Der Angriff der digitalen Welt

Autor: Matthias Klein 28.01.2021

Fake News, Hatespeech, eine Verrohung des Diskurses: Negative Effekte stehen im Fokus der Debatte über die Digitalisierung der politischen Kommunikation. Digitale Plattformen begünstigten eine Emotionalisierung – bis hin zur Eskalation, sagt der Politikwissenschaftler Christoph Bieber. Für die Gesellschaft entstünden allerdings auch ganz neue Möglichkeiten.

In der Coronakrise ist digitale Kommunikation ganz plötzlich extrem wichtig geworden. Was bedeutet das für die politische Kommunikation, Herr Bieber?

Christoph Bieber: Wir haben an vielen Stellen gesehen, dass digitale Formate in der politischen Kommunikation wichtiger geworden sind. Der beste Indikator dafür im Jahr 2020 war die USA, wo wir einen kompletten Wahlzyklus verfolgen konnten, der sich von analog nach digital verschoben hat.

© Universität Duisburg-Essen

Christoph Bieber

Prof. Dr. Christoph Bieber ist Wissenschaftlicher Koordinator und Leiter des Forschungsinkubators am Center For Advanced Internet Studies (CAIS).

Der Wahlkampf der ersten Vorwahlen war klassisch analog, später gab es diese Formate wegen Corona immer seltener. Zuletzt sahen wir ein Campaigning im Lockdown, in dem manche Kandidaten teilweise über Wochen ihr Quartier nicht mehr verließen und mit den Bürger*innen nur noch digital in Kontakt kommen konnten.

In diesem Jahr stehen zahlreiche Wahlen in Deutschland an. Welche Rolle werden digitale Kommunikationsformate hierzulande spielen?

Bieber: Wir haben bereits gesehen, dass die Digitalisierung nicht nur im unmittelbaren Vorfeld der Wahl eine Rolle spielt, sondern schon deutlich vorher. Die Parteien sind frühzeitig herausgefordert, sich über Themen und Personal Gedanken zu machen. Das geschieht auf den Parteitagen. Wir haben im November 2020 mit der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen gesehen, dass das auch rein digital möglich ist.

Ein virtueller Parteitag, der drei Tage lang verbindliche Entscheidungen trifft, ist eine komplexe Aufgabe. Ein wichtiger Punkt: Es geht digital nicht mehr nur um das Diskutieren oder Vorbereiten von Entscheidungen, sondern um das Treffen von Entscheidungen. Danach kommt die Phase des eigentlichen Wahlkampfs, der schon lange medienvermittelt und digital stattfindet. Und da werden wir in diesem Jahr in Deutschland eine weitere Betonung des Digitalen sehen.

Wie sind die Parteien in diesem Bereich unterwegs, welche Rolle werden dialogische Formate spielen?

Bieber: Wenn man die Entwicklung in den USA zum Maßstab nimmt, darf man nicht zu viel Partizipation erwarten. Gerade die Conventions dort haben gezeigt, dass die Parteien auch digital auf genau geplante Choreographien setzen. Das kann man in Deutschland auch so machen – man muss es aber nicht. Der Grünen-Parteitag war ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, partizipationsstarke Elemente zuzulassen. Doch werden die Parteieliten das entscheidende Nadelöhr sein: Wollen sie einen offeneren Bottom-Up-Wahlkampf oder wollen sie es wie bisher eher stark steuern? Meine Erwartung ist: Es wird nicht zu flach, was die Hierarchien angeht.

Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Bereiche unseres Lebens aus. Welche demokratischen Rahmenbedingungen geraten unter Druck?

Bieber: Eine wichtige Frage ist: Wie wird ein politischer Diskurs geführt unter den Bedingungen einer beschleunigten Digitalisierung? Das Beispiel USA zeigt, dass die Art und Weise, wie digitale Plattformen konstruiert sind, eine Emotionalisierung und Sensationalisierung der Debatten stark begünstigt. Algorithmen belohnen solche Äußerungen und verschaffen ihnen besonders viel Aufmerksamkeit, sozusagen wie mit einem Turbolader. Das führt mitunter zu einer schnellen Eskalation. Das wirft die Frage auf, inwiefern dann ein offener, freier und fairer Meinungsaustausch möglich ist. Hinzu kommt, dass über die digitalen Kanäle oft einzelne Aussagen aus dem Zusammenhang genommen werden. Auch dadurch entsteht eine enorme Schärfe, die nicht diskursfördernd ist.

In digitalen Sphären muss man sich entscheiden, mit wem man überhaupt reden möchte, denn das Angebot ist überwältigend.

Was bedeutet das für die Bürger*innen?

Bieber: In digitalen Sphären muss man sich entscheiden, mit wem man überhaupt reden möchte, denn das Angebot ist überwältigend. Viele Menschen kommunizieren dann eher mit Menschen, die so ähnlich denken wie sie selbst. Dadurch gehen sie einer möglichen Konfrontation aus dem Weg. Das muss nicht immer gleich bedeuten, sich nur in seiner eigenen Blase zu bewegen. In vielen Fällen nehmen Menschen durchaus wahr, was anderswo passiert. Aber es gibt eben viele Möglichkeiten, weniger angenehme Gesprächsverläufe einfach auszublenden. Und das führt zu einer fragmentierten Öffentlichkeit, in der man sich voneinander entfernen und auch verlaufen kann. Das Beispiel USA zeigt, wie weit das gehen kann – nämlich so weit, dass man politisch gar nicht mehr zusammenfindet. Und das erschwert eine gesunde Repräsentation politischer Gruppen im politischen System oder verhindert sogar Teilhabe: Wer die Befürchtung hat, ausgegrenzt oder scharf attackiert zu werden, beteiligt sich möglicherweise gar nicht mehr. Ein Aspekt ist dabei wichtig: Die Digitalisierung löst nicht etwas vollkommen Neues aus, sie verstärkt vorhandene Tendenzen.

Beatrix von Storch (rechts) und Alexander Gauland von der AfD machen ein Selfie. © Getty Images

Auch in Deutschland wird oft eine Verrohung des politischen Diskurses beklagt.

Bieber: Diese Entwicklung wird in Deutschland begünstigt zum Beispiel durch die AfD, die Stimmungen und Stimmen aus dem Netz bis in die Parlamente trägt. Die AfD ist im Nachgang zur Piratenpartei die politische Partei, die von Beginn an durch das Digitale geprägt ist. Die Piraten hatten vorgemacht, wie man das Netz als Organisations- und Kommunikationsinstrument einsetzen kann, gerade wenn man als neue Partei eine Struktur aufbaut. Die AfD hat sich viel stärker noch als die Piraten über die sozialen Medien organisiert. Als digitale Plattform war und ist sie verwoben mit Bewegungen wie Pegida und anderen am rechtesten Rand. Dabei hat sie sich kommunikativ radikalisiert: Viele haben mit ähnlich denkenden Akteuren kommuniziert – und sind nicht auf Widerspruch gestoßen, im Gegenteil. Insofern ist es kein Zufall, dass wir eine Art Angriff der digitalen Welt auf die Demokratie erleben, bei der die AfD eine tragenden Rolle spielt. Ihre Kommunikationskultur stammt aus dem Digitalen, hat sich dann allmählich durch die elektoralen Erfolge auch im analogen politischen Raum verbreitet.

Sie sprechen von einer fragmentierten Öffentlichkeit. Am Beginn des Internets stand das Versprechen von Partizipation und Transparenz. Warum ist es dazu nicht gekommen?

Bieber: Vielleicht waren zu Beginn die produktiven Ansätze nur etwas stärker sichtbar, das Internet galt vielen als Experimentierraum, es herrschte Goldgräberstimmung, kommerziell wie gesellschaftlich. Allerdings gab es auch damals schon die dunklen Seiten mit politisch extremen Inhalten. Inzwischen hat sich die Nutzung sehr stark ausgeweitet, und so hat sich das Netz normalisiert: Wir sehen viel mehr Lärm, unpolitische Kommunikation, Unterhaltung. Das muss nicht schlecht sein. Aber gute Ansätze haben es oft schwerer, sich durchzusetzen. Mit dem Aufkommen der großen Plattformen wie Facebook in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren sehen wir sozusagen den Angriff des Alltags –  oder weniger drastisch formuliert: einen Effekt der Veralltäglichung.

Sie haben die negativen Effekte auf das Gemeinwesen angesprochen. Oft wird gesagt, die wesentliche Antwort darauf sei, die Medienkompetenz zu stärken. Wie sehen Sie das?

Bieber: Ja, das ist tatsächlich so. Viele Menschen sind nach wie vor überfordert. Das ist der Grund, warum wir als Gesellschaft über die Verbreitung von Fake News immer noch sehr aufgeregt sprechen und vergleichsweise wenig dagegen getan wird. Es wird einige Jahre dauern, bis die ganze Gesellschaft die nötigen redaktionellen Kompetenzen zur Einschätzung von Information aufbringt.

Wir haben ausführlich über Probleme gesprochen – wo liegen Chancen für die Gesellschaft?

Bieber: Die Digitalisierung ist eine konsequente Modernisierung gesellschaftlicher Strukturen, nicht nur der Kommunikation. Das Pandemie-Jahr 2020 ist ein gutes Beispiel: Wie hätten wir ohne die Digitalisierung überhaupt sinnvoll weiteragieren können? Das gilt gerade für die politische Verständigung und das politische Handeln. Ohne Digitalisierung wäre das schwierig geworden, wenn nicht gar unmöglich.

Hier muss man ansetzen: Es sind neue Möglichkeiten entstanden, sich als Gruppe zu organisieren. Dadurch bekommen andere Sprecher*innen die Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Längst nicht nur die AfD und Querdenker, auch andere Akteure organisieren sich digital, denken Sie nur an Bewegungen wie Fridays for Future oder #blacklivesmatter. Die Not der Pandemie hat uns solche Möglichkeiten vor Augen geführt. Die gab es eigentlich schon lange – aber erst das Schocklernen hat sie uns bewusst gemacht. Sie werden nach dem Ende der Pandemie nicht verschwinden, ganz im Gegenteil.

Center for Advanced Internet Studies (CAIS)

Das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) ist ein Forschungskolleg, an dem die gesellschaftlichen Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation erforscht werden.


www.cais.nrw