Körbe werfen für die Freundschaft

Basketball-Weltmeisterschaft in China
Autorin: Hannah Seidl 29.08.2019

Am Wochenende hat die Basketball-WM in China begonnen. Vor Ort ist auch der frühere deutsche Nationalspieler Henning Harnisch, heute China-Botschafter beim Basketball-Bundesligisten Alba Berlin. Der Sport könne helfen, eine Brücke zu bauen, sagt er im Interview.

Seit 2012 bauen Sie deutsch-chinesische Austauschprogramme im Basketball auf und haben bereits mehr als 10.000 junge Chinesen und Deutsche über den Sport zusammengebracht. Warum interessieren Sie sich so für dieses Land, Herr Harnisch?

Henning Harnisch: Wir haben zahlreiche Austauschprogramme innerhalb Berlins, Deutschlands und international, etwa mit Spanien und den USA. In den Programmen thematisieren wir Sprache und Kultur über den Sport. Und ich dachte ich mir: Unsere Kinder müssen doch China kennenlernen! In China ist Basketball unfassbar populär. Wir kooperieren mit den deutschen Schulen in Peking, Shanghai und Hongkong, mit Organisationen wie den Goethe-Instituten und mit chinesischen Schulen, an denen Deutsch unterrichtet wird, sowie mit den Basketballverbänden in Peking und Shanghai. Unser Ziel ist es, ausgehend von diesem „Graswurzelaustausch“ längerfristig auch eine Kooperation in der Profiliga zu etablieren.

Dazu kommt, dass unser Namensgeber, das Berliner Recyclingunternehmen Alba, sehr aktiv in China ist. Der deutsche Fußball ist in China ja schon seit einiger Zeit präsent, und da dachten wir, wir versuchen es auch, uns als Verein zu platzieren und neue Partner und Sponsoren zu gewinnen.

Henning Harnisch ist Vizepräsident Jugend und China-Botschafter beim Basketball-Bundesligisten Alba Berlin
Henning Harnisch © Alba Berlin

Henning Harnisch ist Vizepräsident Jugend und China-Boschafter beim Basketball-Bundesligisten Alba Berlin. Der 174-fache Nationalspieler wurde zwei Mal mit Alba deutscher Meister und 1993 Europameister.

In einem Interview sagten Sie einmal, in China laufe alles nach anderen Mustern ab. Was meinten Sie damit?

Harnisch: Bildung läuft in China komplett anders und das betrifft auch den Sport. Die Lernmuster sind stark auf das Eintrichtern und Wiederholen von Wissen ausgerichtet. Im Basketball geht es aber darum, selbst Entscheidungen zu treffen und im Spiel kreativ zu werden. Veraltet ist auch das System der Sportschulen. Talentierte Schüler können an diese Internate gehen, an denen jedoch die klassische Bildung zu kurz kommt. Gerade bildungsinteressierte Eltern schicken ihre Kinder daher lieber an andere Schulen, an denen der Sport wiederum keinen Platz hat. Aber: Es gibt in China eine unglaubliche Begeisterung für Basketball, es ist die mit Abstand populärste Sportart. Die Menschen spielen überall, ob in Hinterhöfen, Parks und vor allem an den Universitäten.

Sport kann ein gutes Erzählglied sein in den Beziehungen zwischen Deutschland und China. Basketball kann etwas anderes transportieren als zum Beispiel Wirtschaft.

Warum ist Basketball in China so beliebt?

Harnisch: Daran hat der Basketballspieler Yao Ming einen großen Anteil. Er hat es als erster Chinese in die US-Profiliga, die NBA, geschafft. Yao hatte anfangs große Probleme, sich in der anderen Kultur und dem ganz anderen Spiel zurechtzufinden. Doch er hat sich durchgesetzt und seine Mitbürger*innen in China stolz gemacht. Die Popularität von Basketball in China hat auch damit zu tun, dass die NBA sehr präsent ist. Leider ist das aber nicht nur positiv: Chinesische Spieler, auch in der Top-Liga, versuchen, den – äußerst schwierigen – Spielstil der NBA trotz sehr unterschiedlicher körperlicher Voraussetzungen nachzuahmen. Auch deswegen ist die WM in China wichtig, weil viele andere Spielstile zu sehen sein werden, die besser zu chinesischen Spielern passen würden und ihnen helfen könnten, zeitgemäßer zu spielen.

In Berlin trainieren Sie mit chinesischen Studierenden. Studien haben ergeben, dass diese im Ausland gerne unter sich bleiben. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Harnisch: Wir haben ein Basketballturnier für chinesische Studierende veranstaltet, an dem mehr als 200 aus ganz Deutschland teilgenommen haben. Das lief toll. Im nächsten Schritt möchten wir auch deutsche Studierende einbinden. Seit ein paar Jahren veranstalten wir an der Tongji-Universität in Shanghai Turniere, bei denen deutsche und chinesische Studierende antreten und so über den Sport Kontakte knüpfen können. Das müssten wir auch hier in Deutschland noch mehr stärken. Wir versuchen zudem, chinesischen Studierenden Angebote bei uns im Verein zu machen, damit sie sich über den Basketball hier einfinden können. Es gibt tatsächlich die Tendenz, unter sich zu bleiben.

Henning Harnisch und Basketballspieler Yao Ming
China-Botschafter Henning Harnisch und der populäre Basketballspieler Yao Ming © Alba Berlin

Eine vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) erstellte Studie zum deutsch-chinesischen Schüleraustausch ergab kürzlich, dass China bei deutschen Austauschschülern kein besonders gefragtes Gastland ist. Glauben Sie, dass der Sport dazu beitragen kann, das Interesse zu steigern?

Harnisch: Natürlich kann der Sport das, aber die Hürde ist hoch. Wir wissen hier zu wenig über China, und China ist zu wenig Thema an deutschen Schulen. Wir sind derzeit bemüht, einen Wahlpflichtkurs aufzubauen, wie wir das an einer Oberschule in Prenzlauer Berg mit American Basketball bereits anbieten. Die Idee ist, auch die chinesische Sprache in den Austausch einfließen zu lassen und den Schülern Basketball-Vokabeln beizubringen – links, rechts, vor, zurück – um sie so auf spielerische Weise auf den Aufenthalt in China vorzubereiten.

2018 war Alba Teil der Delegation von Außenminister Heiko Maas, der in Peking mit einem chinesischen Verein trainierte. Wie wichtig ist in der Sportzusammenarbeit die Unterstützung der Politik?

Harnisch: Diese Unterstützung ist sehr wichtig. Wir haben viele Voraussetzungen geschaffen, für den nächsten Schritt braucht man Leute, die diese Idee teilen. Der Kinder- und Jugendaustausch läuft vornehmlich über Kultur und Sport, natürlich ist es wichtig, dass auch die Politik in diesem Bereich uns den Rücken stärkt. Sport kann ein gutes Erzählglied sein in den Beziehungen zwischen Deutschland und China. Basketball kann etwas anderes transportieren als zum Beispiel Wirtschaft. Yao Ming ist ein gutes Beispiel. Er ist auch in den USA sehr populär und eine wichtige Brücke zwischen den beiden Ländern, weil er China in den USA neu erzählte und viel zugänglicher gemacht hat.

Vor Beginn der Weltmeisterschaft war Henning Harnisch bei einer Veranstaltung unserer Partnergesellschaft Mercator Institute for China Studies (MERICS) zu Gast. Den Mitschnitt finden Sie hier als Podcast.

Die WM findet in einer aufgeladenen politischen Stimmung statt. Die Proteste in Hongkong reißen nicht ab und der 70. Jahrestag der Volksrepublik steht bevor. Könnte das während des Wettbewerbs spürbar werden?

Harnisch: Das glaube ich nicht, da es auf chinesischer Seite Erfahrungen gibt, wie so etwas verhindert werden kann. Ich werde oft gefragt, warum ich überhaupt nach China fahre. Ich glaube, bis man irgendwohin nicht mehr fahren sollte, muss sehr viel passieren. Wir bieten einen Dialog an. Wenn man diesen Dialog nicht führt, isoliert man.

 

Mercator Institute for China Studies

Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) ist eine Initiative von uns. Das MERICS vermittelt der Öffentlichkeit Erkenntnisse aus der China-Forschung. Auf diese Weise will das Institut zu einer differenzierten Wahrnehmung Chinas beitragen und die China-Expertise in Europa bereichern.

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