Immer in Bewegung

Autorin: Matthias Klein 25.06.2021

Der Klimawandel trifft benachteiligte Menschen besonders hart: Ihr Lebensraum ist gefährdet und wird unbewohnbar. Viele müssen fliehen, manchen fehlen aber die Mittel dafür, sie sind sozusagen gefangen. „Bislang reden wir oft über die Betroffenen anstatt mit ihnen“, sagt Hoang Tran Hieu Hanh. In ihrem Jahr beim Mercator Kolleg beschäftigt sie sich mit klimabedingter Migration und Vertreibung durch Katastrophen in der Coronakrise. Ihre Beobachtung: Das Thema steht nun endlich auf der politischen Agenda.

Es gehörte zu den großen Irrtümern der Coronakrise: Alle Menschen seien gleichermaßen von der Pandemie betroffen, hieß es zunächst. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das so mitnichten stimmt. Soziale Ungleichheiten sind deutlich geworden: Wer ohnehin wenig hat, den trifft die Pandemie besonders hart.

Ganz ähnlich sieht es beim Klimawandel aus. Natürlich spüren alle Menschen die Veränderungen. „Aber gerade die, die über wenige finanzielle Mittel verfügen, trifft es ganz besonders. Im globalen Süden, beispielsweise auf den pazifischen und karibischen Inselstaaten oder in der Sahelzone, erleben die Menschen hautnah die Folgen der globalen Erwärmung.“ Der Meeresspiegel steigt, Überflutungen, Hurrikane und Waldbrände treten häufiger und intensiver auf. „Die Menschen können ihre Felder nicht mehr bewirtschaften, haben keinen Zugang mehr zu sauberem Wasser“, sagt Hoang Tran Hieu Hanh. „Manche verlieren ihre gesamte Existenz.“ Durch Dürren fliehen Menschen aus ländlichen in städtische Gebiete. Dort sind sie nicht sicher, es drohen Angriffe und Vertreibung.

© David Ausserhofer/Stiftung Mercator

In ihrem Jahr beim Mercator Kolleg beschäftigt sich Hanh mit den Folgen dieser Entwicklung. Ihr fällt vor allem ein Defizit auf. „Bislang reden wir oft über die Betroffenen anstatt mit ihnen“, ist ihr Eindruck. „Wir müssen stattdessen den Menschen vor Ort zuhören. Wir müssen ihre Perspektive kennenlernen. Sie sind nämlich die lokalen Expert*innen.“ Aber bei internationalen Fachkonferenzen fehlten die Stimmen der Betroffenen bislang meist völlig.

Fortschritte im Dialog

Die Mercator-Stipendiatin ist in der Corona-Pandemie aus ihrem Home Office in Genf zugeschaltet. Dort absolviert sie gerade eine Station in der Abteilung „Migration, Environment, Climate Change“ der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Hanh erzählt begeistert von ihrer Arbeit, während draußen ein heftiger Frühlingsregen rauscht.

Ihr Kollegjahr begann sie mit einer Station bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Dort arbeitete sie an dem Projekt Pacific Response on Disaster Displacement (PRDD): Inseln wie Fidschi, Kiribati und Vanuatu sind besonders von steigenden Meeresspiegeln betroffen und drohen im Meer zu versinken.

© Getty Images

Bei der IOM beschäftigt sie sich nun mit der Politik der neuen US-Regierung unter Präsident Joe Biden. Zuvor bereitete sie den International Dialogue on Migration (IDM) mit vor. Das ist das wichtigste Forum der IOM für politischen Dialog. Ganz unterschiedliche Akteur*innen kommen dort zu Wort, aus der Politik, der Wissenschaft oder Betroffene selbst. „Gerade bewegt sich viel bei diesem Thema“, sagt Hanh. Ein wichtiger Aspekt: Elemente des Katastrophenschutzes, der Klimawandelanpassung und der innovativen Stadtplanung könnten auf die klimabedingte Migration angewendet werden. „Staaten müssen Lösungen finden. Das geht nur gemeinsam mit Akteur*innen aus unterschiedlichen Sektoren und auf unterschiedlichen Ebenen.“

Biografische Bewegungen

Ein Perspektivwechsel könne vieles verändern, sagt Hanh. „Historisch gesehen ist Migration etwas völlig Normales. Menschen bewegen sich – oft auch mit dem Klima. Das war schon immer so. Wir sollten diese Bewegungen daher nicht als Problem sehen, sondern vielmehr als eine menschliche Anpassungsstrategie an eine Welt, die sich verändert.“

Sie hat selbst einen biografischen Bezug zum Thema. Ihre Eltern kamen zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam nach Ost-Berlin. Aufgrund ihres Aufenhaltsstatus zog die Familie immer wieder um. „Unbewusst hat mich das natürlich sehr geprägt“, sagt Hanh heute nachdenklich. Im Alter von 16 Jahren bekam sie den deutschen Pass. „Ich habe die absurde Wichtigkeit dieses Papiers erlebt. Ich kann mich heute so viel leichter auf der Welt bewegen als sehr viele andere Menschen.“

Die Erkenntnis setzt sich durch, dass man die Themenbereiche Umwelt, Klimawandel und Migration nicht länger getrennt sehen kann.

Hoang Tran Hieu Hanh

Hanh ist Erstakademikerin in ihrer Familie. Nach dem Abitur zieht es sie ins Ausland, sie macht einen Bachelor in Internationalen Beziehungen im schwedischen Malmö. Ein Auslandssemester verbringt sie am anderen Ende der Welt in Melbourne. Im Studium beschäftigt sie sich von Anfang an mit den Themen Vertreibung, Migration und Staatenlosigkeit. Sie schließt den Masterstudiengang Internationale Beziehungen (MAIB) an der Freien Universität Berlin, Humboldt Universität zu Berlin und Universität Potsdam an. Arbeitserfahrungen sammelt sie unter anderem beim UNHCR Malaysia, bei der Deutschen Botschaft Phnom Penh und beim Migrationsrat Berlin.

Bei sich bleiben in einer sich verändernden Welt

„Ich war und bin viel in Bewegung – sowohl geografisch als auch sozial“, so beschreibt es Hanh. „Das hat meine Sicht auf die Welt geprägt.“ Gleichzeitig habe sie auch festgestellt, dass sich ihr Habitus zunehmend verändert habe. „Mir liegt es besonders am Herzen, dass ich mich selbst nicht in zu theoretischen Diskussionen verliere. Manche Probleme muss man in einfacherer Sprache aufarbeiten, sodass mehr Menschen einen Zugang zu Themen finden, die uns letztlich alle betreffen.“

Für ihr Mercator Kollegjahr hofft sie auf eine Station im Ausland, bei der IOM könnte eine Erfahrung auf den Fidschi-Inseln oder im Senegal möglich sein – abhängig von der Entwicklung der Coronapandemie.

Wie hat sich ihr Blick bislang geändert? Sie stimme positiv, dass das Thema inzwischen prominenter diskutiert werde. „Es steht mittlerweile bei vielen Staaten auf der politischen Agenda und hat sogar Eingang in den UN-­Migrationspakt, den Sendai ­Aktionsplan für Katastrophenrisikominderung und die Klimaverhandlungen von Paris gefunden“, sagt Hanh. „Die Erkenntnis setzt sich durch, dass man die Themenbereiche Umwelt, Klimawandel und Migration nicht länger getrennt sehen kann. Endlich fragt die Politik evidenz-basierte Erkenntnisse nach. Ich hoffe, dass manches davon auch konkrete Politik wird.“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Mercator Kolleg für internationale Aufgaben fördert jährlich 25 engagierte, deutschsprachige Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige aller Fachrichtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung übernehmen.

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