„Musik verbindet uns“

Autorin: Saskia Weneit Fotos: Markus Feger 23.09.2020

Gemeinsam am Piano: Die Schwestern Manar, Ikram und Sofia lieben klassische Musik. Damit sind sie eher die Ausnahme. Über eine Begeisterung, die es fast nicht gegeben hätte.

Das Bild des Pianisten wird ihr niemals aus dem Kopf gehen. Manar Didi, die frisch­gebackene Fünft­klässlerin, ist still und leise, doch spricht sie von der Musik, hellt sich ihr Gesicht auf. „Ich finde die klassische Musik schön. Die ist zwar anders, aber ich mag das“, sagt Manar. Auch das Tanzen liebt sie sehr. In Berührung gekommen ist sie damit in einem Projekt des Klavier-Festivals Ruhr, an dem ihre Schule, die Gemeinschafts­grund­schule Sandstraße in Duisburg-Marxloh, teilnimmt. Der Stadt­teil ist eines der ärmsten Viertel Deutschlands, geprägt von hoher Arbeits­losigkeit und Kriminalität. In dem Projekt begegnen sich Jugendliche mit und ohne Behinderung, Schüler*innen von der Grundschule und vom Gymnasium, Kinder, die in Duisburg geboren wurden, und Kinder, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen sind. Auch Manars 14-jährige Schwester Ikram und die 16-jährige Sofia hörten hier von der ersten bis zur fünften Klasse im Unterricht Klavier­stücke von Béla Bartók, Ludwig van Beethoven, Sofia Gubaidulina, Pierre Boulez, György Ligeti, Igor Strawinsky oder Darius Milhaud, fanden einen Zugang zu diesen Klängen und drückten sich tänzerisch dazu aus.

Manar ist das Nesthäkchen in der Familie, Sofia war die Erste, die klassische Musik und Tanz nach Hause brachte. Inzwischen haben alle drei Mädchen im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr auf der Bühne gestanden, haben gezeigt, was sie können, und mit ihrer Performance berührt. Ikram bekommt immer noch eine Gänsehaut, wenn sie daran denkt. Alle halten sich an die Choreo­grafie. Lauschen der gleichen Musik. „Unsere Eltern waren begeistert von den Aufführungen und von der Chance, die wir bekommen haben“, sagen die Schwestern. Sie haben auch noch einen Bruder, der auf dem Gymnasium gerade in die sechste Klasse startet und schon fünf Jahre im Projekt mitgemacht hat. Die Teilnahme hat die Didis in eine musikalische Familie verwandelt. Die Eltern konnten sehen, wie die Kinder reiften und selbstbewusster wurden.

Eigentlich erzählen die Mädchen daheim nicht viel von der Schule. Doch nach den Proben ist es aus ihnen herausgesprudelt, was sie gelernt, erlebt und gefühlt haben. „Zu Hause habe ich meiner Mutter immer sofort die Musik vorgespielt und vorgetanzt“, erinnert sich Ikram und schmunzelt. Beides habe sie so berührt, dass sie es unbedingt mit ihren Eltern teilen wollte.

Manar und Ikram üben gern. © Markus Feger
Machen beim Education-Programm des Klavier-Festival Ruhr mit: die Schwestern Manar und Ikram. © Markus Feger
Klassische Musik erscheint auf einmal nicht mehr so fremd – wenn man an sie gewöhnt ist. © Markus Feger

Zuerst war es merkwürdig

Natürlich war es erst mal seltsam, klassische Musik zu hören oder sich durch Tanz auszudrücken, sind sich die Schwestern einig. „Aber mich hat das offener und mutiger gemacht“, ist die 14-jährige Ikram überzeugt. Sofia nickt und erzählt: „Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich klassische Musik anmache und dabei lerne. Das schafft eine ganz andere Atmosphäre und fügt sich gut ein.“

Musik ist immer mit dabei. © Markus Feger
Sofia, die Älteste der Geschwister, spielt seit sieben Jahren Gitarre. © Markus Feger
Die 14-jährige Ikram hätte nie gedacht, dass sie einmal auf der Bühne stehen würde. © Markus Feger

Seit sieben Jahren spielt Sofia Gitarre. Wenn sie das Instrument in den Händen hält, kann sie sich frei ausdrücken. Dieses Gefühl lässt sie nicht mehr los. „Es macht mir Freude. Ich mache das in erster Linie für mich. Ich kann machen und lernen, was ich möchte.“ Sie ist sich sicher: Ohne das Projekt wäre sie mit den klassischen Komponist*innen nicht in Berührung gekommen. „Wir hätten das von uns aus gar nicht entdeckt“, sagt sie. Der Ober­stufen­schülerin ist anzusehen, wie sehr die Erfahrungen mit dem Klavier-Festival Ruhr sie geprägt haben. Obwohl sie schon fünf Jahre raus ist, erinnert sie sich gut. Der Tanz, die Musik, das Finden der eigenen Kreativität hallen nach.

Offen für Neues

Ihr fällt der Zugang zu neuer, ungewohnter Musik leichter als ihren Mitschüler*innen. „Es ist etwas anderes, wenn man das seit der ersten Klasse kennt“, sagt Sofia. Der Ältesten der Geschwister Didi hat immer nur die Musik an der Schule Spaß gemacht. „Ich bin mit klassischer Musik auf­gewachsen, ich weiß ganz viel darüber und habe keine Scheu. Ich finde es unglaublich toll, immer wieder neue Stücke kennen­zu­lernen“, sagt sie. Wenn sie heute Gitarre spielt, entscheidet sie sich für Klassik – und schöpft Kraft daraus.

Hauptsache, Proben! Das geht auch mit Maske. © Markus Feger

Das Üben ist den Geschwistern nie schwer­gefallen. Sie lächeln, wenn sie davon erzählen. Es war entspannt, ohne Druck. Denn sie haben gemacht, was ihnen Freude bereitet: sich frei zur Musik zu bewegen und mit den klassischen Stücken aus­einander­zu­setzen. „Man wird mit der Musik ja auch erst mal vertraut gemacht. Wir improvisieren zusammen dazu. Sobald wir uns der Musik geöffnet hatten, ging das fast automatisch“, sagt Ikram. Ihre kleine Schwester erinnert sich an die Angst, die sie zu Beginn hatte. Davor, etwas falsch zu machen oder nicht zu verstehen. Heute lernt sie selbst­bewusst am Klavier und liebt es, eine Verbindung zur Musik zu finden, ein gemeinsames Bild zu entwickeln und im Tanz aus­zu­drücken. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf der Bühne stehe und mit der Gruppe gemeinsam etwas auf die Beine stelle. Ich habe erkannt, dass ich Talent habe“, ergänzt Ikram.

Nicht nur die Schwestern fühlen sich durch die künstlerischen Ausdrucks­formen verbunden. Diesen Effekt haben sie auch mit ihren Mitschüler*innen erlebt. „Durch das Tanzen und die Musik hat sich die Klasse noch mal neu kennen­gelernt“, erzählt Ikram. „Wir haben dieselbe Musik gehört und durch den Tanz, bei dem man sich ja auch berührt, dasselbe gefühlt. Das verbindet.“ Der Zusammenhalt und das gegen­seitige Unter­stützen sind für sie die wert­vollste Erfahrung. Für Sofia war es ein besonderer Moment, auf der Bühne zu stehen und am Ende der Aufführung den Applaus für ihre Mühen zu bekommen. „Das hat meine Haltung für immer verändert, in allem, was ich tue“, sagt Sofia.

Nachhaltig geprägt

Die Mädchen Didi unterstützen sich gegen­seitig in der Musik. Sofia ist stolz, dass alle ihre Geschwister nachgezogen sind und ihre Begeisterung teilen. Dass jetzt ein Piano im Wohnzimmer steht, an dem sie oft zu dritt oder zu viert sitzen. Ikram spielt dann ihrer älteren Schwester eine Melodie vor, Manar zeigt, welche Griffe sie schon kann, und Sofia staunt. Ein Leben ohne die klassische Musik kann sich keine von ihnen mehr vorstellen. Manchmal erwischen die Kinder sogar ihre Eltern dabei, wie die beiden eines der Stücke hören, die sie ihnen vorgespielt haben.

Education-Programm Klavier-Festival Ruhr

Als Teil des Education-Programms des Klavier-Festival Ruhr wurde in enger Zusammen­arbeit mit den Schulen des Stadt­teils Duisburg-Marxloh das Modell­projekt „ÜberGänge“ entwickelt, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen lang­fristigen Zugang zu kultureller Bildung zu ermöglichen und sie durch gemeinsames Tanzen und Musizieren in der Entwicklung ihrer schöpferischen Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit zu fördern.

www.klavierfestival.de/modellprojekt-marxloh/