Mit Hochdruck und Herz

Emina Popajas
Autorin: Rebekka Salm Fotos: Pascal Mora 16.02.2021

Der Schweizer Bevölkerung und Politiker*innen die Notwendigkeit der Humanitären Hilfe zu verdeutlichen, das ist Emina Popajas Aufgabe. Und deutlich werden kann sie. Auch wenn es darum geht, Diversität und Gleichstellung voranzutreiben.

Farbtöpfe stapeln sich entlang der Wände, Papierbögen türmen sich bis zur Decke hoch, dazwischen stehen Druckerpressen, ein Trockengestell und Emina Popaja, die sich inmitten des kreativen Chaos im Berner Kulturzentrum Reitschule so gekonnt bewegt wie auf dem diplomatischen Parkett.

Während ihres Studiums in Liverpool hat Popaja den Siebdruck für sich entdeckt. „Ich liebe das Arbeiten mit den Händen. Es ist eine gute Ergänzung zu meinem Beruf, der dem Kopf viel abverlangt“, erzählt sie und geht dazu über, die farbverschmierten Siebe mit dem Hochdruckreiniger abzuspritzen. Hochdruck – ein Wort, das im Zusammenhang mit der dynamischen 35-Jährigen immer wieder aufblitzt. Als Leiterin der politischen Geschäfte und stellvertretende Stabschefin der Humanitären Hilfe Schweiz weiß sie, was es heißt, mit und unter Hochdruck zu arbeiten.

Beim Siebdruck schaltet Emina Popaja ab.
Beim Siebdruck schaltet Emina Popaja ab. © Pascal Mora

Eine Macherin am Schreibtisch und im Feld

Erdbeben, Waldbrand, Tsunami – geschieht auf der Welt eine Katastrophe, entscheidet eine Krisenzelle der Humanitären Hilfe innerhalb kürzester Zeit, ob und in welcher Form die Schweiz Hilfe schickt. Hier ist Popaja mittendrin dabei. „In den Medien sehen wir meist Ärzt*innen, Wasserspezialist*innen oder Baustatiker*innen, die in Krisengebieten Leben retten und Leiden lindern. Genau das ist unser Mandat“, erklärt sie. „Die Schweiz engagiert sich aber auch dort, wo die Weltöffentlichkeit nicht hinsieht.“

Als Beispiel nennt Popaja die Waldbrände im Amazonas 2019. Alle Augen seien auf Brasilien gerichtet gewesen. Eine Expertin aus ihrem Team habe jedoch eine App entwickelt, mit der die benachbarten bolivianischen Behörden verfolgen konnten, in welche Richtung sich die Brände ausbreiteten. „Das ist für mich Zukunft: passgenaue Hilfe unter Einsatz moderner Technologien.“

Vom Kulturzentrum zum Hauptsitz der Humanitären Hilfe, unweit der Berner Innenstadt, läuft Popaja eine knappe Viertelstunde. An ihrer Bürotür klebt ein Foto. Darauf blickt sie in den Himmel, an dem sich ein Schweizer Löschhelikopter in die Höhe schraubt. „Das war 2017. Ich war noch keine drei Tage hier, da hat man mich nach Montenegro zu einem Soforteinsatz geschickt“, erklärt sie und wischt sich das rötliche Haar aus dem Gesicht. „Dutzende Hektare Wald sind abgebrannt, Bewohner*innen mussten evakuiert werden. Mit meinen serbokroatischen Sprachkenntnissen konnte ich zwischen den Schweizer Expert*innen und den Behörden vor Ort vermitteln.“

Frau schreibt in Arbeitsheft
Ihre nächste Station ist Moskau... © Pascal Mora
Frau lernt
...dafür lernt Emina Popaja Russisch. © Pascal Mora

Heimat ist ein Gefühl – und Zürich

Fünf Sprachen spricht Popaja. Sechs, wenn man die Schweizer Mundart dazuzählt. „Und bald sind es sieben“, sagt sie lachend und winkt mit einer Russisch-Lernfibel. Im Sommer 2021 wird sie an der geschichtsträchtigen Schweizer Botschaft in Moskau die Stelle als Leiterin Außenpolitik und Public Diplomacy antreten. „Ich war noch nie in Russland, aber mich reizt das Unbekannte.“

Emina Popaja vorm Kulturzentrum Reitschule in Bern.
Emina Popaja vorm Kulturzentrum Reitschule in Bern. © Pascal Mora

Es ist nicht das erste Mal, dass es Popaja in die Ferne zieht. Jordanien, Südafrika und Laos sind nur einige Stationen auf ihrem bisherigen Lebensweg. Auf die Frage, wo denn ihre Heimat sei, antwortet sie: „Zürich, da lebt meine Familie. Heimat ist für mich aber ein Gefühl, das sich überall auf der Welt einstellen kann.“ Popaja weiß, wovon sie spricht. 1992 floh die damals Siebenjährige mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus dem kriegsversehrten Bosnien in die Schweiz. „Baum“ sei ihr erstes deutsches Wort gewesen, erinnert sie sich. Dies weil sie – das Flüchtlingsmädchen ohne Deutschkenntnisse – in einem Schultheaterstück einen Baum spielen musste. Lange ist Popajas Zukunft in der Schweiz ungewiss. Acht Jahre lang ist ihr Aufenthalt im Land lediglich vorläufig und wird jeweils nur um ein Jahr verlängert. Erst kurz vor dem Abitur erhält sie die Gewissheit: Sie darf dauerhaft bleiben. Ihr Studium der Germanistik und Anglistik schließt sie wenige Jahre später in Zürich und Berlin mit summa cum laude ab und arbeitet kurz darauf für ein Theater in Johannesburg – diesmal allerdings nicht als Baum.

Führen mit Kopf, Hand und Herz

Popajas akademische Leistungen und ihr soziales Engagement haben ihr Tür und Tor zu prestigeträchtigen Förderprogrammen geöffnet: 2014 das Mercator Kolleg für Führungsfunktionen in internationalen Organisationen, 2019 das Programm Mercatora für hochkarätige weibliche Führungskräfte. In diesem Jahr ist sie Teil der Dalai Lama Fellowship, wo empathische Leadership mit „Kopf, Hand und Herz“ im Zentrum steht.

Als Leiterin ihres Teams setzt Popaja das Gelernte prompt in die Praxis um. Sie sagt: „Ein motiviertes und leistungsstarkes Team ist keine Selbstverständlichkeit.“ Deswegen hat sie Formate eingeführt, die die Freude an der Arbeit im Team fördern und eine ehrliche Feedbackkultur ermöglichen. Das Resultat: ein Teamgeist, der seinesgleichen sucht.

Diversität sichtbar machen

Für Popaja bedeutet Leadership aber mehr als Teamleitung. „Wer im Lead ist, kann gestalten“, erklärt sie. Konkret setzt sie sich innerhalb des Außenministeriums der Schweiz für Frauen in Führungspositionen und in medial wichtigen Soforthilfeeinsätzen ein. „Meine Schweiz ist eine vielfältige Schweiz. Ich will, dass diese Realität in allen Führungsebenen, allen Gremien, überall in der Gesellschaft sichtbar wird. Das passiert nicht von alleine. Dafür muss jede*r Einzelne etwas tun.“

Emina Popaja
Emina Popaja ist Leiterin der politischen Geschäfte und Stell­vertretende Stabs­chefin der Humanitären Hilfe Schweiz. © Pascal Mora
Frau stellt Namensschilder auf
Immer im Team und unter Hochdruck – diese Arbeitsweise ist sie im Auswärtigen Amt gewohnt. © Pascal Mora

Gesagt, getan. Im Winter 2018 eröffnete sie mit Freund*innen für drei Monate das Pop-up-Bistro „Kafić Ostkost“. Während dieser Zeit verwöhnte das Team seine Gäste mit slawischem Charme, russischem Borschtsch oder serbischem Bohneneintopf. Popaja brach dabei gezielt mit veralteten Balkan-Stereotypen, indem sie traditionelle osteuropäische Produkte vegetarisch zubereitete und mit ansprechendem Hipster-Design kombinierte – und das parallel zu ihrem Vollzeitpensum.

Wer Popaja sieht, wie sie in ihrem dunkelgrünen Cordkleid entschlossen und in sich ruhend an ihrem Stehpult arbeitet, den beschleicht das Gefühl, dass alles, was diese Frau anpackt, ein Erfolg wird. Einzig die vertrockneten Topfpflanzen auf Popajas Aktenschrank widersprechen leise raschelnd.

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Programm fördert jährlich 25 engagierte deutschsprachige Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige, die in der Welt von morgen Verantwortung übernehmen wollen. In der zwölfmonatigen Laufzeit arbeiten die Kollegiat*innen in internationalen Organisationen, NGOs oder Wirtschaftsunternehmen und widmen sich einem selbst entwickelten Projektvorhaben.

www.mercator-kolleg.de