Zwischen Gesetz und Lebens­realität: geflüchtete Menschen und der schwierige Zugang zum Recht

Zwischen Gesetz und Lebens­realität: geflüchtete Menschen und der schwierige Zugang zum Recht
Autor: Felix Jung Fotos: Reinaldo Coddou 02.12.2025

Ende 2024 lebten rund 3,3 Millionen geflüchtete Menschen in Deutschland – doch ihr Zugang zu rechtlicher Unter­stützung ist erschreckend gering. Auf eine Million Schutz­suchende kommen nur etwa 300 Fach­anwält*innen für Migrations­recht.

Dieser Mangel betrifft auch die Zehn­tausenden in Deutschland lebenden Syrer*innen, deren Abschiebung gerade politisch diskutiert wird. Quint Aly vom Projekt ACCICE – kurz für access to justice – fordert: „Der Rechts­staat muss sich viel stärker an jenen aus­richten, die ihn am meisten brauchen.“ Wie das geht? AufRuhr hat ihn und seine Projekt­kolleginnen Rieke Löffler und Martha Versteegen im September in Berlin getroffen.

Es ist ein sonniger Freitagnachmittag, einer der letzten warmen Tage des Jahres. Die StadtWERKSTATT Friedrichs­hain-Kreuzberg, eine umfunktionierte Fabrik­halle, wird von ACCICE und weiteren Initiativen in einen Ort der Begegnung zwischen Kunst und Recht verwandelt. Am Eingang der Ausstellung befindet sich eine interaktive Kunst­installation, die den deutschen Rechts­staat als Jenga-Turm inszeniert – jeder Stein steht für ein bedeutendes Gerichts­urteil. Sie soll das Publikum aufklären, wie relevant unabhängige Gerichte für das deutsche Rechts­system sind. Und die Besucher*innen ermutigen, für die Rechte anderer einzutreten. „Unser Rechts­staat wird durch Jurist*innen, also von einer homogenen Gruppe mit hohem sozialen Status gestaltet“, erklärt Projekt­leiter Quint Aly. „Folglich erreicht er gerade die Menschen nicht, die ihn am meisten brauchen: insbesondere geflüchtete Menschen oder solche mit Migrations­geschichte. Genau das müssen wir ändern.“

Das Team von ACCICE (von links): Oliver Li, Martha Versteegen, Rieke Löffler und Quint Aly. © Reinaldo Coddou

„Der Rechtsstaat ist kein abgeschlossenes Projekt“

Denn Personen mit Migrations­geschichte oder Flucht­erfahrung müssten sich oft in besonders sensiblen Rechts­bereichen verteidigen: Häufig ginge es bei ihren Verfahren um existenzielle Rechte und Entscheidungen, die ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen könnten, so Aly. „Leider sind sie dabei häufig mit Behörden konfrontiert, die chronisch über­lastet sind und ihre Mitarbeitenden ohne ausreichende rechtliche Ausbildung folgen­schwere Entscheidungen treffen lassen. Dasselbe gilt auch für die Justiz: Viele Richter*innen, die im Migrations­recht entscheiden, wurden nicht im Migrations­recht ausgebildet.“ Ein weiteres Problem sei, dass Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrations­biografie Verfahren und Entscheidungen aller Rechts­gebiete beeinflusse, erklärt er.

Umso wichtiger sei es, über wegweisende Rechts­prechungen und die gesellschaftliche Verantwortung des*der Einzelnen zu informieren. „Sowohl unser Projekt ACCICE als auch die Ausstellung machen darauf aufmerksam, dass der Rechts­staat häufig zu ein­dimensional und unidirektional gedacht wird. Er ist kein abgeschlossenes Projekt, er muss erstritten werden, wieder und wieder,“ sagt Aly.

Interaktiver Rechtsstaat: Die Ausstellungsbesucher*innen sind eingeladen, sich mit prägenden Urteilen deutscher Gerichte auseinanderzusetzen. © Reinaldo Coddou
Eine wacklige Angelegenheit: Je mehr Urteile entzogen werden, desto schwacher wird die Konstruktion des Rechtsstaates. © Reinaldo Coddou

Stein für Stein, Recht für Recht

Die Kunstinstallation haben Alys Kolleginnen Rieke Löffler und Martha Versteegen selbst entwickelt. Über einen Aufruf auf LinkedIn bat ACCICE Jurist*innen und Interessierte, Urteile einzusenden, die für sie den Rechts­staat symbolisieren. Über 60 Vorschläge kamen zusammen, sie reichen vom Jahr 1957 bis in die Gegenwart. „Mit unserer Installation wollen wir zeigen, dass der Rechts­staat ein Gemeinschafts­projekt ist. Wird ein Stein beziehungs­weise ein Urteil entfernt, fehlen plötzlich elementare Rechte“, so Martha Versteegen. Als Demonstration ziehen sie und Rieke Löffler abwechselnd Steine aus dem Jenga-Turm heraus, auf jedem ist der Name eines Urteils geschrieben. Etwa das Urteil des Bundes­verfassungs­gerichtes zum Asyl­bewerber­leistungs­gesetz von 2012: „Die Würde des Menschen ist migrations­politisch nicht zu relativieren.“ Rieke Löffler: „Das Urteil legt bis heute fest, wie weit politische Forderungen gegen geflüchtete Menschen gehen dürfen, ohne die Menschen­würde zu verletzen. Es trennt klar zwischen seriöser Politik und bloßem Populismus.“

"Die Konstruktion des Rechtsstaates" wurde von Martha Versteegen (links) und Rieke Löffler selbst entworfen. © Reinaldo Coddou

Auf einem weiteren Stein geht es um die Entscheidung des Europäischen Gerichts­hofes von 2022: „Ein in Deutschland geborenes Kind hat einen Anspruch auf ein deutsches Asylverfahren“, liest Martha Versteegen vor. Das Urteil sorgt dafür, dass in Deutschland geborene Kinder geflüchteter Eltern nicht einfach abgeschoben werden dürfen. Quint Aly ergänzt: „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte den Asyl­antrag für dieses Kind bereits abgelehnt. Es brauchte ein Urteil des Europäischen Gerichts­hofes, um Deutschland an seine rechts­staatliche Verantwortung zu erinnern.“ Ohne engagierte Anwält*innen und entsprechende Klagen werde das deutsche und europäische Recht zunehmend interessen­geleitet ausgelegt, bemängelt er. „Wir erleben immer häufiger, dass Politik und Verwaltung nur noch die eigene Rechts­auslegung gelten lassen wollen. Zu entscheiden, was Recht ist und was nicht, ist und bleibt aber Sache der Gerichte“, so Aly und verweist unter anderem auf die Diskussion um das Zurückweisen von Asylsuchenden an deutschen Grenzen.

„Das Recht muss für alle gelten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe“

Zum Abschluss der Veranstaltung appelliert Quint Aly an die Verantwortung deutscher Jurist*innen. „Die juristische Profession steht in der Verantwortung, einen niedrig­schwelligen Rechts­staat für alle zu schaffen. Migrations­recht muss daher endlich an allen juristischen Fakultäten gelehrt werden und die Rechts­bildung der Bevölkerung bereits an Schulen beginnen.“ Über 300 Besucher*innen habe die Ausstellung an ihrem ersten Tag erreicht, berichten die Projekt­verantwortlichen Versteegen und Löffler. Sie zeigt, dass wir uns nicht nur für unsere eigenen Rechte, sondern auch für die Rechte anderer starkmachen können und sollten – egal, welchen Aufenthalts­status oder welche Staats­angehörigkeit eine Person hat. „Das Recht muss für alle gelten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe“, so Versteegen. Rieke Löffler: „Jede*r von uns kann dazu beitragen, dass Recht und Gerechtigkeit keine Frage von Herkunft oder Status sind. Dafür setzen wir uns bei ACCICE ein.“

Rechtsstaatliche Teilhabe

„Rechtsstaatliche Teilhabe“ ist ein Projekt, das von der inter­disziplinären Initiative ACCICE (access to justice) mit Sitz in Hamburg durch­geführt wird. Ziel ist es, einen gerechten und barriere­armen Zugang zum Recht her­zu­stellen – insbesondere für geflüchtete und strukturell benachteiligte Menschen. Im Zentrum stehen Beratung, Bildungs­arbeit und Forschung. ACCICE unter­stützt unter anderem das Vereins­netzwerk „Refugee Law Clinics“ an Hochschulen, entwickelt innovative Formate zur rechtlichen Aufklärung und verbindet die praktische Rechts­arbeit mit strukturellem Empowerment.
accice.now