Die Faszination der Praxis

Autor: Matthias Klein 13.04.2021

Vom Wissenschaftler zum politischen Akteur: Seit November vergangenen Jahres ist Uwe Schneidewind Oberbürgermeister von Wuppertal. Hier will er die Transformation konkret gestalten. Zwei Erfahrungen habe er dabei gemacht, sagt er im Interview.

Sie haben lange Zeit als Nachhaltigkeitsforscher gearbeitet, sind nun seit einigen Monaten Oberbürgermeister von Wuppertal. Haben Sie einen Praxisschock erlebt, Herr Schneidewind?

Uwe Schneidewind: Nein, eher eine „Praxisfaszination“! Ich bin ja nicht in eine völlig fremde Welt eingetaucht, sondern habe in gewisser Weise nur die Seite gewechselt: Am Wuppertal Institut und im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) haben wir in den letzten Jahren intensiv zu Transformationsprozessen in Städten gearbeitet. Jetzt die Möglichkeit zu haben, in der Verantwortung als Oberbürgermeister solche Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten, empfinde ich als ein besonderes Geschenk. Daher war mein Blick auf die Stadtpolitik und -verwaltung vom ersten Moment an von einem großen Interesse und dem Verstehenlernen von Menschen, Prozessen und Organisationsstrukturen geprägt.

Wie blicken Sie heute als Politiker auf die Empfehlungen, die Sie als Wissenschaftler erarbeitet haben?

Schneidewind: Am Wuppertal Institut haben wir uns ja nicht nur für inhaltliche Politikvorschläge interessiert, sondern auch für die Frage, wie man Politik und Organisationen für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien gewinnt. Wie mobilisiere ich Veränderungsenergien und Politik und Verwaltung?

Zwei wichtige Erfahrungen nehme ich diesbezüglich aus den letzten Monaten mit. Erstens: Jeder gute inhaltliche (wissenschaftliche) Vorschlag – vom Ausbau regenerativer Energien bis zur Parkraumbewirtschaftung oder dem Bau von Radwegen – braucht politische, finanzielle und organisatorische Ressourcen, um umgesetzt zu werden. Politische Gestaltung bedeutet, in diesem Geflecht Konstellationen zu schaffen, die eine Umsetzung ermöglichen. Gerade in Städten mit hoher Verschuldung, ohne klare politische Mehrheiten sowie jeweils spezifischen Verwaltungsstrukturen ist das durchaus eine hohe Kunst.

© Wolf Sondermann

Uwe Schneidewind

Uwe Schneidewind ist seit November 2020 Oberbürgermeister von Wuppertal. Zuvor war er unter anderem Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Eine zweite zentrale Herausforderung im täglichen (lokal)politischen Geschäft ist es, den Fokus nicht zu verlieren. Jeder Tag in einer Stadt ist voll von alltäglichen Sorgen, Problemen und akuten Krisen. Jeden Tag werden mehr Anliegen an einen Oberbürgermeister herangetragen, als dieser wirklich bearbeiten kann. All das passiert in einem Geflecht von politischen und organisatorischen Interessen- und Machtkonstellationen. Ohne klaren strategischen Fokus und gut sortierte Prozesse drohen dabei langfristige Ziele immer wieder aus dem Auge zu geraten.

Ich verstehe daher sehr viel besser, warum langfristige strategische Schlüsselanliegen wie der Klimaschutz schnell im politischen Tagesgeschäft oft nach hinten rutschen und welche Konzentration es braucht, sie oben auf der Agenda zu halten.

Was bedeutet Klimapolitik auf lokaler Ebene in Wuppertal, was wollen Sie dort verändern? Und welche Hürden müssen Sie dafür überwinden?

Schneidewind: Klimapolitik in Wuppertal spielt sich in vier Schlüsselarenen wie in fast allen Städten ab: erstens regenerativer Umbau der Energieversorgung, zweitens Wärmewende bei den Gebäuden, drittens eine klimagerechte Verkehrspolitik und viertens eine klimaneutrale Industrie.

In jeder Stadt sind die Bedingungen und Voraussetzungen dafür unterschiedlich und sind jeweils andere Konstellationen von Akteuren daran beteiligt. In enger Kooperation mit dem Wuppertal Institut wollen wir die bestehende Klimastrategie der Stadt Wuppertal um eine Perspektive „Klimaneutrales Wuppertal 2035“ ergänzen, Workshops mit Schlüsselakteuren durchführen und klare Zielpunkte in allen vier Arenen setzen. Gleichzeitig sollen die Ziele „Preisschilder“ erhalten: Denn sowohl die Sanierung des bestehenden Gebäudebestandes als auch einen Ausbau des ÖPNV können Städte wie Wuppertal nicht aus eigener (finanzieller) Kraft stemmen. Hier braucht es ein enges Doppelpass-Spiel mit Bund und Land. In den kommenden Monaten spielt der Ausbau der Fahrradtrassen und eine umfassende E-Bike-Versorgung in der Stadt eine wichtige Rolle. Aufgrund seiner Topographie kann Wuppertal nur „E-Bike“-Stadt werden, wenn es seinen Radverkehrsanteil signifikant erhöhen will.

© Getty Images

Sie kommen nicht aus der Lokalpolitik. Ist das für eine Politik des Wandels eigentlich ein Vorteil?

Schneidewind: Für umfassende Veränderungsprozesse kann ein Blick von außen helfen. Er ist aber keine Bedingung: Anne Hidalgo revolutioniert als Bürgermeisterin derzeit Paris. Und sie hat eine lange Biographie in der Pariser Stadtverwaltung hinter sich. Der größte Wert meines „Von-außen-kommens“ ist, dass ich unbefangen auf alle Akteure in Politik und Verwaltung zugehen kann. Gerade in der Lokalpolitik verfestigen sich oft bestimmte Formen von Konflikten und Rituale über die Jahre. Dies lässt sich leichter aufbrechen, wenn man nicht selber schon lange „Teil des Systems war“.

Dennoch wird man nichts bewegen, wenn es einem als Außenstehenden nicht gelingt, zentrale Kräfte aus Politik und Verwaltung für die eigenen Reformvorhaben zu gewinnen. Sowohl in der Struktur meines OB-Büros als auch in der Zusammenarbeit mit den Führungskräften in der Verwaltung und den politischen Fraktionen im Rat spielt diese Gewissheit für mich eine zentrale Rolle. Auch wenn ein Oberbürgermeister von außen oft sehr mächtig wirkt: Bei näherem Hinsehen ist er das ganz und gar nicht, wenn ihn seine Verwaltung und die Lokalpolitik immer wieder ins Leere laufen lassen.

Digitaler Mercator Salon mit Uwe Schneidwind

19. Apr. 2021, 17:00 Uhr

Mit Uwe Schneidewind wollen wir seinen Rollenwechsel vom Wissenschaftler zum Oberbürgermeister und seine Perspektive auf politische Gestaltungsmöglichkeiten in der kommunalen Praxis diskutieren. Mehr Informationen finden Sie hier.

Sie haben einmal gesagt, es reiche nicht, der perfekten Bio-Welt hinterherzuträumen. Was heißt das für Ihre Arbeit jetzt?

Schneidewind: Ganz im Sinne der oben skizzierten Herangehensweise: Es geht darum, Umsetzungschancen zu schaffen, die Räume des Machbaren zu erweitern. Das ist mein Kompass im Amt.

In der Coronakrise wird es besonders intensiv diskutiert, auch schon lange beim Thema Klimawandel: Wie können es Wissenschaftler*innen erreichen, mehr Gehör in der Politik zu finden?

Schneidewind: Der Schlüssel in meinen Augen ist es, Politik nicht alleine wissenschaftliche Antworten zu präsentieren. Wissenschaft muss mit Politik sehr viel früher ins Gespräch kommen. Es gilt schon die Fragen gemeinsam zu entwickeln und auch bei der Wissensproduktion das (Erfahrungs-) Wissen von Politik mit einzubeziehen. Dann ist die Chance groß, dass auch die Antworten gehört werden. Genau das steckt hinter der Idee von „Co-Design und Co-Produktion von Wissen“, wie es in einer transdiszplinären Wissenschaft propagiert wird.