Wie Stiftungen in China funktionieren

Autor: Fabian Kretschmer Illustrationen: Raúl Soria 29.06.2021

Private Stiftungen haben im Reich der Mitte eine recht junge Historie. Doch trotz strenger Regulierungen und bescheidener Löhne boomt die Branche. Zwei Engagierte erzählen.

Wenn Lyu Quanbin nach seiner Berufswahl gefragt wird, antwortet er mit einer persönlichen Geschichte: „Meine Familie war alles andere als reich. Als ich zum Studieren nach Peking zog, ging das nur mithilfe von Regierungsstipendien. Heute möchte ich jenen Leuten helfen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich damals“, sagt Lyu, der als Generalsekretär das China Foundation Forum leitet – eine Jahreskonferenz, bei der sich Stiftungen in der Volksrepublik austauschen können.

Private Stiftungen seit 2004 erlaubt

Die Zivilgesellschaft als handelnder Akteur verfügt in China über eine recht junge Vergangenheit. Als Mao Tse-tung den Staat vor über 70 Jahren gründete, bestimmte zunächst die Kommunistische Partei über sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens. Erst mit der Reformpolitik Deng Xiaopings Ende der Siebzigerjahre öffnete sich das Land ökonomisch. Der Gedanke, dass neben Staatsmacht und Privatwirtschaft zusätzlich auch ein „dritter Sektor“ benötigt wird, setzte sich erst nach der Jahrtausendwende durch.

2004 erlaubte die Gesetzgebung schließlich das Gründen privater Stiftungen. In den folgenden Jahren formierten sich Umweltverbände, Frauenrechtsgruppen und urbane Aktivist*innen. Sie bezeichnen sich oftmals schlicht als gemeinnützige Organisationen; politisch aufgeladene Schlagwörter wie Graswurzel- oder Bürgerrechtsbewegungen werden meist vermieden. In einem Einparteienstaat, dessen oberstes Gebot die soziale Stabilität ist, passen sie schlicht nicht zum Selbstverständnis.

Gleiche Themen wie überall auf der Welt

„Dabei unterscheiden sich die gesellschaftlichen Themen, die Stiftungen in China bearbeiten, gar nicht so sehr von denen in Deutschland. Der größte Bereich ist Bildung, gefolgt von Gesundheitsthemen“, sagt Yanni Peng von der Narada Foundation. Die gebürtige Pekingerin hatte zunächst einen Regierungsjob beim Ministerium für zivile Angelegenheiten inne. Später arbeitete sie beim British Council, wo sie erstmals mit NGOs in Berührung kam.

Das eigene Dorf im Fokus der Unterstützung: Sogenannte "soziale Organisationen" helfen in ländlichen Regionen auf gemeinnützige Art.
Das eigene Dorf im Fokus der Unterstützung: Sogenannte "soziale Organisationen" helfen in ländlichen Regionen auf gemeinnützige Art. © Raúl Soria

Deren Anzahl hat sich in den letzten 15 Jahren vervielfacht. Im Januar 2021 sind offiziell 8.563 Stiftungen registriert, die vorwiegend karitativ arbeiten. Im ländlichen Raum gibt es zudem Hunderttausende sogenannte „soziale Organisationen“. Sie werden oftmals von Kleinunternehmer*innen, Lehrer*innen oder Regierungsbeamt*innen geführt und übernehmen in ihren Heimatdörfern gemeinnützige Aufgaben. Sie füllen auch ein Vakuum, das im Zuge der rapiden Entwicklung entstanden ist: Innerhalb einer Generation avancierte das kommunistische China zur kapitalistischen Großmacht, und das einst konfuzianisch geprägte Agrarland wurde zunehmend urbanisiert. Jahrhundertealte Wertesysteme änderten sich, die traditionellen Familienbindungen brachen allmählich auseinander.

Corona als Bewährungsprobe für NGOs: In der Provinz Hubei halfen Stiftungen bei der Lieferung von Masken und Lebensmitteln an die Bewohner*innen im Lockdown.
Corona als Bewährungsprobe für NGOs: In der Provinz Hubei halfen Stiftungen bei der Lieferung von Masken und Lebensmitteln an die Bewohner*innen im Lockdown. © Raúl Soria

Unterstützung bei Naturkatastrophen – und Corona

Die gesellschaftliche Bedeutung der chinesischen Stiftungen wurde erstmals während der großen Naturkatastrophen deutlich, darunter das tragische Erdbeben in der Provinz Sichuan im Jahr 2008, als die privat gesammelten Spendengelder die staatlichen Hilfeleistungen ergänzten. Die bisher größte Bewährungsprobe bewältigten die Stiftungen allerdings während des Ausbruchs der Corona-Pandemie in Wuhan: In der umliegenden Provinz Hubei koordinierten 93 NGOs mit Tausenden von Freiwilligen federführend den Kampf gegen das Virus. Während des strikten Lockdowns belieferten sie Anwohner*innen mit Masken, Medizin und Nahrungsmitteln.

Die Stiftungen mit dem größten Wirkungsspielraum gehören jedoch allesamt Unternehmen an. Zuletzt sorgte vor allem die Jack Ma Foundation, benannt nach dem Gründer des Internet-Imperiums „Alibaba“, für Schlagzeilen: Im März letzten Jahres, als sich das Virus global verbreitete, entsandte die Stiftung Millionen Schutzmasken und Corona-Testkits in Dutzende Länder, was maßgeblich den angeschlagenen Ruf der Volksrepublik insbesondere im globalen Süden wiederherstellte.

Die Schattenseiten der Stiftungsarbeit sind für Lyu Quanbin und Yanni Peng die bescheidenen Verdienstmöglichkeiten bei gleichzeitig hoher Arbeitsbelastung. Viele junge Chines*innen ziehen daher gut bezahlte Jobs in der Privatwirtschaft oder sichere Stellen in der Regierung vor. „Für mich ist es dennoch die Verwirklichung meines Traums – und es reicht fürs Leben“, sagt Lyu Quanbin. Zudem schätze er die anderen Vorteile seiner Arbeit: lockere Hierarchien, flexible Bürozeiten und vor allem eine erfüllende Tätigkeit.

Mit der ausländischen Presse reden? Viele internationale Stiftungen in China sehen darin ein großes Sicherheitsrisiko. © Raúl Soria

Ausländische Stiftungen in schwieriger Lage

Für ausländische NGOs hingegen hat sich die politische Lage im Land zuletzt deutlich verschlechtert. Seit die Regierung unter Xi Jinping im Jahr 2017 ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hat, haben sich sowohl die staatliche Kontrolle und Registrierungsprozesse als auch rechtliche Finanzierungsmöglichkeiten massiv erschwert. Eine weitere Auswirkung des gesellschaftlichen Klimas ist es, dass immer weniger Stiftungsvertreter*innen in China mit der internationalen Presse reden möchten. Manche fürchten gar um ihre persönliche Sicherheit. Als im Dezember 2018 der Kanadier Michael Spavor, der in der Grenzstadt Dandong eine NGO für Austauschprojekte mit Nordkorea geleitet hat, wegen angeblicher Spionage festgenommen wurde, sandte das eine deutliche Schockbotschaft an die Branche aus.

Ende März 2021 gab das Ministerium für zivile Angelegenheiten bekannt, dass man zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung der Kommunistischen Partei rigoros gegen „illegale Organisationen“ vorgehen werde. Mindestens 77 NGOs, die entweder nicht registriert waren oder laut offiziellen Angaben „betrügerischen“ Aktivitäten nachgingen, wurden im laufenden Kalenderjahr bereits verboten. Unklar bleibt, ob das harte Durchgreifen gegen die Zivilgesellschaft auch politisch motiviert ist.

Lyu Quanbin vom China Foundation Forum widerspricht: „Im Ausland wird China vor allem durch die Regierungspropaganda verstanden, aber das ist eine vereinfachte Sicht. Tatsächlich haben wir viele Organisationen, die relativ unabhängig von der Regierung von ganz gewöhnlichen Bürger*innen geleitet werden.“ Auch Yanni Peng stimmt zu. Sie sieht ihre Stiftungsarbeit auch als Brücke für China zur Außenwelt: „Schlussendlich ist der menschliche Austausch wichtig für den Frieden und die Entwicklung der Welt.“

China Foundation Forum

Das jährlich stattfindende China Foundation Forum bringt chinesische Stiftungen zusammen, um den Austausch und die Zusammenarbeit unter ihnen zu fördern.

http://www.cfforum.org.cn