Flexibel, empathisch, kreativ

Autorin: Kristina Kara Illustrationen: Leandro Alzate 02.06.2020

Die Anforderungen des Arbeits­markts verändern sich rasant. Typische Jobs der Mittel­schicht verlieren an Bedeutung, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung, im Interview. Was in Zukunft gefragt ist.

Herr Prof. Fratzscher, die Mega­trends Digitalisierung, Auto­matisierung und Globalisierung prägen unser Leben und Arbeiten nachhaltig. Der Arbeits­markt wandelt sich, Fachleute sprechen von der vierten industriellen Revolution. Was passiert mit unseren Volks­wirtschaften, wenn immer mehr Routine­arbeiten automatisiert erledigt werden?

Marcel Fratzscher: Die Digitalisierung bringt nicht nur mit sich, dass körperliche Arbeit immer mehr an Bedeutung verliert. Auch Tätigkeiten, die auf digitalisierbarem Abfrage­wissen basieren, verlieren an Wert. Intellektuelle Tätigkeiten und die damit verbundenen Fähigkeiten spielen zunehmend wichtigere Rollen. Das heißt, dass Qualifizierung und Bildung noch wichtiger werden, da sie zu mehr Einkommen und Möglichkeiten auf dem Arbeits­markt führen. Wer dies­bezüglich den Anschluss verliert, wird künftig große Schwierig­keiten haben, eine Beschäftigung zu finden. In Deutschland sind wir dies­bezüglich aktuell noch ganz gut aufgestellt. Wir sehen aber auch hier, dass die Kluft zwischen Gut- und Gering­verdienenden immer größer wird. Die nordischen Länder sind uns hier voraus. Die USA sind ein extremes Beispiel dafür, was passiert, wenn immer weniger Menschen am wirtschaftlichen Geschehen teilhaben. Ich möchte ganz bewusst ein größeres Bild wählen: Denken wir an die Idee der sozialen Markt­wirtschaft und den damit verbundenen Gesellschafts­vertrag. Diese funktionieren künftig nur, wenn wir Menschen mehr Eigen­verantwortung ermöglichen. Das friedliche Zusammen­leben in einer demokratischen, offenen, freien und pluralistischen Gesellschaft muss unter möglichst großer Beteiligung immer wieder neu ausgehandelt werden. Die zu lösenden Probleme werden dabei immer komplexer. Im 21. Jahrhundert gibt es globale und dringliche Heraus­forderungen: Umwelt­katastrophen und -verschmutzung, Nahrungs- und Trink­wasser­knappheit, Kriege und Menschen­rechts­verletzungen, Pandemien und Migrations­bewegungen.

Prof. Marcel Fratzscher
© DIW Berlin/B. Dietl

Prof. Marcel Fratzscher

Prof. Marcel Fratzscher, Ph.D., ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung (DIW Berlin) und Professor für Makro­ökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er publiziert regel­mäßig zu wirtschafts- und gesellschafts­politischen Themen. Unter anderem ist Fratzscher Mitglied des High-Level Advisory Board der Vereinten Nationen zu den Nach­haltigen Entwicklungs­zielen (SDGs).

Wenn eigenverantwortliches Handeln als Schlüssel­kompetenz gilt, wie können wir dafür sorgen, dass insbesondere junge Menschen dies erlernen?

Fratzscher: Tatsächlich sind von diesen Entwicklungen nicht nur junge Menschen betroffen. In der Vergangenheit konnten die meisten Menschen nach ihrem Ausbildungs- oder Studien­abschluss mehr oder weniger 50 Jahre lang bis zur Pensionierung das Gleiche tun. Als Büro­kauf­frau oder -kauf­mann haben sie vielleicht mit der Schreib­maschine angefangen, dann mit dem Computer gearbeitet. Aber die Tätigkeit hat sich abgesehen davon kaum verändert. Was wir sehen, ist eine Veränderung der Arbeitswelt, durch die sich die Erfordernisse für eine bestimmte Arbeit ständig ändern. Es wird künftig kaum mehr Berufs­bilder geben, bei denen Sie kein lebens­langes Lernen, also eine ständige Fort­bildung und Anpassung, brauchen. Flexibilität ist wahn­sinnig wichtig für alle Berufs­bilder. Wer sich nicht anpassen kann, läuft Gefahr, seine Arbeit zu verlieren. Schon heute sehen wir in Deutschland, dass diejenigen die größten Schwierigkeiten haben, die eine sehr spezifische Ausbildung erhalten haben, aber in einem Beruf groß geworden sind, der heute nicht mehr nachgefragt wird oder für den ganz andere Qualifikationen gebraucht werden.

Welche Bildungsbereiche sollten Ihrer Ansicht nach deutlich gestärkt werden, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden?

Fratzscher: Meiner Ansicht nach sind dies vor allem die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Natur­wissen­schaften und technische Fächer, die junge Menschen in die Lage versetzen, die Digitalisierung aktiv für sich zu nutzen. Wir haben in Deutschland in diesen Bereichen schon heute einen erheblichen Fach­kräfte­mangel, dabei wird dieser Bereich von der Digitalisierung profitieren. Und selbst für diejenigen, die beruflich andere Wege einschlagen, ist eine gewisse Technik­affinität und die Bereitschaft, sich auf neue Technologien einzulassen und damit umzugehen, ganz wesentlich. Deutschland muss da deutlich mehr tun. Wir halten leider immer noch am alten Status quo fest. Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel nennen: Wenn man sich damit beschäftigt, wie deutsche Schulen teil­weise mit der Corona-Krise umgehen, wird man unruhig. Wenn viele Lehrer*innen keine Platt­form haben, über die sie Haus­aufgaben digital zur Verfügung stellen, geschweige denn online unterrichten können, wird sehr deutlich, dass der digitalen Ausrüstung der Schulen noch immer viel zu wenig Gewicht beigemessen wird. Länder wie Südkorea beispiels­weise haben für eine flächen­deckende Digital­kompetenz der Schülerschaft gesorgt. Der Digitalpakt der Bundes­regierung sieht Millionen dafür vor, die Entwicklung in Deutschland anzustoßen. Wenn das digitale Arbeiten nicht zum Standard gemacht wird, bleibt es ein Privileg für einige wenige. Dann wiederum entsteht Ungleichheit.

© Leandro Alzate
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Sie haben den technisch-natur­wissenschaftlichen Bereich betont. Welchen Anteil kann kulturelle Bildung Ihrer Ansicht nach daran haben, junge Menschen fit für die Zukunft zu machen und ihnen die nötigen Skills für das 21. Jahr­hundert zu vermitteln?

Fratzscher: Wir sehen, dass die Veränderungen auf dem Arbeits­markt auch sozio­ökonomische Strukturen der Gesellschaft beeinflussen. Typische Jobs der Mittelschicht verlieren an Bedeutung, Industrie­arbeiter*innen etwa gibt es immer weniger. Fähigkeiten, die wir zuvor gar nicht als solche identifiziert haben, gewinnen massiv an Bedeutung. Dazu gehört vor allem auch Empathie. Denken Sie an Pflege­personal oder Erzieher*innen, die bisher zumeist relativ schlecht bezahlt wurden und wenig Wert­schätzung bekommen haben. Diese Berufe werden in der Zukunft erheblich aufgewertet werden. Ich denke, dass kulturelle Bildung einen erheblichen Anteil daran haben kann, diese Eigenschaft zu vermitteln.

Darüber hinaus gibt es einen weiteren wesentlichen Aspekt: Unter­suchungen haben gezeigt, dass der Fach­kräfte­mangel zum Beispiel hier in Deutschland nicht nur mangels adäquater Ausbildung entstanden ist. Unternehmen klagen auch darüber, dass sie schlicht­weg nicht die Arbeit­nehmer*innen finden, die unabhängig von ihrer tatsächlichen beruflichen Qualifikation die Fähigkeiten mitbringen, um effektiv zu arbeiten und die Erwartungen der Arbeit­geber*innen zu erfüllen. Im Mittel­punkt dieser neuen Anforderungs­profile stehen Kompetenzen wie kreatives Problem­lösen, Innovations­fähigkeit, Kommunikations- und Kooperations­fähigkeit – auch für Berufs­bilder, die bislang wenig damit zu tun hatten. Dieser neue Bedarf an Kompetenzen zieht sich durch alle Unternehmens­bereiche in allen Branchen. Kulturelle Bildung ist sicherlich ein probater Ansatz, um das erforderliche Mindset bei jungen Menschen zu schaffen.

© Leandro Alzate

Wie lässt sich Kreativität aus Ihrer Perspektive als Wirtschafts­wissen­schaftler denn eigentlich messen?

Fratzscher: Da lohnt sich ein Blick darauf, wie viele Mittel eine Volks­wirtschaft für Forschung und Entwicklung bereit­stellt. Ein Indikator können beispiels­weise Patente sein. Wir schneiden damit in Deutschland im inter­nationalen Vergleich ganz gut ab. Allerdings zeigt sich deutlich, dass unsere Innovations­fähig­keit auf bestimmte Sektoren wie das Ingenieur­wesen und den Auto­mobilbau fokussiert ist. Was andere Sektoren wie Kommunikations- und Informations­technologien betrifft, gehört Deutschland zur Schluss­gruppe. Um nochmals auf den kulturellen Aspekt zu sprechen zu kommen: Hier tut Deutschland eine ganze Menge, wir erreichen aller­dings nicht alle. Wir haben Studien durch­geführt, die zeigen, dass 20 Prozent aller Bildungs­aus­gaben hier­zu­lande von den Eltern getätigt werden. Diese Zahl umfasst alle Einkommens- und Bildungs­schichten. Im Klartext heißt das: Ein großer Teil der kulturellen Bildung erreicht fast ausschließlich Kinder aus Familien mit einem relativ hohen Einkommen. In anderen Ländern findet deutlich mehr kulturelle Bildung durch staatliche Bildungs­träger statt. Wir sollten auch hier­zu­lande die Verantwortung der Eltern für kulturelle Bildung senken und so für mehr Chancen­gleichheit sorgen. Um eine führende Wirtschafts­nation zu sein, muss man Innovation und Kreativität flächen­deckend fördern. Sonst werden andere uns über­holen.