„Viel Luft nach oben bei digitaler Bildung“

Autor: Matthias Klein 06.08.2020

Die Sommerferien gehen zu Ende, die Schüler*innen kehren in die Klassenzimmer zurück. Durch die Coronakrise sei in Sachen Digitalisierung viel in Gang gekommen, sagt Bildungsforscher Karsten D. Wolf im Interview. „Wir wären auf erneute Schulschließungen besser vorbereitet – ein bisschen zumindest.“

Vor einigen Monaten wurden die Schulen wegen des Coronavirus geschlossen. Wie ist das Homeschooling im Rückblick gelaufen, Herr Wolf?

Karsten D. Wolf: Es ist ganz unterschiedlich gelaufen – auf verschiedenen Ebenen. Die Bundesländer waren in Sachen Digitalisierung nicht gleich gut aufgestellt. Das setzt sich auf der Ebene der Schulen fort, auch da gab es sehr große Unterschiede. Und schließlich sind die Lehrenden überwiegend nicht auf ein solches Szenario vorbereitet gewesen.

Das heißt: Es gab zwar Schulen, an denen es sehr gut funktioniert hat. Dort gab es funktionierende digitale Plattformen und engagierte Lehrkräfte mit hohen digitalen Vorkenntnissen. Viele Lehrende haben sich untereinander ausgetauscht, Wissen zum Beispiel über das Twitterlehrerzimmer weitergegeben. Da hat eine Professionalisierung stattgefunden. Aber es gab auch ganz andere Erfahrungen, manche Lehrkräfte sind regelrecht abgetaucht.

Schaut man genauer hin, wird deutlich, dass vor allem die Eltern sehr stark in Anspruch genommen wurden. Alle aktuellen Studien zeigen, dass die Schüler*innen neben eigener Internetrecherchen vor allem ihre Eltern gefragt haben, wenn sie mit ihren Aufgaben nicht weiterkamen. Eltern wurden sozusagen zu Ersatzlehrkräften. Das war für sie sehr anstrengend. Alle hoffen, dass es im neuen Schuljahr nicht wieder zu einer solchen Situation kommt.

© Karsten D. Wolf

Karsten D. Wolf

Karsten D. Wolf ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen.

Wenn die Eltern gefragt sind, dann kommen soziale Ungleichheiten ins Spiel – nicht alle können ja gleichermaßen unterstützen. Haben sich in der Coronazeit Unterschiede verschärft?

Wolf: Es gibt noch keine belastbaren Daten dazu. Man kann aber davon ausgehen. In Befragungen wurde die Lernzeit erhoben. Die allermeisten Schüler*innen haben weniger gearbeitet als sonst. Gerade die schwächeren Schüler*innen haben besonders viel weniger gemacht. Das liegt daran, dass eine hohe Selbstorganisation gefragt war. Insbesondere am Anfang waren viele Abläufe unklar, nicht so leistungsstarke Schüler*innen haben schneller aufgegeben.

© Getty Images

Wie können die Schulen im neuen Schuljahr darauf reagieren?

Wolf: Das ist eine große Herausforderung. Es wird nun erst einmal darum gehen, in jeder Klasse überhaupt zu schauen, wo die Schüler*innen stehen. Es wird nicht möglich sein, den Stoff des vergangenen Halbjahres vorauszusetzen. Lehrkräfte müssen vieles wiederholen, schauen, wem sie besonders helfen müssen. Ich sehe die Gefahr, dass große Lücken entstanden sind. Und dann muss ja auch der neue Stoff bearbeitet werden – das wird schwierig.

Im Fokus stand in den vergangenen Monaten auch die technische Ausstattung der Schüler*innen. Wie sehen Sie das, was hat sich in dieser Hinsicht getan?

Wolf: Die Einsicht ist gewachsen, dass die Annahme illusorisch ist, alle Schüler*innen seien privat gut ausgestattet. Wir haben es ja erlebt: Nimmt man einfach das, was alle haben, dann erreicht man höchstens das Niveau einfacher Smartphones. Viele haben zu Hause keine Tablets oder Laptops. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, Endgeräte für alle anzuschaffen. Wie das im Einzelnen aussehen kann, ist noch unklar. Ich bin gespannt, wie die Schulträger nun damit umgehen.

Das ist ja nicht nur bei den Schüler*innen ein Thema. In Dänemark hat fast jede Lehrkraft ein dienstliches digitales Endgerät, in Deutschland nicht mal jede Lehrkraft eine dienstliche Emailadresse – hat die Coronakrise auch die Ausstattung der Lehrkräfte auf die Tagesordnung gebracht?

Wolf: Wenn man aus anderen Bereichen der Gesellschaft auf die technische Ausstattung der Lehrenden schaut, dann ist das nicht nachvollziehbar. Man müsste sich mal vorstellen, in der Industrie würden die Arbeitnehmer*innen mit ihren eigenen Geräten arbeiten! Keine Frage, es ist überfällig, dass die Lehrkräfte digitale Endgeräte bekommen. Das Thema ist viel zu lange einfach ignoriert worden. Die Coronakrise hat jetzt den Impuls gegeben. Überall wird darüber nachgedacht, das jetzt anzugehen. In der Praxis wirft es allerdings auch viele Fragen auf. Alleine die Entscheidung, welches Endgerät jeder im Kollegium bekommt, ist ja nicht so einfach zu treffen.

Es wird kein Weg daran vorbeiführen, Endgeräte für alle anzuschaffen.

Sie haben es angesprochen, viele Lehrkräfte haben sich in der Krise untereinander viel geholfen. Wie weit sind denn die Institutionen, sie dauerhaft in Sachen Digitalisierung zu unterstützen?

Wolf: Ich glaube, in allen Behörden ist nachhaltig angekommen, dass sie die Lehrenden unterstützen müssen. Momentan ist in dieser Hinsicht wirklich viel in Bewegung. Es kann umso besser gelingen, je standardisierter die Infrastrukturen sind, also die Lernplattformen und Endgeräte. Allerdings ist es auch nicht so einfach, mal eben 800.000 Lehrkräfte fortzubilden. Deshalb wird es darauf ankommen, dass sich in den Kollegien Multiplikator*innen finden, die ihr Wissen teilen.

Ein Schlüssel ist, an den Bedarfen der Lehrkräfte anzusetzen. Wir wissen aus Befragungen, dass sich Lehrkräfte Fortbildungen wünschen, die direkt an ihren jeweiligen Fächern ansetzen. Eine allgemeine technische Einführung lehnen sie ab, sie wollen direkt erleben, wie sie ein Endgerät in ihrem Unterricht einsetzen können. An dieser Stelle sind positive Anreize möglich. Und die lassen sich verstärken, wenn deutlich wird, dass die Lehrkräfte über digitale Plattformen viel intensiver als bislang zusammenarbeiten können. Sie können jetzt arbeitsteilig vorgehen und Inhalte austauschen.

Sie haben Defizite und Verbesserungen genannt. Wenn es nun doch wieder zu längeren Schulschließungen kommt, sind wir als Gesellschaft dann besser vorbereitet als im Frühjahr?

Wolf: Alle im Schulsystem haben Erfahrungen gesammelt. Wir wären auf Schulschließungen besser vorbereitet – ein bisschen zumindest. In manchen Schulen würde es sogar sehr viel besser laufen, da hat sich richtig viel getan. Aber Wunder erwarten darf man nicht. Bei der Digitalisierung im deutschen Schulsystem bleibt viel Luft nach oben. Es müssen neue Systeme und Konzepte eingeführt werden. Solche Prozesse brauchen auch in der Wirtschaft Zeit. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.

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Das Forum Bildung Digitalisierung gestaltet den digitalen Kulturwandel im Bildungsbereich. Im Zentrum der Arbeit stehen die Chancen digitaler Medien für die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Im Forum Bildung Digitalisierung engagieren sich acht deutsche Stiftungen.

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