Mein Anwalt, der Chatbot

Autorin: Ina Brzoska Fotos: Eric Mühle 18.05.2021

Der Jurist Said Haider nutzt den Hackathon UpdateDeutschland, um ein Problem zu lösen, für das er selbst seit seiner Kindheit feine Antennen besitzt: Diskriminierung. Sein Chatbot Meta soll Betroffenen helfen und das Problem sichtbar machen.

Die Idee zu einem Bot, der Diskriminierte berät, hatte Said Haider schon lange im Hinterkopf. Das hat auch mit seiner Zeit als ehren­amtlicher Mitarbeiter für das YouTube-Format „Dattel­täter“ zu tun. Das Kollektiv widmet sich post­migrantischen Themen in satirischer Form. Als die Dattel­täter*innen einmal in ihrer Community nach Erfahrungen mit Rassismus fragten, überraschte sie die hohe Anzahl der Einsendungen. Betroffene schilderten unzählige diskriminierende Vorfälle: bei Bewerbungen, bei der Wohnungs­suche, in der Schule oder am Arbeits­platz. Said Haider, der vor 36 Jahren als Sohn afghanischer Eltern geboren wurde, hatte selbst viele solche Erfahrungen gemacht. Die zahlreichen Berichte anderer zeigten ihm, dass das gesamt­gesellschaftliche Problem noch viel größer war als gedacht – und eher unter der Ober­fläche waberte. „Ich wollte das so nicht stehen lassen“, sagt er.

Said Haider fragte sich, wie leicht es für Betroffene sei, sich Hilfe zu holen und zu ihrem Recht zu gelangen. Er recherchierte, doch für die Informationen, die er im Netz fand, brauchte es juristische Vor­kenntnisse – die nun mal nicht jede*r hat. Ein einfach zu bedienender Chatbot, ein Programm also, bei dem man mit einem technischen System kommuniziert, könnte vielen Betroffenen erste mentale Unter­stützung geben und ihnen Anlauf­stellen nennen, dachte sich Said Haider. Bei der Umsetzung des Projekts merkte er jedoch schnell, dass ihm vor allem technische Expert*innen fehlten. Im Lockdown, mit mehr Zeit und Ruhe, entdeckte er eine Chance, solche Mit­streiter*innen für seine Bot-Idee zu finden: den Hackathon UpdateDeutschland.

Ideen für eine bessere Gesellschaft

UpdateDeutschland ist eine von der Bundes­regierung unterstützte Initiative. Sie will Menschen aus der Zivil­gesellschaft eine Plattform bieten, um Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu entwickeln. Das Vorhaben stieß auf reges Interesse: Über 4.000 Menschen haben bei der Auftakt­veranstaltung – dem Hackathon 48h-Sprint teilgenommen. Ein Mammut­projekt, das die gemein­nützige Organisation ProjectTogether stemmt. Die Macher*innen setzen auf neue Technologien, auf Plattformen oder auf moderne Kommunikations­kanäle wie Slack oder Zoom und auf die Schwarm­intelligenz, die entsteht, wenn sich möglichst viele vernetzen.

Said Haider
Der 36-jährige Berliner Said Haider hat eine Vision: Per App will er Diskriminierten blitz­schnell erste Beratung anbieten. © Eric Mühle
Said Haider
Die Entwicklung von Meta trieb er die letzten Monate entschieden voran. © Eric Mühle

Dass das funktioniert, zeigte im letzten Jahr das erste Experiment mitten in der Corona-Krise: Der Hackathon #WirVsVirus brachte eine Reihe guter Ideen zur Verbesserung gesundheitlicher und sozialer Probleme hervor. Etwa Chatbots, die helfen, Kurz­arbeiter­geld zu beantragen, oder ein Sterbe­notruf, der Begleitung organisiert, damit Menschen nicht alleine in den Tod gehen müssen. „Corona ist nicht die einzige Krise, die jetzt unser Handeln erfordert“, sagen die Initiator*innen von ProjectTogether. Unsere Gesellschaft stehe vor der Frage, wie es nach dem Still­stand weiter­geht: zurück in die alte Normalität oder nach vorne in die Zukunft? „Wir finden: Genau jetzt ist die Zeit für ein Update.“

Erste Etappe: Der 48-Stunden-Sprint

Seit März dieses Jahres läuft der Hackathon UpdateDeutschland. Unter den Mitmacher*innen sind viele Initiativen, Vereine, Wissen­schaftler*innen oder Einzel­personen – darunter auch Said Haider. Schon während des Studiums sammelte der Berliner erste Erfahrungen als Sozial­unternehmer. Er gründete beispiels­weise einen Sozial­inkubator für Migrant*innen, in dem unterschiedliche Ideen gebrainstormt und entwickelt wurden. Für die Idee mit dem Chatbot warb er die letzten Monate um Förder­gelder. Unter anderem erhielt er ein Voll­stipendium von der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG), das ihm half, seine Vision ins Rollen zu bringen. Bei UpdateDeutschland trat Said Haider mit dem Ziel an, Meta weiter­zu­entwickeln und eine App zu bauen. Beim 48-Stunden-Sprint ging es darum, Mitmacher*innen zu finden, an der Idee zu feilen und sie auf Kurs zu bringen.

Wenn man Said Haider fragt, wie genau so ein Hackathon-Sprint organisiert ist und wie er abläuft, dann atmet er tief durch, lacht und sagt: „Das ist alles schon sehr komplex.“ Er musste sich durch­arbeiten, da waren viele unbekannte Menschen, denen man nur virtuell begegnete. Und zwar über die Plattform Slack, die nach Themen sortierte Kanäle als Ort des Austauschs anbietet. Bei 4.000 Teilnehmer*innen gab es eine wahre Flut an Ideen, um die Welt zu verbessern. Mal ging es um Klima­neutralität, mal um Konzepte für digitalen Verbraucher­schutz, mal um lebens­langes Lernen oder mentales Wohl­befinden. Am Ende des Sprints sollten Teams, die sich per Slack gefunden hatten, ihre Idee per Video präsentieren.

Zitat "Es war verstörend. ich kam aus einer akademischen Bubble und was auf einmal mit dem wahren Ausmaß an Diskriminierung und Rassismus in unserer Gesellschaft konfrontiert."
Gutes Marketing zählt für Said Haiders dazu, Magazine berichten immer öfter über ihn. © Eric Mühle

Im Team zum Seepferdchen

Said Haider warb in Chatforen für Meta und postete einen Aufruf, mitzumachen. Vor allem brauchte er Hilfe beim Coden, denn Meta basiert auf einer Plattform, die erst über KI intelligent wird. Das heißt: Mit jedem Nutzer, jeder Nutzerin lernt das System dazu, sodass Betroffene immer besser und ziel­gerichteter beraten werden können – so seine Vision. Nach vielen Zoom-Calls mit neuen Kolleg*innen schaffte es das frisch­gebackene Team, ein Video fertig­zu­stellen, ohne sich auch nur ein einziges Mal persönlich zu begegnen. Nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil die Expert*innen über ganz Deutschland verteilt leben.

Said Haider
Die erste Idee entstand auf Papier. App und Website basieren auf künstlicher Intelligenz. © Eric Mühle

„Hackathons sind eine gute Gelegenheit, um als Unternehmer*in ihr oder sein Seepferdchen zu machen“, sagt Said Haider. Man entwickelt eine klare Aufgabe, setzt sich Ziele. Man lernt, was Team­building wirklich heißt und warum Kommunikation so wichtig ist. Und man versteht, worum sich Expert*innen noch neuer Disziplinen wirklich kümmern. „Es gibt allein im Bereich IT unterschiedlichste Gebiete. Da ist es wichtig, einmal zu unterscheiden, wer für was zuständig ist, um die passende Person für das Team zu finden“, sagt er.

Inzwischen ist Said Haiders Team auf elf Mitglieder gewachsen. „Für den ersten Prototyp der App war es wichtig, hier technisch und strukturell voran­zu­kommen“, erläutert er. Die neu gefundene Truppe hat bislang hauptsächlich Design­vorlagen für die App entwickelt sowie eine Marketing­strategie, um die Ziel­gruppe zu erreichen. Verschiedene Prototypen des Chatbots, die Programmierer*innen zuvor gecodet hatten, wurden außerdem per Link an 30 Betroffene geschickt und getestet.

Sich dem Roboter anvertrauen?

Die App soll drei Funktionen besitzen: Betroffene sollen den Vorfall melden können. Dann leitet der Roboter durch den Dialog, und schließlich wird auf Beratungs­stellen hingewiesen. „Das Problem bei Diskriminierung ist, dass es nicht genug Anlauf­stellen und zu wenig Anwält*innen gibt, die sich den Fällen widmen. Diese Lücke wollen wir schließen“, sagt Said Haider. Je mehr Betroffene Meta nutzen, desto mehr Öffentlichkeit generieren die Macher*innen für das Thema. Etwa, indem alle zwei Jahre ein Diskriminierungs­report veröffentlicht wird, der das Ausmaß des Problems sichtbar macht.

Said Haider
Erste Dialoge führen Betroffene mit einem Chatbot. Perspektivisch sollen aber rechtliche Beratungen und die Vermittlung von Hilfe durch Menschen erfolgen, so die Vision. © Eric Mühle

Aber fühlen sich Betroffene tatsächlich gut aufgehoben, wenn nur der Roboter berät? „Durch KI werden die Dialoge immer besser und auch empathischer“, sagt Said Haider. „Unsere Gesprächs­designer*innen entwickeln Dialoge wie aus dem echten Leben.“ Aber ohne menschliche Beratung komme der Service natürlich nicht aus. Ziel sei es, dass Meta per Sprach­erkennung funktioniert und auf jedes Anliegen individuell reagieren kann. „Erfahrungen mit Diskriminierung sind hoch­emotional, Meta muss auch empathisch nach­fragen können“, sagt Said Haider. Doch auch der beste Chatbot der Welt könne einen Menschen nicht ersetzen. „Die Anti­diskriminierungs­beratung der Zukunft muss ein Tandem zwischen Chatbot und persönlicher Beratung sein.“

Ab in die Umsetzung

Aktuell sind die verschiedenen Teams des Hackathons im sogenannten Umsetzungs­programm – eine nicht weniger anspruchs­volle Aufgabe als der Sprint. Said Haider umschreibt sie so: „Unfassbar viele Termine. Grob runter­gebrochen geht es um Vernetzung und darum, Hilfe zu bekommen.“ Am Ende des Hackathons lockt für die besten Teams ein Stipendium, für das man sich separat bewerben muss. „Wir sind natürlich dringend auf weitere Förder­mittel angewiesen. Der eigentliche Lohn, bei einem Hackathon mitgemacht zu haben, ist aber auch, dass man Expert*innen findet, mit denen man gut zusammen­arbeitet und das Produkt weitertreibt“, sagt er.

Die Kolleg*innen, die er gefunden habe, würden für das Thema brennen. Das sei unglaublich motivierend. „Fertig ist Meta, wenn ich in die Bahn steige und sehe, wie jemand die Meta-App nutzt“, sagt Said Haider. Noch schöner wäre es nur, wenn sie irgendwann gar nicht mehr nötig wäre.

UpdateDeutschland

UpdateDeutschland ist ein Zukunfts­labor, bei dem Bürger*innen in Teams Lösungen für verschiedenste gesellschaftliche Probleme entwickeln und umsetzen können. Viel­versprechende Ansätze für ein „Update“ Deutschlands sollen in die breite Umsetzung gelangen, in enger Zusammen­arbeit mit Partner*innen aus Bund, Ländern und Kommunen. Die Stiftung Mercator fördert das von ProjectTogether umgesetzte Programm.
updatedeutschland.org