Die Quelle der Teilhabe

Autorin: Rayna Breuer Fotos: Nikolay Doychinov 23.02.2021

Sie arbeiten als Lehrerinnen, leben in der bulgarischen Provinz und setzen sich für demokratische Teilhabe ein – aller Angst vorm Urteil der anderen zum Trotz. Während Katya Brankova in Raslog über das Potenzial natürlicher Wasserquellen aufklärt, ermutigt Fikrie Bozova rund um Momchilgrad alleinstehende Mütter dazu, sich Hilfe zu holen.

Katya Brankova blättert in Dokumenten und liest dabei ruhig, aber mit Nachdruck in der Stimme Zahlen über die Eigenschaften der umliegenden Wasser­quellen vor. „Die Fakten liegen auf der Hand, wir müssen nur handeln“, sagt sie energisch. Einen Plan dafür hat sie schon. Die 57-jährige Lehrerin lebt in Raslog, einer von atem­beraubender Landschaft umgebenen Stadt mit 12.000 Einwohner*innen im Südwesten Bulgariens. Der Fluss Mesta schlängelt sich durch das Tal, zu allen Seiten ragen malerische Berge empor, die Luft ist klar.

Zusammen mehr erreichen: Katya Brankova konnte einige Schüler*innen für ihr Anliegen begeistern. © Nikolay Doychinov
Die Lehrerin ist überzeugt: Der zivile Diskurs fängt bei ihren Schüler*innen an. © Nikolay Doychinov

„Ich liebe meine Stadt“, sagt Brankova und guckt aus dem Fenster auf die Gebirge rund um das Haus. „Was will ich mehr?“ Mit einem Lächeln im Gesicht denkt sie nach. Dann fällt ihr doch etwas ein: „Ein Kino wäre schön. Das ist eigentlich das Einzige, was mir hier fehlt.“ Das Kino wurde in den 1990ern – nach der Wende – sich selbst über­lassen. Wie viele andere Fabriken, Geschäfte und Freizeit­stätten musste es seine Tore schließen, weil sich entweder kein*e Investor*in fand, kein Geld in der Staatskasse war oder die Besucher*innen ausblieben. Denn vor allem die jungen Menschen zogen in die Großstädte oder gar ins Ausland.

„Wir sind es nicht gewohnt, sachlich zu diskutieren“

Nicht aber Brankova: Seit 35 Jahren lehrt sie an der Sekundarschule „Petar und Ivan Kanazirevi“ in Raslog Geschichte. „Ich habe sehr neugierige Schüler*innen, sie stellen alle möglichen Fragen.“ Entsprechend viel liest sie, vor allem interessieren sie die gesellschaftlichen Entwicklungen in Raslog und der Welt. Brankova will mehr als nur den Unterrichts­stoff vortragen. Sie will die Kinder motivieren und heraus­fordern.

Doch so einfach ist das nicht: „Wir Bulgar*innen sind gut darin, in den eigenen vier Wänden zu meckern. Aber unsere Meinung laut und deutlich in der Öffentlichkeit aus­zu­sprechen trauen wir uns oft nicht. Dann haben wir auf einmal Angst vor den Reaktionen. Wir sind es nicht gewohnt, sachlich zu diskutieren“, sagt Brankova. Das politische und gesellschaftliche Engagement sei in den meisten ehemaligen Ostb­lock­ländern gering ausgeprägt, es mangele an einer Debatten­kultur. Damit will sie sich nicht abfinden. Ihr Ziel: die Gesellschaft wach­rütteln und den zivilen Diskurs voran­treiben. Damit fängt sie im kleinen Kreis an – bei ihren Schüler*innen.

Die Gruppe will die Diskussion um die Nutzung der vielen vorhandenen Wasserquellen in Raslog vorantreiben. © Nikolay Doychinov

Natürliche Ressourcen nutzen

„Ende 2018 gab es Proteste in Raslog, weil die Wasserpreise erhöht werden sollten. Dabei ist die Gegend so reich an Wasserquellen! Bulgarien gehört zu den wasserreichsten Ländern in der EU, doch es nutzt seine Quellen nicht optimal.“ Das will Brankova ändern, indem sie den öffentlichen Diskurs in der Kleinstadt anschiebt. Dafür hat sie das Projekt „Wasser – Quelle des Lebens, der Zukunft und der Kultur“ ins Leben gerufen. „Der Fluss Eleshnica führt 16 Liter Wasser pro Sekunde. Nur 0,3 Prozent werden davon genutzt, die restlichen 15,61 Liter fließen unbehelligt weiter. Auch aus dem Fluss Banya werden 74 Prozent des Wassers nicht benutzt. Dabei erreicht es Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius. Wir könnten das ganze Nachbardorf damit heizen, anstatt die Bäume abzuholzen“, ärgert sich Brankova. Es seien kaum noch Bäume übrig.

Einst wurden in diesen Gewächs-häusern Blumen gezüchtet. © Nikolay Doychinov
Katya Brankova wird nicht müde aufzuklären, wie man Wasserressourcen optimal nutzen kann. © Nikolay Doychinov
Bulgarien gehört zu den wasserreichsten Ländern Europas. © Nikolay Doychinov

Sie zeigt Fotos, auf denen die Wasserquellen zu sehen sind: verschmutzt, vernachlässigt, in einem sehr schlechten Zustand. „Unweit der Wasserquellen befanden sich einmal riesige Gewächshäuser. Damals wurden Blumen für das ganze Land gezüchtet und mit dem Wasser aus den Flüssen bewässert, heute steht hier nur noch eine Ruine.“ Brankova möchte die Menschen in Raslog über das Potenzial dieser Quellen aufklären.

Mobilisierung von unten

Sie weiß, dass sie an der Basis anfangen muss – bei ihren Schüler*innen, deren Eltern, den Nachbar*innen. „Ich habe eine Gruppe gegründet, neun Schülerinnen machen schon mit. Wir haben sogar T-Shirts mit unserem Logo bemalt – selbst ich, die eigentlich gar nicht malen kann“, sagt sie lachend und zeigt die Zeichnungen. Mit den Mädchen hat sie eine Informationsseite auf Facebook eingerichtet. Derzeit arbeiten sie an einem Flyer, den sie in der Stadt verteilen wollen.

Zusammen haben sie die umliegenden Wasserquellen besucht, Interviews mit den Bewohner*innen geführt und Labortests studiert. „Nichts ist unmöglich. Wir werden die Diskussion um die Nutzung der Wasserquellen vorantreiben“, sagt Brankova. Mit ihrer Entschlossenheit hat die Lehrerin auch die Teilnehmerinnen des Projekts angesteckt. „Wir, die junge Generation, müssen uns solchen Problemen stellen. Und wir können es schaffen. Das ist eine sehr wichtige Causa. Ich möchte dabei helfen, die Wasserressourcen optimal zu nutzen“, sagt Eva Bratschkova aus dem Projektteam.

... die von Bergen umgeben ist. © Nikolay Doychinov
Katya Brankova liebt ihre Heimat Raslog... © Nikolay Doychinov
Ende 2018 sollten die Wasserpreise steigen, was in Raslog zu Protesten führte. © Nikolay Doychinov

„Ich bin 57 Jahre alt, aber ich werde nie auslernen – ich will neue Erfahrungen sammeln und meinen Horizont erweitern“, sagt Brankova. Deswegen hat sie an dem Capacity-Building-Programm „Civic Europe“ der Organisationen Sofia Platform und MitOst e.V. teilgenommen. Dieses Training unterstützt lokale Akteur*innen, ihre Fähigkeiten und Kapazitäten vor Ort bestmöglich zu nutzen und auszubauen. Wie schreibe ich Projekt­anträge? Wie kommuniziere ich mit Verantwortlichen? Wie promote ich meine Idee? Wie leite ich ein Team? All das hat sie Anfang 2020 in dem Training gelernt. „Es war großartig, dort so viele unterschiedliche Menschen zu treffen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Das hat mir einen neuen Impuls für mein Projekt gegeben.“

Stereotype brechen und Brücken bauen

Etwa 280 Kilometer östlich von Raslog lebt eine ebenso engagierte Frau: Fikrie Bozova. In ihrer Heimatstadt Momchilgrad wohnen knapp 8.000 Menschen, die überwiegend muslimischen Glaubens sind. Auch Bozova ist Muslima; sie lebt nach den Regeln des Korans und trägt ein Kopftuch. „Ich wünsche mir mehr Akzeptanz und dass die Vielfalt in unserer Gesellschaft positiv, als Bereicherung, gesehen wird. Und nicht nach dem Motto: Entweder du bist wie wir oder du bist nicht Teil von uns. Ich liebe mein Land, ich möchte, dass meine Kinder hier aufwachsen“, betont sie – und das, obwohl sie auch viele unschöne Erinnerungen an ihre Heimat hat. In ihrer Jugend habe sie kein Kopftuch getragen. Freundinnen, die dies taten, trauten sich oft nicht auf die Straße. „Die Menschen haben sie nicht so akzeptiert, wie sie waren. Einige haben ihnen sogar die Kopftücher vom Kopf gerissen!“

Fikrie Bozova möchte, dass Mütter sich besser austauschen. © Nikolay Doychinov
Mit ihrem Mann lebt sie in Momchilgrad ... © Nikolay Doychinov
... wo sie Geschichte und Philosophie an einer muslimischen Schule lehrt. © Nikolay Doychinov

Bozova lehrt Geschichte und Philosophie an einer von insgesamt drei muslimischen Schulen in Bulgarien. „Meine Hoffnung ist, dass die junge Generation Bulgarien zu einem besseren Ort macht. Und ich versuche, sie mit meinem Engagement und meinen Ideen in dieser Sache zu unterstützen.“

Die Region um Momchilgrad war bekannt für den Anbau und die Verarbeitung von Tabak. In den 1960er-Jahren war Bulgarien der weltgrößte Exporteur von Tabakerzeugnissen. Ein Achtel der Bevölkerung arbeitete damals in diesem Wirtschaftszweig. Doch in den vergangenen zehn Jahren erlebte die Tabakindustrie ihren Niedergang: Die Nachfrage aus dem Ausland sank, es gab keine Subventionen, nach und nach verloren die Bewohner*innen ihre Jobs. Viele von ihnen sahen nur einen Ausweg: raus aus Bulgarien.

Kindererziehung – ein Schlüssel für die Zukunft

Meist waren es die Männer, die ins Ausland gingen, um ihre Familien ernähren zu können. Viele sind noch immer dort. „Die Mütter hier müssen aber auch arbeiten und zudem alleine ihre Kinder erziehen. Sie fühlen sich oft überfordert und hilflos. Und sie trauen sich nicht, über ihre Probleme zu sprechen, denn in Bulgarien haben wir immer Angst davor, was die Nachbar*innen sagen könnten. Dieses Stigma sitzt sehr tief, deswegen sucht man nicht nach Hilfe“, erklärt Bozova.

Hier setzt sie an: Sie will Müttern bei der Erziehung helfen, Tipps geben, Strukturen schaffen. „Ich habe Kinder- und Schulpsychologie studiert. Dieses Wissen möchte ich weitergeben.“ Bozova hat bereits drei Vorträge gehalten. Jedes Mal hörten 20 Mütter zu. Der Gesprächsbedarf sei sehr groß gewesen. „Die Mütter haben sich sogar untereinander ausgetauscht. Das hat mich glücklich gemacht. Ich glaube, dass ich damit die erste Hürde hin zu mehr Austausch und Offenheit nehmen konnte.“ Sie spricht in Momchilgrad und in den umliegenden kleinen Dörfern: Dort sei die Not am größten, dort seien die Frauen alleine, dort fehle es an Expert*innen und an Organisationen, die Hilfe leisten können.

Die Nachfrage nach ihren Vorträgen war groß, doch dann kam Corona. Bozova musste ihre Termine erst einmal verschieben, auf die unbestimmte Zeit nach der Pandemie. Aufgeben ist für sie aber keine Option. Im kommenden Jahr will sie da anknüpfen, wo sie aufgehört hat. Mehr noch: Sie will sogar einen Verein gründen und einen Ort des Austausches schaffen. Dort können die Nachbarinnen ruhig alles sagen – denn man redet miteinander.

Civic Europe

Civic Europe ist ein von der Stiftung Mercator geförderter Inkubator für lokale zivilgesellschaftliche Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen in Zentral-, Ost- und Südeuropa, umgesetzt durch den Verein MitOst und die Sofia Platform Foundation.
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