Auf legalen Wegen nach Europa

Passagierflugzeug am Flughafen
Autorin: Cornelia Heim 28.05.2020

Sieben Monate war der Eritreer Merhawi Fsehaye auf der Flucht, bis er in Hamburg ein Zuhause fand. Expert*innen plädieren für neue legale Wege nach Europa. Eine Idee: die ökonomische Logik des Schlepper­wesens anders zu nutzen.

„Ich liebe meine Familie sehr, aber ich musste weg.“ So beginnt die Geschichte von Merhawi Fsehaye, die er sich später in einem Buch von der Seele schreiben wird: „Mein Weg in die Freiheit“. Merhawi stammt aus Eritrea, er hat fünf Geschwister. „Finanziell fehlte es uns an nichts“, erzählt er rück­blickend. „Wir waren nicht wohl­habend, aber hatten alles, was man zum Leben braucht.“ Warum dann der Heimat den Rücken kehren? „Mein Herz wollte bleiben, mein Kopf nur noch weg“, schildert der junge Mann, damals 15 Jahre alt, sein Dilemma.

Eritrea, an der Ostküste gelegen, ist seit der Unabhängigkeit von Äthiopien ein Kontroll­staat. Der autoritäre Regierungs­chef Isayas Afewerki herrscht seit 30 Jahren mit harter Hand. Die Folge: Jede*r fünfte Eritreer*in lebt im Ausland. „Es gibt keine Meinungs­freiheit“, erzählt Merhawi auf­gebracht und in gutem Deutsch. „Man hat mir meine Kindheit gestohlen“ – in der Schule würden die Kinder geschlagen, und nach der Schul­zeit drohe der berüchtigte „National Service“, ein Militär­dienst, der junge Männer will­kürlich und lebens­lang in seinen Fängen halten könne.

„Migration lässt sich eingeschränkt steuern“

„Ich habe meiner Familie nichts gesagt. Sie hätten es mir nicht erlaubt, weil es viel zu gefährlich ist.“ Ohne Abschied und ohne Gepäck hat sich Merhawi heimlich davon­gemacht. Kein konkretes Ziel vor Augen, bloß weg. Zunächst nur über die Grenze ins Nachbar­land Sudan. Allein das gestaltete sich schon schwierig genug: zu Fuß mit der Angst im Nacken vor Entführer*innen, Kriminellen und insbesondere vor den sudanesischen Grenz­soldat*innen, die Flüchtlinge zurück­schicken, um Europa zu zeigen, dass sie die illegalen Routen dicht­machen.

Merhawi Fsehaye
Merhawi Fsehaye flüchtete mit 15 Jahren aus Eritrea. © Merhawi Fsehaye, Ulla Grün
Eritrea liegt am Horn von Afrika.
Eritrea liegt am Horn von Afrika. © shutterstock

Einer von vielen wunden Punkten in der bisherigen Migrations­politik der EU, findet Petra Bendel. Die Professorin für Politische Wissen­schaft ist Vorsitzende des Sach­verständigen­rats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), der sich in seinem Jahres­gutachten Afrika und dessen Wanderungs­bewegungen angenommen hat. Sie kritisiert die bisherige EU-Politik, die sich lediglich auf die Bekämpfung des Schlepper­wesens konzentriert habe, ohne gleich­zeitig andere Wege zu eröffnen. Damit würden afrikanische Länder wie in diesem Fall der Sudan zu „Tür­stehern“ degradiert, die Migrant*innen auf der Suche nach einem anderen Leben ausbremsen. Der Sach­verständigen­rat hält Migration, zumindest eingeschränkt, für steuer­bar. Doch das geht nur, indem man Alternativen findet: „Reguläre Routen und einen regulären Zugang für Migrant*innen nach Europa, zum Beispiel über den Arbeits­markt.“

Tatsächlich ist Afrika ein Kontinent in Bewegung. Viele der 1,2 Milliarden Afrikaner*innen sind unterwegs, alleine südlich der Sahara suchen 5,1 Millionen Menschen Zuflucht. Unter den welt­weit zehn größten Aufnahme­ländern von Migrant*innen sind drei afrikanische Staaten. Afrikaner*innen bewegen sich in der Regel selten weit, 80 Prozent zieht es in einen Nachbar­staat. So auch Merhawis Schwester Asmir, die im Sudan lebt und für ihren Bruder bei seiner Flucht zur ersten Anlauf­stelle wurde. Asmir schickte via Handy sofort Geld ins Flüchtlings­lager hinter der Grenze, vermittelte den ersten von vielen Schlepper*innen und gewährte ihrem Bruder in Khartum Unter­schlupf. Drei Monate versteckte er sich dort in diversen Wohnungen, doch er fühlte sich unwohl als Christ unter Muslim*innen: „Ich war wegen meiner Religion, die mir viel bedeutet, in Gefahr.“

Der Weg nach Europa ist teuer – und gefährlich

Merhawi ist einer von insgesamt wenigen Migrant*innen, die nach Europa auswandern. 540.000 Menschen afrikanischer Herkunft leben derzeit nach Informationen des SVR in Deutschland. Der Weg nach Europa ist für viele gar nicht zu bezahlen. Merhawis Familie hat insgesamt 4.000 US-Dollar an Schlepper*innen gezahlt. Für das Geld hätte er in Eritrea einen eigenen Laden aufbauen können. Wann immer er in Flüchtlings­lager gesteckt oder in ein Gefängnis geworfen wurde, besorgten sich Schlepper*innen die Handy­nummer seiner Familie, trieben direkt vor Ort in Eritrea das verlangte Transit-Geld ein. Erst dann durfte er weiter auf seiner Route durch den Sudan und Libyen, nach Tripolis bis ans Mittel­meer. Merhawi ist in Pick-ups durch die Wüste transportiert worden, mit mehr als hundert anderen Personen unter Planen und Gütern versteckt. Der Last­wagen so voll, dass sich keiner mehr nur einen Zenti­meter bewegen konnte. Unendlich viele Stunden lang, ohne einen Tropfen Wasser, geschweige denn etwas zu essen. Die etwas robusteren Männer, die weniger Gefahr liefen, heraus­zu­stürzen, standen in der äußersten Reihe, die schwächeren in der Mitte, Frauen und Kinder saßen. „Wie eine Ware fühlte ich mich“, von einem Last­wagen zum nächsten gehoben und verschoben. „Hätte ich gewusst, was mich erwartet, ich wäre vermutlich nicht losgegangen.“

Sachverständigen­rat deutscher Stiftungen für Integration und Migration

Unsere Partnergesellschaft Sachverständigen­rat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ist ein unabhängiges, inter­disziplinär besetztes Gremium von Expert*innen, das die Politik handlungs­orientiert berät und der Öffentlichkeit sachliche Informationen zur Verfügung stellt.

https://www.svr-migration.de


Flüchtlinge schlafen auf dem Boden
Sicherheit, Privatsphäre, Hygiene – in den Lagern Libyens gibt es das kaum. © Getty Images

Internationale Zusammenarbeit gegen das Schlepper­wesen

„Wenn Menschen nur die Wahl haben zwischen irregulärer Ausreise und gar nicht zu emigrieren, werden einige es trotzdem versuchen“, sagt Matthias Lücke, wissenschaftlicher Co-Direktor des Mercator Dialogue on Asylum and Migration. MEDAM hat wie der SVR zu den Wanderungs­strömen in und aus Afrika geforscht und die Erkenntnisse kürzlich in einem „Assessment Report“ veröffentlicht. „Es gibt noch erheblich Raum nach oben, was ein partner­schaftliches Zusammen­arbeiten der EU-Mit­glieds­staaten mit afrikanischen Regierungen angeht“, konstatiert Lücke, der Beziehungen auf Augenhöhe und einen „atmosphärischen Wandel“ für unabding­bar hält. „Als Europäer*in kann man die andere Seite oft an die Wand drücken. Afrikanische Politiker*innen unter­schreiben ein Papier, aber das wird nicht immer dazu führen, dass etwas konstruktiv Besseres passiert.“ Zu komplex seien die Situationen, zu unter­schiedlich die Bedürfnisse. Oft stellten schon formale Anforderungen unüber­windbare Hürden dar, berichtet Matthias Lücke. „Vor allem nicht akademisch ausgebildete Menschen haben kaum eine Chance“, sagt der MEDAM-Experte. „Sie können keinen Beruf vorweisen, der eins zu eins in ein deutsches Berufs­system passt.“ Das Fach­kräfte­einwanderungs­gesetz müsse deshalb um pragmatische Lösungen ergänzt werden.

Matthias Lücke
Matthias Lücke, wissenschaftlicher Co-Direktor von MEDAM. © Institut für Weltwirtschaft, Kiel/Studio 23
Petra Bendel
Petra Bendel, Vorsitzende des SVR. © Sachverständigenrat Migration/Michael Setzpfandt

Arbeitsvisum auf Zeit

„Unser großes Ziel ist es“, sagt SVR-Vorsitzende Petra Bendel, „Schlepper*innen arbeitslos zu machen, aber die ökonomische Logik zu nutzen.“ Ein zentraler SVR-Vorschlag umfasst deshalb ein temporäres Arbeits­visum mit Kaution. Die Idee dahinter: Anstatt dass Migrant*innen in Schlepper*innen investieren, hinter­legen sie eine Kaution und erhalten ein Arbeits­visum in Europa auf Zeit. Grund­voraus­setzung dafür: Rück­kehr­bereitschaft der Migrant*innen und Rück­nahme­bereitschaft des Herkunfts­landes. „Wir wollen kein neues Gast­arbeiter­modell“, stellt Petra Bendel klar. Bei frist­gerechter Ausreise würde die Kaution zurück­gezahlt. Denkbar sei auch, dass europäische Unternehmen Teile der Kaution über­nehmen oder Lösungen zur Reintegration im Herkunfts­land begleiten, beispiels­weise durch die Unter­stützung beim Aufbau eines Geschäfts. Im Ideal­fall führe dies zu einer zirkulären Wanderungs­bewegung: Migrant*innen könnten auf diese Weise ein- und wieder auswandern. Vorteil: Der gefürchtete „Brain­drain“, der entsteht, wenn Gut­qualifizierte ein Land verlassen, werde verhindert. Wissen, Ausbildung, Kontakte und sogar soziale Normen könnten transferiert werden und positive Entwicklungs­effekte auslösen.

Warum so etwas klappen könnte? „Die große Masse der Migrant*innen aus Afrika will auf regulärem Weg einreisen“, sagt Matthias Lücke. Gäbe es mehr Möglichkeiten dafür, würden weniger Menschen Leib und Leben riskieren.

Merhawi hat vier Monate in libyschen Lagern verbracht. Es war die schlimmste Zeit seines Lebens. Prügel, Folter, Durst, Hunger, Hitze sowie Angst vor Krankheiten und dem Tod. „Ich habe Menschen gesehen, die waren nur noch Haut und Knochen.“ Manche vegetierten bereits zwei Jahre lang in Lagern. Sie saßen fest. „Weil ihre Familien nicht genügend Geld zusammen­bekommen haben, durften sie nicht weiter­reisen.“ Er selbst hat in diesen vier Monaten keine Dusche gesehen, im Schmutz auf bloßer Erde oder verdreckten Matratzen gehaust. Krätze hat er von den unmenschlichen hygienischen Bedingungen bekommen.

Rück­über­weisungen als Entwicklungs­hilfe etabliert

In Tripolis ist Merhawi in eines der berüchtigten überfüllten und klapprigen Holz­boote eingestiegen. Nicht weil er es zu diesem Zeit­punkt wollte, es gab schlicht keinen Weg mehr zurück. Er hat die Über­fahrt nach Italien über­lebt. „Ich bin meiner Familie dankbar.“ Ohne deren finanzielle Unter­stützung würde er immer noch in einem Lager festhängen. Mit Bus und Zug fuhr Merhawi von Italien über München nach Hamburg. Als Minder­jähriger genoss er in Deutschland einen Sonder­status. Und doch wurde ihm zunächst nur ein subsidiärer Schutz gewährt. Er reichte Klage ein, und mittler­weile ist er als Flüchtling anerkannt. Zurück nach Eritrea kann er nicht mehr. Mit der Familie telefoniert er alle zwei Wochen, Geld kann er noch nicht nach Hause schicken. Dabei ist das auch ein wesentlicher Gesichts­punkt der Migration.

Flüchtlinge in einem Boot
In einem Holzboot kam Merhawi Fsehaye über das Mittelmeer. © picture alliance

Mehr als 50 Milliarden US-Dollar überweisen Migrant*innen auf der ganzen Welt zurück an ihre Familien. Diese „Remittances“ stärken das jeweilige Brutto­inlands­produkt und über­steigen oft das Budget der Entwicklungs­hilfe. Sie führen dazu, dass Herkunfts­länder nicht unbedingt eine Rück­kehr befür­worten. MEDAM schlägt deshalb Kompensations­zahlungen vonseiten der EU vor, wenn wegen der Rück­kehr von Migrant*innen Zahlungen in die Heimat ausblieben. Die Rück­führung, erklärt Matthias Lücke, sei für die gesellschaftliche Akzeptanz der Migrations­politik in Europa von enormer Bedeutung: „Wir müssen auch Nein sagen können, wenn jemand nach Europa einwandern möchte.“

In Zeiten der Pandemie

Den Wissenschaftler*innen ist durchaus bewusst, dass es durch die corona­bedingte Rezession schwer werden könnte, die Bedingungen für afrikanische Arbeits­kräfte in Europa zu verbessern. Jedoch zeigt sich gerade jetzt besonders gut, dass globale Probleme nicht von einzelnen Staaten allein bewältigt werden können. Migration ist per Definition trans­national, zwischen­staatliche Zusammen­arbeit ist nötig. Matthias Lücke empfiehlt, nicht auf die eine große Lösung zu warten, sondern die Diskussion in viele kleine pragmatische Schritte umzusetzen und „das (zu) tun, was vernünftig ist“.

Merhawi hatte vor dem Ausbruch der Pandemie seinen ersten allgemeinen Schul­abschluss bestanden und einen Vollzeitjob. Aktuell ist er wieder auf der Suche. Am liebsten würde er Kfz-Mechatroniker werden. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt der junge Mann, 5.000 Kilometer von seinem Zuhause entfernt. „Freiheit ist doch das Wichtigste.“

Mercator Dialogue on Asylum and Migration

Der Mercator Dialogue on Asylum and Migration (MEDAM) ist ein Forschungs- und Beratungs­projekt mit dem Ziel, Forschungs­lücken zur Asyl- und Migrationspolitik zu schließen und Handlungs­strategien aus primär wissenschaftlicher Sicht zu erarbeiten.

https://www.medam-migration.eu