Silan Superstar

Silan Tüysüz
Autorin: Julia Heer 10.08.2021

Die meet!-Alumna Silan Tüysüz unterstützt andere Studierende dabei, sich im Berufsfeld Medizin zu orientieren. Sie selbst musste lange auf Vorbilder und Mentor*innen verzichten.

Im Basketball geht es vor allem um eins: den erfolgreichen Korbwurf. Um diesen zu erreichen, bedarf die Spielerin, oder der Spieler, in der Regel Unterstützung, den sogenannten Assist. So wird im Basketball ein Pass auf eine/n Spieler*in bezeichnet, die oder derjenige direkt im Anschluss den Korb trifft.

Ein erfolgreicher Korbwurf ohne Assist ist eine Ausnahme. Egal, wie viel Eigenmotivation, Kraft und Geschick die Spieler*innen mitbringen – ein ganzes Spiel gewinnt man nicht allein.

Silan lehnt sich an eine Balustrade im Park und blickt in die Kamera
© Peter Gwiazda

Aus eigener Kraft

Silan stand oft allein auf dem Feld. Silan ist stark. Aus eigener Kraft dribbelte sie sich durch ihre Schulzeit. In Duisburg-Marxloh heißt das: Gegenwind. Denn niemand glaubt so richtig daran, dass du es hier schaffen kannst: Raus aus dem Viertel, rein in die Akademikerblase, ab zum Korb, dunken.  „Ich hatte niemanden, zu dem ich aufblicken konnte, der mir Orientierung gab. Mir hat das enorm gefehlt“, erklärt die hochgewachsene junge Frau mit dem wachen Blick. Sie war zäh – und machte weiter. Jeden Tag, jeden Moment, jeden Spielzug.

 

Aquarellbild mit Blumen
Aquarell gegen Stress: Beim Malen entspannt Silan. © Privat
Silan hat eine Löwin mit Aquarellfarben gezeichnet
© Privat

Eine andere Welt

Wie ihre Eltern. Die waren zugewandert, gründeten ohne Schulabschluss, dafür mit Eifer und Elan, in Duisburg-Hamborn eine Schneiderei. Seitdem arbeiten sie Tag und Nacht, um Silan und ihrem Bruder ein gutes Leben zu ermöglichen. Die beiden machen Mutter und Vater stolz, bringen beste Noten heim, studieren – und finden oft nicht die Worte, um ihren Eltern zu beschreiben, wie genau das ist, das Leben als Student*in, die Anforderungen, der Druck, das System. Ihre Eltern taten alles, um sie zu unterstützen. Auf dem Spielfeld, auf dem Silan sich bewegt, da konnten und können sie aber keine Körbe mit ihr werfen.

Schritt für Schritt

Die Studentin geht aufmerksam durch die Welt. „Mein Orientierungssinn ist mies“, erklärt sie lachend. Damit kann allerdings allein der städtische Raum gemeint sein. Ansonsten beweist Silan seit ihrer Kindheit besten Sinn für das, was gut für sie ist, was sie weiterbringt. „Schritt für Schritt“ sei das gegangen. „Eins hat sich aus dem anderen ergeben“, blickt Silan in Gedanken zurück.

Ich bin für alle Erfahrungen dankbar. Man weiß nie, wohin es einen führt.

Leben retten

Alles begann mit der Biologie: eines ihrer frühen Lieblingsfächer. Dann ein Schülerpraktikum in der neunten Klasse: Unfallchirurgie. „Ich fand es faszinierend, dass Chirurgen Leben retten können.“

Wer gab ihr Orientierung, wer gab ihr Mut? Wer sagte zu ihr: „Ich kenne diese Welt, in die du gehen willst – und ich weiß, du schaffst das? „Ich hatte so jemanden nicht.“

Silan schöpfte aus sich selbst, immer wieder. Sie sprach sich gut zu und meldete sich zum Frühstudium an der Uniklinik in Essen an. Ein Semester lang besuchte Silan Vorlesungen der Medizin, das Gymnasium stellte sie dafür in den ersten Stunden des Tages frei. In der Oberstufe dann Chance hoch2, eine Initiative der Universität Duisburg-Essen (UDE), die Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien in den Klassenstufe 11 (G8) bzw. 12 (G9) und in ihrem Studium ideell und finanziell unterstützt und begleitet. Da waren sie dann plötzlich, die Vorbilder, Weggefährt*innen:  Silan gewann Mentor*innen. Studierende der UDE teilten ihr Wissen und ihre Erfahrungen und Einblicke in die Welt des Studiums. Sie gaben einen weiteren Assist: die Empfehlung zur meet! Mercator Europa Tour.

Europa kennenlernen

In einem dreiwöchigen Programm lernte sie Europa und die Welt der internationalen Zusammenarbeit kennen, reiste zwischen Abitur und Studienstart nach Wien und Budapest, absolvierte ein Praktikum an der Berliner Charité. Neue Länder, Eindrücke, Menschen. „Das hat mich total geflasht.“ Auch Lustiges und Kurioses gehörte dazu. „Ich bin für alle Erfahrungen dankbar. Man weiß nie, wohin es einen führt.“ Aber Silan weiß: Es geht weiter.

Silan lacht
© Peter Gwiazda

Win-Win

Seit vier Semestern studiert Silan nun Medizin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Als im Frühjahr 2020 die Covid-19-Pandemie um sich griff, drängte es sie: „Ich wusste, ich will helfen, ich will etwas machen, auf keinen Fall einfach nur nichts tun.“ Die Initiative Studis4ÖGD suchte Mitarbeiter*innen, die in der Krise unterstützen: Gesundheitsämter und Studierende vernetzen sich, um Personalengpässen entgegenzuwirken. Die Student*innen sammeln gleichzeitig Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung und finden Orientierung. „Das Projekt zeigt vielen Student*innen auf, wie viele Berufsfelder und -zweige es gibt, in denen sie später tätig werden können.“  Silan betreut gemeinsam mit einem Kollegen die Social Media-Kanäle des Projekts, schreibt Texte, telefoniert. Sie strahlt. „Das ist eine Win-Win-Situation für alle: Die Gesundheitsämter finden Mitarbeiter*innen, die sie dringend benötigen, die Studierenden freuen sich über den Job und noch viel mehr über die Perspektiven, und ich lerne hier wieder etwas Neues dazu.“

Glücklich sein

Manchmal öffnet sich ein kurzes Zeitfenster, nachdenklich legt Silan dann ihren Kopf auf die Seite. „Wenn ich es nochmal machen könnte, würde ich mir in der Schule weniger Druck machen, mehr Zeit nehmen.“ Wofür? „Für Engagement, zivilgesellschaftlich, ganz klar.“ Aber auch: Freunde, Freizeit, Rumhängen. Silan lebt ein Leben der Disziplin. Uni, lernen, arbeiten, sogar für Sport ist nicht immer Zeit. Freiräume schafft sie sich trotzdem. Sie malt und zeichnet, von bestechender Präzision. Das hilft ihr, sich zu entspannen und zu besinnen.

„Das Wichtigste für mich ist, ehrlich zu mir selbst zu sein: Bin ich glücklich? Wenn nicht, dann muss ich etwas ändern.“ Diese Gelassenheit, die manch eine*r noch nicht zum Renteneintritt erreicht, die verkörpert die Studentin schon jetzt. Silan ist 20 Jahre alt. Und schon ein Superstar.

 

Silan sitzt in einem Café
© Peter Gwiazda

meet! – Mercator Europa Tour

Die meet! – Mercator Europa Tour ermöglicht jungen Menschen aus dem Ruhrgebiet einen vollfinanzierten dreiwöchigen Aufenthalt in Europa. Das Programm richtet sich an Auszubildende nach dem (Fach-)Abitur sowie Studierende, die internationale Tätigkeitsfelder kennenlernen möchten.

https://www.meet-europa.de/