Mit Fußball Veränderungen anstoßen

Autor: Matthias Klein 05.11.2019

Fußball ist weltweit beliebt. Das Kicken kann viel mehr sein als Sport: Es kann soziale Teilhabe ermöglichen. Damit beschäftigte sich Julian Pohl beim Mercator Kolleg. Sein berufliches Thema hat er gefunden.

Die Eltern waren nun richtig stolz. Sie waren ja schon skeptisch gewesen, als ihre Tochter Sonia sich in ihrem Dorf Jamsher für einen Fußballplatz engagieren und Trainerin werden wollte. Jamsher liegt ganz im Norden Indiens, die Grenze zu Pakistan ist nicht weit. Und ihre Tochter war gerade einmal 18 Jahre alt. „Die Diskriminierung von Frauen ist hier Alltag“, berichtet Julian Pohl. Sonia blieb hartnäckig, ihr Einsatz lohnte sich, der Platz wurde gebaut. „Viele Mädchen und Frauen kamen und spielten. Es war kaum zu glauben, was das für sie bedeutet hat.“

„Fußball alternativlos“

Für Julian Pohl ist dieses Erlebnis ein Beispiel dafür, dass Fußball positive Veränderungen anstoßen kann. In der Öffentlichkeit geht es inzwischen oft um gigantische Transfersummen oder Hyperkommerzialisierung. Jenseits des Profi-Zirkus kann das Kicken allerdings eine ganz andere Bedeutung haben.

Wie so viele wuchs Julian Pohl ganz selbstverständlich mit dem Fußball auf. In seiner Heimatstadt Aachen interessierten sich irgendwie alle dafür, „Fußball war als Kind alternativlos“, erzählt er und lacht. Von klein auf hielt er es mit dem örtlichen Club, der Alemannia.

Julian Pohl ist für Fußballprojekte weltweit unterwegs. © Julian Pohl

Als er zum Studium nach Berlin ging, blieb das Interesse, Fußball war und ist stetiger Begleiter in seinem Leben. Beim FSV Hansa 07 in Berlin-Kreuzberg engagierte er sich ehrenamtlich als Trainer, begann bei den Kleinen in der C-Jugend und übernahm nach und nach ältere Mannschaften.

Dabei war das Kicken auf den Amateurplätzen bald mehr als Sport. „Für mich hatte Fußball immer eine politische Dimension“, sagt Pohl. Da war das Auf und Ab seines Vereins Alemannia, die Insolvenz, rechtsradikale Hooligans im Stadion. Da war aber auch die Jugendarbeit beim FSV Hansa, die Arbeit mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien, Projekte mit Geflüchteten.

Mich hat sehr beeindruckt, wie positiv sich das Fußballtraining auf die Kinder ausgewirkt hat.

Lokale Expertise wichtig

Während seines Politikwissenschaft-Studiums verbrachte Pohl eine Zeit in Oxford. Im Mutterland des Fußballs coachte er eine Uni-Mannschaft, reiste mit ihr zu Turnieren nach Peking und Rom. „Da habe ich eindrucksvoll erfahren, dass Fußball Menschen verbindet: Man begegnet sich schnell, es braucht nicht viel und schon ist man in Kontakt.“

Zurück in Deutschland stand für Pohl fest: Das ist ein spannendes Arbeitsfeld. Nach seinem Studienabschluss suchte er Kontakt zu Proficlubs, bewarb sich bei Nachwuchsleistungszentren. „Für mich war das eine schwierige Zeit. Ich wusste nicht genau, was ich machen wollte.“ Der Einstieg in einen Fußballberuf sei sehr schwer, „oft kommen Ex-Profis zum Zuge.“ Sein Weg: das Mercator Kolleg. In seinem Kollegjahr beschäftigte sich Pohl mit Chancen für nachhaltige Entwicklungsprozesse und gesellschaftliche Initiativen im internationalen Fußball. „Ich interessiere mich für die Schnittstelle von sozialem Empowerment und Fußball“, so beschreibt er es.

Eine Heimat gefunden hat der 28-Jährige bei der Organisation streetfootballworld in Berlin. „Die Welt mit Fußball verändern“, das nennt diese als ihr Ziel. Dabei agiert streetfootballworld als eine Art Zentrale für Projekte in der ganzen Welt, arbeitet mit 132 Partnern in 90 Staaten. Vor Ort kümmern sich lokale Organisationen, entwickeln Konzepte und Strategien, setzen um. „Es braucht die lokale Expertise, um mit den ganz unterschiedlichen Bedingungen zu arbeiten“, sagt Pohl. „Ohne unsere Partner könnten wir selbst mit dem Budget der FIFA keine wirkungsvollen Projekte in unseren Zielländern umsetzen.“

Fußballtraining in Jamsher in Indien. © Julian Pohl
Viel Freude: Teilnehmende und Zuschauer*innen bei einem Turnier in Rurka Kalan in Indien. © Julian Pohl

„Überall kennen Kinder die Stars“

In seiner Zeit bei streetfootballworld lernte er auch Sonia und ihre Familie in dem indischen Dorf kennen. „Es war sehr spannend, sie zu Hause zu besuchen“, erinnert er sich sehr gerne zurück. „Ich habe zum ersten Mal direkt vor Ort erlebt, was wir mit unserer Arbeit bewirken können.“ Ein Schlüsselerlebnis. Sonia macht heute nicht nur ihre Eltern stolz – die junge Trainerin ist auch ein Vorbild für andere junge Frauen.

Bei seiner zweiten Station lernte Pohl bei der Indochina Starfish Foundation in Kambodscha die Entwicklung von Strategien für Fußballprojekte kennen. Dreieinhalb Monate lebte er in dem Land. In der Hauptstadt Phnom Penh arbeitete er bei zwei Schulprojekten mit, in denen Kinder aus sozial und wirtschaftlich benachteiligten Familien Förderunterricht bekommen. „Mich hat sehr beeindruckt, wie positiv sich das Fußballtraining auf die Kinder ausgewirkt hat, auf ihr Sozialverhalten, auf ihr Lernen.“

Fußballtraining auf dem Trainingsplatz der Indochina Starfish Foundation in Phnom Penh in Kambodscha. © Julian Pohl

Warum ist ausgerechnet der Fußball dafür so gut geeignet? Die Popularität weltweit sei hilfreich, sagt Pohl. „Überall kennen Kinder die Stars.“ Und dann sei das Kicken eben sehr einfach, es braucht ja erstmal nur einen Ball. „Und man muss kommunizieren: Teams müssen sich finden, Entscheidungen ausgehandelt werden.“ Das sei nicht immer konfliktfrei, „aber genau darum geht es, die Konflikte muss man gemeinsam lösen.“

Mit kleinen Initiativen etwas bewegen

In Kambodscha spielen Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit eine große Rolle für den beruflichen Erfolg. Gerade in weniger gut bezahlten Berufen wechseln junge Menschen sehr schnell ihre Jobs. Häufig stehen hinter diesen Entscheidungen ungelöste Konflikte und Angst vor Gesichtsverlust. „Auch bei uns im Team verschwand ein Mitarbeiter ganz plötzlich, weil er persönliche Probleme hatte, aber unserer Chefin davon nichts sagen wollte“, berichtet Pohl.

Trainer*innenfortbildung der Indochina Starfish Foundation in Phnom Penh. © Julian Pohl

Erfolge vor Ort sind nicht nur mit komplexen und langfristigen Fußballprojekten möglich, auch das fasziniert Pohl. „Kleine Initiativen bewirken etwas, das man sofort sieht.“ Es sei ja beispielsweise in vielen Teilen der Welt alles andere als selbstverständlich, dass Frauen allein Sport machen. „Der Fußball kann etwas anstoßen, traditionelle Strukturen werden aufgebrochen, neue Räume für gemeinsames Handeln und Lernen entstehen.“

Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige aller Fachrichtungen mit einem Interesse an internationaler Zusammenarbeit können sich noch bis zum 17. Dezember für einen der 20 Plätze des nächsten Jahrgangs des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben bewerben. Informationen gibt es hier.

Breitensport im Blick

Das Thema lässt Julian Pohl vorerst nicht los. Er hat inzwischen eine feste Stelle bei streetfootballworld. In einem Projekt mit dem Auswärtigen Amt kümmert er sich nun um den Aufbau von Breitensport-Strukturen, in Sambia, Uganda, Vietnam und Ecuador.

Einen Job in der Glitzerwelt Fußball, für viele Kinder ist das ein Traum. „Im Alltag ist es aber oft auch einfach ein Büro-Job“, sagt Pohl und lacht. „Hier im Office habe ich noch nie gegen einen Ball getreten.“

Auch nach Feierabend bleibt er dem Fußball treu. Sein Interesse hat sich allerdings ein bisschen verschoben. Politische Projekte, auch von Amateurclubs, findet er inzwischen besonders spannend. „Einfach nur vor dem Fernseher sitzen und die Champions League schauen, also das interessiert mich inzwischen weniger.“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Programm fördert jährlich 25 engagierte deutsch­sprachige Hoch­schul­absolvent*innen und junge Berufs­tätige, die in der Welt von morgen Verantwortung über­nehmen wollen. Während 12 Monaten arbeiten die Kollegiat*innen in inter­nationalen Organisationen, NGOs oder Wirtschafts­unter­nehmen und widmen sich einem selbst entwickelten Projekt­vorhaben.

www.mercator-kolleg.de