Gehen oder bleiben?

Die De-Pace-Oberschule in Lecce.
Autorin: Susanne Kilimann Fotos: Emmanuele Contini 14.01.2020

Wer als junger Mensch keine beruflichen Perspektiven in der Heimat sieht, der kehrt ihr wohl oder übel den Rücken. So wie in Apulien. In der süd­italienischen Region wird dieser „Brain­drain“ zunehmend zum Problem. Die Initiative StartNet will gegen­steuern: Sie vernetzt Schüler*innen und Lehr­kräfte mit Akteur*innen aus Wirtschaft, Politik und Kultur – und sorgt für Begegnungen, die so manchen Jugendlichen zum Bleiben bewegen.

„Mein Traum ist es, mich selbst­ständig zu machen und in ein paar Jahren hier ein Reise­büro zu eröffnen. Kultur­reisen durch meine Heimat Apulien zu organisieren – das müsste spannend sein.“ Alessia Lopasso sitzt im Klassenzimmer des Liceo Statale Marco Polo in Bari und erzählt von ihren Zukunfts­plänen. Im vergangenen Jahr hat die 19-Jährige an dieser Ober­schule das Abitur gemacht. Ihr Berufs­wunsch sei während eines mehr­monatigen Projekts im letzten Schul­jahr gereift.

„Wir haben es das Jackpot-Projekt genannt“, sagt Alessia und berichtet von einer intensiven Zeit, in der sie und ihre Mitschüler*innen im Deutsch­unterricht den zeit­genössischen Jugend­roman „Jackpot – Wer träumt, verliert“ von Stephan Knösel über­setzt haben. Darin geht es um die Zukunfts­sorgen von zwei Brüdern, die auf sich allein gestellt in einem sozialen Brenn­punkt aufwachsen – und durch einen Zufall an sehr viel Geld gelangen. Richtig lebendig sei die Über­setzungs­arbeit dadurch geworden, dass die ganze Klasse München, den Ort der Handlung, besucht und den Autor getroffen habe. Ebenso inspirierend sei die Begegnung mit den Aus­tausch­partner*innen und den Gast­familien gewesen. Einblicke in einen anderen Alltag, in andere Gewohnheiten und Befindlichkeiten erweitern den Horizont; sie haben Alessia und ihre ehemaligen Mitschüler*innen nach­haltig beeindruckt.

Alessia Lopasso, 19 Jahre
Alessia Lopasso, 19 Jahre © Emmanuele Contini
Street Art Steve Jobs
Vorbild Steve Jobs? An der Marco-Polo-Oberschule in Bari © Emmanuele Contini

Spuren einer großen Vergangenheit

„Als wir das Freizeitprogramm für den Gegenbesuch unserer deutschen Aus­tausch­schüler*innen aus­gearbeitet haben, wussten wir erst gar nicht, was wir denen hier zeigen sollten“, erinnert sich Alessia. Die junge Frau mit den großen braunen Augen schüttelt amüsiert den Kopf, wenn sie an ihre damalige Unsicherheit zurück­denkt: „Uns schien alles, was wir hier haben, nichts Besonderes zu sein.“ Erst als sich die Klasse gemeinsam mit ihrer Lehrerin intensiv mit Apulien und den kulturellen Schätzen beschäftigt habe, änderte sich ihr Blick auf die Heimat. In der Region, die sich entlang der adriatischen Küste vom Sporn bis zum Absatz des italienischen Stiefels erstreckt, gibt es vielerorts Spuren einer großen Vergangenheit zu entdecken: Burgen und Kathedralen aus der Zeit der Normannen, archäologische Funde aus der Römerzeit und Hinter­lassen­schaften weit älterer Kulturen.

Botschafter*innen für Kunst und Kultur

Auch für Mitschülerin Maria Mara haben sich während des Jackpot-Projekts die Weichen im Kopf neu gestellt. „In München haben wir die Pinakothek besucht und alte Gemälde angeschaut. So etwas hatte mich bis dahin überhaupt nicht interessiert. Dort aber haben wir über einige Bilder, über die Künstler*innen und ihre Zeit wirklich spannende Dinge erfahren“, erinnert sich die junge Italienerin mit den zarten Gesichts­zügen. „Am Ende haben wir die Rolle eines Museums­pädagogen eingenommen und versucht, uns gegen­seitig unser neues Wissen zu vermitteln, also Botschafter*innen dieser Bilder zu sein“, berichtet Maria Mara. „Danach hatte ich richtig Lust, mich mehr mit Kultur zu befassen.“

Maria Mara Zaccero
Studiert inzwischen Sprachen: Maria Mara Zaccero © Emmanuele Contini
Alessia Lopasso und Maria Mara Zaccero mit ihrem Mitschülern
Alessia Lopasso und Maria Mara Zaccero (vorne rechts) im Kreis ehemaliger Mitschüler*innen der Marco-Polo-Oberschule in Bari © Emmanuele Contini

Den früheren Plan, nach dem Abi bei irgendeiner Airline als Flug­begleiterin anzuheuern und durch die Welt zu fliegen, hat Maria Mara inzwischen verworfen. Seit ein paar Monaten studiert sie Sprachen an der Aldo-Moro-Universität in Bari. Noch ist ihr Berufs­ziel nicht konkret. „Aber im Gegen­satz zu früher denke ich nicht mehr, dass man aus Apulien weg­gehen muss, wenn man jung ist und sich eine berufliche Zukunft aufbauen will. Wir haben viel Kultur hier. Daraus lässt sich etwas machen.“

Impulse mit Lang­zeit­effekt

Dass die Schüler*innen an Baris Marco-Polo-Oberschule solche Impulse mit Lang­zeit­effekt bekommen, ist nicht nur engagierten Lehrer*innen zu verdanken. Hinter dem ambitionierten Jackpot-Projekt steht StartNet, eine europäische Lern­platt­form für regionale Bildungs­netz­werke, die das Goethe-Institut in Rom mit finanzieller Unter­stützung der Stiftung Mercator angeschoben hat.

Angelika Bartholomäi
Angelika Bartholomäi, Leiterin der StartNet-Initiative beim Goethe-Institut Rom © Emmanuele Contini

„Ziel der Initiative ist es, jungen Menschen in den südlichen Regionen Italiens den Über­gang von der Schule ins Berufs­leben zu erleichtern“, erklärt Angelika Bartholomäi vom Goethe-Institut in Rom. Projekte wie Jackpot sind das eine. Daneben kümmert sich StartNet um einen über­greifenden Rahmen: „Wir vernetzen sämtliche Akteure und Akteurinnen, auf die es in diesem Prozess ankommt: Schulen und Unternehmen, Institutionen, Politik und Zivil­gesellschaft.“ In einem Land, das vor so gravierenden Problemen stehe wie Italien, wo einige Regionen mit hoher Jugend­arbeits­losig­keit und Abwanderung zu kämpfen hätten, könne sich auch das Goethe-Institut nicht darauf beschränken, Sprach­kurse und Kultur­veranstaltungen anzubieten. In den Jahren nach der Wirtschafts­krise von 2008 hat sich die Situation zugespitzt. In der Region Apulien waren im Jahr 2014 rund 58 Prozent der 15- bis 24-Jährigen arbeits­los. Seither sinken die Werte, doch sie liegen immer noch bei mehr als 40 Prozent.

Fachkräfte händeringend gesucht

Eine wichtige Säule des StartNet-Engagements sind Fort­bildungs­angebote für Lehrer*innen. Sie sollen lernen, wie sie Schüler*innen möglichst früh bei der beruflichen Orientierung unter­stützen können. Diesem Ziel dienen auch sogenannte Expert*innen­besuche in Schulen, bei denen Menschen aus unter­schiedlichen Branchen aus ihrem Berufs­all­tag erzählen und Einblicke in das breite Spektrum der Unter­nehmens­landschaft Apuliens geben.

Cesare De Palma (Mitte) von der regionalen Arbeitgeberorganisation Confindustria Puglia
Cesare De Palma (Mitte) von der regionalen Arbeitgeberorganisation Confindustria Puglia © Emmanuele Contini

„In den vergangenen 30 Jahren haben wir diesen Austausch vernachlässigt“, sagt Cesare De Palma von der regionalen Arbeit­geber­organisation Confindustria Puglia. „Die Jugendlichen kennen die in der Region ansässigen Unternehmen nicht. Sie wissen nicht, dass Apulien zum Beispiel in der Chemie und Robotik stark aufgestellt ist.“ Sie hätten auch keine Vor­stellung davon, welche Anforderungen die Firmen an künftige Arbeit­nehmer*innen haben und welche Perspektiven diese ihnen bieten können.

Etliche Unternehmen sind nun Teil des StartNet-Netzwerks, denn auch sie haben ein Interesse daran, ihre wirtschaftliche Zukunft mit gut ausgebildetem Personal zu sichern. Derzeit sehen sie sich mit dem Problem konfrontiert, dass viele junge Menschen in Süditalien gleich nach dem Schul­abschluss der Heimat den Rücken kehren, weil sie glauben, dort ohnehin keinen Arbeits­platz zu finden. In einigen Zukunfts­branchen gibt es deswegen schon jetzt Personal­engpässe: Lebens­mittel­chemiker*innen, Kommunikations­elektroniker*innen, Fachleute für Robotik und Bionik, aber auch IT-, Web- und Marketing-Expert*innen werden händeringend gesucht.

Tourismus und Blue Economy bieten gute Chancen

In den kommenden Jahrzehnten könnten ganze Branchen ausbluten – falls es nicht gelingt, den Abwanderungs­trend zu stoppen. Aktuelle Statistiken zeigen eine alarmierende Entwicklung: Vom Beginn der Wirtschafts­krise bis 2017 sind mehr als 150.000 junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren ausgewandert. Damit ist diese Altersgruppe in Apulien in weniger als einem Jahrzehnt um 14 Prozent geschrumpft.

Eine der größeren Aktionen, die StartNet bisher auf die Beine gestellt hat, war das StartNet Camp im Dezember 2018. Bei dieser zwei­tägigen Berufs­messe in Apuliens Barockstadt Lecce konnten sich Schüler*innen über aus­gewählte Wirtschafts­zweige informieren: Tourismus, Denkmal­schutz, Mode und Design, Lebens­mittel­produktion sowie Blue Economy, also nach­haltige Technologien. „In diesen Sektoren könnten in Zukunft viele Arbeits­plätze entstehen, weil schlicht­weg Bedarf an deren Dienst­leistungen oder Produkten besteht“, sagt Cesare De Palma. Voraus­setzung für eine positive Entwicklung all dieser Branchen sei jedoch, dass die Unternehmen das erforderliche Personal rekrutieren können.

Ein Flyer mit Statistiken zum Thema Jugendarbeitslosigkeit
Welche Sektoren wachsen? Eine Analyse © Emmanuele Contini

Die neuesten StartNet-Produkte sind eine Broschüre und eine App, die Schüler*innen bei der Berufswahl Orientierung geben sollen. „Diese Tools können auch die sogenannten Navigator*innen in den Berufs­beratungs­stellen nutzen“, sagt StartNet-Managerin Bartholomäi. „Auch die Leute, die diesen Job jetzt machen, brauchen Anleitung. Berufs­beratung hat es bis vor Kurzem in Italien gar nicht gegeben.“

Zum Bleiben motivieren

Es wird noch Jahre dauern, bis sich Resultate der StartNet-Initiative in den Arbeits­losen­statistiken nieder­schlagen. Aber ein Anfang ist gemacht. Auch an der De-Pace-Oberschule in Lecce hat StartNet dafür gesorgt, dass sich die Lehrkräfte im Unterricht inzwischen stärker auf berufs­bezogene Projekte fokussieren als noch vor einigen Jahren. „Wir haben verstanden, dass wir schon an der Schule den Motor zünden müssen, damit unsere jungen Leute hier, in ihrer Heimat, beruflich durch­starten können“, sagt Schul­leiterin Silvia Madaro Metrangolo.

Zwölftklässler Danilo di Francesco
Zwölftklässler Danilo di Francesco © Emmanuele Contini
Fabiana Elia, ehemalige Schülerin der De-Pace-Oberschule in Lecce im Projektraum für Kostümkunde
Fabiana Elia, ehemalige Schülerin der De-Pace-Oberschule in Lecce im Projektraum für Kostümkunde © Emmanuele Contini
Silvia Madaro Metrangolo, Schulleiterin De-Pace-Oberschule in Lecce
Silvia Madaro Metrangolo, Schulleiterin De-Pace-Oberschule in Lecce © Emmanuele Contini

Eine ihrer Klassen erarbeitete in den vergangenen Monaten Antworten auf folgende Frage: „Wie bringe ich einen ‚Agriturismo‘, also einen ländlichen Urlaubs­betrieb, erfolgreich an den Start?“ Danilo di Francesco, derzeit Schüler der 12. Klasse, hatte Spaß daran – von der finanziellen Kalkulation bis zum Umgang mit dem Hotel­buchungs­system, das auch auf den Rechnern in der Schule läuft. Gern würde er in seiner Heimat bleiben – und in dem Land mit der roten Erde und den jahr­hunderte­alten Oliven­bäumen vielleicht einen Ferien­betrieb aufbauen. Vor allem aber sei ihm wichtig, möglichst bald unabhängig von der Familie zu sein, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. „Dafür würde ich überall hingehen“, sagt der breit­schultrige, freundliche junge Mann.

Seine Mitschülerin Fabiana, die das Abiturzeugnis seit einem Jahr in der Tasche hat und derzeit Design und Literatur studiert, ist dagegen fest entschlossen, die Heimat allenfalls für ein paar Auswärts­semester zu verlassen. Sie möchte in oder nahe ihrer Heimat­stadt Lecce leben. „Es braucht junge Leute, um unsere Region vital zu halten“, sagt die Studentin. Das sei ihr durch das Engagement ihrer Lehrer*innen im letzten Schuljahr klar geworden. Später, nach ihrem Studium, möchte Fabiana selbst unterrichten. Ehrgeiz blitzt aus den Augen der zierlichen Frau. „Dann will auch ich junge Menschen zum Bleiben motivieren.“

StartNet – Netzwerk Übergang Schule Beruf

Das Projekt StartNet bringt Schulen, Institutionen, Unternehmen, Jugend­verbände und die Zivil­gesellschaft in Apulien und in der Basilikata an einen Tisch, um jungen Menschen Einblicke in die Arbeits­welt und Perspektiven für ihre Zukunft zu bieten.

www.start-net.org