Zwischen Angst und Aufbruch: Wie Gewerkschaften die Klimawende gestalten
Die Klimawende ist längst in der deutschen Wirtschaft angekommen – doch nicht in jedem Betrieb herrscht Aufbruchsstimmung. Besonders in der Automobilindustrie und im Maschinenbau machen sich viele Beschäftigte Sorgen um ihre Jobs, faire Arbeitsbedingungen und ihr Recht auf Mitbestimmung. Das Projekt „Team Soziale Klimawende“ des Next Economy Lab (NELA) will Gewerkschafter*innen dabei unterstützen, die grüne Transformation in ihren Unternehmen aktiv mitzugestalten. AufRuhr war beim ersten Workshop des Projektes dabei und hat Katrin Dreier-Lippmann von ver.di und Jens Harders von der IG Metall begleitet.
Saalfeld in Thüringen. Die Sonne scheint, am Horizont zeichnet sich das Schiefergebirge ab. Rund 25 Gewerkschaftsmitglieder von IG Metall und ver.di sind angereist, darunter Katrin Dreier-Lippmann aus Jena und Jens Harders aus Brake. Inmitten der landschaftlichen Idylle widmen sich die beiden in den kommenden Tagen einer der großen Fragen deutscher Arbeitnehmervertretungen: Wie lässt sich die Klimawende sozial gerecht gestalten?
Denn bislang bestimmen Politik und Unternehmen, wie der Strukturwandel abläuft: Politiker*innen setzen die Rahmenbedingungen, Vorstände und Geschäftsführungen richten ihre Unternehmen danach aus. Die große Sorge der beiden Gewerkschaften ist, dass der Umbau hin zu einem klimafreundlichen Wirtschaften Arbeitsplätze gefährden und den Druck auf Arbeitnehmer*innen erhöhen könnte. Hier setzt das Programm „Team Soziale Klimawende“ der Organisation NELA an: Es unterstützt Gewerkschafter*innen dabei, selbst in ihren Betrieben aktiv zu werden und die Interessen von Mitarbeitenden in der Klimawende zu vertreten. Der einwöchige Workshop in Saalfeld ist der Auftakt des Fortbildungsprogramms, das bis Ende 2027 läuft.
„Der Nahverkehr steht nicht oben auf der politischen Agenda“
Am Vormittag teilt sich das Plenum auf. In der ver.di-Gruppe sind die meisten Mitglieder im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) tätig. So auch Katrin Dreier-Lippmann: Sie fährt seit zwei Jahren Bus, davor arbeitete sie zwanzig Jahre als Erzieherin. „Die Idee, Busfahrerin zu werden, kam mir, als wir mit unseren Kindern auf den Demos von Fridays for Future waren.“ Durch die Proteste sei ihr bewusst geworden, dass der ÖPNV eine zentrale Rolle für den Umweltschutz spiele und sie hier einen direkten Beitrag leisten könne: „In Jena gehen viele Busfahrer*innen in Rente, zu wenige kommen nach. Bevor unsere Linie gar nicht mehr fährt, dachte ich: Dann fahre ich den Bus eben selbst.“
Katrin Dreier-Lippmann arbeitet als Busfahrerin beim Jenaer Nahverkehr (JNV) und ist Mitglied bei der Gewerkschaft ver.di. Zuvor war sie zwanzig Jahre als Erzieherin tätig.
Der Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme für den ÖPNV in Deutschland, das bestätigen auch die anderen Teilnehmer*innen der Runde. Zwar steigen die Fahrgastzahlen, doch Personal fehlt und die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich. Auch die Infrastruktur ist vielerorts marode. Die Gruppe ist sich einig: Die Klimawende braucht einen starken, attraktiven ÖPNV. Doch Geld und Aufmerksamkeit fehlen. „Der Nahverkehr steht nicht oben auf der politischen Agenda“, kritisiert Dreier-Lippmann. „Das Sondervermögen kommt nicht bei uns an.“
Das Sondervermögen kommt nicht beim ÖPNV an
Stellenaufbau trotz Krise
Im Nebenraum machen auch die IG-Metaller*innen eine Bestandsaufnahme. Schwaches Wirtschaftswachstum, wachsende Konkurrenz durch chinesische Unternehmen, ausbleibende Investitionen oder der demografische Wandel: Es sind keine einfachen Zeiten, das spiegeln die Eindrücke der Beschäftigten aus fast allen anwesenden Betrieben. Diese Krisen würden genutzt, um Druck auf die Gewerkschaften aufzubauen, so sehen es viele. Unbegründet ist die Angst um Arbeitsplätze nicht: Allein 2025 gingen in der deutschen Industrie rund 124.000 Stellen verloren.
Bei Jens Harders sieht es anders aus: „Bei uns soll von 500 auf 750 Mitarbeitende aufgestockt werden“, sagt er. Seit 38 Jahren arbeitet er als Dreher bei den Norddeutschen Seekabelwerken im niedersächsischen Nordenham, Mitglied der IG Metall ist er schon seit 46 Jahren. Das Geschäft mit Unterseekabeln für globale Datenprojekte laufe gut, der weltweite Bedarf steige. Doch selbst in einem wachsenden Betrieb mit Nachhaltigkeitsstrategie klappe nicht alles reibungslos. So seien einige Kolleg*innen dem Klimaschutz gegenüber weiterhin skeptisch eingestellt. Als Betriebsrat sei es auch seine Aufgabe, kulturell zu vermitteln. „Wir müssen versuchen, in dieser Gesellschaft gut miteinander auszukommen“, sagt er. „Das funktioniert nicht von allein.“
Privat geht Harders mit gutem Beispiel voran. Er fährt ein E-Auto und hat sein Haus mit einer Wärmepumpe und Solarpanels ausgestattet. Rund 14 Tonnen CO2 spart er damit jährlich ein, schätzt er. Der durchschnittliche CO2-Fußabdruck liegt in Deutschland bei rund 10 Tonnen pro Kopf. „Mit dem, was ich zu Hause mache, kann ich als Betriebsrat und Gewerkschafter auch meine Kolleg*innen überzeugen“, meint er. Aus dem Workshop nimmt er neben zusätzlicher Motivation auch neue Impulse für Gespräche mit der Geschäftsführung mit: „Ich fühle mich besser vorbereitet, auf unterschiedliche Persönlichkeiten einzugehen und Vorschläge gezielter zu platzieren.“
Jens Harders arbeitet seit 38 Jahren als Dreher bei den Norddeutschen Seekabelwerken in Nordenham und ist dort Betriebsrat. Seit 46 Jahren ist er Mitglied der Gewerkschaft IG Metall.
Mit dem, was ich zuhause mache, kann ich als Betriebsrat auch meine Kolleg*innen überzeugen.
Mitbestimmung als Hebel
Nach der Mittagspause sitzt Katrin Dreier-Lippmann auf einer Bank in der Sonne. Sie hat schon erste Ideen für mehr Nachhaltigkeit im Jenaer Nahverkehr. Aufklärungsarbeit über E-Mobilität stehe dabei im Zentrum, sagt sie: „Bei unserem Werkstatt- und Fahrpersonal sollte dieser Gedanke immer mitschwingen: Der ÖPNV hat auch etwas mit dem Klimaschutz zu tun.“ In Jena wurden in den vergangenen Jahren zwei Linien auf E-Busse umgestellt. Anfangs hatten manche ihrer Kolleg*innen Vorbehalte gegenüber den neuen Fahrzeugen. Doch nach einigen Probefahrten war klar: Das Fahrgefühl ist zwar anders, aber nicht schlechter. Noch sucht Katrin Dreier-Lippmann weitere Unterstützer*innen im Betrieb und versucht, mit allen relevanten Gremien über E-Mobilität zu sprechen. „Aus dem Workshop nehme ich die Bestätigung mit, nicht allein zu sein“, sagt sie. Der Austausch mit den anderen Teilnehmer*innen soll auch nach der Veranstaltung weiterlaufen.
Ob sie zuversichtlich ist, dass Deutschland die Klimawende schafft? „Ich habe manchmal wirklich Angst“, sagt die Busfahrerin. „Aber die Gewerkschaftsarbeit gibt mir die Möglichkeit, selbst mit anzupacken. Und diese Mitbestimmung gibt mir Kraft: Ich möchte, dass wir das schaffen.“
Next Economy Lab (NELA)
Das Bonner Next Economy Lab (NELA) ist ein gemeinnütziger Verein, der den Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft mitgestaltet. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass ökonomischer Erfolg, ökologische Verantwortung und soziale Gerechtigkeit zusammengehören. NELA arbeitet eng mit Gewerkschaften zusammen. Im Programm „Team Soziale Klimawende“ bildet das Institut Gewerkschaftsmitglieder zu Themen rund um den Klimaschutz fort.
www.nexteconomylab.de