Warum wir die UN brauchen

Autor: Matthias Klein 01.10.2020

Die Vereinten Nationen wurden 1945 gegründet. Trotz unilateralistischer Rhetorik und wachsenden Spannungen: Gerade die Coronakrise habe gezeigt, dass kein Land allein die großen Probleme lösen könne, sagt UN-Sonderberater Fabrizio Hochschild im Interview.

In diesem Jahr feiern die Vereinten Nationen ihr 75-jähriges Bestehen. Ist das angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, ein Anlass zur Freude?

Fabrizio Hochschild: Nicht erst seit Covid-19 steht die Welt vor immer größer werdenden Herausforderungen: von der Klimakrise und der Bedrohung durch nukleare Waffen bis hin zu demografischem und technologischem Wandel, geopolitischen Spannungen, sozialen Unruhen und zunehmender Ungleichheit. Deshalb hat der Generalsekretär das 75-jährige Bestehen nicht als Anlass zum Feiern genommen, sondern als Möglichkeit, die weltweite Öffentlichkeit zu Wort kommen zu lassen. Seit Januar 2020 haben wir weltweit Dialoge organisiert, bei denen wir Menschen dazu einluden, über ihre Hoffnungen und Ängste für die Zukunft sowie ihre Erwartungen an die internationale Zusammenarbeit zu sprechen.

© Mauricio Alvarado

Fabrizio Hochschild

Fabrizio Hochschild ist UN-Untergeneralsekretär und Sonderberater des Generalsekretärs für das 75-jährige Jubiläum der Vereinten Nationen.

Doch auch wenn es keine Geburtstagsfeier geben wird, sollten wir nicht vergessen, was wir bereits alles erreicht haben. In den letzten 75 Jahren konnten wir beispielsweise große Fortschritte in den Bereichen Armutsbekämpfung, Bildung, Gleichheit der Geschlechter und Lebensstandards erzielen. Diese Erfolge sind jetzt bedroht. Um sie zu sichern, ist eine weltweite Zusammenarbeit erforderlich. Diese Botschaft ging deutlich aus den Dialogen hervor: 74 Prozent der Teilnehmer*innen waren der Meinung, dass die Vereinten Nationen unverzichtbar sind.

Oft ist die Rede davon, das System des Multilateralismus sei in der Krise, viele Länder verfolgten inzwischen unilaterale Strategien. Was bedeutet das für die Vereinten Nationen?

Hochschild: In den vergangenen Jahren haben wir eine zunehmende unilateralistische Rhetorik und wachsende Spannungen zwischen den Weltmächten beobachtet. Dies machte sich auf unterschiedliche Weise auch bei den Vereinten Nationen bemerkbar – von den auch öffentlich viel diskutierten Uneinigkeiten im Sicherheitsrat bis hin zu Spannungen bei Finanzierungsfragen, die eher hinter den Kulissen stattfinden.

Gleichzeitig sehen wir aber auch jeden Tag, wie Multilateralismus aktiv gelebt wird. Der Sicherheitsrat und die Generalversammlung verabschieden weiterhin Resolutionen. Unsere an vorderster Front tätigen Organisationen werden auch in Zukunft ein Rettungsanker für Millionen von Menschen weltweit sein. Krisen sind für die Vereinten Nationen keine Unbekannte: Entstanden aus der Asche des Krieges, wird die Gründung der Vereinten Nationen häufig als Moment des globalen Idealismus romantisiert. Sie war jedoch auch eine pragmatische Reaktion äußerst nationalistischer Kriegsführer, die erkannt hatten, dass Zusammenarbeit und Kompromiss für ihre nationalen Interessen förderlich waren.

Nie war uns so bewusst wie jetzt, dass wir nur so stark sind wie unser schwächstes Glied.

Wie können die Vereinten Nationen darauf reagieren?

Hochschild: Die Vereinten Nationen befinden sich nicht in einem Vakuum. Sie sind eine Organisation bestehend aus Mitgliedstaaten – Geopolitik wird deshalb immer auch eine Rolle spielen. Und so wie wir es schon immer gemacht haben, versuchen wir auch derzeit zu verdeutlichen, dass die Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, nicht von einem Land allein gelöst werden können, egal wie groß oder mächtig dieses sein mag.

Wenn wir diese Pandemie und deren wirtschaftliche und soziale Folgen eindämmen, der existenziellen Bedrohung durch Klimawandel und Biodiversitätsverlust begegnen und die Vorteile neuer Technologien nutzen sowie deren Risiken mindern wollen und zudem die Nachhaltigkeitsziele erreichen und unseren Bürger*innen eine bessere Zukunft bieten möchten, dann gibt es dafür nur einen Weg – wir müssen zusammenarbeiten.

Sie haben die Coronakrise angesprochen, welche Rolle spielt diese in diesem Zusammenhang?

Hochschild: Covid-19 hat uns wieder vor Augen geführt, wie vernetzt unsere Welt ist und wie sehr die einzelnen Länder voneinander abhängig sind. Die Pandemie zeigt uns zudem die Schwachstellen unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften sowie die tief verwurzelten Ungleichheiten sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen Ländern. Nie war uns so bewusst wie jetzt, dass wir nur so stark sind wie unser schwächstes Glied. Wir können diese Krise nur bewältigen, wenn wir zusammenstehen.

Das weltweite Gespräch im Rahmen der „UN75 Initiative“ hat gezeigt, dass ein höheres Maß an globaler Solidarität deutlich befürwortet wird. Leider, so hat es der Generalsekretär gesagt, wird das nicht immer von den Staats- und Regierungschefs geteilt. Wir hoffen, dass diese Dialoge eine Veränderung in Gang bringen, indem sie den Regierungen zeigen, dass Menschen selbst in Notlagen bereit sind, anderen Menschen – auch in fernen Ländern – zu helfen.

Digitaler Mercator Salon mit Fabrizio Hochschild

05. Okt. 2020, 17:00 Uhr

Eine neue WeltUNordnung? Die Zukunft der United Nations anlässlich ihres 75. Jubiläums

In diesem Jahr feiern die Vereinten Nationen ihr 75-jähriges Bestehen. Für wen ist das heute noch ein wirklicher Grund zum Feiern? Darum geht es in unserem Mercator Salon. Mehr Informationen finden Sie hier.

Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich die Rolle der Vereinten Nationen seit der Gründung verändert?

Hochschild: Die Vereinten Nationen wurden mit dem Versprechen gegründet, Frieden, Entwicklung und Menschenrechte für alle Menschen sicherzustellen. An dieser Mission hat sich bis heute nichts geändert. Tatsächlich gab es viele der heutigen Probleme, von Pandemien über Armut bis hin zu Machtverhältnissen, bereits zum Zeitpunkt der Gründung.

Jedoch hat sich der Handlungskontext der Vereinten Nationen deutlich verändert. Heutzutage machen sich die Menschen vor allem aufgrund der Klimakrise große Sorgen um die Zukunft. Durch neue Technologien gestaltet sich unser Leben um. Die Zahl der in Konflikten getöteten Menschen wird jedes Jahr durch die Zahl der Mordfälle übertroffen.

Oft wird behauptet, dass sich die Vereinten Nationen kaum verändern würden, und auf ihre Hauptorgane trifft das auch zu. Die Vereinten Nationen haben sich in den letzten 75 Jahren dennoch ständig verändert: von Innovationen wie der Friedenssicherung bis hin zu Konzepten zum Umgang mit Problemen wie Terrorismus und zur Zusammenarbeit mit Akteur*innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

© Getty Images

Wie können die Vereinten Nationen in Zukunft wirkmächtig sein?

Hochschild: Die aktuellen Entwicklungen stellen ein Risiko dar, da sie unser internationales System ins Wanken bringen. Die Vereinten Nationen sind noch überlasteter und unterfinanzierter und werden so immer mehr ausgebremst. Gleichzeitig handeln Staaten nicht mehr im Rahmen der weltweit schon lange etablierten Regeln und Normen, sondern nutzen unter anderem Foren, die weniger inklusiv sind.

Die Vereinten Nationen, mit ihrer Legitimität und Universalität, sind und bleiben einzigartig. Sie müssen sich verändern, damit sie Aufgaben übernehmen können, die von anderen nur schwer durchzuführen sind – zum Beispiel Mediation und die Festlegung von Normen. Gleichzeitig müssen sie mit Partnern zusammenarbeiten, die andere ihrer Aufgaben übernehmen können, vor allem im Entwicklungsbereich. Und sie müssen die Diversität der Akteur*innen des 21. Jahrhunderts nutzen, um ihre Maßnahmen auszuweiten.

Was glauben Sie, wird es die Vereinten Nationen auch in 75 Jahren noch geben?

Hochschild: Der Bedarf an internationaler Zusammenarbeit wird nicht abnehmen, da bin ich mir sicher. Gleiches gilt – so meine Vermutung – für globale Herausforderungen. Wir brauchen also auch in Zukunft so etwas wie die Vereinten Nationen. In welcher Art und Form – da bin ich mir nicht sicher. Bitte beteiligen Sie sich an den UN75-Dialogen und teilen Sie Ihre Ideen für die Zukunft der Vereinten Nationen!

Mercator Salon

In Mercator Salons tauschen wir uns zu Ideen- und Meinungen über aktuelle Themen aus Gesellschaft und Kultur aus. Unsere Gäste und ihre persönlichen Erfahrungen stehen dabei im Mittelpunkt. Komplexe Themen betrachten wir so aus individuellen Blickwinkeln und laden zum informellen Austausch mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte ein.
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