Bitcoin –
Mehr als nur
digitales Geld

Autor: Friedemann Brenneis 21.12.2022

Wenn es um Bitcoin geht, ist in den Medien meist nur von Kurs­verläufen oder dem Energie­verbrauch die Rede. Vernachlässigt wird oft die Tatsache, dass Bitcoin neben Geld und Technologie noch etwas anderes ist: eine gesellschaftliche Bewegung. Diese ist nicht nur wichtiger als der Preis, sie wächst auch beständig.

Wenn Menschen den Begriff „Bitcoin“ hören, denken die meisten zuerst an Geld. Das ist nicht falsch. Bitcoin ist eine neue Form von Geld. Eine, welche nur digital im Internet existiert und dort nicht von Banken und anderen Finanz­institutionen, sondern von allen Nutzer*innen gemeinsam und gleich­berechtigt verwaltet wird. Ein Geld, bei dem nicht nur einige wenige und dadurch besonders mächtige Akteur*innen verantwortlich sind, sondern alle gemeinsam. Das erste vollkommen dezentrale Geldsystem. So die Idee.

Bitcoin – ein dezentrales Community-Projekt

Doch ist die Umsetzung dieser Idee alles andere als trivial. Solch ein neuartiges Geld­system kann immerhin nur funktionieren, wenn es statt wenigen zentralen Inter­mediären eine Vielzahl dezentraler Akteur*innen gibt. Menschen, die Zeit, Geld und ihre Fach­kenntnisse in das Projekt investieren. Die den notwendigen Code pflegen. Die Hardware und Rechen­leistung bereit­stellen, damit Transaktionen ausgeführt werden können. Die Newsletter schreiben, regelmäßige Community-Treffen und Konferenzen organisieren. Die Fehler im System suchen und anderen Nutzer*innen helfen, wenn es einmal zu Problemen kommt. Vor allem braucht es aber Menschen, die den Bitcoin tatsächlich als Geld nutzen. Denn nur dadurch wird es überhaupt erst dazu.

Porträt von Friedemann Brenneis ist Mercator-Journalist in Residence.
© Privat

Friedemann Brenneis ist Journalist und beschäftigt sich seit 2013 mit dem Themen­schwer­punkt Bitcoin und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Von Juli bis August 2022 war er der erste Mercator-Journalist in Residence am Zentrum verantwortungs­bewusste Digitalisierung an der TU Darmstadt.

Das alles muss zudem freiwillig passieren. Denn in einem dezentralen System kann jede*r kommen und gehen, wie es ihm oder ihr beliebt. Niemand kann zum Mitmachen gezwungen werden. Gleichzeitig dürfen einzelne Akteur*innen jedoch nicht so mächtig werden, dass sie system­relevant sind. Im Gegen­satz zu Systemen mit zentralen Institutionen lassen sich dezentrale Projekte also nur bedingt planmäßig konstruieren und schon gar nicht erzwingen. Sie müssen entstehen. Aus einer Motivation heraus, die idealerweise so stark ist, dass sie möglichst viele Akteur*innen gemein haben. Denn Stabilität und Resilienz entwickeln dezentrale Projekte nur mit einer gewissen Größe. Und je größer, desto stabiler und resilienter.

Kryptowährung

Bitcoin ist die erste sogenannte „Krypto­währung“. Im Gegen­satz zu staatlichen Währungen, wie dem Euro oder dem US-Dollar, wird sie nicht (geld-)politisch verwaltet, sondern beruht auf den Grundsätzen von Physik und Mathematik. Der Begriff „Krypto­währung“ leitet sich von der Krypto­graphie ab, die bei Bitcoin an vielen Stellen wichtige mathematische Kontroll-Funktionen erfüllt. Da dieser Begriff jedoch nicht einheitlich definiert ist, gibt es mittlerweile tausende alternative „Krypto­währungen“. Außer als Online-Spekulations­objekte haben die allermeisten davon jedoch keinen erwähnenswerten Nutzen. Es ist daher besser Bitcoin als dezentrales Geld­system zu bezeichnen. Darin unterscheidet es sich nämlich von allen anderen staatlichen und kryptischen „Kryptowährungen“.

Bitcoin ist eine neue Form von Geld. © Getty Images

Aufstieg eines globalen Phänomens

Berücksichtig man diese Voraussetzungen, ist es erstaunlich, wie rasant sich der Bitcoin entwickelt hat. Ende 2008 als theoretisches Konzept eines digitalen Geld­systems über eine Mailingliste im Netz veröffentlicht, ist es innerhalb weniger Jahre zu einem realen Projekt gewachsen, das heute mehrere hundert Millionen Nutzer*innen und Unter­stützer*innen auf der ganzen Welt hat und mittler­weile Werte von über mehrere hundert Milliarden Euro verwaltet. Und das alles auf Basis von freiwilligem Engagement und Code, der offen und für jede*n frei zugänglich im Netz liegt.

Doch ist Bitcoin eben mehr als einfach nur Geld. Es ist auch eine gesellschaftliche Bewegung. Was sie eint, ist der Wunsch vieler Menschen, etwas verändern und mit­zu­gestalten zu wollen. Die eigene Zukunft und die Welt, in der wir alle gemeinsam leben. Den größten Hebel hierfür sehen Bitcoiner*innen in dem, was sprichwörtlich die Welt regiert: Geld. „Fix the money, fix the world“, ist daher eine der prominentesten Lösungen, die in der Bitcoin-Szene kursieren.

Der Bitcoin polarisiert: Überall auf der Welt finden sich interessierte Menschen zu Meetups zusammen. © Getty Images

Dass der mit Bitcoin verbundene Wunsch nach Freiheit, Privatsphäre und Unabhängigkeit dabei jedoch zu gesellschaftlichen Konflikten führt, ist unausweichlich. Immerhin stellt er bestehende Machtkonstellationen in Frage und bedroht äußerst lukrative Geschäfts­modelle. Bitcoin-Skeptiker*innen warnen daher lautstark vor Geldwäsche, Terror­finanzierung, Betrug, schwankenden Kursen und fehlender Kontrolle. Die Befür­worter*innen hingegen wollen nicht von einem monopolistischen Geldsystem abhängig sein, auf das sie selbst keinen Einfluss haben, sich von Krise zu Krise hangelt, und genutzt wird, um Milliarden Menschen aus politischen, kulturellen, religiösen oder ökonomischen Gründen zu unterdrücken.

Geld und Werte

Bitcoin ist längst auch ein Politikum und die gesellschaftliche Auseinander­setzung konflikt­reich. Besonders deutlich wird das an der Energie­debatte. Dass das Bitcoin-Netzwerk viel Strom verbraucht, ist unstrittig. Doch an der Frage, ob diese Energie verschwendet, scheiden sich die Geister: Argumente, die dafür­sprechen, verweisen darauf, dass man auch mit dem Euro, PayPal oder Kredit­karten bequem und problemlos bezahlen könne. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass Bitcoin in autoritär geführten Ländern aufgrund politischer Repressalien für die Opposition die einzige Möglichkeit ist, ihre Arbeit zu finanzieren. Sollte man ihnen dieses wichtige Werkzeug wegnehmen?

Gleichberechtigung, Kontrolle, Solidarität, Privilegien, Macht – die Interessen­konflikte rund um Bitcoin sind komplex. Denn schluss­endlich geht es bei Bitcoin nicht nur um Geld, es geht um Werte und die müssen gesellschaftlich immer wieder ausgehandelt werden. Dass dazu jedoch immer Menschen bereit sind, zeigt auch der Zulauf den Bitcoin stetig erfährt. Auch unabhängig vom aktuellen Kurs­verlauf. Denn obwohl der Preis eines Bitcoins nun schon seit Monaten weit unterhalb seines letzten Rekord­standes von knapp 60.000 Euro liegt, entstehen überall auf der Welt neue Meetups, lokale Treffen, auf denen sich Bitcoin-interessierte Menschen zusammen­finden und sich austauschen. Es ist das digitale Geld, aber auch die Idee des Bitcoins, die sie fasziniert. Und die damit verbundene Möglichkeit sich über dieses Projekt gesellschaftlich einzubringen und eine nach den eigenen Vorstellungen bessere Zukunft mitzugestalten.


Demokratiefragen des digitalisierten Finanzsektors – eFin & Demokratie

Mit dem Diskursprojekt Demokratie­fragen des digitalisierten Finanz­sektors – eFin & Demokratie setzen sich ZEVEDI und die Stiftung Mercator dafür ein, digitale Technologien im Einklang mit demokratischen Rechten und Werten weiter­zu­entwickeln. Innerhalb dieses Projekts arbeiten Mercator-Journalists in Residence an spezifischen gesellschaftlichen, sozio­ökonomischen und technologie­politischen Fragestellungen.

Mercator-Journalists in Residence – Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung (zevedi.de)