Ein Podcast gegen die Unsichtbarkeit

Vanessa Vu und Minh Thu Tran
Autorin: Julia Fröhleke Fotos: Ling Nguyen 23.11.2021

Sie sind zu zweit und geben den 188.000 vietnamesischen Ein­wanderer*innen eine starke Stimme: Die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu betreiben seit drei Jahren den Podcast „Rice and Shine“, der von viet­deutschen Menschen erzählt – und das so gut, dass er kürzlich einen Medien­preis für Integration erhalten hat.

Sie besitzen Asia-Imbisse und Blumenläden, haben über­durch­schnittlich kluge Kinder und sind stets höflich und fleißig? „Alles, was wir in unserer Jugend über vietnamesische Menschen aus den Medien erfahren haben, war einseitig und geprägt von Klischees, mit denen wir uns nicht identifizieren konnten oder die wir einfach anders erklären würden“, sagt Vanessa Vu, die 1991 als Kind vietnamesischer Eltern in Deutschland geboren ist. Gemeinsam mit Minh Thu Tran hat sie 2018 den Podcast „Rice and Shine“ gegründet, der sich zu einer Plattform für den Austausch von Viet­deutschen mit ihren Mitmenschen gemausert hat.

Sowohl Vus als auch Trans Eltern kamen als sogenannte „Vertrags­arbeiter*innen“, zeitlich befristete Arbeits­kräfte, die ohne Integrations­absicht vertraglich von sozialistischen Staaten wie der DDR angeworben wurden, nach Europa und haben sich nach der Wende in Süd­deutschland mit Asia-Imbissen eine Existenz aufgebaut. In den bayerischen Klein­städten ihrer Kindheit gab es nur wenige vietnamesische Familien. Armut prägte ihren Alltag (nach­zu­hören in der Folge „Armut und Aufstieg“). Schließlich lernten sich die beiden an der Deutschen Journalisten­schule in München kennen. Die Ähnlichkeit ihrer Biografien und ihr gemeinsames Interesse an Geschichte und Politik schuf sofort eine Verbindung. Es folgten viele Stunden des tief­gründigen Austauschs beim gemeinsamen Kochen und Essen. Und nach dem Abschluss war klar: Daraus musste etwas Neues entstehen.

Vanessa Vu ist Journalistin bei ZEIT ONLINE.
Vanessa Vu ist Journalistin bei ZEIT ONLINE. © Ling Nguyen
Minh Thu Tran arbeitet bei WDR und Deutschlandradio.
Minh Thu Tran arbeitet bei WDR und Deutschlandradio. © Ling Nguyen

Rund 40 Themen standen am Ende des ersten Brain­stormings auf der Liste. Folge um Folge entwickelte sich der Podcast Rice and Shine zu einer ernst zu nehmenden Plattform für Berichte für und über vietnamesische Menschen in Deutschland. „Es liegt uns am Herzen, Geschichten zu erzählen, die so noch nicht erzählt wurden, von denen wir aber denken, dass mehr Leute sie hören sollten“, fasst Vu das Ziel des Formats zusammen und betont: „Wir haben nicht den Anspruch, aufzuklären.“ Rice and Shine sei ein Angebot zum Zuhören, um daraus eigene Schlüsse zu ziehen.

Die geografischen Wege der beiden trennten sich nach der Ausbildung, Vu arbeitete als Journalistin für ZEIT ONLINE in Berlin, Tran beim WDR und Deutschland­radio in Köln. Aufgenommen wurde deshalb meist an unter­schiedlichen Orten. „Wir recherchieren und notieren uns, welche Aspekte wir mit einbringen wollen. Anhand dieser Stich­punkt­liste diskutieren wir und sprechen frei.“ Das zeichnet Rice and Shine aus: die Natürlichkeit in den Stimmen, die Authentizität in der Reaktion und die Nahbarkeit der beiden Sprecherinnen.

Flucht aus Vietnam nach Deutschland

Zur Zeit des Kalten Krieges gab es grob zwei Ströme vietnamesischer Einwanderer*innen nach Deutschland: zum einen die als „Boatpeople“ bekannt gewordenen Flüchtlinge, die nach der Macht­über­nahme durch das kommunistische Regime Verfolgung und Repressalien befürchteten und ihre Situation als so ausweg­los betrachteten, dass sie über das Südchinesische Meer flohen. Knapp 46.000 Menschen emigrierten auf diese Weise nach West­deutschland. Auf der anderen Seite stehen die rund 70.000 Vertrags­arbeiter*innen, die durch Verträge der sozialistischen „Bruder­staaten“ in die DDR kamen und nach dem Ende der DDR bis 1997 warten mussten, bis für sie eine rechtliche Grundlage für Aufenthalt und Arbeit geschaffen wurde. Bis heute wandern viele Menschen aus Vietnam nach Deutschland ein, sodass diese „neuen“ Migrant*innen mittlerweile die Mehrheit der deutsch-vietnamesischen Bevölkerung ausmachen.

Einen guten Überblick über die jüngere Geschichte vietnamesischer Einwanderer*innen in Deutschland bietet der Artikel „Vietdeutschland und die Realität der Migration im vereinten Deutschland“ der Bundeszentrale für politische Bildung.

Boatpeople
Geschätzte 1,3 Millionen Menschen flohen nach Kriegsende über das Südchinesische Meer, sie wurden als Boat People bekannt. Der deutsche Journalist Rupert Neudeck organisierte mit dem Frachtschiff Cap Anamur eine viel beachtete Seenotrettungsaktion. © Jürgen Escher
Vanessa Vu und Minh Thu Tran
Die Podcasterinnen wollen mit einseitigen Klischees über vietnamesische Menschen aufräumen, aber auch historische Hintergründe liefern. © Ling Nguyen

Themen so bunt wie die Menschen selbst

Das thematische Spektrum ist bunt und betont die Vielfalt innerhalb der vietnamesischen Community in Deutschland, die sonst den Klischees zum Opfer fällt. Mit viel Ehrlichkeit und Humor sezieren sie diese Klischees, ergänzen den „weißen Blick“ um historische und politische Details und sprechen offen über rassistische Anfeindungen. Das passiert mal im Gespräch miteinander, mal bei Interviews mit Gäst*innen, aber immer mit Sensibilität gegenüber den Menschen, die sie sich auch von anderen für sich selbst wünschen.

Sie erklären, dass die über­durch­schnittlich guten Schul­leistungen mit einem starken familiären Leistungs­druck ein­hergehen. Sie erklären, dass das vietnamesische National­gericht Phở erst durch die richtigen Nudeln zu Phở wird. Und sie erklären, dass die als still, brav und fleißig geltende ältere Generation vietnamesischer Einwanderer*innen Gewalterfahrungen und Kriegs­traumata bewältigen musste. „Das sind nicht einfach nur Migrantinnen und Migranten, die haben eine sehr bewegende Geschichte“, sagt Vu.

So wie die Geschichte der beiden Bootsflüchtlinge Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân, die bei einem rassistischen Mord­anschlag 1980 ums Leben gekommen sind. In der aufwendig produzierten Reportage-Folge „Hamburg 1980: Als der rechte Terror wieder aufflammte“ rekonstruierten die beiden Journalistinnen mit akribisch auf­gearbeiteten Gerichts­akten, Zeitungs­berichten und Aussagen von Zeit­zeug*innen den Vorfall, über den hier­zu­lande nur wenig berichtet wurde. Im Mai 2021 erhielten sie dafür den Medien­preis CIVIS Top Award. „Dass mit einem Mal diese Aufmerksamkeit da war, hat sich angefühlt wie ein Meilen­stein in einem vierzig­jährigen Kampf um Anerkennung“, beschreibt Vu das Gefühl bei der Preisverleihung.

Viele Menschen sagen uns, dass sie sich durch unseren Podcast zum ersten Mal gesehen gefühlt haben.

Vanessa Vu und Minh Thu Tran

Podcasterinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu

Viel Raum nimmt bei Rice and Shine das Thema Identität ein. „Wir sind unter starkem Assimilations­druck aufgewachsen: Man konnte nicht deutsch und vietnamesisch oder irgendetwas dazwischen sein. Heute fühle ich mich viel wohler damit, zu sagen: Ich bin vietdeutsch, oder ich bin vietnamesisch.“ Aus den einst starren Kategorien sind Labels geworden, die die Podcasterinnen mit eigenen Inhalten gefüllt haben – für ihre Hörer*innen und für sich selbst. Ihrer Haltung für eine tolerante und offene Gesellschaft verleihen sie auch als Mitglied im Netzwerk neue deutsche organisationen e.V. Ausdruck.

Vanessa Vu und Minh Thu Tran
Deutsch? Vietdeutsch? Vietnamesisch? Viele Rice-and-Shine-Folgen behandeln das Thema Identität. © Ling Nguyen

Eine neue Community

Weil das Freizeitprojekt immer mehr Ressourcen verschlang, bemühten sich die Macherinnen um eine Neu­organisation. Seit Juni 2021 läuft Rice and Shine als Koproduktion von ZEIT ONLINE und dem WDR. Minh Thu Tran und Vanessa Vu können den Podcast nun weitest­gehend in ihrer Arbeits­zeit produzieren und behalten die redaktionelle Hoheit. „Für manche Folgen sind wir über körperliche, psychische und freundschaftliche Grenzen gegangen. Es ist besser, dass der Podcast jetzt Teil unserer Jobs ist, den wir gut, aber effizient machen wollen“, erläutert Vu.

In der ersten Folge unter dem neuen Dach geht es um ein Lieblingsthema der Journalistinnen: vietnamesisches Essen. Dass vietnamesische Restaurants hier­zu­lande zum Stadt­bild gehören, sieht Vu positiv: „Seit Jahr­zehnten leben Vietnamesinnen und Vietnamesen in Europa, haben aber aus ökonomischen Gründen chinesisches und japanisches Essen verkauft. Ich freue mich, dass ihre Küche endlich Anerkennung hier bekommt.“

In der Folge kommen die Mütter der Moderatorinnen zu Wort, die dem Hype, den das National­gericht Phở hierzulande erlebt, nicht viel abgewinnen können. Die Perspektive der Eltern­generation will das Duo zukünftig häufiger integrieren. Aus den Rück­meldungen ihrer Fans wissen sie, dass der Podcast viele Kinder von Einwanderer*innen anregt, mit ihren Müttern und Vätern über Identität und Vergangenheit zu sprechen. Jene Folgen, in denen sie die strenge Erziehung, den Leistungsdruck in der Schulzeit oder die ärmlichen Verhältnisse, in denen viele aufwuchsen, thematisierten, hätten vielen Hörer*innen zu einem neuen Blick auf ihre Eltern verholfen. „Eine Frau schrieb uns sogar, dass sie nach jahrelangem Kontakt­ab­bruch wieder Verbindung zu ihrer Mutter aufgenommen hat“, erzählt Vanessa Vu.

Es ist diese Bühne für marginalisierte Gruppen und Themen, die die Hörer*innen anspricht: „Viele Menschen sagen uns, dass sie sich durch unseren Podcast zum ersten Mal gesehen gefühlt haben.“ Rice and Shine hat eine Lücke geschlossen. Davor gab es zwar Netzwerke oder Partys, wo sich jüngere asiatische Menschen vernetzt und getroffen haben. Durch den Podcast ist jedoch eine echte Community entstanden, der es um inhaltlichen Austausch geht und die so zuvor nicht existierte.

neue deutsche organisationen

neue deutsche organisationen e.V. ist ein bundes­weites Netzwerk von rund 100 Vereinen, Organisationen und Projekten. Der Verein sieht sich als post­migrantische Bewegung gegen Rassismus und für ein inklusives Deutschland.
neuedeutsche.org/