Sprache verwandelt Menschen

Münder und Papierflieger
Autorin: Carola Hoffmeister 01.12.2022

Sprachliche Bildung an Schulen und Kitas muss sich verbessern – dafür macht sich das Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweit­sprache schon seit zehn Jahren stark. Die Einrichtung gilt bis heute bundes­weit als einziges Institut einer Hochschule, das von einer Stiftung initiiert und gefördert wurde. Zeit für eine Bilanz.

Herr Professor Becker-Mrotzek, wie hat sich das Thema Mehr­sprachig­keit in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Mehrsprachigkeit von Kindern und Jugendlichen wird zunehmend als Chance begriffen, nicht als Problem oder Risiko­faktor. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert und dadurch die Begrifflichkeiten. So reden wir in Deutschland nicht mehr von „Zweitsprache“, sondern positiver besetzt von Mehrsprachigkeit.

Würde das Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweit­sprache heute gegründet, hieße es dann Mercator-Institut für Sprach­förderung und Mehr­sprachig­keit?

Vielleicht. Es ist ja normal, dass sich Sprache verändert. Der öffentliche Diskurs wirkt auf Sprache ein, und umgekehrt kann eine veränderte Sprache den öffentlichen Diskurs verändern.

Wie beim Gendern.

Genau. Hier wandelt sich derzeit Sprache im Zeitraffer. Denn mit dem Gendern erprobt die Sprach­gemeinschaft verschiedene Formen des Abschieds vom generischen Maskulinum und der sprachlichen Inklusion von Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann verstehen. Beim Gendern kommen bekanntlich Doppel­nennung, Gender­stern oder andere neutrale Varianten zum Einsatz. Und auch der Begriff der Zweit­sprache findet heute nur noch wenig Verwendung, nicht zuletzt, weil er nicht mehr so treffend ist. Während der Grund­schul­zeit werden alle Kinder mehr­sprachig, weil bei ihnen Englisch auf dem Stunden­plan steht – und das sieht eine Mehrheit positiv. Aber Mehrsprachigkeit bedarf oftmals auch einer besonderen Förderung, insbesondere bei Deutsch als Fremd- oder eben Zweitsprache in der Schule. Als sehr hilfreich – etwa in der Bewältigung der Situation von 2015 – hat sich ein Konzept herausgestellt, an dem auch unser Institut arbeitet: der sprachsensible Unterricht.

Professor Becker-Mrotzek
© A. Salzmann

Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek ist Direktor des Mercator-Instituts für Sprach­förderung und Deutsch als Zweitsprache. Seit 1999 ist er Professor für Deutsche Sprache und ihre Didaktik mit den Schwerpunkten Schreib­forschung und Schreib­didaktik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultus­minister­konferenz. Von 2013 bis 2020 war er zudem Sprecher des Träger­konsortiums der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS). Seit 2020 ist er Sprecher des Nach­folge­projektes, des Träger­konsortiums der Initiative zum Transfer von Sprachbildung, Lese- und Schreib­förderung (BiSS-Transfer).

Wie sieht ein solcher Unterricht konkret aus?

Sprachsensibler Unterricht ist vor allem im Fachunterricht und in Mathematik wichtig, also da, wo es nicht primär um Sprache geht, sie aber Voraussetzung dafür ist, dass Schüler*innen in diesen Fächern leistungs­stark sind. Denn ein Kind kann eine mathematische Textaufgabe nur dann lösen, wenn es die Frage versteht. Wichtig beim sprach­sensiblen Unterricht ist beispiels­weise, die Fach­begriffe zu erklären. Lehr­kräfte sollten Texte, mit denen die Schüler*innen arbeiten, kritisch auf möglicher­weise unbekannte Fach­begriffe hin unter­suchen und die Definitionen über Karten bereit­stellen. Vielleicht können sie je nach Hinter­grund und Fähigkeiten manche Ausdrücke auch zunächst in der Familien­sprache des Kindes besprechen. Kurz: Die Pädagog*innen müssen für Sprache und ihre Hürden sensibilisiert werden, dann können sie Fallstricke vermeiden. Davon profitieren alle Schüler*innen, insbesondere diejenigen, die beim Erwerb der deutschen Sprache noch nicht so weit voran­geschritten sind.

Münder und Sprechblasen
© stocksy

Wie erreichen Ihre Erkenntnisse zum sprachsensiblen Unterricht die Lehrkräfte?

Wir untersuchen an unserem Institut auch die Frage nach dem Transfer und überlegen, wie sich Konzepte zur sprachlichen Bildung an den Schulen und Kitas einsetzen lassen. Dafür bilden wir bundesweit Pädagog*innen fort und haben zum sprach­sensiblen Unterricht entsprechende Fortbildungen im Angebot.

Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweit­sprache ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen – von sieben Mitarbeiter*innen auf mehr als 100. Worauf lässt sich dieser Erfolg zurück­führen?

Es gab zwei Entwicklungen, die ganz wesentlich zur Expansion des Instituts beigetragen haben. Zum einen haben Bund und Länder 2013 die Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS) beschlossen, für die verschiedene Einrichtungen – darunter auch wir – untersucht haben, welche sprachlichen Kompetenzen Kinder und Jugendliche benötigen, um ihren Alltag erfolg­reich und gut eingebunden bestreiten zu können. 2015/16 erreichte dann die sogenannte europäische Flüchtlings­krise ihren Höhepunkt. Damals suchten mehr als eine Million Menschen Zuflucht in Deutschland, vor allem vor dem Bürger­krieg in Syrien. Kitas, Schulen und Einrichtungen zur Erwachsenen­bildung standen plötzlich vor der Aufgabe, sehr vielen Menschen die deutsche Sprache vermitteln zu müssen. Diese Heraus­forderung hat ebenfalls dazu beigetragen, dass unser Institut immer gefragter wurde.

Heute geht es um die sprachliche Integration von Ukrainer*innen.

Ja. Und tatsächlich sind die Pädagog*innen besser vorbereitet. Sie können auf unsere damaligen Konzepte und ihre eigenen Erfahrungen zurück­greifen. Das ist ein großer Vorteil.

Mit welchen Themen wird sich Ihr Institut in den kommenden Jahren vorrangig beschäftigen?

Das Bildungssystem steht vor drei großen Heraus­forderungen, mit denen wir uns beschäftigen werden, um die Situation zu verbessern: Das eine ist – was wir auch bei den aktuellen Bildungs­trends des Instituts zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) gesehen haben –, dass die Zahl der Schüler*innen wächst, die die Mindest­standards in Lesen, Schreiben und Rechnen nicht erreichen. Das IQB untersucht ja im Auftrag der Kultus­minister­konferenz, inwieweit Viert­klässler*innen die bundes­weit geltenden Bildungs­standards der Kultus­minister­konferenz in den Fächern Deutsch und Mathematik für den Primar­bereich erreichen. Wir müssen also an den basalen Kompetenzen arbeiten. Das Zweite sind die Heraus­forderungen, die sich mit der Inklusion ergeben. Wie können wir in heterogenen Klassen allen Kindern mit ihren unterschiedlichen Vor­aus­setzungen gerecht werden und alle beteiligten Pädagog*innen in diesen Prozess einbeziehen? Das dritte große Thema ist die Digitalisierung: Was bedeutet sie im Hinblick auf die Lern­ziele, die es zu vermitteln gilt? Und wie können wir digitale Medien nutzen, um sprachliche Bildung zu vermitteln? Auch in den kommenden Jahren gibt es sehr viel zu tun.


Mercator-Institut für Sprach­­förderung und Deutsch als Zweit­sprache

Das Mercator-Institut für Sprach­­förderung und Deutsch als Zweit­sprache ist ein von der Stiftung Mercator initiiertes und gefördertes Institut der Universität zu Köln. Es will die sprachliche Bildung verbessern und zu mehr Chancen­­gleichheit im Bildungs­system beitragen.
www.mercator-institut-sprachfoerderung.de