Wie fördern wir Vielfalt an Schulen?

Autorin: Anna E. Poth 23.08.2022

Kulturelle Vielfalt empfindet die Mehrheit heute als Bereicherung. Doch das war nicht immer so. Nicht nur im Schulalltag sind Diskriminierung und Rassismus noch präsent. Der Ungleich­behandlung muss umfassender begegnet werden, sagt Hacı-Halil Uslucan. Er ist Professor für Moderne Türkei­studien und Integrations­forschung an der Universität Duisburg-Essen und wissen­schaftlicher Leiter des Zentrums für Türkei­studien und Integrations­forschung.

Professor Hacı-Halil Uslucan, in den vergangenen zehn bis 15 Jahren entwickelten viele Schulen Projekt­wochen zu Diskriminierung und Rassismus oder etablierten dauer­hafte Arbeits­gruppen. Sehr bekannt ist das Netzwerk „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Wie stehen Sie zu solchen Projekten und Kooperationen: Ist das ein Anfang zu mehr Sensibilisierung?

Seit 2005 ist die Sensibilisierung deutlich gestiegen. Der Anteil von Ausländer*innen lag damals bei acht bis neun Prozent. Als jedoch 2005 die Kategorie „Migrations­hinter­grund“ berücksichtigt wurde, hat es eine Verdopplung gegeben. Die Hetero­genität in den Klassen war deutlich größer als zuvor angenommen. Inzwischen liegt der Anteil von Menschen mit Zuwanderungs­geschichte im gesamten Bundes­gebiet bei etwa 25 Prozent. Das ist keine marginale Größe mehr. Da rücken Fragen nach kultureller Vielfalt, sprachlicher Vielfalt und Diskriminierung stärker in den Fokus. So müssen Schulen für sich werben und sich kulturell öffnen. Das Netzwerk „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ ist da eine Möglichkeit.

Haci-Halil Uslucan
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Hacı-Halil Uslucan setzt sich seit mehreren Jahr­zehnten für eine bessere Integration und Migration an deutschen Schulen ein. Als Professor an der Universität Duisburg-Essen vermittelt er den zukünftigen Lehr­kräften ein starkes Bewusstsein für mehr Viel­falts­förderung und gibt ihnen Möglichkeiten an die Hand, um aktiv gegen Diskriminierung und Rassismus im Schul­alltag vorzugehen.

Lässt sich erkennen, dass es eine Tendenz zu weniger Diskriminierung und mehr Bewusst­sein für Diversität im Schul­all­tag gibt?

Dazu müssen wir mehrere Punkte beachten. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Es sind nicht mehr Migrant*innen der ersten Generationen in den Schulen. Schon 2010 gab es Studien, die gezeigt haben, dass die Nach­folge­generation viel sensibler geworden ist für Diskriminierung, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie sich stärker dazu­gehörig fühlt und besser integriert ist. Der 14-jährige Mehmet vergleicht sich mit dem 14-jährigen Sebastian aus seiner Klasse. Das heißt, dass Ungleich­behandlung in der Schule, bei der Polizei oder in der Verwaltung viel stärker wahr­genommen wird. Zum Glück gibt es mittler­weile die Generation der Lehrkräfte, die selbst schon mit Migrant*innen in die Schule gegangen ist. Junge Lehrkräfte, die beispiels­weise aus dem Ruhr­gebiet, Köln, Hamburg oder Berlin kommen, nehmen die Vielfalt anders wahr und begreifen sie vielmehr als etwas Natürliches.

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Das deutsche Schulsystem schafft es nicht, jedes Kind gleicher­maßen zu fördern, sodass das soziale Umfeld und die soziale Herkunft der Erziehungs­berechtigten viel Gewicht haben. Wie kann der sozialen Ungleichheit entgegen­gewirkt werden?

Wenn ich es mal etwas zynisch sage, sind Schüler*innen­leistungen in Deutschland vor allem auch Eltern­leistungen. Wie gut ein Kind in der Schule ist, hängt ein Stück weit davon ab, wie gut die Eltern sind. Was für ein kulturelles Kapital haben die Eltern? Welche Bildung bringen sie mit? Und was für ein materielles Kapital hat die Familie – können sie sich Nach­hilfe leisten? Die zentrale Forderung liegt auf der Hand. Die Schüler*innen­leistungen sollten von den Eltern entkoppelt werden. Ansätze dazu beobachten wir teil­weise in Gesamt­schulen.

Welche anderen Stressoren gibt es noch bei den Kindern? Gehen wir jetzt in die Extreme und stellen uns zwei Fragen: Kommt das Kind aus einer Ärzte- oder Anwalts­familie und wird nur „Luxus“ verwaltet? Oder habe ich ein Kind, das aus einem Eltern­haus kommt, in dem allein die Mutter zwei Jobs hat und gar keine Kraft mehr hat, sich um das Kind zu kümmern? Das sind psychische Aspekte, die mit­einbezogen werden sollten. Da braucht es Lehr­kräfte, die damit umgehen und die Kinder fördern können.

Was sollten Bund und Länder verbessern?

In der Bildungspolitik selbst brauchen wir Verbesserungen. Die Universitäten sollten angehenden Lehrkräften interkulturelle Bildung und inter­kulturelle Pädagogik obligatorisch vermitteln. Die angehenden Lehrkräfte müssen an jeder Universität gleicher­maßen sensibilisiert werden. Die Migrations­geschichte der vergangenen 60 Jahre ist Teil der deutschen Geschichte und sollte Teil des Curriculums sein. Zudem braucht es Änderungen in der Stadt­politik. Die Schulen in sozial prekären Quartieren sind häufig schlecht ausgestattet. Allein durch diese schlechtere Ausstattung bleibt diesen Kindern gleichwertige Bildung verwehrt.

Mercator Forum
„Teilhabe statt Diskriminierung“

14. & 15. September 2022 in Essen

Deutschland ist ein Einwanderungs­land. Marginalisierte Gruppen erleben jedoch weiter Benachteiligungen, zum Beispiel aufgrund ihrer kulturellen Herkunft oder ihres sozioökonomischen Hintergrunds.

Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft sowie Zivil­gesellschaft diskutieren über Diskriminierung und Teilhabe mit dem Ziel gemeinsam Handlungs­strategien zu entwickeln.

In den vergangenen Jahren wurde im öffentlichen Diskurs viel über Rassismus und Diskriminierung gesprochen. Wäre es sinnvoll für einen nach­haltigen Umgang mit Migration und Integration, diese Inhalte in Schulen alters­gemäß wieder­kehrend zu thematisieren?

Generell ist die Idee gut. Doch diese Inhalte müssen Personen mit pädagogischer und fachlicher Kompetenz vermitteln. Denn es gibt in diesem Bereich genügend schlechte Beispiele. Aus welchen Gründen kommen Familien nach Deutschland? Oftmals ist die Antwort: Deutschland ist ein reiches Land. Das ist falsch und reicht nicht. Teilweise fliehen Menschen aufgrund von Kriegen oder des Klima­wandels. Auch können europäische Staaten durch asymmetrische Handels­beziehungen Länder in der sogenannten Dritten Welt deutlich stärker ökonomisch einengen; sie können eigene Waren staatlich subventionieren und dadurch Preise auf dem Welt­markt diktieren, die zum Aus­sterben ganzer Branchen in anderen Ländern führen. Dies bewegt ebenfalls Menschen zur Flucht aus ihren Herkunfts­ländern. Ein anderes Beispiel ist das Anwerben von Fach­kräften aus dem Ausland. Wenn viele Mediziner*innen aus Bulgarien nach Deutschland oder England gehen, kann es dazu führen, dass im Herkunfts­land selbst das Gesund­heits­system immer schlechter wird. Dadurch wird wiederum der Migrations­druck erhöht, und mehr Leute müssen ihr Heimatland verlassen.

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Oftmals gelten Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede als Hindernisse, die bei Grund­schul­kindern eine erfolg­reiche Teilhabe verhindern. Was fordern Sie vom Schul­system beziehungs­weise von den Kommunen?

Hier sollte die Sprachförderung ausgebaut werden, sowohl für die Herkunfts­sprache als auch für die deutsche Sprache. Es gab erfolg­reiche Projekte, die die Eltern miteinbezogen haben. Schauen wir auf die türkischen Migrant*innen: In der Türkei gab es bis 1998 nur eine fünf­jährige Schul­pflicht. Ab 1998 wurde sie auf acht Jahre erhöht. Seit 2012 gibt es eine zwölfjährige Pflicht. So kamen die ersten Generationen mit sehr geringer Schulbildung nach Deutschland. Da kann niemand erwarten, dass die Eltern die Sprache selbst gut können. Sie können keine Bücher von Orhan Pamuk lesen. Sie können kein Hoch­türkisch. Deshalb sollte hier die Herkunfts­sprache gestärkt werden. Zumal auch andere Fächer mit Sprache und Sprach­entwicklung zusammen­hängen.

Wie sehen Sie die Entwicklung hin zu mehr Chancen­gleich­heit und sozialer Teilhabe in der Gesellschaft in den kommenden fünf Jahren?

Es hat sich in den vergangenen Jahren schon viel getan. Der islamische Religions­unterricht wurde integriert. Das Bewusst­sein, dass das berechtigte Forderungen sind, ist da. Wichtig wäre dennoch, dass es in Schulen unabhängige Stellen gibt, bei denen Eltern oder Kinder rassistische Vorfälle melden können. Bildungs­einrichtungen tendieren immer dazu, sich selbst oder ihre Lehrkräfte zu schützen. Da wäre es förderlich, dass unvor­eingenommene Mediator*innen die Vorfälle behandeln.

Sehen Sie den wachsenden Rechts­extremismus als Gefahr für unsere Gesellschaft und die Förderung von mehr Diversität?

Manifester Rassismus sensibilisiert die Gesellschaft. Gegen starken Rassismus von Rechts­extremen greift zum Glück der gesellschaftliche Konsens, dass dieser nicht sein darf. Viel schlimmer ist der subtile Rassismus. Kleine Sticheleien sind in der Frequenz schlimm. Die klassische Frage „Wo kommst du her?“ beispiels­weise oder Ansprachen in einem anderen Ton oder das Benutzen von einfacher deutscher Sprache, ohne zu wissen, wie gut das Gegen­über die deutsche Sprache beherrscht. Dafür bräuchte es ein starkes gesellschaftliches Bewusstsein, dass diese Umgangs­formen auch rassistisch und verletzend sein können.


Mercator Forum „Teilhabe statt Diskriminierung“

Im Mercator Forum arbeiten unter­schiedliche Stake­holder*innen und Partner*innen der Stiftung Mercator zwei Tage lang an einer übergreifenden Frage­stellung, um die Themen der Stiftung voran­zu­treiben. Das Mercator Forum findet einmal jährlich in Essen statt.