„Nein!“ für ein besseres Klima

Autorin: Caroline Friedmann Fotos: Reinaldo Coddou 01.02.2022

Schon als junger Mensch machte sich Jakob Peter Gedanken über das Wohl unseres Planeten, über Roh­stoff­knappheit und über das Klima. Heute ist er General­sekretär des Experten­rats für Klima­fragen in Berlin und Leiter der Geschäfts­stelle – und setzt sich für eine lebens­werte Zukunft der jungen Generationen ein.

Persönlich kennengelernt hat Jakob Peter seinen Urgroßvater nie. Trotzdem ist dieser ihm ein Vorbild. Denn der Schweizer Theologe Karl Barth (1886–1968), der Großvater von Jakob Peters Mutter, gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahr­hunderts. Und als ein Mann, der nicht nur die evangelische Theologie maßgeblich beeinflusst hat, sondern die Gefahr des National­sozialismus früh erkannte und auch aktiv zum Widerstand aufrief.

„Er hat es gewagt, gegen den Strom zu schwimmen, hat versucht, aus theologischer Sicht zu argumentieren, dass der National­sozialismus ein Unrechts­regime ist, und er hat klar­gemacht, dass es manchmal wichtig ist, Nein zu sagen“, erzählt der Urenkel. „Mich hat schon immer fasziniert, welchen Mut er hatte.“

Jakob Peters Urgroßvater, der berühmte Theologe Karl Barth, zierte unter anderem das Cover des Magazins „Der Spiegel“.
Jakob Peters Urgroßvater, der berühmte Theologe Karl Barth, zierte unter anderem das Cover des Magazins „Der Spiegel“. © Reinaldo Coddou

Klimaschutz auf dem Prüfstand

Einem Schreckensregime wie dem National­sozialismus muss Jakob Peter in seinem Alltag zwar nicht die Stirn bieten. Doch auch in seinem Job als General­sekretär und Geschäfts­stellen­leiter des Experten­rats für Klima­fragen in Berlin spielt die Fähigkeit, Nein zu sagen, eine wichtige Rolle – wenn auch auf einer anderen Ebene. Denn als unabhängiges Gremium aus fünf Sach­verständigen bewertet der Expertenrat, ob die Klima­schutz­maßnahmen der Bundes­regierung ausreichen, um bis zum Jahr 2030 einen Rückgang der Treib­haus­gas­emissionen von mindestens 65 Prozent im Vergleich zu 1990 zu erreichen. Und da lautet die Antwort des Klima­rats manchmal eben auch: Nein.

Jakob Peter
Jakob Peter setzt sich seit Jahren für ein besseres Klima ein. Schon als Kind war ihm klar, dass er sich im Job einer sinnvollen Aufgabe widmen will. © Reinaldo Coddou

„Es geht darum, Klimaschutz­lücken aufzudecken“, erklärt Peter. „Der Experten­rat prüft unter anderem die jährlich durch das Umwelt­bundes­amt veröffentlichten Vor­jahres­schätzungen der Treib­haus­gas­emissionen. Wenn der Rat dabei Klima­schutz­lücken im Vergleich zu den Zielen fest­stellt, müssen zusätzliche Klima­schutz­maßnahmen ergriffen werden.“ Der Einfluss des Experten­rats sei in der Klima­schutz­debatte nicht zu unter­schätzen, meint der sympathische Schweizer. „Die Ergebnisse der Prüfungen werden der Bundes­regierung über­reicht und sind öffentlich zugänglich. Entsprechend nehmen die Presse und die Öffentlichkeit die Gutachten des Klimarats wahr, und dadurch entsteht politischer Handlungs­druck.“

Vom kindlichen Interesse zur Klimaexpertise

Für das Klima hat sich Jakob Peter schon seit seiner Kindheit interessiert. Und an einen bestimmten Moment vor rund 25 Jahren – damals war er elf Jahre alt – kann er sich besonders gut erinnern. „Ich weiß noch, wie ich von dem Begriff ‚Peak Oil‘ hörte und mir klar wurde, dass es einen Moment gibt, an dem die Ölförderung ihr Maximum erreicht hat und nach dem sie unumkehrbar abfällt“, erzählt Peter, der im schweizerischen Basel aufwuchs. „Und dabei wurde mir bewusst, dass fossile Rohstoffe begrenzt sind und damit ein Problem der Generationen­gerechtigkeit vorliegt. Später realisierte ich, dass es eine noch deutlich stärker begrenzte Ressource als die fossilen Rohstoffe gibt: nämlich unsere Atmosphäre als Treib­haus­gas­speicher – es muss folglich ein Großteil der heute noch vorhandenen fossilen Ressourcen faktisch im Boden bleiben, wenn man einen desaströsen Klimawandel verhindern will. Das war für mich schon früh eine Motivation, darüber nach­zu­denken, was ich später mal beruflich tun möchte.“

Als Maschinen­bau­ingenieur hat Peter ... © privat
... in den letzten Jahren für verschiedene Unternehmen im Bereich Klima­schutz und erneuer­baren Energien gearbeitet ... © privat
Peter Jakob
... und war als Fellow des Mercator Kollegs für unterschiedliche Institutionen tätig. © privat

Klar war für ihn schon damals, dass er sich in seinem Leben einer „Mensch­heits­aufgabe“ wie dem Klima­wandel widmen will. Also arbeitete er nach seinem Studium der Maschinen­ingenieur­wissenschaften an der ETH Zürich zunächst für verschiedene Unternehmen im Bereich Energie und Klima­schutz im In- und Ausland. Als Fellow des Mercator Kollegs für inter­nationale Aufgaben ging er anschließend als Berater für nachhaltige Investments nach Zürich, zum Bundes­umwelt­ministerium in Berlin und zur Internationalen Energie­agentur in Paris. „Das war eine einmalige Erfahrung“, sagt Peter rück­blickend. „Ich konnte mit hoch spannenden Leuten in inter­disziplinären Teams zusammen­arbeiten, habe in Zürich die Finanz­perspektive beim Thema Klimaschutz kennen­gelernt und in Paris an Analysen zur Energie­wende mitgearbeitet. Das war für mich als Maschinen­bau­ingenieur eine große Erweiterung der Perspektive und ein echtes Privileg.“

Peters Motivation: Eine lebenswerte Zukunft für die nächsten Generationen.
Peters Motivation: Eine lebenswerte Zukunft für die nächsten Generationen. © Reinaldo Coddou

Die vielen positiven Eindrücke aus dem Fellowship ließen in Jakob Peter schließlich den Wunsch reifen, seine Doktor­arbeit zu schreiben – jedoch nicht im Bereich Maschinen­bau. Ein anderes Studienfach mit mehr Gesellschafts­bezug sollte her. Also promovierte er berufs­begleitend in Volks­wirtschaft und arbeitete als Berater in der Energie­wirtschaft. Danach wechselte er zu einem Start-up im Bereich klima­freundliche Flug­kraft­stoffe und einem Energie­unternehmen für erneuerbare Energien und Wasser­stoff. Seit September 2021 ist der 36-Jährige nun beim Experten­rat für Klimafragen in Berlin.

Kein gutes Jahr fürs Klima

In dieser Funktion muss Peter den Klimaschutzzielen der Bundes­regierung neutral gegen­über­stehen. Als Privat­person und Klima­experte hat er aber eine eigene Einschätzung. „Das Ziel von Deutschland, bis 2045 klima­neutral zu werden, ist gut – der Weg dahin muss aber mit konkreten Maßnahmen hinterlegt werden“, meint er. „Die Menge der Emissionen, die wir noch freisetzen können, ist begrenzt. Und erste Hoch­rechnungen lassen schon vermuten, dass die Klima­schutz­ziele für 2021 nicht in allen Sektoren erreicht werden.“ Das werde sich mit erhöhter Sicherheit aber erst im März 2022 sagen lassen, wenn das Umwelt­bundes­amt seine alljährliche Vorjahres­schätzung abgibt, erklärt Peter. Für das Jahr 2020 sei das Ziel, 40 Prozent der Emissionen im Vergleich zu 1990 einzusparen, „maßgeblich durch Corona“ realisiert worden. „Wahrscheinlich werden wir für 2021 das 40-Prozent-Ziel von 2020 wieder verfehlen“, glaubt er. Daher brauche es voraus­sichtlich bald neue Klima­schutz-Sofort­programme der Regierung.

Als Generalsekretär des Expertenrats für Klimafragen beschäftigt sich Peter auch mit der Frage der Klimagerechtigkeit.
Als Generalsekretär des Expertenrats für Klimafragen beschäftigt sich Peter auch mit der Frage der Klimagerechtigkeit. © Reinaldo Coddou

Auch die Frage, wie sozialverträglicher Klimaschutz funktionieren kann, beschäftigt Peter, der aktuell in Berlin lebt und dem man bei jedem Wort anmerkt, wie sehr ihm seine Arbeit am Herzen liegt. Denn während mithilfe der CO2-Bepreisung die Entscheidungen großer Konzerne gesteuert werden sollen, könne diese Bepreisung in der Gesellschaft durch die erhöhten Kosten zu sozialen Härte­fällen führen. „Deshalb muss die soziale Frage unbedingt im Blick behalten und die Folgen abgefedert werden, zum Beispiel durch eine Rück­verteilung der CO2-Einnahmen in der Bevölkerung“, findet Peter. „Wer weniger emittiert, könnte so profitieren.“

Einsatz für die nächsten Generationen

Noch sei es nicht zu spät, dem Klimakollaps entgegen­zu­steuern, sagt der Experte, der in seiner Freizeit am liebsten, ganz klima­neutral, segeln geht. Und aus dieser Über­zeugung heraus arbeitet er jeden Tag für ambitionierten Klima­schutz und realistisch umsetzbare Lösungen. „Dafür ist die Position beim Experten­rat für Klima­fragen ziemlich ideal, und ich würde mir wünschen, auch in Zukunft in einer verantwortungs­vollen Position an diesem Thema mit­zu­arbeiten.“ Denn um die Zukunft der nächsten Generationen macht er sich große Sorgen. „Ich habe zwar selbst noch keine Kinder, bin aber Onkel und habe manchmal ein richtig beklemmendes Gefühl, wenn ich an die möglichen Folgen des Klimawandels für unsere Kinder denke“, sagt Peter. „Wir müssen diese Krise ernst nehmen!“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das „Mercator Kolleg für inter­nationale Aufgaben“ fördert jährlich 25 engagierte deutsch­sprachige Hoch­schul­­absolvent*innen und junge Berufs­tätige aller Fach­­richtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung über­nehmen.
www.mercator-kolleg.de