Ukraine: Zwölf Lügen und Legenden über das Land

Die Flagge der Ukraine
Ukraine: Zwölf Lügen und Legenden über das Land
Autorin: Simone Kamhuber 24.02.2026

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des Angriffs­krieges gegen die Ukraine. Neben Raketen und Truppen setzt Russland auch auf Desinformation und Fake News, um Europa zu destabilisieren. AufRuhr klärt über zwölf Lügen des Kremls auf.

Mythos #1: Der Krieg begann am 24. Februar 2022

Am Morgen des 24. Februar 2022 verkündete der ukrainische Außen­minister Dmytro Kuleba auf X: „Friedliche ukrainische Städte werden angegriffen. Dies ist ein Angriffskrieg.“ Drei Tage danach prägte Deutschlands damaliger Bundes­kanzler Olaf Scholz den Begriff der Zeiten­wende. Es ist richtig, dass an jenem Donnerstag im Februar 2022 russische Truppen mit Panzern und schwerem Geschütz in die Ukraine vordrangen. Bis Ende 2025 fielen dem Angriffs­krieg knapp 15.000 Zivilist*innen zum Opfer, darunter 763 Kinder.

Doch auch wenn der 24. Februar 2022 zu Recht in die Geschichts­bücher eingehen wird, begann Putins Krieg gegen sein Nach­bar­land viel früher – im Jahr 2014, genauer am 20. Februar 2014. Damals besetzten russische Milizen die Krim und entfachten einen Krieg im Donbass. Die Erzählung vom „Kriegs­beginn 2022“ blendet die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass aus und lässt Russlands Angriff wie eine plötzliche Eskalation erscheinen – und nicht wie lange vorbereitet.

Mythos #2: Die Ukraine ist kein souveräner Staat

Putin behauptet, die Ukraine sei gegen den Willen der Bevölkerung geschaffen worden und kein souveräner Staat. Doch das ist schlicht­weg falsch. Als die Ukraine am 1. Dezember 1991 ein Referendum über ihre Unabhängigkeit abhielt, stimmten 90 Prozent der Wahl­berechtigten für eine Zukunft der Ukraine in Europa. Auch auf der Krim und in der Stadt Sewastopol sagte mehr als die Hälfte der dort lebenden Menschen Ja zur Autonomie der Ukraine. Das Land ist damit ein souveräner Staat. Die im Zuge der Annexion 2014 verbreitete Propaganda­behauptung, dass die Krim „schon immer zu Russland gehört“, ist historisch ebenfalls falsch. Die Halbinsel war über Jahrhunderte von unterschiedlichen Völkern besiedelt und Teil des Krimkhanats unter osmanischem Einfluss, bevor sie 1783 vom russischen Imperium annektiert wurde. 1954 wurde die Krim offiziell in einem symbolischen Akt der „Freundschaft“ an die Ukrainische Sozialistische Sowjet­republik über­tragen.

Mythos #3: Russland führt keinen Krieg gegen Europa

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 verfolgt der Kreml eine hybride Kriegs­strategie gegen Europa, die militärische Operationen mit Cyber­angriffen, Desinformation, Sabotage und Beeinflussung von Wahlen kombiniert. Der Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat diese Strategie nicht ersetzt, sondern verstärkt. Der Kreml bestreitet Russlands Rolle jedoch vehement: Die hybride Kriegs­führung Russlands sei ein westlicher Mythos und Propaganda­trick, um Bürger*innen in Angst zu versetzen und von tatsächlichen Problemen abzulenken. Im Dezember 2024 bestätigte Verteidigungs­minister Boris Pistorius im Interview mit der Funke Medien­gruppe: „Putin greift hybride an, und Deutschland ist dabei besonders im Fokus. Er kennt uns gut, Putin weiß, wie er Nadelstiche bei uns setzen muss.“ Cyber­angriffe, gezielte Falsch­informationen oder Propaganda­kampagnen sollen laut dem Bundesamt für Verfassungs­schutz das Vertrauen in demokratische Institutionen unter­graben und gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. So wies das Recherche­kollektiv CORRECTIV nach, dass eine russische Kampagne mit mehr als hundert Fake-Websites und KI-Inhalten die Bundes­tags­wahl 2025 beeinflussen sollte.

Putin greift hybride an, und Deutschland ist dabei besonders im Fokus. Er kennt uns gut, Putin weiß, wie er Nadelstiche bei uns setzen muss.

Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung

Mythos #4: Die Ukraine und Russland sind „ein Volk“

In seinem 2021 veröffentlichten Essay „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“ schreibt Putin, die Ukraine und Russland seien „ein Volk – ein einziges Ganzes“. Seither nutzt der Kreml­chef diese Rhetorik immer wieder, zuletzt bei einem Wirtschafts­forum im Juni 2025 in Sankt Petersburg. Dort stellte er die Ukraine als künstlich von Russland getrennten Teil dar. Als Haupt­argument führt Putin wieder­holt die ukrainische Sprache an, die ein durch polnische Einflüsse veränderter Dialekt des Russischen sei. Dem widersprechen Sprach­wissenschaftler*innen wie Imke Medoza oder Riccardo Nicolosi: Das Ukrainische stammt ihnen zufolge aus dem Urslawischen. Der Wortschatz des Ukrainischen ist dem des Belarussischen am nächsten (84 Prozent gemeinsamer Wortschatz). Danach folgen Polnisch (70 Prozent) und Slowakisch (68 Prozent) – und erst an vierter Stelle Russisch (62 Prozent). Auch die These, dass die Mehrheit der Ukrainer*innen Russisch spricht, ist als gezielte Desinformation zu werten. In einer im August 2022 durch­geführten Umfrage gaben drei Viertel der Befragten Ukrainisch und nur 19 Prozent Russisch als Mutter­sprache an. Die Erhebung zeigt außerdem, dass sich die Menschen über ihre Sprache von Russland distanzieren. Denn 41 Prozent der russisch- und zweisprachigen Personen sprechen seit Beginn des Krieges dauer­haft oder häufiger Ukrainisch.

Mythos #5: Der Westen ist schuld am Krieg in der Ukraine

Ein zentrales Narrativ der russischen Propaganda lautet, dass der Westen, insbesondere die USA, den Krieg in der Ukraine ausgelöst hat. Russland habe demnach keine andere Wahl, als sich gegen die Aggression des Westens zu „verteidigen“. Angeblich kämpfe Moskau nicht gegen die Ukraine, sondern gegen die vereinte Macht eines gemeinsam agierenden Westens, der Russland schwächen oder zerstören wolle. Auch die Militär­hilfen westlicher Staaten werden in diesem Zusammen­hang als Grund für die Verlängerung des Krieges dar­gestellt. Experten­stimmen, darunter das Stockholm Inter­national Peace Research Institute (SIPRI) und die Vereinten Nationen (UN), bestätigen jedoch: Es gibt keine Belege dafür, dass der Westen Russland militärisch bedroht oder einen Angriff provoziert hat. Die westliche Unter­stützung der Ukraine verfolgt vielmehr das Ziel, dass sich ein souveräner Staat gegen eine völker­rechts­widrige Invasion verteidigen kann.

Selenskyj im Fokus, Putin und Trump im Hintergrund: Kreml-Mythen machen aus dem Angriffskrieg ein "Westen-gegen-Russland"-Drama.
Selenskyj im Fokus, Putin und Trump im Hintergrund: Kreml-Mythen machen aus dem Angriffskrieg ein „Westen-gegen-Russland“-Drama. © picture alliance

Mythos #6: Selenskyj macht Geschäfte, während sein Volk leidet

Selenskyj soll 2025 in Südafrika eine Platinmine für 1,6 Milliarden Dollar gekauft haben. Diese Erzählung ist ein typisches Beispiel gezielter Desinformation, die durch KI-generierte Fake-Videos verbreitet wird. Ausgangspunkt der kreml­freundlichen Lüge: Die USA und die Ukraine haben im Mai 2025 ein Roh­stoff­abkommen geschlossen, bei dem die US-Regierung Zugang zu ukrainischen Rohstoffen wie Lithium im Tausch gegen militärische Unter­stützung bekommt. Frei erfunden ist jedoch der Rohstoff-Deal des ukrainischen Präsidenten in exorbitanter Höhe mit Südafrika, der auf X und über Telegram verbreitet wurde. Die Falsch­information, dass Selenskyj hohe Summen ausgibt, während es in seinem Land infolge des Angriffs­krieges an kritischer Infrastruktur fehlt, soll Misstrauen gegen ihn schüren. Der südafrikanische Sender SABC distanzierte sich öffentlich von dem Fake-Video und erklärte, es habe nie einen solchen Bericht gegeben. Auch das Unternehmen Northam Platinum LTD bestätigte, dass kein Verkauf und keine Beteiligung durch Selenskyj statt­gefunden habe. Forschende und Fakten­checker*innen identifizierten die Erzählung als KI-gestützten Deepfake in Verbindung mit russischen Propaganda­kanälen.

Alltag im Krieg: Eine Ukraine-Flagge weht inmitten von Ruinen.
Alltag im Krieg: Eine Ukraine-Flagge weht inmitten von Ruinen. © picture alliance

Mythos #7: Ganz Europa ist fremd­gesteuert von den USA

Die USA provozieren Russland und steuern alle europäischen Staaten: Hierbei handelt es sich um eine Propaganda­erzählung, die der Kreml immer wieder an aktuellen Ereignissen aufhängt. So auch an der Debatte um Taurus-Marsch­flug­körper, die besonders weit fliegen und Bunker zerstören können. Vor der Bundes­tags­wahl 2025 sprach sich Friedrich Merz zunächst dafür aus, die Flug­körper an die Ukraine zu liefern, zeigte sich nach der Wahl aber zurück­haltender. Während bei der Analyse dieser Entscheidung vor allem Bündnis­verpflichtungen oder Eskalations­risiken als Gründe angeführt wurden, kursierte online eine Falsch­behauptung über den tatsächlichen Grund: Die USA hätten Deutschland die Lieferung verboten. Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage: Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese These aus russischen Propaganda­kanälen stammt und hierfür keine glaub­würdigen Belege existieren. Dennoch wurden sie auf X und über Telegram verbreitet, unter anderem von AfD-Politiker*innen.

Mythos #8: Ein sofortiges Kriegsende liegt in den Händen der Ukraine

In vom Kreml angeleiteten Debatten über mögliche Friedensverhandlungen wird häufig behauptet, Russland sei grund­sätzlich zu Gesprächen bereit und der Krieg könne sofort enden, wenn die Ukraine bestimmte Forderungen akzeptiere. In russlandnaher Kommunikation wird daraus häufig die Botschaft: Der Krieg dauert nur an, weil Kiew und der Westen „vernünftige Angebote“ ablehnen. Diese Darstellung verdreht jedoch die Bedeutung von Verhandlungen. Denn bislang weist Putin jeden Vorschlag zurück, der russische Gebiets­ansprüche infrage stellt. Zu den sogenannten Verhandlungs­bedingungen gehören die Anerkennung der Annexion besetzter Gebiete, eine erzwungene „Neutralität“ der Ukraine sowie ihre weitgehende Entmilitarisierung. Forderungen, die faktisch einer Kapitulation gleichkämen und die ukrainische Souveränität untergraben würden.

Händedruck mit Signalwirkung: Schon mehrmals haben Putin und Trump angekündigt, den Krieg schnell beenden zu wollen.
Händedruck mit Signalwirkung: Schon mehrmals haben Putin und Trump angekündigt, den Krieg schnell beenden zu wollen. © Getty Images

Nach den Gesprächen in Alaska im August 2025 zwischen Putin und US-Präsident Donald Trump erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, Russland sei gewillt, den Konflikt auf „politischem und diplomatischem Wege“ beizulegen. Ein Hohn angesichts dessen, dass die Erklärung einen Tag nach einem massiven russischen Angriff auf Kiew erfolgte, bei dem 23 Zivilist*innen getötet und über 200 Gebäude beschädigt wurden. Auch Gespräche zwischen den USA und der Ukraine in Genf im November 2025 suggerierten erste Fortschritte in den Verhandlungen über ein mögliches Friedens­abkommen. Die Zweifel am russischen Einverständnis bewahrheiteten sich jedoch: Kurz nach den Gesprächen bombardierte Russland Kiew.

Mythos #9: Friedrich Merz ist unzurechnungsfähig und psychisch krank

Rund um die Bundestagswahl 2025 kursierte eine Desinformationskampagne im Netz, die Friedrich Merz als Kanzler­kandidaten diffamieren sollte. Merz sei angeblich psychisch instabil und deswegen 2017 in stationärer Behandlung gewesen. „Seit Monaten kursieren Gerüchte über das zunehmend instabile Verhalten von Friedrich Merz“, heißt es wenige Wochen vor der Bundes­tags­wahl in einem Video in den sozialen Netzwerken. „Übrigens ist das derselbe deutsche Politiker, der die Ukraine mit Taurus-Raketen aufrüsten will“, schrieben einige dazu. Falsch­behauptungen wie diese zielen darauf, Merz bei sicherheits- und außen­politischen Themen als unzuverlässig erscheinen zu lassen und damit die Debatte über Ukraine-Hilfen zu vergiften. Einem Fakten­check halten sie nicht stand: CORRECTIV hat das Material als gefälscht nach­gewiesen.

Mythos #10: „Hahaganda“: Selenskyj ist eine machtlose Witzfigur

Prorussische Kanäle verbreiten gezielt manipulierte Bilder und Videos, um Selenskyj zu diskreditieren. Ein Beispiel: ein Foto, das nach dem EU-Gipfel am 25. Oktober 2025 kursierte und ihn neben EU-Rats­präsident António Costa in hohen Absätzen zeigt. Die Darstellung ist gefälscht – wie viele andere visuelle Manipulationen, die darauf abzielen, Selenskyj persönlich zu verunglimpfen. „Mit solchen Postings wird versucht, Selenskyj als Witzfigur dar­zu­stellen“, sagt Julia Smirnova, Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) der ARD. Diese Form der Propaganda wird auch als „Hahaganda“ bezeichnet – sie ist eine Strategie der gezielten Verspottung und Abwertung. Selenskyjs Körper­größe ist dabei ein wieder­kehrendes Motiv. Schon seit mehreren Jahren kursieren manipulierte Bilder im Internet, auf denen Selenskyj etwa neben dem schwedischen Minister­präsidenten Ulf Kristersson auf einem Hocker steht, um gleich groß zu wirken.

Mythos #11: Der „frühere Putin“

Das Narrativ des „früheren Putin“ taucht häufig im deutschen Diskurs auf, wenn versucht wird, die Motivation und Wandlung des russischen Präsidenten zu erklären. Es impliziert, es habe eine Phase der konstruktiven Partnerschaft zwischen Europa und Russland gegeben, von der Putin sich später abgewandt hätte. Außerdem dient es dazu, politische Fehl­einschätzungen und Versäumnisse im Umgang mit Russland zu kaschieren. Um diese Erzählung zu untermauern, wird häufig seine Rede im Deutschen Bundestag im September 2001 herangezogen. Dort sprach er, teils auf Deutsch, von einem „gemeinsamen europäischen Haus“ und betonte: „Jetzt ist es an der Zeit, daran zu denken, was zu tun ist, damit das einheitliche und sichere Europa zum Vorboten einer einheitlichen und sicheren Welt wird.“ Viele westliche Politiker*innen interpretierten diese Worte damals als Zeichen eines möglichen demokratischen Wandels Russlands. Im ZEIT-Podcast „Das Politik­teil“ sagte die Journalistin und Russland­expertin Katja Gloger, sie glaube nicht, dass es diesen „anderen Putin“ je gegeben habe: „Die Frage war nie, ob Putin autoritär wird – sondern wie schlimm es werden würde.“ Laut ihren Recherchen lagen dem Auswärtigen Amt bereits im Jahr 2007 Dokumente über einen möglichen bewaffneten Konflikt um die Krim und die Ostukraine vor.

Mythos #12: Russland wird andere europäische Länder niemals angreifen

Putin bestreitet regelmäßig, weitere Angriffe auf Europa zu planen. 2025 bezeichnete er entsprechende Warnungen bei einem Gipfel­treffen in Kirgistan als „völligen Unsinn“ und „glatte Lüge“. Man könne das sogar schriftlich festhalten, sagte er: „Die Wahrheit ist, dass wir das nie vorhatten, aber wenn sie es von uns hören wollen, na gut, dann fixieren wir das.“ Solche Beteuerungen haben jedoch wenig Aussage­kraft. Russland hat in der Vergangenheit wiederholt inter­nationale Abkommen gebrochen – und bis kurz vor dem Groß­angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ebenfalls bestritten, eine weitere Invasion zu planen. Putins Zusicherungen erwiesen sich damals als wertlos. Zudem greifen derartige Kreml­behauptungen zu kurz, weil sie einen Krieg ausschließlich als konventionellen militärischen Angriff definieren. Längst führt Russland einen hybriden Krieg gegen europäische Staaten. Die Schwelle hin zum Angriff wurde damit faktisch bereits überschritten – nur nicht in Form eines Einmarsches der russischen Armee. Gegenüber der Morgenpost betonte Sicherheits­expertin Jana Puglierin Anfang des Jahres: „Europa muss sich allein verteidigen können. Es gibt keine wirkliche Alternative.“


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