Weniger Mathe, mehr Musik

Autorin: Nataša Ivakovic Illustrationen: Martin Haake 18.08.2020

Musik ist ein starker Stimulus für das Gehirn. Wie sie wirkt und was beim Musik­hören und Musizieren hinter der Schädel­decke genau vorgeht, verrät Eckart Altenmüller. Er ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Neuro­physiologie und Neuro­psychologie von Musiker*innen und sagt: Durch Musik erwerben Kinder Selbst­vertrauen, Selbst­wirksamkeit, Handlungs­steuerung, Struktur­sinn und emotionale Kompetenz.

Herr Professor Altenmüller, seit Jahr­zehnten beschäftigen Sie sich intensiv mit der Wirkung von Musik auf das Gehirn. Welche Zusammen­hänge konnten Sie seitdem wissenschaftlich belegen?

Eckart Altenmüller: Ganz wesentlich ist, dass das Musizieren und auch das Musikhören die Neuro­plastizität des Gehirns anregen – das heißt, das Musizieren verändert die Gehirn­funktion und -struktur. Dadurch wird die Handlungs­steuerung des Menschen, sogenannte exekutive Funktionen wie etwa die Reaktions­zeit, verbessert. Gleich­zeitig führt das Hören von Musik zu einer Verbesserung der akustischen Muster­erkennung. Senior*innen, die Musik­unterricht erhalten, verstehen Sprache unter schlechten akustischen Bedingungen, beispiels­weise bei Stör­geräuschen, besser. Wenn Kinder Klavier­unterricht erhalten, dann haben sie nach circa einem Jahr vor allem für die linke Hand größere Bewegungs­zentren in der motorischen Groß­hirn­rinde sowie größere Hör­zentren und eine stärkere Nerven­faser­verbindung zwischen beiden Hirn­hälften. Auch inner­halb einer Hirn­hälfte sind die Verbindungen zwischen Hör­zentren und den Bewegungs­zentren verbessert. Diese Kinder sind auch fein­motorisch geschickter und hören präziser als ihre nicht musizierenden Alters­genoss*innen.

Prof. Dr. Eckart Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin (IMMM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – eine in Deutschland einzigartige Einrichtung.

Eckart Altenmüller

Prof. Dr. Eckart Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musik­physiologie und Musiker-Medizin (IMMM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – eine in Deutschland einzig­artige Einrichtung.

Welche Prozesse laufen im Gehirn ab, wenn wir uns mit Musik beschäftigen?

Altenmüller: Musikhören führt immer zu zwei wichtigen Prozessen im Gehirn: Einer­seits werden wichtige emotionale Gedächtnisse auf­gerufen, anderer­seits werden in Echt­zeit durch jeden Klang akustische Erwartungen an den nächsten Klang geweckt. Wir hören ja immer auch „voraus“ und freuen uns über neue, unerwartete akustische Wendungen. Diese Antizipation von Klängen ist übrigens mit einer starken Aktivierung des Stirnhirns verbunden.

Welchen Einfluss haben dabei vielleicht nicht messbare Wechsel­wirkungen auf uns im Ganzen, also auf das Menschsein?

Altenmüller: Musikalische Gedächtnisse sind eng mit biografischen Episoden und den damals vorherrschenden Emotionen verbunden. Die Musik, bei der ich meine erste Partnerin getroffen habe (Glücks­gefühle), die Musik, zu der mein Vater begraben wurde (Trauer), werden tief im emotional-biografischen Gedächtnis verankert. Welche Musik ich schön finde, gehört auch zu meiner Identität, und insbesondere Jugendliche identifizieren sich mit bestimmten Musikstilen sehr stark. Musik­machen ist ein kreativer Prozess, der uns völlig absorbieren kann. Gemeinsam zu singen und zu musizieren stärkt zudem das Gruppengefühl und baut uns emotional enorm auf. Wir können sinnlich erfahren, dass wir nicht allein auf der Welt sind.

© Martin Haake

Studien mit Kindern, unter anderem vom Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung, konnten einen Einfluss der Musik auf Kreativität und Sprach­kompetenz feststellen. Welche Synapsen und Fähigkeiten werden im früh­kindlichen Alter ausgebildet, wenn ein Zugang zu Musik besteht?

Altenmüller: Das betrifft vor allem die Verschaltungen im Stirn­hirn­lappen für Handlungs­steuerung und Sprach­funktionen sowie im Bereich der Hörrinde für die differenziertere Hör­fähigkeit. Aber noch wichtiger ist vermutlich die Wirkung der Musik auf die Motivation und auf das strukturierte Handeln. Das sind sehr universelle menschliche Züge und Kompetenzen, die im Gehirn weit vernetzt sind und sich nicht auf ein bestimmtes Areal beziehen. Kinder erwerben durch Musik Selbst­vertrauen, Selbst­wirksamkeit, Handlungs­steuerung, Struktur­sinn und emotionale Kompetenz. Sie werden feiner in ihrer Wahr­nehmung und entwickeln ein besseres Körper­gefühl. Sie können sich meist länger konzentrieren – und sie haben mehr soziale Kompetenzen.

Auch Kunst, Theater, Literatur und Tanz sollen laut Studien der empirischen Bildungs­forschung junge Menschen messbar in ihrer persönlichen Entwicklung unter­stützen. Ist die Wirkung der verschiedenen Disziplinen der kulturellen Bildung miteinander vergleichbar?

Altenmüller: Grundsätzlich sind alle Bereiche der ästhetischen Erziehung wichtig, aber jede Sparte fördert eben besondere Bereiche der Persönlichkeit und der Fertigkeiten. Gemeinsam ist allen die Kreativität. Künstlerische Aktivitäten helfen unter anderem, Welt­verständnis zu erwerben und aus­zu­drücken. Theater ermöglicht unter anderem, den Ausdruck von Emotionen zu erkunden. Literatur ist das wichtige Spiel mit Sprache und Bedeutung, und Tanz erleichtert emotionale Bewegungs­kreativität, aber auch Koordination, Aktivierung multipler Sinnes­kanäle und vieles mehr. Der Sport hat ebenfalls viele positive und kreative Elemente und sollte in einem ganz­heitlichen Bildungs­programm für Kinder und Jugendliche unter keinen Umständen fehlen.

© Martin Haake

All diese Erkenntnisse lassen nur den Schluss zu, dass kulturelle Bildung essenziell wichtig ist – und das schon im Kindes­alter. Wird dieser enormen Bedeutung im heutigen Bildungs­angebot entsprochen?

Altenmüller: Leider nein, da ist noch viel zu tun. Es braucht hier eine neue Bildungs­politik! Im Moment haben wir ja in vielen Schul­formen keine Lehrpläne für diese Fächer und auch keine ausgebildeten Lehrer*innen. Einige Schul­formen unter­stützen ästhetische Erziehung, es gibt Spezial­gymnasien, etwa für Musik und für bildende Kunst. Auch die freien Waldorf­schulen legen auf ästhetische Erziehung besonders viel Wert. In den meisten Regel­schulen sind jedoch MINT-Fächer und Sprachen weit dominierend und gelten als die wichtigen Fächer. Dabei gibt es aus der Schweiz große Schul­versuche, die zeigen, dass eine Verlagerung der Stunden­zahl vom Mathematik­unterricht auf den Musik­unterricht zu besseren Leistungen in beiden Fächern führte. Positiv ist, dass es inzwischen sehr viele Programme gibt, die auf Chancen­gleichheit im Zugang zur Musik setzen, so etwa das Education-Programm des Klavier-Festivals Ruhr.

© Martin Haake

Kann man auch im Erwachsenen­alter noch die Eigenschaften oder Fähigkeiten entwickeln, die kulturelle Bildung in jungen Jahren erzeugt?

Altenmüller: Das ist eine nicht abschließend geklärte Frage. Vermutlich gibt es im Nerven­system für die ästhetischen Inhalte, also beispiels­weise für den Sinn für Farben, Formen, Klänge oder Bewegungen eine sensible Periode in der Kindheit und Jugend, so wie wir das vom drei­dimensionalen Sehen oder vom Sprach­erwerb kennen. Das heißt nicht nur, dass in jungen Jahren die Erlebnis­tiefe am stärksten ist und die Eindrücke am längsten im Gedächtnis verweilen, sondern auch, dass die Auswirkungen auf die Persönlichkeits­bildung, auf die Kognition und auf das emotionale Gleich­gewicht in der Kindheit und Jugend am stärksten sein werden. Aber bis in das höchste Erwachsenen­alter trägt kulturelle Bildung zur Lebens­qualität, Freude und Erlebnis­fähigkeit bei und hat positive Auswirkungen auf das Denken und Fühlen! Es ist nie zu spät, damit zu beginnen.

Forschungsfonds Kulturelle Bildung

Der Forschungsfonds Kulturelle Bildung fördert wissenschaftliche Forschungs­vorhaben zu den Wirkungen von kultureller Bildung und unterstützt darüber hinaus die Ausweitung und Weiter­entwicklung des wissenschaftlichen Netzwerks zu diesem Thema.
www.rat-kulturelle-bildung.de/forschung/der-forschungsfonds-kulturelle-bildung-2018-2021