„Journalismus hält dagegen“

Autor: Matthias Klein 11.12.2019

Journalistinnen und Journalisten müssen täglich ringen, um ihren Prinzipien treu zu bleiben, sagt Laszlo Trankovits, viele Jahre Büroleiter und Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa), im Interview. „Distanz zum Objekt der Berichterstattung ist von zentraler Bedeutung.“

Berichterstattung soll „unabhängig von Einwirkungen oder Einflüssen durch Parteien, Weltanschauungsgruppen, Wirtschafts- oder Finanzgruppen und Regierungen” sein, schreibt die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in ihrem Gesellschaftsvertrag. Wie können Journalistinnen und Journalisten diesem Anspruch in der täglichen Arbeit gerecht werden, Herr Trankovits?

Laszlo Trankovits: Ein guter Journalist schreibt Nachrichten, Berichte und Analysen nüchtern, fair und distanziert. Er respektiert sein Publikum, indem er ausgewogen und sachlich berichtet, die besten Argumente aller Seiten nennt, emotionale und tendenziöse Formulierungen vermeidet. Wir sehen jeden Tag, wie schwer das vielen Journalistinnen und Journalisten bei Themen wie Trump, Klima, Einwanderung oder Israel fällt.

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Laszlo Trankovits

Laszlo Trankovits war mehr als 35 Jahre Büroleiter und Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa), unter anderem in den USA, im Nahen Osten, in Italien und Afrika.

Journalisten führen seit jeher einen Abwehrkampf: denn alle wollen in die Medien, groß und prominent. Journalisten wollen sich nicht vereinnahmen lassen. dpa gehört den deutschen Medien, was eine große Unabhängigkeit garantiert. Dennoch bedarf es täglich enormer Anstrengungen, den Standards von Objektivität, Fairness und Distanz zu genügen. Wer bei Nachrichten Haltung zeigen will, wird professionelle Standards verletzen müssen. Der Schaden für die Gesellschaft ist enorm.

Für eine kenntnisreiche Berichterstattung ist Nähe wichtig – wie kann Unabhängigkeit dabei erhalten bleiben?

Trankovits: Unbestechlichkeit setze ich voraus. Alles andere ist ein tägliches Ringen, den journalistischen Prinzipien treu zu bleiben. Distanz zum Objekt der Berichterstattung ist dabei von zentraler Bedeutung.

Wenn ich sehe, wie Journalistinnen und Journalisten nach Jahren großer Nähe zu bestimmten Parteien und Regierungen plötzlich zu deren Sprechern werden, wird mir blümerant. Wie wenig Selbstvertrauen die Medien heute in die innere Unabhängigkeit ihrer eigenen Redaktionen haben, zeigt das angestrengte Bemühen, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen – mit Migrationshintergrund, religiöse und andere Randgruppen sowie Frauen – in der Redaktion zu integrieren. Als ob die Redakteurs-Arbeit vom Geschlecht, der Herkunft oder Religion abhängen würde. Kein Missverständnis: Der Zugang zu Redaktionen muss für alle guten Journalistinnen und Journalisten völlig offen sein. Aber manche Chefredakteure scheinen zu glauben, nur eine Frau könne über Prostitution, nur ein Immigrant über Parallelgesellschaften oder nur ein Moslem über Salafisten adäquat berichten.

Journalistinnen und Journalisten arbeiten mit einer Haltung. Wie kann Berichterstattung im Spannungsfeld von Haltung und sachlichem Bericht gelingen?

Trankovits: Es geht heute um die Definition von „Haltung“. Denn derzeit scheint „Haltung“ häufig zu einer Waffe gegen Andersdenkende zu werden. Es ist doch völlig klar, dass man Neonazis und anderen Demokratiefeinden, ideologischen Eiferern von links und rechts, politischen Spinnern und Demagogen kein Podium bietet. Aber um alles in der Welt, wo werden denn da heute die Grenzen gezogen?

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Wenn einer Klimaschutzmaßnahmen, die deutsche Einwanderungs-Realität oder die Energiewende kritisiert, Donald Trump oder Boris Johnson verteidigt, so reicht das heute schon zuweilen aus, um aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen oder zumindest in den Medien stigmatisiert zu werden – dann kommt die Gefahr für die Demokratie und Freiheit meiner Ansicht nach weniger von den Meinungs-„Abweichlern“, sondern mehr von den Zensoren für Politische Korrektheit und ideologie-getriebenen Moralaposteln.

Es geht heute um die Definition von 'Haltung'.

Sie waren für die dpa als Kriegskorrespondent unterwegs. Wie haben Sie in diesen Situationen im Spannungsfeld von Haltung und sachlicher Berichterstattung agiert?

Trankovits: Im Ausland ist es oft einfacher. Hier hält sich die Einflussnahme in Grenzen. Natürlich muss man zuweilen kämpfen und streiten, in Teheran mit dem Ministerium für islamische Führung, in Israel mit dem Verteidigungsministerium oder im in Nigeria mit den Sicherheitskräften. Aber letztendlich konnte man früher relativ ungehindert seinen Job machen. Ansonsten unterscheidet sich die Arbeit nur, dass es hier noch wichtiger ist, so objektiv und nüchtern wie möglich zu berichten. Denn hier ist die Auswahl der Berichte für das deutsche Publikum sehr begrenzt. Hier nicht Klischees und Vorurteile zu bedienen, sondern sachlich und fair zu bleiben, ist nicht immer einfach, auch weil die Zentralredaktionen zuweilen ganz bestimmte Erwartungen haben, zum Beispiel wie man über Afrika berichtet oder über die katholische Kirche oder US-Präsidenten wie Obama und Bush.

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Sie haben die Veränderungen der Medien in den vergangenen Jahren erlebt. Gerade in Social Media bekommen zugespitzte Meinungsäußerungen große Aufmerksamkeit – wie können Journalistinnen und Journalisten darauf reagieren?

Trankovits: Auch die traditionellen Medien sind heute Teil der sozialen Plattformen und des Internets. Da tun sich enorme Probleme auf: mit gesteuerten Kampagnen von Interessengruppen oder Geheimdiensten, mit Hasstiraden und übler Propaganda oder gezielter Desinformation. Guter Journalismus hält dagegen und sorgt dafür, dass man Ideologen, Verrückten, Eiferern und Schmutzfinken keine Plattform bietet. Ich halte es für ein Problem, dass manche Medien anonyme Kommentare oder welche unter Phantasienamen erlauben. Ansonsten sollten unsere Gesetze so konsequent und hart wie möglich angewandt werden: gegen Verleumdung, Hetze, Rassismus, Beleidigung. Speziell eingerichtete Zensurbehörden allerdings bilden eine große Gefahr für die Meinungsfreiheit. Denn wer darf definieren, was Hetze ist und was Kritik, was gar Satire ist und was Gewaltaufruf? Heute liegt das bei Behörden und ihren privaten Helfern – ich halte das für eine üble Lösung. Man darf nicht vergessen, dass Freiheit seinen Preis hat – zum Beispiel auch das zuweilen schwer zu ertragende Recht, andere zu beleidigen.

Was müssen Medien tun, um in Zukunft bestehen zu können?

Trankovits: Sie brauchen ein funktionierendes Geschäftsmodell. Sie müssen ihr höchstes Gut, die Glaubwürdigkeit, bewahren. Das geht nur mit Qualität, hohen professionellen Standards – wie die deutliche Trennung von Nachricht und Kommentar. Natürlich ist all das auch mit Kostenaufwand verbunden. Und die Medien hängen davon ab, ob es genügend Menschen gibt, die sich informieren wollen und können. Da ist in erster Linie unser Bildungssystem gefordert. Ohne Kenntnisse von Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft kann es auch keine mündigen Bürgerinnen und Bürger geben. Aber nur die wollen hochwertige Medien.