Blick zurück
auf uns

Zwei Frauen betrachten ein Bild
Autor: Matthias Klein 03.09.2019

Es geht um Identität durch Sprache, Zugehörigkeit oder kollektive Erinnerung: In der Ausstellung „Neue Räume/Neue Perspektiven“ zeigen wir bei uns in Essen Arbeiten von Künstler*innen, die aus Kriegs- und Krisengebieten stammen. „Ihre Erfahrungen kommen meist subtil zum Ausdruck“, sagt Kuratorin Maritta Iseler im Interview.

Frau Iseler, Sie zeigen in der Ausstellung Werke von acht Künstler*innen, die im Exil leben. Wie spiegelt sich ihre Erfahrung, die Heimat zu verlassen, in den Arbeiten?

Maritta Iseler: Die Ausstellung zeigt aktuelle Positionen von Künstler*innen aus Syrien, Afghanistan und Libyen. Jede*r Künstler*in hat individuelle Erfahrungen in den Herkunftsländern, den verschiedenen Stationen auf der Flucht und im Exil gemacht. Nicht alle sind erst seit kurzem hier. Diese Erfahrungen kommen in den Werken zum Teil zum Ausdruck – aber nicht offensichtlich, sondern meist sehr subtil.

Einige Künstler*innen haben ihre Bildsprache verändert, die formale Gestalt oder, meist, die inhaltliche Ausrichtung. Es gibt aber auch eine Künstlerin in der Ausstellung, in deren Bilder sich diese Erfahrungen gerade nicht spiegeln.

Dann wird die Frage interessant, was die Betrachter*innen in den Bildern lesen, wenn sie die Hintergründe der Künstler*innen kennen oder eben nicht kennen. Dann geht es um Erwartungshaltung und Projektion, und die Betrachter*innen können in einen Selbstreflexionsprozess eintreten.

© Jennifer Heimann
© Jennifer Heimann
© Jennifer Heimann
Maritta Iseler
Maritta Iseler © Juliette Moarbes

Maritta Iseler ist Kuratorin der Ausstellung „Neue Räume/Neue Perspektiven“. Sie ist Mitglied des Teams von „Wir machen das“. Der Verein realisiert Projekte, um durch die Vernetzung von Neuangekommenen und Locals eine solidarische und vielfältige Gesellschaft zu gestalten.

Wie erleben Sie das Spannungsfeld zwischen Verlust und Neubeginn?

Iseler: Die Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen begleiten die Künstler*innen im Hintergrund, aber gleichzeitig versuchen sie ein „normales“ Leben zu führen, vor allem ohne Zuschreibungen von außen, etwa ohne das Label „Flüchtling“.  Sie wollen nicht im Kontext ihrer Flucht oder ihrer Herkunft, sondern wieder als Künstler*innen wahrgenommen werden und arbeiten können. Da stehen also die Arbeitsrealitäten im Vordergrund, etwa ein Atelier zu haben, Geld zu verdienen.

Nun leben die Künstler*innen im Exil – wie wirkt sich das auf ihre Kunst aus?

Iseler: In Europa im Exil zu sein ist oft nur eine Station auf einem langen Weg, der hinter ihnen liegt, und dieser ganze Prozess wirkt sich auf das persönliche Leben und auf die Arbeit aus. In den Kunstwerken finden sich so oft Themen wie Reisen und Identität durch Sprache, die Werke stellen Fragen nach Zugehörigkeit und zeigen persönliche wie kollektive Erinnerungen. Aber manche wenden sich auch völlig von diesen Themen ab, aus unterschiedlichen Gründen, aber eben auch, weil sie in der Rezeption ihres Werks nicht darauf enggeführt werden wollen.

Wir erfahren direkt etwas von den Menschen, die hierher gekommen sind und vermeiden so, dass wir uns Bilder über sie machen, die oft mehr über uns als über diese Menschen aussagen.

Sie haben mit den Künstler*innen gearbeitet – welche persönliche Erfahrung wird Ihnen in Erinnerung bleiben?

Iseler: Jede Begegnung mit den Künstler*innen war interessant und faszinierend. Abdul Razzak Shaballout habe ich in seinen Atelier besucht, das er noch bis Ende des Jahres zur Verfügung hat. Er ist in Syrien vor allem als Porträtmaler bekannt und hat kleine private Porträts im Auftrag gemalt. Als der Krieg angefangen hat, kamen Menschen mit der Bitte zu ihm, verstorbene Angehörige zur Erinnerung zu malen. Und er bekommt diese Anfragen immer noch, in seinem Atelier steht eine Kiste mit vielen dieser kleinen Porträts.

In Deutschland stehen Flüchtlinge seit einigen Jahren im Fokus der politischen Debatte. Wie kann Kunst den Diskurs beeinflussen? 

Iseler: Kunst kann Aufmerksamkeit schaffen, Kunst kann durch neue Blickwinkel und Ansichten neue Aspekte einbringen, wenn etwa neue Zusammenhänge hergestellt werden oder die Werke Sehgewohnheiten und vermeintliche Gewissheiten in Frage stellen. Wir erfahren direkt etwas von den Menschen, die hierher gekommen sind und vermeiden so, dass wir uns Bilder über sie machen, die oft mehr über uns als über diese Menschen aussagen; wir lernen also durch den Blick der Künstler*innen zurück auf unsere Gesellschaft, mit welchen Denkmustern wir agieren. Kunst kann dem Diskurs den Spiegel vorhalten, authentische Beiträge liefern und Denkgewohnheiten stören und damit neue Perspektiven und einen Dialog eröffnen.

Die Künstler*innen:

Tewa Barnosa, Ammar Al-Beik, Jeanno Gaussi,  Ala‘ Hamameh, Yara Said, Abdul Razzak Shaballout, Huda Takriti und Mohammad Zaza