Die Spielregeln bestimmen

Autor: Matthias Klein 29.04.2021

Die Digitalisierung schafft neue Ungleichheiten. Frederike Kaltheuner will diese aufdecken – und dagegen vorgehen. Mit dem European AI Fund arbeitet sie daran, der Zivilgesellschaft Gehör zu verschaffen.

Sie gingen auf die Straßen und äußerten lautstark ihren Protest: Vor etwas mehr als zehn Jahren begann in mehreren Ländern Nordafrikas der Arabische Frühling. Autoritär herrschende Regime standen plötzlich unter Druck. Hoffnung auf eine Demokratisierung kam auf.

Ein Jahr später reist Frederike Kaltheuner nach Ägypten. Sie will eigentlich lediglich das Land kennenlernen, nur einige Tage bleiben. „Ich habe Menschen getroffen, die selbst mitdemonstriert hatten. Sie haben eindrucksvoll davon erzählt“, sagt sie im Rückblick. „Die Energie und die Aufbruchstimmung haben mich mitgerissen.“ Sie habe das Gefühl bekommen, dass gerade etwas politisch sehr Wichtiges passiert. „Ich wollte verstehen, wie das möglich ist – und welche Rolle, wenn überhaupt, soziale Medien in diesen Veränderungen spielen.“

Das Internet studiert

Ein Jahrzehnt später hält sie einen Moment inne, wenn sie davon erzählt. In der Coronapandemie aus ihrer Wohnung per Video zugeschaltet, lehnt sie sich zurück. „Das soll jetzt nicht naiv klingen. Mir war schon damals bewusst, dass sich die Technik nicht nur für positive Bewegungen nutzen lässt. Mir war klar, dass sich dadurch nun nicht die ganze Welt demokratisieren lassen würde.“ Aber die Erfahrung zeige ihr, wie eng neue Technologien und gesellschaftlicher Wandel miteinander verwoben sind.

Gerade hatte sie ihren Bachelor in Philosophie, Politik und Volkswirtschaftslehre in Maastricht und Istanbul abgeschlossen. Ihre nächste Station: In Oxford studierte sie Internet Science. „Das war dort zu dieser Zeit sehr exotisch“, berichtet sie und lacht. „Ich bin immer wieder auf Leute gestoßen, die ungläubig gesagt haben: Wieso soll man hier das Internet studieren?“

© Privat

Riesiges Wissensgefälle

Wikileaks oder Edward Snowden: Die Enthüllungen kurze Zeit später brachten Thema wie Datenauswertung, Datenmissbrauch oder Überwachung plötzlich weltweit auf die Tagesordnung. Kaltheuner arbeitet seitdem an verschiedenen Aspekten dieses Themas, an der Universität, für einen Think Tank oder eine Nichtregierungsorganisation. Zuletzt war sie Tech Policy Fellow bei Mozilla. „Das Narrativ des Themas Digitalisierung ändert sich ständig“, bilanziert die 32-Jährige. „2011 ging es darum, was die Technik alles für die Demokratie zum Positiven ändern könnte. Nachdem sich die öffentliche Debatte zwischenzeitlich sehr auf staatliche Übermacht fokussiert hat, steht inzwischen die Macht der großen Konzerne im Fokus.“ Macht es das für Sie interessant? „Ach, in erster Linie ist das einfach anstrengend“, sagt Kaltheuner. „Viele Fragen werden seit Langem erforscht. In der öffentlichen Debatte scheint es aber immer wieder so, als seien das völlig neue und überraschende Entwicklungen. Das macht eine Diskussion darüber so schwierig.“

Was sie besonders beschäftigt: Neue Technologien führen zu einem enormen Wissensgefälle. Ob Navis, Messenger, Musikstreaming-Apps oder die unzähligen anderen Angebote für das Alltagsleben: „Wir alle nutzen ständig viele Services. Aber unser Wissen, wie sie funktionieren, ist denkbar gering.“

Die Techfirmen verstoßen gegen Regeln oder umgehen Gesetze. Wenig passiert dagegen. Das frustriert mich.

Frederike Kaltheuner

Kaltheuner untersuchte in den vergangenen Jahren zum Beispiel Apps, mit denen Frauen ihren Zyklus tracken können. In solche Menstruations-Apps geben die User privateste Daten ein. „Fast niemand weiß, dass viele Drittanbieter Daten in diesen Apps sammeln.“ Warum dennoch viele ihre Daten preisgeben? „Ich glaube, dass das Handy den Eindruck vermittelt, alles hier passiere in einem intimen Raum. Vielen Menschen ist nicht klar, dass das absolut nicht so ist.“

Keine Werbung einwerfen

Sie selbst nutze viele der neuen Möglichkeiten, sagt Kaltheuner. „Auch ich klicke manchmal einfach die Banner weg. Dann dürfen meine Daten analysiert werden. Anders ist es gar nicht praktikabel, ich kann nicht bei jeder App alles durchlesen.“ Und selbst wenn – es sei ohnehin nahezu unmöglich, das Tracken zu verhindern. „Anders als auf dem Briefkasten kann ich keinen Aufkleber draufkleben: Bitte keine Werbung einwerfen.“ Denn selbst mit technischem Know-How lasse sich vieles schlicht nicht beeinflussen. „Ich habe mir die Kompetenz ja angeeignet. Aber auch ich kann das Datensammeln auf meinem Smartphone nicht ausschalten. Es ist einfach nicht möglich.“

© Privat

Und das treibt Kaltheuner an, denn: Daraus entstehen neue soziale Ungleichheiten. Die großen Konzerne profitieren, vor allem marginalisierte Menschen stehen dem hilflos gegenüber. „Das ist etwas, das möchte ich einfach nicht akzeptieren“, sagt Kaltheuner. „Die Techfirmen verstoßen gegen Regeln oder umgehen Gesetze. Wenig passiert dagegen. Das frustriert mich.“ Ein wesentlicher Faktor: „Die großen Techfirmen sind sehr mächtig. Sie regeln die Zugänge. Deshalb sind die Chancen, Einfluss zu nehmen, sehr unterschiedlich verteilt.“ Die Zivilgesellschaft finde beispielsweise immer noch zu wenig Berücksichtigung.

Hier setzt der European AI Fund an. Mehrere Stiftungen haben ihn ins Leben gerufen, um die Zivilgesellschaft in der Debatte über Digitalisierung zu stärken. Künstliche Intelligenz soll ein wichtiger Aspekt davon sein. Kaltheuner koordiniert als Geschäftsführerin die Arbeit des Funds. „Vor unseren Augen finden unglaubliche Verschiebungen statt. Wir wollen Organisationen der Zivilgesellschaft befähigen, sich an der Debatte darüber zu beteiligen.“ Dabei soll es beispielsweise darum gehen, wie sich Algorithmen so gestalten lassen, dass sie nicht Diskriminierung verstärken. Oder wie die Technologien in der Coronapandemie unser Leben verändert haben.

Verantwortung verschieben

Mit Blick auf die Regulierung der neuen digitalen Möglichkeiten sei die Zeit besonders spannend, sagt Kaltheuner. „Wir als Gesellschaft legen gerade die Spielregeln fest.“

Von der unübersichtlichen Situation profitierten momentan diejenigen besonders, die Daten missbräuchlich nutzen. „In keinem anderen Gesellschaftsbereich wälzen wir die Verantwortung so sehr auf die Nutzer*innen des Produkts ab“, sagt Kaltheuner. „Das ist einfach unverschämt. Es reicht niemals aus zu sagen: Die Nutzer*innen sind selbst schuld. Das akzeptiere ich nicht.“

European AI Fund

Der European AI Fund ist eine philantropische Initiative, die daran arbeitet, die Verbreitung der Künstlichen Intelligenz in Europa zu gestalten. Die Stiftung Mercator fördert den Fund gemeinsam mit einer Reihe anderer Stiftungen.

https://europeanaifund.org/