurde, Atheist oder homosexuell ist.

Wisam Hero spricht aus eigener Erfahrung. „Ich habe total nette Menschen getroffen, die zum Teil enge Freunde geworden sind und meine Vorurteile komplett widerlegt haben“, erzählt er. Das habe ihn zum Nachdenken gebracht. Wenn jemand einen schlechten Eindruck von etwas habe, könne man nur schwer seine Meinung ändern, sagt der DJ. „Deshalb lassen wir die Leute erst mal ihre persönlichen Erfahrungen machen, ohne diese Themen direkt anzusprechen.“

Eine menschliche Errungenschaft

Der innersyrische Austausch sei auch für das Zusammenleben in Deutschland wichtig, betont der Aktivist. Denn die orientalischen Gesellschaften hätten viele Vorurteile gegenüber „angeblich westlichen“ Konzepten, so Hero. „Syrer hören Gleichberechtigung und denken an Frauen im Bikini, sie hören säkular und denken, man will die Religion bekämpfen, sie hören Liberalismus und denken an Chaos“.

Dabei könnten sie in Deutschland all diese Klischees mit der Wirklichkeit abgleichen und ehrlich diskutieren, meint der Student. Leider hielten Syrer solche demokratischen Prozesse oft für deutsch. „Sie denken, das machen die Deutschen, das hat mit uns nichts zu tun, aber das stimmt nicht, das ist keine westliche, sondern eine menschliche Errungenschaft.“ Hero möchte, dass sich die Syrer*innen untereinander genau so offen unterhalten wie mit Deutschen. Dass syrische Frauen, die über ihre Freiheit reden wollen, dafür nicht in deutsche Kreise gehen, sondern auch mit anderen Syrer*innen darüber sprechen. Zum Beispiel beim nächsten Iwan – der widmet sich dem syrischen Feminismus, sobald Corona es zulässt.

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