So macht Vielfalt Schule
Studien belegen: Lernende mit Migrationshintergrund erhalten bei gleicher Leistung oft schlechtere Noten. „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“ ist ein Projekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), das mehr Chancengleichheit im Schulalltag fördert. Anneke Gläß, Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule in Husum, erzählt, wie sie dadurch sensibler wurde für Stereotype und Diskriminierung.
Es ist schon einige Jahre her, Anneke Gläß war noch Referendarin und verfolgte den Unterricht eines Kollegen aus der Beobachterinnenperspektive hinten im Klassenraum sitzend. Der Chemielehrer, ein etwas älterer Mann, erklärte seiner Klasse ein Experiment und beschwichtigte dabei einige eifrige Mädchen mit der Aussage: „Ihr müsst euch nicht aufregen, ihr könnt das eh nicht so gut.“ „Das geht ja gar nicht“, dachte sie damals bei sich, „so ein Vorurteil!“ Ein typischer Gender Bias: Eine schlechtere Leistung wird angenommen aufgrund des Geschlechts.
Vielfalt durch Vorbild
Heute arbeitet die 36-Jährige als Lehrerin an der Ferdinand-Tönnies-Schule (FTS) in Husum, einer Gemeinschaftsschule. Sie hat diesen Vorfall aus ihrer Ausbildungszeit fast schon vergessen, zu gering seine Bedeutung für ihr eigenes Leben. Schließlich sind Naturwissenschaften ihre absolute Leidenschaft. Dass Mädchen Probleme mit MINT-Fächern haben sollen, hat sich ihr nie offenbart. Heute unterrichtet Gläß Chemie, Biologie und Dänisch und hofft, Mädchen und Jungs allein durch ihr Vorbild mitzureißen. Sie ist Klassenlehrerin einer achten Klasse in dem nordfriesischen Fischereistädtchen und Teil eines vierköpfigen Schulteams, das die Qualifizierungsmaßnahme „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) durchläuft. Das Projekt hat das Ziel, das Bewusstsein für Diskriminierungen zu schärfen und den Unterricht künftig chancengerechter zu gestalten.
In der Ferdinand-Tönnies-Schule lernen insgesamt 355 Schüler*innen, sie kommen aus 17 verschiedenen Ländern. „Wir sind heterogen unterwegs“, stellt Anneke Gläß fest. Und das durchaus schon länger: Mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 wurde an der Husumer Schule DaZ zum Schwerpunkt, also Deutsch als Zweitsprache. „Wir haben uns seitdem sehr bemüht, für Lernende mit ungleichen Startbedingungen Gerechtigkeit herzustellen.“ So kooperieren Lehrkräfte mit Sonderschullehrer*innen und Pädagog*innen, das Diakonische Werk begleitet die Schularbeit. Seit diesem Schuljahr ist die FTS nun „Schwerpunktschule G“ und hat sich ein Konzept überlegt, wie Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen sukzessive in den Regelunterricht integriert werden – gelebte Inklusion war die Vision aller. Corona hat die Ambitionen etwas gedämpft, es musste in Kohorten gedacht werden, fließende Übergänge waren aus Gründen der Hygienebestimmungen kaum möglich.
Vielfalt wird an dieser Schule also bereits gelebt. Wozu dann überhaupt noch die Teilnahme am DKJS-Projekt „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“? „Wir sind vielfältig, aber in vielen Belangen ist uns so manches noch nicht präsent“, sagt Anneke Gläß. „Wir wollen darüber im Team reflektieren, um noch weitere Prozesse anstoßen zu können.“ Der Austausch mit anderen Bildungsträgern sei dabei immens wichtig, so Gläß. Während der Netzwerktage könne man sich einiges abschauen und sehen, wie andere Schulen das machten.
Sprachbarrieren mindern Selbstwertgefühl
Eine Übung während einer Fachtagung hat alle schwer beeindruckt: Imaginäre Schüler*innenbilder wurden an die Wand geworfen, mit bestimmten Attributen versehen. „Kennen Sie solche Kinder und Jugendliche?“ Ja klar, alle nickten und vervollständigten automatisch im Kopf die Porträts. Von wegen – in der Auflösung zeigte sich, dass die wahren Lebensgeschichten in ganz andere Richtungen gingen als projiziert. „Das war für uns alle der Aha-Moment“, berichtet Gläß. „Es hat uns gezeigt, wie häufig wir, obwohl wir uns der Thematik sehr bewusst sind, in Schubladendenken verfallen.“ Die Übung, das steht schon jetzt fest, soll in jedem Fall auch im Februar zu den Schulentwicklungstagen mit Fokus auf Diversität den anderen FTS-Kolleg*innen vorgestellt werden.
Ob auch sie manche Lernende ungerecht benotet? Womöglich, weil sie der deutschen Sprache noch nicht so mächtig sind? Ausschließen kann Anneke Gläß das nicht, aber zumindest sind in ihren Fächern die Kriterien objektiver als in manchen Geisteswissenschaften. Was ihr jedoch Kopfzerbrechen bereitet, ist komplizierter als die reine Notengebung: „Ich will Schüler*innen weder über- noch unterfordern.“ Bisweilen ist das allerdings gar nicht so einfach. Allein schon bei den Arbeitspapieren: Greift sich ein Kind die leichte Fassung aus Bequemlichkeit oder weil es sich die mittelschwere Version (noch) nicht zutraut? „Viele haben ein schwaches Selbstwertgefühl allein wegen der Sprachbarrieren.“ Wichtig ist für Klassenlehrerin Gläß, sprachliche Unbeholfenheit nicht mit mangelnder Intelligenz oder fehlendem Leistungsvermögen gleichzusetzen. Sie nimmt sich jetzt immer wieder vor, Lernenden, die sich sprachlich noch nicht so gut artikulieren können, trotzdem öfter mal die schwerere Chemieaufgabe aufzugeben.
Wie stark denken Sie in Schubladen?
Fachleute sprechen beim Schubladendenken von impliziten Assoziationen oder einem „unconscious bias“, also einer unbewussten kognitiven Verzerrung der Wahrnehmung. Sie listen über 170 solcher Bias auf. Der Gender Bias ist ein Beispiel, es gibt auch den Mini-Me-Effekt, der besagt, dass Menschen Sympathien entwickeln für Personen, die ihnen ähneln. Wer sich selbst überprüfen möchte, die oder der kann diverse Tests machen. Der renommierteste ist der „Implicit Association Test“ von der Universität Harvard.
Diversität ist komplex
Noch so ein Learning: „Kinder verhalten sich zu Hause anders als im Schulkontext.“ Deshalb hat Anneke Gläß gerade 24 Elterngespräche à 30 Minuten absolviert, denn dadurch werde ihr Bild umfassender, sagt sie. Beim Thema Diversität gelte es, unbedingt alle Perspektiven miteinzubeziehen: Lernende, Lehrkräfte, Eltern, Schulmanagement, Schulleitung. „Als Gemeinschaftsschule starten wir hier nicht bei null, wir haben gute Vorarbeit geleistet.“ Dennoch: Das 31-köpfige Kollegium ist sehr homogen – oder wie Gläß es formuliert: „Wir haben nicht das Glück, von Internationalität zu sprechen.“ Immerhin sei die Gemeinschaft der Lehrenden nahezu paritätisch in Bezug aufs Geschlecht.
Vielfalt, das ist Anneke Gläß im Laufe der Qualifizierung sehr bewusst geworden, umfasst viele Ebenen: Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit und sozioökonomische Lebensrealitäten. Natürlich tragen auch Aussehen und Kleidung dazu bei, dass Menschen eingeordnet werden. Mittlerweile achtet sie etwa sehr sensibel auf die Auswahl geeigneter Materialien. Immer noch bildeten viele Arbeitsblätter klassische Stereotype ab, erklärt sie. „Wenn in meinen Übungsblättern nur Jungs chemische Berufe ausüben, dann baue ich ja auch indirekt tradierte Schubladen auf.“ Nein, inzwischen sucht Anneke Gläß lieber länger nach anderen Arbeitsbögen, damit ein Detail den Unterschied, damit Vielfalt Schule machen kann.
Vielfalt entfalten
Das Projekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) hat das Ziel, Vielfalt als Ressource für die Unterrichts- und Schulentwicklung zu nutzen, das Bewusstsein für Diskriminierungen zu schärfen und den Unterricht chancengerechter zu gestalten. Angesprochen werden Akteur*innen aus Schule und Bildungsverwaltung.
www.vielfalt-entfalten.de