Wer im Ruhrgebiet studiert

Autor*innen: Sabine Lauer, Uwe Wilkesmann 10.12.2020

Die Metropole Ruhr ist auf dem Weg der Transformation von der Industrieregion zur Wissensregion. Die Studierenden unterscheiden sich von denen in anderen Regionen. Für die Hochschulen ist das eine große Herausforderung.

In der historischen Betrachtung hat sich sehr viel verändert: Kaiser Wilhelm II. duldete im Ruhrgebiet keine Hochschulen, da er ein revolutionäres Potential durch eine mögliche Koalition zwischen Arbeitern und geistiger Elite fürchtete. Heute hingegen existiert in der Metropole Ruhr mit 22 Hochschulen auf einer Fläche von 4439 Quadratmetern die dichteste Hochschullandschaft Europas. Seitdem hat sich also einiges getan. Aber mit welcher Studierendenklientel haben es die Hochschulen in der Metropole Ruhr heute zu tun?

Unsere These lautet: Die Hochschulen der Metropole Ruhr müssen große Herausforderungen meistern und machen dies – trotz geringer Ressourcen – erstaunlich gut. Diese These werden wir anhand ausgewählter empirischer Befunde aus dem Bildungsbericht Ruhr 2020 belegen.

Studieren im Teilzeit-Modus

Vergleicht man die Studierenden der Metropole Ruhr mit anderen Regionen (restliches NRW, München, Stuttgart und Berlin), begründen sich die Herausforderungen primär durch die Herkunft der Studierenden: So befinden sich in der Metropole Ruhr mit einem Anteil von 54,6 Prozent vergleichsweise häufiger first generation academics, das heißt ihre Eltern sind keine Akademiker*innen und sie sind somit die ersten, die sich an einer Hochschule zurechtfinden müssen.

© Caroline Seidel/RuhrFutur

Mit einem Anteil von 23,8 Prozent haben die Studierenden der Metropole Ruhr häufiger einen Migrationshintergrund, wobei 4,8 Prozent aus einem Elternhaus kommen, in dem nicht Deutsch gesprochen wird. Ebenso ist die erhöhte zeitliche Belastung durch Erwerbstätigkeit während der Vorlesungszeit mit einem Anteil von 35,2 Prozent deutlich höher, wobei die BAföG-Förderung mit 16,5 Prozent geringer als der Bundesdurchschnitt (18,1 Prozent) ist.

Deshalb verwundert es wenig, dass die Studierenden in der Metropole Ruhr mit einem Anteil von 6,7 Prozent am häufigsten berichten, dass sie de facto im Teilzeit-Modus studieren, obwohl sie eigentlich in Vollzeit studieren sollten.

Nicht mehr Abbrecher*innen

Diese erschwerten Ausgangsbedingungen der Studierenden müssten vor allem durch einen erhöhten Betreuungsaufwand in der Lehre kompensiert werden. Leider ist die Betreuungsrelation durch Professor*innen in der Metropole Ruhr an Universitäten (neben dem Rheinland) mit großem Abstand die schlechteste in ganz Deutschland. Damit sind die Hochschulen in der Metropole Ruhr einem doppelten Nachteil ausgesetzt: Zum einen haben die Studierenden einen niedrigeren sozio-ökonomischen Status und zum anderen müssen Professor*innen deutlich mehr Studierende betreuen als anderswo.

Bildungsbericht Ruhr 2020

Der Bildungsbericht beschreibt große Herausforderungen, denen sich die Region in den kommenden Jahren stellen muss. Bei allem Handlungsdruck muss dabei auch gewürdigt werden, dass hier unter deutlich schwierigeren Bedingungen als in anderen Regionen Deutschlands oftmals ähnlich gute Ergebnisse erzielt wurden. Trotz der schwierigen Ausgangsbedingungen zeigt sich die Metropole Ruhr als sehr dynamische Region, die vor allem in Bezug auf Bildung besondere Potenziale aufweist.

Mehr zum Thema und den ganzen Bericht finden Sie hier.

Diese Herausforderungen führen zu der Vermutung, dass gerade Studierende aus nicht-akademischen Haushalten eher mit den Gedanken spielen, das Studium abzubrechen als ihre Kommiliton*innen aus Akademikerhaushalten. Eine Auswertung der Studienverlaufsbefragung von den RuhrFutur-Hochschulen belegt aber, dass dem nicht so ist. Die meisten der oben genannten Herausforderungen haben keinen Einfluss darauf, dass Studierende an den Universitäten der Metropole Ruhr über einen Studienabbruch nachdenken. Weder bei Studierenden, die aus einer Nicht-Akademikerfamilie stammen, noch bei Studierenden mit Migrationshintergrund oder die aus Familien stammen, in der nicht Deutsch zuhause gesprochen wird, erhöht sich die Studienabbruchsneigung. Auch das Geschlecht hat keinen Einfluss auf die Studienabbruchsneigung.

© Caroline Seidel/RuhrFutur

Interessant ist jedoch, dass das Arbeiten während der Vorlesungszeit die Erwägung eines Studienabbruchs signifikant reduziert, aber nur, wenn die Arbeitszeit nicht höher als neun Stunden pro Woche beträgt. Dies könnte daran liegen, dass in diese Kategorie hauptsächlich studentische Hilfskrafttätigkeiten fallen, das heißt die Studierenden entwickeln hierbei eine besondere Beziehung und Bindung zu der Universität beziehungsweise ihrem Fach.

Akademische Integration entscheidend

Ebenso minimiert eine gelungene akademische Integration (Kontakte zu Mitstudierenden, Einleben in das akademische Umfeld, Kommunikation mit den Lehrenden) seitens der Kommiliton*innen und der Lehrenden die Studienabbruchsneigung. Allerdings erhöht sich die Abbruchsneigung für Studierende, die ihre Hochschulzugangsberechtigung über die Gesamtschule oder das Abendgymnasium erlangt haben. Mit diesen beiden Schulformen werden allerdings Zugangswege beschrieben, die in der Metropole Ruhr im Vergleich zu anderen Regionen besonders häufig sind.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Hochschulen der Metropole Ruhr trotz erschwerter Ausgangsbedingungen gute Arbeit leisten. Um national und international wettbewerbsfähig zu sein, müssten sie allerdings über deutlich bessere Betreuungsverhältnisse und damit mehr finanzielle Ressourcen verfügen, um der Diversität der Studierenden (noch) besser gerecht zu werden. Für die Studierendenklientel in der Metropole Ruhr ist die akademische Integration besonders wichtig. Angesichts der Corona-Pandemie und dem seit dem Sommersemester 2020 verbundenen Umstieg auf digitale Lehrformate sind die Hochschulen in der Metropole Ruhr ganz besonders gefordert, vor allem ihre Studienanfänger*innen optimal in das akademische Umfeld zu integrieren und bestmöglich zu betreuen, um auch den first generation academics einen gelungenen Studienstart ermöglichen zu können.

RuhrFutur

Unsere Partnergesellschaft RuhrFutur will das Bildungs­system der Metropole Ruhr leistungs­fähiger und gerechter gestalten. Ihr Ziel: Allen Kindern und Jugendlichen sollen Bildungs­zugang, -teil­habe und -erfolg in gleichem Maß ermöglicht werden.

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