Vom Schulleiter zum Showmaster

Autor: Matthias Klein 01.04.2020

Die Klassenzimmer sind leer, der Pausenhof verwaist: Die Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg ist wegen des Coronavirus geschlossen. Schulleiter Björn Lengwenus hat reagiert: Er sendet auf Youtube eine tägliche Late Night Show.

Die Musik läuft, Björn Lengwenus kommt aus der Kulisse. “Hallo zusammen“, sagt der Schulleiter. Er steht mitten in seinem Studio. Ein Schreibtisch, im Hintergrund das Bild einer Stadt bei Nacht – nein, das ist kein Klassenzimmer, er steht in einer typischen Late Night-Kulisse. „Corona hält uns in Atem“, beginnt er die erste Folge. Er habe eine „sehr besondere Art von Schule“ erlebt, erzählt er: „Schule ohne Schüler. Und ich kann euch sagen: Das ist richtig schrecklich.“

Seit knapp zwei Wochen ist er deshalb jeden Werktag auf Sendung. Auf Youtube berichtet er seinen 1.600 Schüler*innen vom Leben in Zeiten des Coronavirus. In der ersten Ausgabe sah man ihn durch die Schule laufen: Mit schwarzem Kapuzenpulli und kurzer grauer Hose schlenderte er im typischen Home Office-Outfit durch die Gänge, einen Flur entlang, auf den Spielplatz. Immer im Hintergrund: die traurige Musik einer Spieluhr.

Gangsterfilme gefragt

Schon seit einigen Jahren hat die Schule Erfahrung mit Videoprojekten gesammelt. Matthias Vogel arbeitet als Kulturagent am Alten Teichweg. In diesem Programm entwickeln Akteure aus Kunst und Kultur Angebote für die Schülerschaft. Vogels Passion ist der Film, schließlich leitete er früher einmal ein Kino. „Die Idee war, dass Film in dieser sozial herausfordernden Lage ein gutes Medium ist, um Schülerinnen und Schüler für Kultur zu interessieren“, sagt er. Im Laufe der Zeit sei das Thema dann immer wichtiger geworden, mehr als 100 Filme hat er inzwischen betreut. Was seine Schützlinge besonders interessiert? „Gangsterfilme“, sagt Vogel und lacht. „Wir nehmen auch dieses Thema auf, denn es gehört zur Lebensrealität.“

Als sich zu Beginn der Coronakrise die Ereignisse überschlugen, entwickelte Vogel mit Schulleiter Lengwenus das Konzept für eine Late Night Show. „Wir haben gleich nach der Schließung der Schule gemerkt, dass das Lernen digital gut funktioniert“, berichtet Lengwenus. „Aber das Herz der Schule fehlt: das Zusammensein, das soziale Lernen, der Austausch.“

© Matthias Vogel
© Matthias Vogel
© Matthias Vogel

Darauf wollen sie reagieren. Sie arbeiten für die Show mit zwei Filmprofis zusammen. Die beiden waren ohnehin für Projekte mit der Schule eingeplant, die wegen der Coronakrise aber ausfallen. In Windeseile bauten sie ein kleines Studio in der Aula auf. „Keiner wusste genau, was passieren würden. Aber wir vertreten einen pragmatischen Ansatz: Wenn einer eine gute Idee hat, dann legen wir einfach los“, sagt Lengwenus.

Chillen in der Pause

Als Moderator berichtet er in den rund fünfzehnminütigen Sendungen jeden Abend von seinen Erlebnissen und schaltet via Video Gäste zu. Auf diese Weise bezieht er auch die Schüler*innen mit ein. In einer Folge war Schülerin Priscilla dabei. „Wie ist eine Woche Schule ohne Schule?“, fragte Lengwenus. Die Antwort der Schülerin: „Das ist echt langweilig.“ Und dann erzählte sie, wie sie versucht, Kontakt zu ihren Mitschüler*innen zu halten. „Ich vermisse die Pausen, wo ich einfach mal chillen kann.“

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Dulsberg Late Night

Auch andere Themen rund um das Schulleben kommen zur Sprache. In einer Folge ging es um Musik in Zeiten von Corona. Oder Sport, denn der Alte Teichweg ist auch eine Eliteschule des Sports. Sportkoordinator Christian Andresen beschrieb in einer Episode, was die Sportbegeisterten machen: Sie haben Trainingspläne für zu Hause bekommen – nun trainiert jeder zwei Mal am Tag alleine. In der gleichen Sendung kam auch Schüler Rafael Miroslaw zu Wort. Der Leistungsschwimmer hatte sich mit der Staffel für Olympia qualifiziert. Natürlich habe er nach der Verschiebung der Spiele eine Frustphase erlebt, erzählte der 19-Jährige. Aber er sei ja noch jung: „Ich vermisse im Moment am meisten das normale Alltagsleben.“

Jeden Nachmittag zeichnet ein kleines Team die Sendung auf – ein Kraftakt. „Es ist ein Riesenunterschied, ob ich vor einer Klasse stehe oder die Show moderiere“, berichtet Lengwenus. „Ich brauche immer mehrere Anläufe, bis eine Moderation passt. Also wirklich, ich könnte manchmal durchdrehen.“ Der Schulleiter lacht. „Ich bin heilfroh, wenn ich irgendwann wieder einfach Schulleiter bin.“

Kontakt entscheidend

Die Resonanz ist groß, inzwischen berichteten zahlreiche Medien über das Projekt. „Das ist schön. Aber noch wichtiger ist uns: Gerade hier an dem sozial herausfordernden Standort ist der Kontakt zur Schülerschaft entscheidend“, sagt Kulturagent Vogel. „Wir freuen uns sehr, dass die Schülerinnen und Schüler bei der Late Night mitmachen. Sie geben uns Feedback, wir halten Kontakt. Das ist einfach klasse.“

Einige Tage wird das auf jeden Fall noch so weitergehen, bis zur Osterwoche will das Team senden. „Was dann kommt, müssen wir sehen“, sagt Vogel. „Im Moment ist die Show unser Alltag.“

Kulturagenten

Das Programm „Kulturagenten für kreative Schulen“ hatte das Ziel, bei Kindern und Jugendlichen Neugier für künstlerische Aktivitäten zu wecken und mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln. Die Kulturstiftung des Bundes und wir haben es gefördert.

http://www.kulturagenten-programm.de