Botschafterin der Vielfalt

Autorin: Carola Hoffmeister Fotos: Stefanie Loos 25.01.2022

Diversität ist wichtig. Aber ist sie auch überall angekommen? Noch lange nicht, sagt Verwaltungs­rechtlerin Salilah El-Khodary vom Auswärtigen Amt. Mit der Initiative „Diplomats of Color“ setzt sie sich für mehr Vielfalt in Botschaften und Ministerien ein.

Der Klang ihres Lachens fällt als Erstes auf. Frisch und mitreißend erinnert er an eine Fontäne, die für einen Augenblick lang in die Höhe schießt und sich dann sprudelnd wieder zurück­zieht. Dabei beschäftigt sich Salilah El-Khodary mit ernsten und konflikt­reichen Themen – wie Rassismus. Haupt­beruflich arbeitet sie beim Auswärtigen Amt und koordiniert in Zusammen­arbeit mit UN-Organisationen sowie verschiedenen NGOs Projekte im Irak und Jemen. Ehren­amtlich engagiert sie sich für die Initiative „Diplomats of Color“ und setzt sich dafür ein, dass People of Color (PoC) in deutschen Auslands­vertretungen angemessen repräsentiert und nicht diskriminiert werden. „Das ist wichtig, denn in Deutschland hat inzwischen jeder vierte Mensch einen inter­nationalen Hinter­grund. In der Bundes­verwaltung ist es aber nur jeder achte – die Gesellschaft spiegelt sich dort also nicht wider. Zusätzlich berichten People of Color immer wieder von rassistischen Erfahrungen. So etwas darf 2022 einfach nicht mehr passieren.“

Salilah El-Khodary wuchs in Dülmen auf und lebt mit Zwischenstationen in Brüssel oder Ankara in Berlin.
Salilah El-Khodary wuchs in Dülmen auf und lebt mit Zwischen­stationen in Brüssel oder Ankara in Berlin. © Stefanie Loos

Theaterbesuche als Rebellion

Salilah El-Khodary ist die Tochter eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter und machte in ihrer Kindheit und Jugend eher wenig Erfahrungen mit Rassismus. „Zum Glück!“, sagt sie. „Meinen Brüdern, die noch mal stärker arabisch aussehen als ich, oder meiner Schwester, die Hijab trägt, geht es da vermutlich anders. Aber auch ich werde immer wieder gefragt, woher ich komme. Und das ist natürlich schon eine Form von ‚Othering‘, von Ausgrenzung. Schließlich passe ich aus Sicht der Frage­steller*innen nicht ins Normal­schema und bin entsprechend aufgefordert, mich zu erklären. Wenn das oft vorkommt, stört es mich, klar.“ Mikro­aggressionen heißen solche als über­griffig erlebten Äußerungen in der Kommunikation. Sie stellen etwa die Zugehörigkeit der Betroffenen immer wieder infrage, und das zermürbt.

An Berlin mag Salilah El-Khodary ganz besonders das vielfältige kulturelle Freizeitangebot. Sie liebt es, zu Theatervorstellungen, Konzerten oder Lesungen zu gehen.
An Berlin mag Salilah El-Khodary ganz besonders das vielfältige kulturelle Freizeitangebot. Sie liebt es, zu Theatervorstellungen, Konzerten oder Lesungen zu gehen. © Stefanie Loos

Die Freiheit der Selbst­bestimmung

Aufgewachsen ist Salilah El-Khodary in Dülmen, einer mittel­großen Stadt zwischen Feldern, eine halbe Stunde Fahrt­zeit von Münster entfernt, auch das Ruhr­gebiet ist nicht weit. Als junges Mädchen las sie gerne, heute immer noch. Sie nahm Reit­stunden und ging mit ihren Freund*innen nicht nur auf Partys, sondern auch häufig ins Theater. „Was einer­seits nach dem Gegen­teil von rebellisch klingt. Und es dann doch irgendwo war. Denn durch die Theater­besuche wollten wir uns abgrenzen und zeigen, dass wir weiter im Kopf als die anderen sind“, sagt Salilah und lacht ihr Fontänen-Lachen. Die Eltern, die sie als nicht ausnehmend politisch beschreibt, prägten sie. Zum Beispiel mit ihrer Vorliebe für den Kabarettisten Volker Pispers, der in den Sendungen „Scheiben­wischer“ oder „Mitter­nachts­spitzen“ auftrat und sich unlängst auf seiner Internet­seite von allen Corona­leugner*innen, Quer­denker*innen, rechten Extremist*innen sowie AfD-Fans distanzierte, die seine älteren Texte voller schwarzem Humor mitunter für ihre Propaganda miss­brauchen. Die Eltern schenkten Salilah vor allem die Freiheit der Selbst­bestimmung. „Es ging ihnen darum, dass ich alle Möglichkeiten auslote, heraus­zu­finden, was gut für mich ist. Dabei wollten sie mir keine Steine in den Weg legen“, erinnert sich Salilah. Sie war 17, als sie auf die Idee kam, sich für ein Studium beim Auswärtigen Amt zu bewerben. „Meine Motivation war damals sehr links und sehr idealistisch. Ich habe mir gesagt, dass ich im Job nicht nur für den Gewinn eines Unternehmens arbeiten möchte, sondern für einen gesellschaftlichen Mehrwert. Als ich meinem Vater von meinen Plänen in Berlin erzählte, hat er genickt und ganz nebenbei gesagt: ‚Das ist gut.‘“

Es ist für viele sicher noch nicht so selbst­verständlich, dass ich als junge muslimische Frau im Auswärtigen Amt arbeite und dort nicht nur Praktikantin bin.

Salilah bewarb sich beim Auswärtigen Amt für das duale Studium an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, das seine Absolvent*innen auf die Herausforderungen des gehobenen aus­wärtigen Dienstes vorbereitet. Drei Jahre später schloss sie die Ausbildung ab und bekam direkt im Anschluss ein Angebot für eine Stelle im zentralen Referat für „Stabilisierung und Friedens­­förderung“, heute heißt die Abteilung „Umsetzung von Stabilisierung von Ländern und Regionen“. Salilah erinnert sich: „Ich fühlte mich mit 22 eigentlich zu jung, um zu wissen, ob die Stelle richtig für mich ist. Aber ich dachte mir, dass ich es ja einfach ausprobieren kann. Und was soll ich sagen: Ich finde meine Arbeit toll und meine Kolleg*innen super.“ Auf ihrem Posten ist Salilah für die MENA-Region zuständig, also für „Middle East & North Africa“ beziehungs­­weise Nahost und Nord­afrika: die Region von Marokko bis zum Iran und damit die arabisch­­sprachige Welt. Sie selbst brachte Bezüge nach Ägypten durch den Vater mit, der aus Kairo stammt und mit dem sie manchmal bei der Familie in der ägyptischen Haupt­stadt war. „Außerdem habe ich Freund*innen in Beirut besucht, zuletzt im November vor Corona.“ Während der Pandemie arbeitete sie außerdem drei Monate lang an der Deutschen Botschaft in Tunis. An der Zeit in Tunesien war vor allem schön, direkt mit­­zu­­erleben, wie Projekte Wirklichkeit wurden, erzählt sie. „Wenn die Menschen in einem Dorf gute Ideen für Kunst­projekte hatten, konnten sie diese mit einer Förderung der Botschaft umsetzen und beispiels­weise ein Kultur­­zentrum auf­bauen. Das zu sehen war toll!“

Neben ihrem Job engagiert sich die Mitte 20-Jährige ehrenamtlich für „Diplomats of Color“, dem dem größten Diversitätsnetzwerk innerhalb der Bundesverwaltung. Einmal die Woche trifft sich online mit ihren Mitstreiter*innen.
Neben ihrem Job engagiert sich die Mitte 20-Jährige ehren­amtlich für „Diplomats of Color“, dem größten Diversitäts­netz­werk innerhalb der Bundes­verwaltung. Einmal die Woche trifft sich online mit ihren Mitstreiter*innen. © Stefanie Loos
Wegweiser im Auswärtigen Amt
Für das Auswärtige Amt war Salilah im ersten Corona-Jahr in Tunis, Tunesiens Hauptstadt. © Stefanie Loos
© Stefanie Loos
Auswärtiges Amt
© Stefanie Loos

Antirassismus-Trainings helfen

Zu „Diplomats of Color“ kam Salilah durch Tiaji Sio, eine afro­deutsche Diplomatin, die sich heute mit einem Stipendium in Harvard aufhält und die Salilah durch das Studium beim Auswärtigen Amt kennt. „Tiaji hatte mich kurz nach der Gründung des Diversity-Netzwerks 2019 gefragt, ob ich mitmachen möchte. Und das wollte ich natürlich gerne – zumal ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass es eine solche Initiative braucht. Zwar setzt das Auswärtige Amt inter­kulturelle Kompetenz als Einstellungs­kriterium voraus, aber ich saß bei meiner eigenen Bewerbung in einem Raum mit ungefähr neun Menschen ohne sichtbaren inter­­nationalen Hinter­­grund. Entsprechend ist es für viele sicher noch nicht so selbst­verständlich, dass ich als junge muslimische Frau im Auswärtigen Amt arbeite und dort nicht nur Praktikantin bin.“

Für „Diplomats of Color“ trifft sich Salilah in ihrer Freizeit einmal in der Woche online mit fünf Mitstreiter*innen aus Berlin, Brüssel, Jakarta und Stockholm und plant Veranstaltungen oder Aktionen. Sie und die Kolleg*innen rufen öffentliche Online-Veranstaltungs­reihen zu Diversität und Rechts­extremismus ins Leben oder organisieren interne Informations­veranstaltungen für das Auswärtige Amt, zusätzlich stimmen sie sich mit Ausbildungs­leiter*innen des Ministeriums ab. „Wir möchten beispiels­­weise etablieren, dass die Fort- und Weiter­­bildungen von Anfang an Anti­rassismus-Trainings anbieten, damit die Sensibilität für das Thema wächst.“ Der Zuspruch ist da: einerseits von der Leitungs­­ebene des Auswärtigen Amts, anderer­seits von prominenten Unter­stützer*innen wie der Managerin und ehemaligen Siemens-Arbeits­direktorin Janina Kugel und der Grünen-Politikerin Aminata Touré. Genauso von Fans, die den „Diplomats of Color“ in den sozialen Netzwerken folgen, zum Beispiel auf Instagram. „Dort schreiben uns junge PoC immer wieder, dass sie unsere Arbeit motiviert, sich beim Auswärtigen Amt zu bewerben. Weil sie sehen, dass die Bundes­behörde kein ‚elitärer Adels­verein‘ ist, sondern einer, der sich auf sie und ihre Erfahrungen freut. Genau das möchten wir ja erreichen. Dass es uns überall gibt – in Botschaften, Konsulaten und Ministerien. Wenn ich dabei ein Stück weit helfen und Vorbild sein kann, ist das richtig gut!“, sagt Salilah. Und wieder erklingt ihr optimistisches Lebens­freude-Lachen.

neue deutsche organisationen

neue deutsche organisationen e.V. ist ein bundes­weites Netzwerk von rund 100 Vereinen, Organisationen und Projekten. Der Verein sieht sich als post­migrantische Bewegung gegen Rassismus und für ein inklusives Deutschland.
neuedeutsche.org/