Desinformation entlarven

Autorin: Maren Beck Illustrationen: Sebastian König 22.03.2021

Der Klimawandel ist menschen­gemacht – darin sind sich Klima­wissen­schaftler*innen einig. Dennoch leugnen einige Menschen diese Tatsache und verbreiten aktiv falsche und irreführende Informationen. Der Kognitions­psychologe John Cook nimmt diese Desinformations­strategien seit Jahren auseinander. Wie entlarvt man „Rosinen­pickerei“ und „unerfüllbare Erwartungen“?

„Es ist seit Tagen eiskalt, wie passt das zur Erderwärmung?“ „Das Klima hat sich schon immer verändert!“ „Klima­forscher*innen sind doch alle vor­ein­genommen.“ Das sind nur drei von vielen Argumenten, mit denen Menschen die Erkenntnisse der Klima­forschung in Zweifel ziehen. Wer mit Wissenschaft und deren Arbeits­weisen vertraut ist, den machen sie spontan erst einmal: sprach­los. Denn sie scheinen aus einem völlig anderen System von Logik und Kausalität zu stammen. Das ist nicht immer Zufall, sondern häufig Strategie.

Einer, der sich mit genau diesen Strategien und den dazugehörigen Mythen beschäftigt, ist John Cook. Er forscht am Center for Climate Change Communication der George Mason University in Virginia in den USA. Indirekt hat der eine oder die andere möglicher­weise schon von ihm gehört, denn 2013 wurde er mit seiner sogenannten 97-Prozent-Studie weltberühmt. Darin analysierte Cook rund 12.000 einschlägige Fachartikel aus der Klima­wissenschaft und fand heraus: 97,1 Prozent der Autor*innen stimmen dem Konsens zu, dass die Erderwärmung vom Menschen verursacht wird. Das Paper nutzte unter anderem der ehemalige US-Präsident Barack Obama als Beleg dafür, dass es in der Wissenschaft keine Debatte über diese Grund­satz­frage gibt – sondern eine große Einigkeit.

Alles eine Frage der Identität

John Cook
Der Australier John Cook beschäftigt sich intensiv mit Desinformation im Bereich Klimawandel, hat mehrere Bücher und Studien zu diesem Thema verfasst und ist derzeit Assistenzprofessor am Center for Climate Change Communication der George Mason University in Virginia, USA. © John Cook

Umso spannender ist die Frage, aus welchen Gründen Leugner*innen diese belegte Tatsache immer wieder bestreiten. „Menschen sind kompliziert, daher gibt es natürlich eine ganze Menge von Gründen“, erzählt John Cook. „Eine Metastudie zur Frage nach den Treibern für das Leugnen zeigte: Politische Zugehörigkeit und politische Ideologie sind die zwei häufigsten.“ Politische Einfluss­nahme verfüge über eine sehr große Macht, unsere Einstellung zum Klima­wandel zu steuern. Sie sei sogar noch viel stärker an der Art und Weise beteiligt, wie wir unsere Meinung bilden, als beispiels­weise der Bildungs­grad. Daher sei es auch keine Überraschung, dass sich unter den Leugner*innen auch Akademiker*innen tummeln. Steigt man noch etwas tiefer in die Dynamik ein, stößt man laut John Cook auf einen Zusammen­hang: „Wenn man zum Beispiel gegen eine Maßnahme zum Klimaschutz ist, ist die Chance größer, dass man das ursprüngliche Problem, also den menschen­gemachten Klimawandel, als solches nicht anerkennt“, erklärt der Kognitions­wissenschaftler. Die Wissenschaft bedrohe dann nämlich die eigenen politischen Über­zeugungen und damit auch die gesamte Identität. Die mögliche Folge: Man wird misstrauisch und manchmal eben sogar zum aktiven Leugner, zur aktiven Leugnerin. „Analog zur Klima­wissenschaft kann man diese Prozesse aktuell auch beim Thema Covid-19 sehr gut ablesen.“

Fake experts (Pseudo-Expert*innen)
Vermeintliche Fachleute werden als aufgeblähten Minderheit präsentiert - die Strategie der "Fake experts". © Sebastian König

Rhetorische Methoden des Leugnens

Noch etwas lässt sich an den vorgebrachten Einwänden gegen die Corona-Maßnahmen erkennen: Die Art und Weise der Argumentation folgt bestimmten Mustern, die Cook aus dem Bereich Klimawandel kennt. Seit 2007 sammelt er sie systematisch auf seiner Website Skeptical Science. Knapp 200 typische Argumente hat er ermittelt. Die fünf populärsten rhetorischen Methoden, die von jeglichen Wissenschaftsleugner*innen eingesetzt werden, hat er unter dem Kürzel „FLICC“ zusammen­gefasst. F steht dabei für „Fake experts“ und meint Pseudo-Expert*innen; L für „Logical fallacies“, also Logikfehler; I für „Impossible expectations“, das heißt unerfüllbare Erwartungen; C für „Cherry picking“, also Rosinenpickerei, und das zweite C für „Conspiracy theories“, die Verschwörungserzählungen.

Fake experts (Pseudo-Expert*innen)

Wissenschaftsleugner*innen beziehen sich auf Menschen oder Institutionen, deren Meinungen und Argumente in ihr Weltbild passen. Dabei sind diese Menschen oder Institutionen aber überwiegend unqualifiziert. Häufig werden die vermeintlichen Leute vom Fach aber als aufgeblähte Minderheit präsentiert. Oder sie werden in Pro-Kontra-Debatten gezielt mit seriösen Wissenschaftler*innen zusammengebracht, damit der Eindruck entsteht, ihre Meinung sei valide und hätte Diskussionsbestand.

Logical fallacies (Logikfehler)

Manche Menschen nutzen Argumente, die auf den zweiten Blick unlogisch sind. Das beginnt damit, aus korrekten Informationen absichtlich falsche Schlüsse zu ziehen. Oder irreführende Vergleiche anzuwenden, nur weil sich zwei Dinge in einem Teilaspekt ähneln. Oft wird auch die Person hinter dem Argument angegriffen, um das Gesagte zu entwerten – eine sogenannte Ad-hominem-Attacke. Oder es wird etwas weggelassen, ein relevanter Aspekt einfach verschwiegen, damit die eigene Aussage schlüssig erscheint.

Logical fallacies (Logikfehler)
"Logical fallacies" besagt, dass eine ganz eigene Logik entwickelt wird, die auslässt, falsche Schlüsse zieht und irreführende Vergleiche benutzt. © Sebastian König
Impossible expectations (unerfüllbare Erwartungen)
Wissenschaftsleugner*innen stellen an die Forschung unerfüllbare Ansprüche - und triumphieren dann über deren vermeintliches Unvermögen: "Impossible expectations". © Sebastian König

Impossible expectations (unerfüllbare Erwartungen)

Wie der Name schon sagt, verlangen Wissenschaftsleugner*innen von der Forschung Dinge, die sie unmöglich erfüllen kann – zum Beispiel allein deshalb, weil Forschung Zeit und Geld braucht und den Gesetzmäßigkeiten der Natur und des jeweiligen Untersuchungsgegenstands unterliegt. Die realitätsferne Erwartungshaltung legen die Menschen dann in ihrer Argumentation als Maßstab an und lassen die Wissenschaft als unfähig oder langsam erscheinen.

Cherry picking (Rosinenpickerei)
Nur das glauben und weitererzählen, was ins Weltbild passt - und dabei bewusst einige Dinge auslassen. Ein typischer Fall von "Cherry picking". © Sebastian König

Cherry picking (Rosinenpickerei)

Die Rosinenpickerei setzt auf das Prinzip Lücke. Bei dieser Strategie werden Informationen absichtlich nicht vollständig wiedergegeben. Denn nur in lückenhafter Form passen sie zur eigenen Position. Statt einer breiten Informationsbasis dient hier das isolierte Einzelbeispiel als Legitimation. Unbequemes wird einfach ausgeblendet. Oder man stoppt die Informations­auf­nahme und -suche, sobald alles perfekt passt.

Conspiracy theories (Verschwörungserzählungen)

Diese Strategie ist ein Fass ohne Boden, denn Verschwörungen leben vom Geheimnis. Und geheime Machenschaften lassen sich überall vermuten und zu einer Erzählung ausweiten. Einzelpersonen oder ganzen verdeckten Bündnissen wird dabei zum Beispiel unterstellt, absichtlich Informationen oder Beweise zu fälschen oder im Auftrag einer bestimmten Gruppe oder Person auf bestimmte Art und Weise zu handeln.

Der nervige Onkel

Wer diese Strategien verinnerlicht und in den Äußerungen von Gegenredner*innen erkennen kann, nimmt Letzteren zumindest im eigenen Empfinden den Wind aus den Segeln. Eine sachliche Diskussion mit dem Ziel, mit Fakten zu über­zeugen, sei laut Cook aber häufig dennoch schwierig. Er selbst beiße sich daran ebenfalls regelmäßig die Zähne aus. Trotzdem bliebe er in Gesprächen empathisch und geduldig, aber auch beharrlich – ein Weg, den er empfiehlt. Besonders dann, wenn man mit eine*r Leugner*in freundschaftlich oder familiär eng verbunden ist und Wert darauf legt, die Beziehung nicht zu gefährden. Um die eigene Ausdauer mit dem berühmten „verschrobenen Onkel“ mit kruden Theorien zu trainieren, eignet sich John Cooks App „Cranky Uncle“. Sie schult die Wachsamkeit gegen­über den typischen rhetorischen Tricks der Leugner*innen. Genutzt wird sie mittler­weile auch in Schulen in den USA, Cook erweitert sie zu diesem Zweck ständig.

Conspiracy theories (Verschwörungserzählungen)
Verschwörungserzählungen über geheime, meist elitäre Machenschaften, die die Welt steuern, sind eine Form von Desinformation. © Sebastian König

Doch immerzu empathisch zu sein ermüdet und frustriert. Kontra geben und gleich­zeitig überzeugen – geht das nicht? Einen Versuch kann man mit Analogien unternehmen, also Entsprechungen in einem anderen Zusammen­hang. Mit ihnen kann man die falsche Logik verdeutlichen. John Cook erinnert sich an ein Gespräch mit seinem Vater über Schuss­waffen­kriminalität: „Mein Vater sagte, es wäre sinnlos, den Waffenbesitz gesetzlich zu regulieren, denn Kriminelle würden sich sowieso nicht an Gesetze halten“, erzählt er. „Ich entgegnete, das wäre das Gleiche, wie den Verkehr nicht mehr zu regulieren, weil sich Gesetzes­brecher*innen im Straßen­verkehr auch nicht an Regeln halten würden.“ Sein Vater war sprachlos. „Zum ersten Mal in seinem Leben“, lacht John Cook. „Allerdings war das ein Zufalls­treffer, denn eine solche nach­voll­ziehbare Analogie griffbereit zu haben ist wirklich selten.“

Kritisches Denken in der Schule fördern

Wirksamer wäre es möglicherweise, das Problem in einem größeren Rahmen anzugehen, nämlich Klimawissen und kritisches Denken schon in der Schule besser zu fördern. Besonders gut eigne sich dafür laut John Cook das sogenannte „misconception-based learning“ – Lernen basierend auf Missverständnissen und Fehlannahmen. In der Bildungs­forschung habe sich dieser Ansatz als sehr viel effektiver erwiesen als ein rein fakten­basierter Unterricht. Gerade in den USA, wo Ex-Präsident Donald Trump das Leugnen von wissenschaftlichen Tatsachen salon­fähiger gemacht habe, sei der Fokus auf Bildung in dieser Hinsicht wichtig. „Zwei Dinge würde ich mir von Joe Biden wünschen“, sagt Cook auf Nachfrage. „Erstens, dass er ausdauernd genug ist, um bessere Klima­schutz­gesetze durch den Kongress zu bringen, und zweitens die nötige Zeit, Anstrengung und Finanzierung, um Klima­bildung und kritisches Denken landesweit zu fördern.“

klimafakten.de

Um die Debatte über die besten Wege für den Klimaschutz konstruktiv führen zu können, müssen die grundlegenden Fakten stimmen. Darauf zielt die von der Stiftung Mercator geförderte Organisation klimafakten.de ab, indem sie die komplexen Ergebnisse der Klima­forschung verständlich aufbereitet und dabei offene Fragen und kritische Einwände aufnimmt.
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