„Europa beginnt vor deiner Haustür“

Strohballen
Autor: Thomas Merten Fotos: Mika Volkmann, Jean-Marc Fournier 05.06.2019

Europafahnen wehen in den Vorgärten, geschmückte Stroh­ballen­figuren grüßen am Orts­eingang, vom blauen Teppich vor dem Rathaus leuchtet der gelbe Sternen­kranz: Die westfälische Gemeinde Rosendahl ist im Europa­fieber. Die Ein­wohner*innen hatten sich vor­genommen, die bundes­weit höchste Wahl­beteiligung zu erreichen.

Ganz geklappt hat das Vorhaben nicht. Doch 74,3 Prozent sind ein Statement – auch im ohnehin schon starken Wahl­kreis Coesfeld, der laut Wähler­zähler auf 69,4 Prozent kommt. Monika Klein, Mit­initiatorin der Aktion „100% Europa – Rosendahl geht hin“ und Vorsitzende des Partner­schafts­vereins „Rosendahl – Entrammes/Forcé/Parné sur Roc e.V.“ verrät, wie sich Menschen für die europäische Idee begeistern lassen.

Ihre Gemeinde wollte die bundes­weit höchste Wahl­beteiligung bei der Europa­wahl erreichen. Auch wenn es dafür nicht ganz reichte, kann Rosendahl auf 74,3 Prozent stolz sein. Sind Sie zufrieden?

Monika Klein: Ja! Damit liegen wir deutlich über der generell hohen deutschen Wahl­beteiligung von 61,5 Prozent. Wir hatten zwar gehofft, uns von unseren Nachbar­gemeinden weiter ab­zusetzen, die im Schnitt 66 bis 74 Prozent schafften. Aber dass viele Orte so hohe Werte erreicht haben, ist eine gute Nachricht für Europa. Wir haben viele Menschen an die Urne gebracht.

Wie haben Sie das geschafft?

Klein: Indem wir es zum Langzeit­projekt gemacht haben. Schon 500 Tage im Voraus haben wir Veranstaltungen organisiert. Haben gezeigt, dass jeder etwas aus­richten kann: Europa beginnt vor deiner Haus­tür! Gerade wir hier an der ländlichen Basis können ein starkes Netz­werk nutzen, um Menschen zu mobilisieren, von Schulen und Kinder­gärten über Sport­vereine bis zur Land­jugend.

Und dann ist da noch die französische Gemeinde Entrammes, eine gute Stunde westlich von Le Mans, mit der Sie eine Freund­schaft pflegen …

Klein: … seit 1970 sogar schon! Außerdem besteht seit 1995 auch eine Partner­schaft zu den Nach­bar­gemeinden Forcé und Parné sur Roc. Regel­mäßig besuchen wir uns gegen­seitig. Das stärkt das europäische Bewusst­sein und bringt uns die Belange im Nachbar­land näher. Wie nehmen unsere Freunde die „Fridays for Future“-Demos wahr, wie die Gelb­westen? Warum gewann Le Pen so viele Stimmen? Darüber werden wir beim nächsten Besuch diskutieren – konstruktiv. Wir wollen nicht jammern. Sondern heraus­finden, was wir gemeinsam tun können.

„Wir wollen nicht jammern.” Die Rosendahler*innen packen lieber an.
„Wir wollen nicht jammern.” Die Rosendahler*innen packen lieber an. © Mika Volkmann
Monika Klein ist Vorsitzende des Partnerschaftsvereins. Seit 30 Jahren engagiert sie sich für die deutsch-französische Freundschaft.
Monika Klein ist Vorsitzende des Partnerschaftsvereins. Seit 30 Jahren engagiert sie sich für die deutsch-französische Freundschaft. © Mika Volkmann

Regelmäßig besuchen wir uns gegenseitig. Das stärkt das europäische Bewusstsein und bringt uns die Belange im Nachbarland näher.

Monika Klein, Mit­initiatorin der Aktion „100% Europa – Rosendahl geht hin“ und Vorsitzende des Partner­schafts­vereins „Rosendahl – Entrammes/Forcé/Parné sur Roc e.V.“

Kommen solche Inhalte nicht zu kurz, wenn man Wählen zum Wett­bewerb macht?

Klein: Wenn man es nur dabei belässt: ja. Wir haben uns der Wahl inhaltlich genähert: Info­stände bei Festen, kind­gerechte Broschüren, ein Europa­quiz, Podiums­diskussionen mit Abgeordneten und Kandidaten, ein Besuch vom Demo­kratie­bus. Übrigens ohne dabei parteilich zu sein.

Wie geht es nach der Wahl weiter?

Klein: Wir schmücken ab. Die nächsten Events stehen aber schon an: die nächste Frankreich-Fahrt, das Partner­schafts­jubiläum, das Fest zum Europa­tag, deutsch-französische Chanson- und Koch­abende, ein neuer Chor. Europa ist nicht nur alle fünf Jahre.


Mitten in Rosendahl weist ein Schild auf die Partnergemeinde Entrammes hin – umgeben von Wahlplakaten.
Mitten in Rosendahl weist ein Schild auf die Partnergemeinde Entrammes hin – umgeben von Wahlplakaten. © Mika Volkmann

Knapp eintausend Kilometer entfernt versuchten die Partner­gemeinden Entrammes, Forcé und Parné sur Roc das Gleiche in Frankreich, schafften dort bis zu 55 Prozent – und liegen damit über dem französischen Durch­schnitt von 51,3 Prozent. Die Schülerin Cornélia Audy aus Entrammes durfte das erste Mal wählen.

Cornélia Audy fordert mehr Umweltschutz. Die 18-Jährige aus Entrammes hat zum ersten Mal gewählt.
Cornélia Audy fordert mehr Umweltschutz. Die 18-Jährige aus Entrammes hat zum ersten Mal gewählt. © Jean-Marc Fournier

Cornélia Audy, Sie sind Erstwählerin in dem kleinen Dorf Entrammes im Nordwesten Frankreichs. Wie war es für Sie, sich das erste Mal zu beteiligen?

Cornélia Audy: Die Wahl war mir sehr wichtig. Aber es war auch noch etwas fremd und ungewohnt. Allein, wie viele Parteien auf dem Wahl­zettel stehen!

Was begeistert Sie an der europäischen Idee?

Audy: Dass die gleichen Gesetze und Bedingungen für alle Mit­glieds­staaten gelten. Und dass ich ohne Pass­kontrollen reisen kann – ob nach Spanien oder Rosen­dahl –, ohne Geld tauschen zu müssen.

Welches politische Thema liegt Ihnen besonders am Herzen?

Audy: Der Umweltschutz bewegt uns junge Leute am meisten. Wir haben in der Schule erfahren, wie fatal sich der Klima­wandel auswirkt. Außer­dem sind wir besorgt über den Plastik­müll. Wir müssen da noch viel lernen, ins­besondere bei der Müll­vermeidung und Müll­trennung. Wir wissen, dass es so nicht weiter­gehen kann, doch Gegen­maß­nahmen gibt es kaum. Wir können diese Probleme nur gemeinsam in der Europäischen Union lösen.

Wie lief die Europa­wahl in Entrammes ab?

Audy: Wir haben die Aus­zählung auf­merksam verfolgt und uns mit den Rosendahler Freunden per WhatsApp aus­getauscht. Alle wollten wissen, was die Wahl­kampagne gebracht hat und wer gewonnen hat.

Um das Engagement für Europa weiter zu fördern, müsste die Union sich mehr um soziale Gerechtig­keit kümmern. Es gibt arme und reiche Länder – das sorgt für Frust.

Cornélia Audy, Schülerin aus Entrammes

Wie der Partnerort Rosendahl hat sich Entrammes vorgenommen, eine möglichst hohe Wahl­beteiligung zu erreichen. Mit über 50 Prozent gelang eine wesentliche Steigerung im Vergleich zu 2014. Sind Sie zufrieden?

Audy: Es war aus unserer Sicht eine gute Wahl, im Vergleich zu 2014 haben wir uns gesteigert. Um das Engagement für Europa weiter zu fördern, müsste die Union sich mehr um soziale Gerechtig­keit kümmern. Es gibt arme und reiche Länder – das sorgt für Frust.

Sie pflegen eine enge Freundschaft mit den Rosen­dahlern. Welche Unter­schiede stellen Sie zu den Deutschen bei der Europa­wahl fest?

Audy: In Deutschland wurde mehr über die Europa­wahl geredet, auch unter den Jugendlichen. Es gab auch viel mehr Wahl­plakate. Bei uns in Frankreich gibt es pro Gemeinde nur eine Stell­fläche, auf der die Kandidaten für sich werben dürfen. Ansonsten kann man sie nur über die Medien und im Wahl­büro kennen­lernen. Auch der Wahl­kampf fängt in Deutschland viel früher an, bei uns ging’s erst im Mai los. In Entrammes haben wir Baguette-Tüten beim Bäcker mit einem Wahl­auf­ruf versehen.

Wie stärkt die Partnerschaft mit Rosendahl das Zusammen­gehörig­keits­gefühl?

Audy: Über die Jahre sind wir Freunde geworden. Franzosen und Deutsche haben in vielen Dingen ähnliche Ansichten, die gleichen Probleme und ähnliche Vor­lieben. Das schweißt zusammen.

Rosendahler Schüler*innen haben zur Wahl Poster für jedes EU-Land gebastelt.
Rosendahler Schüler*innen haben zur Wahl Poster für jedes EU-Land gebastelt. © Mika Volkmann
Wählerzähler

Im Rahmen der Kampagne „nebenan für Europa“ hat die Stiftung nebenan.de den „Wählerzähler“ entwickelt. Mit dem Tool kann man die die Wahl­beteiligung an der Europa­wahl 2019 in allen 401 Wahl­kreisen Deutschlands recherchieren.

www.nebenan-fuer-europa.de