Zwischen Gesetz und Lebensrealität: geflüchtete Menschen und der schwierige Zugang zum Recht
Ende 2024 lebten rund 3,3 Millionen geflüchtete Menschen in Deutschland – doch ihr Zugang zu rechtlicher Unterstützung ist erschreckend gering. Auf eine Million Schutzsuchende kommen nur etwa 300 Fachanwält*innen für Migrationsrecht.
Dieser Mangel betrifft auch die Zehntausenden in Deutschland lebenden Syrer*innen, deren Abschiebung gerade politisch diskutiert wird. Quint Aly vom Projekt ACCICE – kurz für access to justice – fordert: „Der Rechtsstaat muss sich viel stärker an jenen ausrichten, die ihn am meisten brauchen.“ Wie das geht? AufRuhr hat ihn und seine Projektkolleginnen Rieke Löffler und Martha Versteegen im September in Berlin getroffen.
Es ist ein sonniger Freitagnachmittag, einer der letzten warmen Tage des Jahres. Die StadtWERKSTATT Friedrichshain-Kreuzberg, eine umfunktionierte Fabrikhalle, wird von ACCICE und weiteren Initiativen in einen Ort der Begegnung zwischen Kunst und Recht verwandelt. Am Eingang der Ausstellung befindet sich eine interaktive Kunstinstallation, die den deutschen Rechtsstaat als Jenga-Turm inszeniert – jeder Stein steht für ein bedeutendes Gerichtsurteil. Sie soll das Publikum aufklären, wie relevant unabhängige Gerichte für das deutsche Rechtssystem sind. Und die Besucher*innen ermutigen, für die Rechte anderer einzutreten. „Unser Rechtsstaat wird durch Jurist*innen, also von einer homogenen Gruppe mit hohem sozialen Status gestaltet“, erklärt Projektleiter Quint Aly. „Folglich erreicht er gerade die Menschen nicht, die ihn am meisten brauchen: insbesondere geflüchtete Menschen oder solche mit Migrationsgeschichte. Genau das müssen wir ändern.“
„Der Rechtsstaat ist kein abgeschlossenes Projekt“
Denn Personen mit Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung müssten sich oft in besonders sensiblen Rechtsbereichen verteidigen: Häufig ginge es bei ihren Verfahren um existenzielle Rechte und Entscheidungen, die ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen könnten, so Aly. „Leider sind sie dabei häufig mit Behörden konfrontiert, die chronisch überlastet sind und ihre Mitarbeitenden ohne ausreichende rechtliche Ausbildung folgenschwere Entscheidungen treffen lassen. Dasselbe gilt auch für die Justiz: Viele Richter*innen, die im Migrationsrecht entscheiden, wurden nicht im Migrationsrecht ausgebildet.“ Ein weiteres Problem sei, dass Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationsbiografie Verfahren und Entscheidungen aller Rechtsgebiete beeinflusse, erklärt er.
Umso wichtiger sei es, über wegweisende Rechtsprechungen und die gesellschaftliche Verantwortung des*der Einzelnen zu informieren. „Sowohl unser Projekt ACCICE als auch die Ausstellung machen darauf aufmerksam, dass der Rechtsstaat häufig zu eindimensional und unidirektional gedacht wird. Er ist kein abgeschlossenes Projekt, er muss erstritten werden, wieder und wieder,“ sagt Aly.
Stein für Stein, Recht für Recht
Die Kunstinstallation haben Alys Kolleginnen Rieke Löffler und Martha Versteegen selbst entwickelt. Über einen Aufruf auf LinkedIn bat ACCICE Jurist*innen und Interessierte, Urteile einzusenden, die für sie den Rechtsstaat symbolisieren. Über 60 Vorschläge kamen zusammen, sie reichen vom Jahr 1957 bis in die Gegenwart. „Mit unserer Installation wollen wir zeigen, dass der Rechtsstaat ein Gemeinschaftsprojekt ist. Wird ein Stein beziehungsweise ein Urteil entfernt, fehlen plötzlich elementare Rechte“, so Martha Versteegen. Als Demonstration ziehen sie und Rieke Löffler abwechselnd Steine aus dem Jenga-Turm heraus, auf jedem ist der Name eines Urteils geschrieben. Etwa das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Asylbewerberleistungsgesetz von 2012: „Die Würde des Menschen ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ Rieke Löffler: „Das Urteil legt bis heute fest, wie weit politische Forderungen gegen geflüchtete Menschen gehen dürfen, ohne die Menschenwürde zu verletzen. Es trennt klar zwischen seriöser Politik und bloßem Populismus.“
Auf einem weiteren Stein geht es um die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes von 2022: „Ein in Deutschland geborenes Kind hat einen Anspruch auf ein deutsches Asylverfahren“, liest Martha Versteegen vor. Das Urteil sorgt dafür, dass in Deutschland geborene Kinder geflüchteter Eltern nicht einfach abgeschoben werden dürfen. Quint Aly ergänzt: „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte den Asylantrag für dieses Kind bereits abgelehnt. Es brauchte ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, um Deutschland an seine rechtsstaatliche Verantwortung zu erinnern.“ Ohne engagierte Anwält*innen und entsprechende Klagen werde das deutsche und europäische Recht zunehmend interessengeleitet ausgelegt, bemängelt er. „Wir erleben immer häufiger, dass Politik und Verwaltung nur noch die eigene Rechtsauslegung gelten lassen wollen. Zu entscheiden, was Recht ist und was nicht, ist und bleibt aber Sache der Gerichte“, so Aly und verweist unter anderem auf die Diskussion um das Zurückweisen von Asylsuchenden an deutschen Grenzen.
„Das Recht muss für alle gelten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe“
Zum Abschluss der Veranstaltung appelliert Quint Aly an die Verantwortung deutscher Jurist*innen. „Die juristische Profession steht in der Verantwortung, einen niedrigschwelligen Rechtsstaat für alle zu schaffen. Migrationsrecht muss daher endlich an allen juristischen Fakultäten gelehrt werden und die Rechtsbildung der Bevölkerung bereits an Schulen beginnen.“ Über 300 Besucher*innen habe die Ausstellung an ihrem ersten Tag erreicht, berichten die Projektverantwortlichen Versteegen und Löffler. Sie zeigt, dass wir uns nicht nur für unsere eigenen Rechte, sondern auch für die Rechte anderer starkmachen können und sollten – egal, welchen Aufenthaltsstatus oder welche Staatsangehörigkeit eine Person hat. „Das Recht muss für alle gelten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe“, so Versteegen. Rieke Löffler: „Jede*r von uns kann dazu beitragen, dass Recht und Gerechtigkeit keine Frage von Herkunft oder Status sind. Dafür setzen wir uns bei ACCICE ein.“
Rechtsstaatliche Teilhabe
„Rechtsstaatliche Teilhabe“ ist ein Projekt, das von der interdisziplinären Initiative ACCICE (access to justice) mit Sitz in Hamburg durchgeführt wird. Ziel ist es, einen gerechten und barrierearmen Zugang zum Recht herzustellen – insbesondere für geflüchtete und strukturell benachteiligte Menschen. Im Zentrum stehen Beratung, Bildungsarbeit und Forschung. ACCICE unterstützt unter anderem das Vereinsnetzwerk „Refugee Law Clinics“ an Hochschulen, entwickelt innovative Formate zur rechtlichen Aufklärung und verbindet die praktische Rechtsarbeit mit strukturellem Empowerment.
accice.now