Alte Probleme, neue Ebene

Autorin: Matthias Klein 08.06.2021

Ob bei Bewerbungen oder bei Sozialleistungen: Neue technologische Möglichkeiten können Benachteiligungen verfestigen. Mercator Kollegiat Maximilian Gahntz arbeitet daran, dass Innovationen dem Gemeinwohl dienen. Eine Sache ist ihm dabei besonders wichtig.

Welche Rolle spielt ein Studium an einer Elite-Universität oder eine Station in Übersee? Wie wichtig ist die Abschlussnote der Ausbildung? Die Digitalisierung verändert die Auswahl von Bewerber*innen. Ein Programm erfasst die Lebensläufe und wertet sie automatisiert aus. Welche Kandidat*innen sind besonders erfolgsversprechend für den Arbeitgeber? „Solche Verfahren kommen längst zum Einsatz“, sagt Maximilian Gahntz. Die Basis der Analyse seien meist die Lebensläufe der Belegschaft, die bereits im Unternehmen arbeitet. „Und das ist das Problem. Es ist bekannt, dass es gerade bei Bewerbungen besonders oft zu Diskriminierung kommt. Bestimmte Menschen werden systematisch benachteiligt.“

Gahntz hält kurz inne und räuspert sich. „Wenn man das Bestehende nun in ein Programm überführt, verfestigt sich das. Die Strukturen, wie sie sind, bleiben bestehen – aber das ist nicht immer wünschenswert. Das ist ein typisches Problem der Automatisierung“, sagt er. Beim Arbeitsmarkt gehe es wie bei vielen anderen Sektoren um lange vertraute Aspekte. „Es sind Probleme, die altbekannt sind – aber sie erreichen nun eine neue Ebene. Und das hat massive Konsequenzen.“

© David Ausserhofer/Stiftung Mercator

Organisationen beraten

Es sind Fragestellungen wie diese, die den Mercator Kollegiaten beschäftigen. Was ihn antreibt: „Die Digitalisierung darf nicht nur als Wachstumstreiber gesehen werden. Es muss auch in den Blick genommen werden, dass sie bestehende Ungleichheiten verstärken kann. Und eins kann man sagen: Die bisher Benachteiligten werden noch stärker benachteiligt. Dagegen will ich etwas tun.“

Der 28-Jährige ist beim Thema Digitalisierung wie so viele, die sich mit normativen Fragen beschäftigen, ein Quereinsteiger. In Konstanz studiert er nach dem Abitur Politik- und Verwaltungswissenschaften. Der Arbeitsmarkt und sozialpolitische Fragestellungen sind zunächst seine Themen. Nach dem Bachelor arbeitet er als Organisationsberater für den öffentlichen Sektor, kümmert sich um Jobcenter und um Einrichtungen der Behindertenhilfe.

Die Digitalisierung darf nicht nur als Wachstumstreiber gesehen werden.

In diesem Feld stößt er auf die Folgen der Digitalisierung. An Beispielen wie der Analyse der Lebensläufe sieht er, wie sich neue technologische Möglichkeiten auswirken können. In seinem Master Public Administration und Public Policy an der Columbia University und der Sciences Po Paris belegt er passende Kurse, baut Kenntnisse auf.

Große Räder drehen

In der Sozialpolitik seien viele grundsätzliche Entscheidungen bereits gefallen, sagt er. „Anders in der Digitalpolitik: Die großen Räder sind noch zu drehen. Ich habe die Hoffnung, dass sich für weniger privilegierte Menschen sehr viel erreichen lässt.“ Ein besonders wichtiger Aspekt: Vielfach sei die Software einfach noch nicht ausgereift, hat Gahntz beobachtet. „Häufig bringt das Versprechen, damit Ressourcen sparen zu können, Unternehmen dazu, sie einzusetzen. Ja, oft lassen sich Ressourcen sparen. Aber es ist nicht in Ordnung, andere Effekte einfach auszublenden.“

Im vergangenen Herbst startete Gahntz in sein Jahr beim Mercator Kolleg. Er will untersuchen, wie sich ein Ordnungsrahmen für gemeinwohlorientierte künstliche Intelligenz schaffen lässt. Seine erste Station absolvierte er bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Dort arbeitete er am Entwurf des Gesetzes zur Regulierung der Künstlichen Intelligenz mit. Hautnah erlebte er die Verhandlungen.

© Getty Images

Naturgemäß ist er wie alle Beteiligten zu Verschwiegenheit verpflichtet. „Allgemein kann ich erzählen, dass der Prozess für mich sehr spannend war. Schließlich erfährt die Öffentlichkeit ja wirklich nichts davon, was alles im Hintergrund passiert“, berichtet Gahntz. „Es waren extrem umkämpfte Themen, Aushandlungen bis ins kleinste Detail.“ Dabei sei es beispielsweise um die Abwägung von Aspekten wie Sicherheit und Privatheit gegangen. „Es war sehr spannend zu sehen, wie die Kommission konkret ihre Rolle als Akteur des Interessensausgleichs ausfüllt.“

Transparenz entscheidend

Aktuell arbeitet Gahntz in Berlin bei der Mozilla Foundation, die für ihren Browser Firefox weltbekannt ist. Obwohl das Büro gar nicht weit von seiner Privatwohnung entfernt ist, sei er noch nie dort gewesen, sagt Gahntz und man merkt ihm die Enttäuschung an. Ein Mercator Kolleg-Jahr ist in der Coronapandemie manchmal doch eingeschränkt. „Ich schätze gerade den persönlichen Kontakt sehr. Das fehlt mir“, erzählt Gahntz aus seinem Home Office via Videokonferenz.

Inhaltlich beschäftigt sich Gahntz bei Mozilla unter anderem mit der Frage, wie sich die großen Plattformen so regulieren lassen, dass das Gemeinwohl im Zentrum steht. Ein Kriterium sei generell besonders wichtig, sagt er. „Transparenz ist ein wesentliches Element.“ Welche Daten sammelt ein Anbieter? Wie wertet er sie aus? Und für was nutzt er sie? „Es ist eine ganz entscheidende Frage, was davon öffentlich einsehbar sein muss.“

Ist er eigentlich angesichts der Übermacht der großen Tech-Konzerne nicht frustriert, wenn er sich für solche Themen einsetzt? „Ja, das hat manchmal schon etwas von David gegen Goliath“, sagt Gahntz und lacht. „Aber David gelingt es momentan, die Öffentlichkeit zu bewegen.“ Gerade die Ereignisse in den USA zu Beginn des Jahres, der Sturm auf das Kapitol, die Sperre Donald Trumps in sozialen Medien, hätten viel verändert: „Es ist ein Problembewusstsein entstanden. Ich hoffe, dass sich das so schnell nicht ändert. Nun geht es darum, nicht einfach schnell etwas zu verändern – sondern die Probleme an der Wurzel zu packen.“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Mercator Kolleg für internationale Aufgaben fördert jährlich 25 engagierte, deutschsprachige Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige aller Fachrichtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung übernehmen.

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