So macht Vielfalt Schule

Autorin: Cornelia Heim 08.02.2022

Studien belegen: Lernende mit Migrations­hinter­grund erhalten bei gleicher Leistung oft schlechtere Noten. „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“ ist ein Projekt der Deutschen Kinder- und Jugend­stiftung (DKJS), das mehr Chancen­gleichheit im Schul­alltag fördert. Anneke Gläß, Lehrerin an einer Gemeinschafts­schule in Husum, erzählt, wie sie dadurch sensibler wurde für Stereo­type und Diskriminierung.

Es ist schon einige Jahre her, Anneke Gläß war noch Referendarin und verfolgte den Unterricht eines Kollegen aus der Beobachter­innen­perspektive hinten im Klassen­raum sitzend. Der Chemie­lehrer, ein etwas älterer Mann, erklärte seiner Klasse ein Experiment und beschwichtigte dabei einige eifrige Mädchen mit der Aussage: „Ihr müsst euch nicht aufregen, ihr könnt das eh nicht so gut.“ „Das geht ja gar nicht“, dachte sie damals bei sich, „so ein Vorurteil!“ Ein typischer Gender Bias: Eine schlechtere Leistung wird angenommen aufgrund des Geschlechts.

Vielfalt durch Vorbild

Heute arbeitet die 36-Jährige als Lehrerin an der Ferdinand-Tönnies-Schule (FTS) in Husum, einer Gemeinschafts­schule. Sie hat diesen Vorfall aus ihrer Ausbildungs­zeit fast schon vergessen, zu gering seine Bedeutung für ihr eigenes Leben. Schließlich sind Natur­wissenschaften ihre absolute Leiden­schaft. Dass Mädchen Probleme mit MINT-Fächern haben sollen, hat sich ihr nie offenbart. Heute unterrichtet Gläß Chemie, Biologie und Dänisch und hofft, Mädchen und Jungs allein durch ihr Vorbild mit­zu­reißen. Sie ist Klassen­lehrerin einer achten Klasse in dem nord­friesischen Fischerei­städtchen und Teil eines vier­köpfigen Schul­teams, das die Qualifizierungs­maßnahme „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“ der Deutschen Kinder- und Jugend­stiftung (DKJS) durchläuft. Das Projekt hat das Ziel, das Bewusstsein für Diskriminierungen zu schärfen und den Unterricht künftig chancen­gerechter zu gestalten.

Gestatten: Anneke Gläß, 36, unterrichtet Chemie, Biologie und Dänisch an einer Gemeinschaftsschule in Husum (Schleswig-Holstein).
Gestatten: Anneke Gläß, 36, unterrichtet Chemie, Biologie und Dänisch an einer Gemeinschaftsschule in Husum (Schleswig-Holstein). © Cathrin Müller

In der Ferdinand-Tönnies-Schule lernen insgesamt 355 Schüler*innen, sie kommen aus 17 verschiedenen Ländern. „Wir sind heterogen unterwegs“, stellt Anneke Gläß fest. Und das durch­aus schon länger: Mit der Flüchtlings­krise im Jahr 2015 wurde an der Husumer Schule DaZ zum Schwerpunkt, also Deutsch als Zweit­sprache. „Wir haben uns seitdem sehr bemüht, für Lernende mit ungleichen Start­bedingungen Gerechtig­keit her­zu­stellen.“ So kooperieren Lehr­kräfte mit Sonder­schul­lehrer*innen und Pädagog*innen, das Diakonische Werk begleitet die Schul­arbeit. Seit diesem Schul­jahr ist die FTS nun „Schwer­punkt­schule G“ und hat sich ein Konzept über­legt, wie Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen sukzessive in den Regel­unterricht integriert werden – gelebte Inklusion war die Vision aller. Corona hat die Ambitionen etwas gedämpft, es musste in Kohorten gedacht werden, fließende Übergänge waren aus Gründen der Hygiene­bestimmungen kaum möglich.

Vielfalt wird an dieser Schule also bereits gelebt. Wozu dann überhaupt noch die Teilnahme am DKJS-Projekt „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen“? „Wir sind vielfältig, aber in vielen Belangen ist uns so manches noch nicht präsent“, sagt Anneke Gläß. „Wir wollen darüber im Team reflektieren, um noch weitere Prozesse anstoßen zu können.“ Der Austausch mit anderen Bildungs­trägern sei dabei immens wichtig, so Gläß. Während der Netzwerk­tage könne man sich einiges abschauen und sehen, wie andere Schulen das machten.

Als Lehrerin naturwissenschaftlicher Fächer möchte Anneke Gläß (oben) erreichen, dass sich Mädchen und Jungs gleichermaßen für MINT-Themen interessieren.
Als Lehrerin natur­wissen­schaftlicher Fächer möchte Anneke Gläß (oben) erreichen, dass sich Mädchen und Jungs gleicher­maßen für MINT-Themen interessieren. © Cathrin Müller
Vielfalt wird an der Ferdinand-Tönnies-Schule ohnehin großgeschrieben. Zudem nimmt ein Lehrer*innen-Quartett am Projekt „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen” teil: Matthias Sechting, Vera Hofmann, Anneke Gläß und Katrin Rode (v.l.).
Vielfalt wird an der Ferdinand-Tönnies-Schule ohne­hin groß­geschrieben. Zudem nimmt ein Lehrer*innen-Quartett am Projekt „Vielfalt entfalten – Gemeinsam für starke Schulen” teil: Matthias Sechting, Vera Hofmann, Anneke Gläß und Katrin Rode (v.l.). © Cathrin Müller

Sprachbarrieren mindern Selbst­wert­gefühl

Eine Übung während einer Fachtagung hat alle schwer beeindruckt: Imaginäre Schüler*innen­bilder wurden an die Wand geworfen, mit bestimmten Attributen versehen. „Kennen Sie solche Kinder und Jugendliche?“ Ja klar, alle nickten und vervoll­ständigten automatisch im Kopf die Porträts. Von wegen – in der Auflösung zeigte sich, dass die wahren Lebens­geschichten in ganz andere Richtungen gingen als projiziert. „Das war für uns alle der Aha-Moment“, berichtet Gläß. „Es hat uns gezeigt, wie häufig wir, obwohl wir uns der Thematik sehr bewusst sind, in Schubladen­denken verfallen.“ Die Übung, das steht schon jetzt fest, soll in jedem Fall auch im Februar zu den Schul­entwicklungs­tagen mit Fokus auf Diversität den anderen FTS-Kolleg*innen vorgestellt werden.

Ob auch sie manche Lernende ungerecht benotet? Womöglich, weil sie der deutschen Sprache noch nicht so mächtig sind? Ausschließen kann Anneke Gläß das nicht, aber zumindest sind in ihren Fächern die Kriterien objektiver als in manchen Geistes­wissenschaften. Was ihr jedoch Kopf­zerbrechen bereitet, ist komplizierter als die reine Noten­gebung: „Ich will Schüler*innen weder über- noch unterfordern.“ Bisweilen ist das allerdings gar nicht so einfach. Allein schon bei den Arbeits­papieren: Greift sich ein Kind die leichte Fassung aus Bequemlichkeit oder weil es sich die mittel­schwere Version (noch) nicht zutraut? „Viele haben ein schwaches Selbst­wert­gefühl allein wegen der Sprach­barrieren.“ Wichtig ist für Klassen­lehrerin Gläß, sprachliche Unbeholfenheit nicht mit mangelnder Intelligenz oder fehlendem Leistungs­vermögen gleich­zu­setzen. Sie nimmt sich jetzt immer wieder vor, Lernenden, die sich sprachlich noch nicht so gut artikulieren können, trotzdem öfter mal die schwerere Chemie­aufgabe aufzugeben.

Wie stark denken Sie in Schubladen?

Fachleute sprechen beim Schubladendenken von impliziten Assoziationen oder einem „unconscious bias“, also einer unbewussten kognitiven Verzerrung der Wahrnehmung. Sie listen über 170 solcher Bias auf. Der Gender Bias ist ein Beispiel, es gibt auch den Mini-Me-Effekt, der besagt, dass Menschen Sympathien entwickeln für Personen, die ihnen ähneln. Wer sich selbst überprüfen möchte, die oder der kann diverse Tests machen. Der renommierteste ist der „Implicit Association Test“ von der Universität Harvard.

Diversität ist komplex

Noch so ein Learning: „Kinder verhalten sich zu Hause anders als im Schulkontext.“ Deshalb hat Anneke Gläß gerade 24 Eltern­gespräche à 30 Minuten absolviert, denn dadurch werde ihr Bild umfassender, sagt sie. Beim Thema Diversität gelte es, unbedingt alle Perspektiven mit­ein­zu­beziehen: Lernende, Lehrkräfte, Eltern, Schul­management, Schul­leitung. „Als Gemeinschafts­schule starten wir hier nicht bei null, wir haben gute Vorarbeit geleistet.“ Dennoch: Das 31-köpfige Kollegium ist sehr homogen – oder wie Gläß es formuliert: „Wir haben nicht das Glück, von Internationalität zu sprechen.“ Immerhin sei die Gemeinschaft der Lehrenden nahezu paritätisch in Bezug aufs Geschlecht.

Vielfalt, das ist Anneke Gläß im Laufe der Qualifizierung sehr bewusst geworden, umfasst viele Ebenen: Geschlecht, Alter, Migrations­hinter­grund, Religions­zugehörigkeit und sozio­ökonomische Lebens­realitäten. Natürlich tragen auch Aussehen und Kleidung dazu bei, dass Menschen eingeordnet werden. Mittler­weile achtet sie etwa sehr sensibel auf die Auswahl geeigneter Materialien. Immer noch bildeten viele Arbeits­blätter klassische Stereo­type ab, erklärt sie. „Wenn in meinen Übungs­blättern nur Jungs chemische Berufe ausüben, dann baue ich ja auch indirekt tradierte Schubladen auf.“ Nein, inzwischen sucht Anneke Gläß lieber länger nach anderen Arbeits­bögen, damit ein Detail den Unterschied, damit Vielfalt Schule machen kann.

Vielfalt entfalten

Das Projekt der Deutschen Kinder- und Jugend­­stiftung (DKJS) hat das Ziel, Vielfalt als Ressource für die Unterrichts- und Schul­­entwicklung zu nutzen, das Bewusst­­sein für Diskriminierungen zu schärfen und den Unterricht chancen­­gerechter zu gestalten. Angesprochen werden Akteur*innen aus Schule und Bildungs­verwaltung.
www.vielfalt-entfalten.de